Tag-Archiv für 'umsganze'

Drang nach formaler Trennung?

Die ARAB kritisiert UmsGanze, Hyman Roth die Anarchist_innen von Fernweh, für UmsGanze reagiert die Bremer Basisgruppe Antifaschiusmus – einer der wenigen Post-Antifagruppen die offen zu ihrem Leninismus steht – und die Anarcho@s auch und ein Teil davon wird von rhizom und anthraxit aufgegriffen. Ich dokumentiere ein Gespräch, das nie stattgefunden hat:

Arab:
Um es vorneweg zu sagen: Selbstverständlich sehen wir das Herumtragen von Fotos historischer Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung nicht als besonders sinnvolle Angelegenheit. Die eigene Ohnmacht für einen Moment vergessen zu können, indem man den Holzprügel umklammert, auf dem das Bild Maos klebt, scheint uns auch keine sonderlich zielführende Strategie gegen ebendieselbe Ohnmacht zu sein.

Fernweh:
Genauso würde ich, wenn ich die Wahl hätte, nie meine Zeit damit verschwenden arbeiten zu gehen, also meine Lebenszeit in ein paar Münzen einzutauschen. Acht Stunden am Tag immer wieder das selbe zu machen, hinter einer Supermarkt-Kasse zu sitzen, irgendwelche „Kunden“ zu bedienen, oder am Computerbildschirm zu hängen.

UmsGanze
Gerade die antiautoritäre radikale Linke hat kaum Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Fragen und Möglichkeiten eines revolutionären Umsturzes …

Fernweh:
… wir sind weder links noch politisch, wir sind Anarchist_Innen und deswegen anti-politisch …

Hyman Roth:
Politik kann es Freunden der revolutionären Unmittelbarkeit nie Recht machen, weil sie immer einer Vermittlung bedarf. Wenn man das ganze gesellschaftliche System umkrempeln will – und das eben nicht als Putschaktion von einigen ganz doll Entschlossenen und Unangepassten, sondern zusammen mit der Mehrheit, muss diese Mehrheit ja irgendwie überzeugt werden.

UmsGanze:
Wenn wir uns also auf die Klasse der Lohnabhängigen beziehen, dann weil diese (uns eingeschlossen!) wohl die meisten Gründe haben diese Verhältnisse abzuschaffen – und außerdem den übergroßen Teil der Bevölkerung dieses Planeten stellen. Aus praktischen Gründen – durch Fähigkeit zum Streiken und der damit einhergehenden materiellen Macht werden diese die alte Macht absetzen können – eine notwendige Voraussetzung für eine Überwindung der Verhältnisse.

Rhizom
Hier wird ein ziemlich merkwürdiges Verhältnis der Instrumentalisierung deutlich: Die Kommunisten haben den Willen, die Verhältnisse abzuschaffen – obgleich man nicht genau weiß, woher. Und deshalb versuchen sie die Streikmacht derjenigen auszunutzen, deren praktisches Interesse gegen diese Zustände steht. Das ist eine Perspektive, die sich dann doch in einen ziemlich starken Kontrast zu der des arbeiterbewegten Marx befindet, welcher das Für-sich-Werden der lohnabhängigen Klasse als ein politisches Projekt betrachtete, bei dem die Subalternen sich mit eigenen Mitteln aus Verhältnissen befreien, die ihnen ziemlich schlecht bekommen.

Fernweh:
Ich finde für ein Leben, in dem jeder Tag, jede Minute, ja jede Sekunde selbstbestimmt ist und nach Freiheit schmeckt, lohnt es sich zu kämpfen. Kämpfen heißt für mich Leute zu finden die diese Welt genauso scheiße finden wie ich, darüber zu reden und zusammen die Dinge, Verhaltensweisen und Personen, die verhindern, dass sich mein Leben so anfühlt wie ich es will, anzugreifen und aus meinem Leben zu vertreiben.

