Tag-Archiv für 'weisssein'

Schlüsselgewalt

Ein Bekannter von mir war vor einiger Zeit in einem Münchner Flüchtlingslager, um dort einen Flüchtling zu interviewen. Der Interviewpartner hat meinen Kumpan versetzt, der suchte das Lager von oben bis unten ab. Als er mal wieder klopfend vor der Zimmertür seines Interviewpartners stand, wurde er von einer Fotografiestudentin angesprochen. Sie bot ihm an, das Zimmer aufzusperren, damit er gucken kann ob sein Interviewpartner da ist – sie machte zu diesem Zeitpunkt gerade irgendein Praktikum oder so in dem Lager, und hatte u.a. einen Generalschlüssel zu den meisten Zimmern. Auf die Idee, dass es ungefähr gegen alle Grundregeln des Anstands, und jeden Respekt vor jemandes Privatsphäre verstösst mal eben so sein Zimmer aufzusperren kam die Nuss nicht. Das ist ein extremeres Beispiel, von Medienschaffenden mit ähnlichen Einstellungen höre ich aber öfter.
Meine These, wie so eine spezifische Rücksichtslosigkeit und Verblödung zustande kommt – in deutschen Flüchtlingslagern sollen Flüchtlinge den Behörden weitgehend ausgeliefert sein. Wer da von aussen rein kommt und die Funktion des Lagersystems, und die eigene Rolle darin, nicht reflektiert, hält dieses ausgeliefert sein dann für ok oder wenigstens normal. Wenn die meiste Kommunikation mit dem Lagerpersonal stattfindet, wird vielleicht auch deren Perspektive übernommen. Und wer rassistisch ist, und sich sonst zurückhält verliert in der Situation in einem Flüchtlingslager vielleicht ein paar Hemmungen.
Schlimmer als marodierende Fotograf_innen sind aber wahrscheinlich die Hausmeister.

Exklusive Kategorien

Beim anonymen Aidstest antwortete die Ärztin auf die Frage, wozu sie denn meine Staatsangehörigkeit wissen will (sinngemäß): „Statistik. Es geht nicht darum, dass mit den Infektionsraten zu korrelieren. Wir wissen sonst sehr wenig über die Leute die hier her kommen, nur Geschlecht und Alter. Wenn viele Nichtdeutsche herkommen würden, bräuchten wir zum Beispiel Dolmetscher.“ Um zu entscheiden, ob Dolmetscher gebraucht werden oder nicht wären andere Fragen naheliegender, z.B. „Verstehen Sie mich?“, warum da die Staatsangehörigkeit der Indikator sein soll weiss ich nicht. Völlig absurd fand ich aber ihre Aussage „Zum Beispiel stellen sich manche Fragen bei Migranten anders als bei schwulen Männern.“ Wahrscheinlich meinte sie „heterosexuelle Migranten“ und „deutsche schwule Männer“, also „normal“ wenn nicht anders angegeben.