Anthraxit:
Ich finde, dass du, Rhizom, in deiner Kritik an der Instrumentalisiserung eine falsche Gegenüberstellung machst.
Dass der Kommunismus nur zu Stande kommt, wenn die Klasse um die richtige Kritik an diesen Verhältnissen weiss, und deswegen aus diesem Wissen heraus den Willen hat den Kommunismus zu errichten, meine ich, simmt.
Diesem Satz zuzustimmen und sich instrumentell zu dem Leuten zu stellen, als Agitationsobjekt, als notwendige Bedingung für den Kommunismus, etc. ist doch gar kein Widerspruch.
Die Leute können gleichzeitig Subjekt der Revolution und Objekt deines Interesses sein.

Fernweh:
Für Linke ist der soziale Kampf gegen Ausbeutung „politisch“ und erfordert für sie deswegen eine politische Methode des Kampfes (Demos, möglichst viele Anhänger_innen gewinnen, auf Politik einwirken…). Für uns jedoch ist er kein Programm sondern ein Kampf für die individuelle Wiederaneignung unseres Lebens. Somit ist unser sozialer Kampf von sich aus anti-politisch und zwar weil wir finden dass die Ziele schon in den Mitteln des Kampfes existieren sollten und unser Ziel eine Welt ohne Herrschaft, also auch ohne Politik, ist – Politik heißt das Treffen der Entscheidungen über unser Leben von der Ausführung dieser Entscheidungen zu trennen.

Passant:
Wie auch immer. Es ist ersichtlich, dass beide Positionen nicht auf die konkreten organisatorischen Vorschläge der Bremer UG-Gruppe eingehen (s.o.). Warum nicht? – Könnte es nicht daran liegen, dass die theoretischen Auffassungen der Basisgruppe ihrer organisatorischen Tätigkeit gar nicht vorausgesetzt sind und es daher auch keinen Übergang zwischen beiden gibt? dass der Anspruch die „neue Marxlektüre“ in die Praxis umzusetzen einfach eine Aufschneiderei ist und eine Leimrute für ihre beiden „Zielgruppen“?

Fernweh:
Das Geheimnis ist anzufangen. Alle Revolutionen waren, und werden es auch immer bleiben, am Anfang die Sache einer Minderheit. Was ebenso allen Revolutionen vorausging, und so wird es wahrscheinlich auch immer sein, sind kleinere Aufstände, spontane Explosionen der Wut.

Anthraxit:
Na­tür­lich soll­ten sich die Kom­mu­nis­ten als po­ten­ti­el­les Subjekt so­zia­ler Be­freieun be­grei­fen und ver­su­chen dafür möglichst viele Ge­nos­sen zu ge­win­nen. Das än­dert aber nichts an der Tat­sa­che, dass die meis­ten eben keine Ge­nos­sen sind.
Diese Tat­sa­che, die meis­ten Pro­le­ten sind Na­tio­na­lis­ten, Se­xis­ten, Ras­sis­ten, ist keine Ein­stel­lungs­sa­che der Kom­mu­nis­ten.
Das ist so und damit muss man um­ge­hen. Gegen die­ses fal­sche Be­wusst­sein zu agi­tie­ren wie der Ge­gen­stand­punkt ist ein Um­gang damit.

Fernweh:
Man kann „herrschende Politik“ (ebenso wie linke oder linksradikale Politik) in der Tat für vieles kritisieren und dass sie todlangweilig ist gehört für uns sicherlich dazu.

ARAB:
Kritik muss, das hat Marx von Hegel gelernt, dem Kritisierten das Scheitern am eigenen Maßstab aufzeigen.

Hyman Roth:
„Langeweile“ ist ein seltsames Kriterium. Man kann durch Analyse der Verhältnisse zum Schluss gelangen, dass einige, sehr grundsätzliche Dinge sich nicht auf parlamentarischem Wege ändern lassen, aber es ist was ganz anderes, wenn man für Revolution ist, einfach weil man brennende Barrikaden lustiger findet als ewiges Verhandeln bei irgendwelchen Gremientagungen. Es gibt Radikalität, die nach dem Prinzip „so radikal wie die Wirklichkeit“ entsteht. Dies impliziert die analytische Auseinandersetzung mit eben dieser Wirklichkeit, also auch mit „langweiligen“ Strukturen. Und es gibt die revolutionäre Romantik. Beides sollte nicht durcheinander geworfen werden.

UmsGanze:
Denn: wer eine militärisch geführte Untergrundorganisation aufbaut um einen Putsch vorzubereiten (Bolschewiki) wird auch hinterher eine solche „Revolution“ bekommen in der die Emanzipation der Einzelnen schnell auf den Sanktnimmerleinstag verschoben wird und jegliche Kritik daran als „Kinderkrankheit des Kommunismus“ (Lenin) diffamiert und bekämpft wird.

Fernweh:
Ich will zusammen mit allen Feind_innen jeglicher Autorität eine neue Welt aufbauen. Eine Welt mit echten Abenteuern, in der wir jederzeit unser Leben selber in der Hand haben.

ARAB:
Wer den gesamten „Traditionsmarxismus“ ablehnt, kann auch an den zwei „Traditonsmarxisten“ Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nichts finden. Wie sollte man deren beider unbestrittene Hoffnung auf die Arbeiterklasse als revolutionärem Subjekt auch verstehen, wenn man unter Proletariat nichts anderes versteht als den Adidashosen tragenden Volksmob, von dem man sich so weit wie möglich fernhalten sollte.

UmsGanze
Der Umkehrschluss aus der angeblichen, proletarischen Weltanschauung, war der grundsätzlich unkritische und positive Bezugspunkt auf alle Unterdrückten. Dazu ist zu sagen: die marxsche Analyse war formanalytisch. Es ging um die Frage, warum sich diese Gesellschaftsformation in diesen sozialen Formen reproduziert. Wie konnte (und kommt) es zu, der im Kapitalismus existierenden Verselbständigung („Hinter dem Rücken – aber durch die Menschen durch“) der gesellschaftlichen Herrschaft. Marx untersuchte dies zwar durchaus mit politischer Intention – trotz allem ging es vor allem um die Analyse dieser ‘verborgenen’ Mechanismen.

Anthraxit:
Ei­gent­lich ist es falsch euch eine man­geln­de He­gel­lek­tü­re vor­zuwer­fen. Das Pro­blem ist keine man­geln­de He­gel­lek­tü­re. Das Problem ist euer in­fan­til aka­de­mi­sches Dis­tink­ti­ons­be­dürf­nis. Form­ana­ly­tisch, sowas Dum­mes. Form­ana­ly­se ist die­sem Zitat nach die Frage nach dem Grund.

Rhizom:
Die behaupten, dass es Marx überhaupt nicht so sehr um den Inhalt der kapitalistischen Gesellschafts­ordnung gegangen wäre – die Ausbeutung fremder Arbeitskraft und das dafür notwendige Maß an Unterdrückung. Nein, zu tun wäre es ihm vor allem um die spezifische Form gewesen: die Warenproduktion und die hieraus resultierende Verselbständigung gesellschaftlicher Herrschaft.

ARAB:
Das Grundproblem ist also wesentlich ernster als die scheinradikalen Abgrenzungsfloskeln der „emanzipatorischen“ Kritik vermuten lassen. Es besteht darin, dass es bislang nicht gelungen ist, ein Verhältnis zur eigenen Tradition zu finden, das im Marxschen Sinne historisch-materialistich genannt werden könnte. Ein solches Herangehen „mit kritischer Kälte“ (Ernst Bloch) schließt die moralische Verurteilung von geschehenen Verbrechen nicht aus.

Fernweh:
… aber es geht uns nicht darum alles immer nur kritisieren zu wollen oder kritisch auf irgendwas einwirken zu wollen, genauso wenig wie es uns darum geht die Welt und ihre Abscheulichkeiten bis ins letzte Detail zu verstehen (siehe Marxismus), sondern darum sie anzugreifen.

Rhizom:
Und hier sind wir gleich beim nächsten Punkt, denn natürlich ist es kein Zufall, warum Adorno diesen Inhalt konsequent übersieht, warum er Begriffe prägt, die von ihm abstrahieren; ja warum sich bürgerliche Wissenschaft überhaupt an der Frage, was diese ökonomischen Formen ihrem Inhalt nach sind, so herzlich desinteressiert.
Für etwas weniger Seichtes als VWL und Politikwissenschaft bräuchte es halt eine Perspektive, die Ausbeutung und Unterdrückung (“Ökonomie” und “Politik”) vom Gesichtspunkt derjenigen aus untersucht, die als ihre Objekte ein Interesse an ihrer Überwindung haben.

UmsGanze:
Nicht, weil wir diese Auseinandersetzung für eine linke Spezialdebatte halten, sondern weil an ihr exemplarisch aufgezeigt werden kann, mit welchen Argumenten konkurrierende Strömungen um die Deutungshoheit ringen und beanspruchen zu definieren, was denn revolutionär Links sei, halten wir es für notwendig auf die ARAB zu antworten.

Anthraxit:
Die­ser Text, der eine Ant­wort auf die ARAB-​Kri­tik an Rosa&Karl, ist das sui­zi­da­le Schei­tern einer „ka­te­go­ria­len Kri­tik“, die ka­te­go­risch pa­ra­phra­siert, wo sie un­ein­ge­stan­de­ner Weise nicht über den Ge­gen­stand der Kri­tik hin­aus­kommt.

ARAB:
Wessen Anliegen aber in identitärer Selbstbestätigung liegt, wie kann der sich darüber beschweren, dass die „Anderen“ das nicht als Diskussionsangebot auffassen?

Fernweh:
In diesem Sinne, anarchistische Grüße und wir sehen uns auf den Barrikaden (auf welcher Seite der Barrikade wir dann sind dürftest du jetzt ja wissen, du musst deine Entscheidung wohl noch treffen…)

Lenin geht aufs Ganze

Heute noch nichts vor? Dann gibts heute ganz großes Tennis auf20 Seiten mit knapp über 40 Fußnoten. Seit Jahren immer wieder wenn ich betrunken bin das diese ganze Antifas, allen voran UG, Kryptoleninisten sind. Jetzt hat sich wer die Mühe gamcht das tatsächlich zu zeigen.

Aber der Reihe nach: Letzten Sommer veröffentlichte die Bremer Basisgruppe Antifaschismus, Teil des militanten Arms des Gegenstandpunktes, das Papier Der Klassenkampf un die Kommunist*innen. Ein Strategievorschlag.

Meine Kritik an dem Strategiepapier: Da steht nichts drin.

Andere holen weiter aus. Die Bremer_innen schimpfen kurz über Leninist_innen:

Das Verhältnis der Kommunist*innen zum Klassenkampf ist deswegen nicht nur ein Doppeltes sondern auch ein doppelt vertracktes. Erstens sind ihre Interessen von den grundsätzlichen Interessen ihrer Klasse (in den meisten Fällen vermutlich die Klasse der Leute, die zur Lohnarbeit gezwungen sind) nicht getrennt von der Verbesserung der eigenen Lage. Gleichzeitig ist aber nur die praktische Kritik dieser – und damit ihrer eigenen Existenzquelle – Voraussetzung und Bedingung ihrer gesellschaftlichen Befreiung.
Die Leninist*innen haben dieses Problem damit „gelöst“, indem sie eine Trennung zwischen den zu Befreienden und den „Befreier*innen“, zwischen revolutionärem Subjekt und Organisation, gezogen haben. Jeder noch so reformistische Kampf wird so „revolutionär“, wenn er die Stärkung der eigenen Organisation zur Folge hat und die Kommunist*innen tragen „von außen“ das „revolutionäre Bewusstsein“ unter die Leute

Die „Lösung“ der Bremer_innen sieht übrigens so aus das sie für syndikalistische Gewerkschaften in der Produktion sind (finde ich gut), und ähnlich organisierte Strukturen – z.B. Stadtteilzentren in der Reproduktion (finde ich gut) und autonome Gruppen (ich mag autonome Gruppen) als strategische Zentren. Garnicht mal so schlecht als Einleitung in eine Diskussion darüber wie denn dann das Verhältnis aus autonomen Gruppen und z.B. Basisgewerkschaften aussehen kann, oder warum es so wenige von letzteren gibt und was erster tun könnten um das zu ändern. Oder warum das strategische Zentrum genau da sein soll, wo die Menschen nicht um ihre Lebensgrundlagen kämpfen. Aber die spannenden Fragen stellen die Bremer_innen garnicht. Und für meinen ungeschulten Blick sieht ihr Vorschlag stark nach Leninismus in scharz-rot aus.

Andere sind da besser geschult – und so nähern wir uns dem großen Tennis: Die sozialisitische Initiative Berlin, Teil des NAO-Prozesses, hat eine lange und erschöpfende Antwort auf den Vorschlag der Bremer_innen verfasst: Mit Lenin ums Ganze kämpfen! (pdf). Darin weisen sie, wie ich finde recht überzeugend, den Bremer_innen den von ihnen geschmäten Leninismus nach. Großer Unerhaltungswert.

Der Erkenntnisgewinn bleibt allerdings bescheiden: Leninismus heisst Primat der Politik, Ablehung von Geschichtsdeterminismus und ist garnicht so schlimm. Am Ende bleibt das eine Diskussion unter verschieden klugen und ähnlich klugscheisserischen Marx-Nerds, spassig aber politisch zweckfrei. Am Ende ist das grössere Problem der Autonomen nicht unsere inhaltliche Unklarheit, sondern die Unfähigkeit eine Politik mit Bodenhaftung und sozialer Relevanz zu entwickeln: Solange wir gar nichts andere können als „von aussen das revolutionäre Bewusstsein unter die Leute zu tragen“ brauchen wir uns über die Lenin-fans nicht groß zu echauffieren.

p.s. Gestossen bin ich auf diese Perle glaube ich dank Anhraxit aber ich habe keine Ahnung wo genau.

Antifa heisst zweierlei Bündnispolitik

Im aktuellen AIB ist, neben einem Beitrag zur Antifa heisst … Debatte, auch ein Streitgespräch zwischen zwei Kölner Antifagruppen dokumentiert. Die eine hat sich nach der Verhinderung des rassistischen Anti-Islam Konferenz der IL angeschlossen, die andere dem Ums Ganze-Bündnis.

Das Gespräch spannt ganz gut auf, wie verschiedene Positionen zu linksradikaler Bündnispolitik aussehen können, was m.E. nach das lesenswerte daran ausmacht.
Die IL-Gruppe AKKU hat dabei auf gewaltfreie Blockaden, getragen von einem breiten Bündnis gesetzt, und sieht das auch als die richtige Heransgehensweise an:

Der 20. 9. hat gezeigt, dass so eine Bündnisorientierung total erfolgreich sein kann, weil die Bündnispartner sich politisiert und auch radikalisiert haben. Die haben letztendlich Sachen gemacht und mitgetragen, die sie am Anfang strikt abgelehnt hätten. Und letztlich waren das die Leute, die mit uns am vehementesten blockiert haben und am ehesten den Nazis den Weg nach Hause gezeigt haben. Und genau so ein Politisierungsprozess über die Organisierung von Aktionen ist durchaus auch inhaltlich. Auch das Anknüpfen an Heiligendamm oder Blockaden von Naziaufmärschen ist eine inhaltliche Aussage.

Der Antifa AK setzte eher auf eine starke Profil als radikale Linke, und würde wohl Aktionen die über gewaltfreie Blockaden hinausgehen mehr Raum einräumen:

Wir sehen aber noch ein weiteres Problem in Bündnissen mit Akteuren aus der nicht linksradikalen Ecke, welches sich auch im September ganz klar gezeigt hat, nämlich dass in solchen Bündnissen die eigenen linksradikalen Positionen häufig vollkommen verschwinden.
[…]
zum Beispiel die Verklärung des Staates zum neutralen Akteur (ziviler Ungehorsam), vonstatten geht und überhaupt keine linksradikalen Positionen mehr erscheinen. Das hat dann im Nachgang häufig zur Folge, dass die Einbindung von Leuten in die eigenen linksradikalen Strukturen gar nicht mehr möglich ist, da diese keinen Unterschied mehr darin sehen, ob sie bei Antifa, Attac oder DGB organisiert sind. […]
Wir stehen auch für die Intervention ein, wir wollen uns auch die Hände schmutzig machen, glauben aber nicht, dass das über Bündnisoptionen geschehen muss

Unteranderem kritisiert der Antifa AK die Überhöhung der gewaltfreien Blockaden zum nonplusultra der Aktionsformen, was auch schon von anderen nach dem G8 bemängelt wurde:

Es braucht eine Flexibilität in der Wahl der Mittel, die es uns ermöglicht, ohne Scheuklappen die jeweils situationsadäquate Aktionsform anzuwenden. Konkret heißt das für uns im Nachhinein trotz unserer vorherigen Skepsis anzuerkennen, dass BlockG8 wohl die angemessenste, weil massenkompatibelste und symbolisch (und wohl auch materiell) effektivste Handlungsform für die Blockadetage war. Das heißt aber auch reale Differenzen stehen zu lassen und nicht anzufangen nun zivilen Ungehorsam in militantes Agieren umzudichten wie es jetzt zum Teil (siehe Swing-Interview vom 3.07. von Knut(10)) gemacht wird, dementsprechend sollten wir die Blockaden nicht als Zielpunkt sondern als Etappe auf dem Weg zu einer radikalen Massenpraxis begreifen. Denn, nicht nur militantes Agieren kann politisch sinnvoll sein, aber eine Bewegung, in der Begriffe für konfrontatives Handeln zunehmend auf eine non-konfrontative Praxis angewendet werden, befindet sich entweder in einem Prozess der (verbalradikalen) Domestizierung, oder aber die Begriffspolitik spiegelt eine Vereinnahmungs- und Delegitimationsstrategie der Moderaten gegenüber den Radikalen wieder – wir wollen keines von beidem hoffen!

Ziemlich bescheuert äussern sich die AK Leute etwas später im Gespräch, wenn es um Religionskritik geht. Zwar behaupten sie: „Wir haben es im Aufruf sehr deutlich gemacht, dass es kein Wesen des Islams gibt, womit wir uns von allen Kulturkämpfern auch in aller Deutlichkeit verabschiedet haben.“ – aber erst nachdem sie sagen, „dass man eine allgemeine Religionskritik und eine spezifische Islamkritik vertritt“.
Was sich logisch widerspricht, wenn es den Islam an sich, bzw. „ein Wesen des Islam“, nicht gibt, und damit auch keine darin angelegte spezifische Tendenz zum Fundamentalismus geben kann, dann braucht es auch keine spezifische Islamkritik. Im Gegenteil: das herumreiten auf dem Islamismus lenkt davon ab, dass es global einen religiösen Rollback gibt, und innerhalb davon eine Stärkung von fundamentalistischen Strömungen. Das ist in der Analyse erstmal anzuerkennen, und nicht als Problem nur in den migrantischen communities zu verorten, wie es der Antifa AK tut.

p.s.: Wie immer fast den linkspam vergessen! Auch bei revolution wird etwas über das Gespräch diskutiert.

Ich bitte um eine Erklärung.

Mir ist einfach schleierhaft, wo im …ums Ganze! Konzept ein Konzept steckt, das wesentlich neu ist. Um das mal etwas aus zu führen, Beispiel Opernball: Da wurde, mal wieder, von linksradikalen zu einem eigenem Block in einer Bündnisdemo mobilisiert. Dieser hiess nicht, wie sonst immer, „revolutionär“, „internationalisitisch“ oder „antikapitalisitsch“. Nein, es wurde selbstverständlich zu einem „…ums Ganze!“ Block mobilisiert. Hinterher wars dann doch nur eine mehr oder weniger sinnvolle Demo, mit einem mehr oder weniger gutem Block, aber für manche irgendwie enttäuschend:

Wenn die …ums Ganze-Strategie im vergleichsweise kleinen Rahmen des Opernballs auf der Demonstration selbst so wenig neue, spürbare Impulse bringt

Was für neue Impulse hast du denn erwartet? Der Aufruf war ungewöhnlich lang, die Abgrenzung zu anderen Spektren wurde deutlicher gemacht als sonst immer – sollten die neuen Impulse daher kommen?
Eigenartig auch der Umgang mit der erster-Mai Demo – in der Szenehochburg Berlin ist dann eh viel los, einige fahren auch ganz gerne irgendwo hin und stoppen Nazis. Insofern ist es sinnvoll, den ersten Mai zu entzerren und auf mehrere Tage zu verteilen, aber:

Wir tun dies, nicht weil der 30. April ein besserer Tag ist, sondern weil die Überwindung des Kapitalismus viel zu wichtig ist, als das sie symbolisch auf den 1. Mai beschränkt bleiben darf.

Eine Demo am Vortag ist in der Aussenwirkung klar an den 1.05 gekoppelt, also wird die symbolische Wirkung sehr wohl auf diesen beschränkt. Immerhin scheint diese Demo keine Enttäuschung gewesen zu sein, die Musik war wohl ganz gut.
Um meine Frage nochmal klar zu machen – ich erkenne hier keine grossartig neuen Ansätze, was daran verdient den Namen „Konzept“ ?

Es ist nicht so, dass ich alles blöd finde was aus der Richtung …umsGanze! verbreitet wird, dieser Gedanke ist zum Beispiel ganz schlau:

Wichtiger als die fortwährende Produktion von symbolischen Aktionen – die wie eine
Flaschenpost das bestimmte Nicht-einverstanden-sein mit ungewissem Adressaten verbreitet – wäre schließlich Subversion, die den Alltag tatsächlich aus dem Tritt bringt. Könnten wir z.B. die Uni besetzen und halten würden wir es machen – können wir aber nicht, weil wir schlichtweg zu wenige sind. Wer an dieser Ohnmacht etwas ändern will, der ist gerade in ohnmächtigen Zeiten zur symbolischen Praxis verdammt. Die Erkenntnis der eigenen Schwäche impliziert also die Notwendigkeit, vor und nach den Events die eigene Vernetzung und den internationalen inhaltlichen Austausch in Maulwurfsarbeit voranzutreiben.

Gut dass es mal wieder jemand sagt, aber ich erkenne hier nichts wesentlich neues drin – diese Mischung aus Kampagnenpolitik nebst Wochenendkommunismus und, hier nicht erwähnter, Kulturarbeit und Szenepflege um hoffentlich mal so viele zu werden dass mensch wirklich was reissen kann, die ist als politische Praxis weit verbreitet.

Liebe …ums Ganze! Heizer_innen and friends, falls der Eindruck entstanden sein sollte, dass hier gegen euer Konzept polemisiert wird, dem ist nicht so – ich verstehe einfach den Hype nicht, und bitte um eine Erklärung.