Tag-Archiv für 'sprachpolitik'

Flüchtlinge & Geflüchtete, Sternchen und Unterstriche

Ein paar unsortierte Gedanken zur Sprachkritik:

Mich nervt es bisweilen, sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen, dieses Getue mit den Unterstrichen bzw. Gender-Gap und das dauerende ‚mensch‘ statt ‚man‘. Genau deshalb mache ich es: beides funktioniert als Stolperfalle im Text, die dazu bringt darüber nachzudenken von wem denn nun die Rede ist1.
Ein Binnen-I funktioniert glaube ich genausogut, die Schreibweise mit Sternchen – die viele blogger* verwenden – ist mir zu flüssig.
Hätte ich einen stärkeren populisitschen Anspruch würde ich wahrscheinlich etwas zurückfahren (z.B. nurnoch gender gap, aber nicht mehr mensch statt man)

Geflüchtete statt Flüchtlinge – da bin ich leidenschaftslos. Nichts spricht gegen ‚Geflüchtete‘, ausser das das eine dieser schlecht durchdachten linken Moden sein könnte. Mensch kann herleiten dass das Wort von der Konstruktion her eher negativ besetzt ist, ich bin mir aber nicht sicher ob nicht-Philolog_innen das so bemerken würden.

Der Umgang mit Sprachkritik wie ich ihn in meinem Umfeld beobachte gefällt mir ganz gut – die meisten sind ganz bemüht, zum Teil richtig putzig – Rom_nija, Sint_iza – aber auch einigermassen entspannt wenn mal wer was vergisst. Allen sich selbst überschätzenden Wordnerds zu Trotz, Sprache ist immer nur ein Baustein in einem Gewaltverhältnis & Merkaufgaben für Streber_innen zu schaffen ist kein Ersatz für eine Auseinandersetzung.

Ich bleibe dabei: Die Absurde Sitte (gesehen auf Maedchenmannschaft) umstrittene Begriffe (z.B. slut) oder das Wort Vergewaltigung nicht mehr auszuschreiben (sl*t, V*rg*w*lt*g*ng, r*p* …) hilft niemandem, schützt niemandem, verhindert keine Trigger (weil lesbar ist das allemal, wenns darum ginge) und hat nichts mit Sprachkritik zu tun und alles mit einem absurden Sauberkeitsbedürfnis.
Wenn mich wer widerlegen will, nur zu.

Last not least: Die Resexualisierung des Wortes „ficken“ bleibt ein wichtiges Sprachpolitisches Ziel. Nie wieder „fuck the system“!

  1. Beliebte Praxis in Aufrufen: eine Fussnote die die konkret verwendete Umgangsweise erklärt, gerne plaziert am ersten absurd erscheindem Beispiel. z.B. bei den Wehrmachtssoldat_innen.[zurück]

Pervers als Selbstbezeichung?

Anhand der Parole „Wir bleiben unserm Motto treu, queer, pervers, und arbeitscheu!“, die bei den Aktionen gegen den 1000 Kreuze Marsch viel gerufen wurde, kam kürzlich folgende Frage auf: Ist es ok, macht es Sinn den Begriff pervers so offensiv für sich zu verwenden und damit zu versuchen ihn positiv zu drehen?
Meine Antwort auf die Frage war ein klares Ja – Mich interessiert aber, wie das andere sehen, daher stelle ich die Frage auch mal dem Internet. Dazu kommt, dass mir nie Text zu dem Thema untergekommen ist (gender studies oder queer theory standen noch nie auf meinem Lehrplan), wenn wer einen guten weiss – her damit.

Um mal meine Position zu skizzieren: Platt gesagt bedeutet „pervers“ einfach mal abweichend von der Norm, und wird meistens sexuell konnotiert verwendet. Damit ist der Begriff nahe an der Bedeutung der Vokabel „queer“ im englischem Sprachraum, bevor sich diese von, nun ja, queeren Aktivist_innen angeeignet wurde. Ander als der Begriff „pervers“ bezog sich „queer“ immer expliziter auf nicht heterosexuelle Lebensweisen, im deutschen Sprachraum wird „queer“ (meiner Beobachtung nach) zum Teil auch als Synonym für „LesBiSchwul“ bzw. „schwullesbisch“ verwendet. Weil „queer“ in den deutschen Sprachraum eben über die subversive Aneignung rübergeschwappt ist, und die negative Konnotation wie im englischen hier nicht so stark hatte, kann im deutschen logischerweise nicht von der subversiven Aneigung eines negativ besetzten Begriffes gesprochen werden.
Anders bei der (positiv besetzten) Verwendung des Wörtchens „pervers“: Diese vermittelt meiner Meinung nach, dass Normalität und Abweichung nicht unsere Massstäbe sind.

Für mich noch unentschieden ist die Frage, in welchen Zusammenhängen die Aneigung des Begriffs „pervers“ Sinn macht, und in welchen nicht. Die oben zitierte Demopraole, gerufen von einem eher bunten Mob fand ich super, die gleiche Parole im schwarzen Block – ich wär mir nicht so sicher.
Ebenso unklar ist mir, wie gut oder schlecht die oben erwähnte Vermittlung tatsächlich funktioniert. Last not least formuliert die Selbstbezeichnung als „queer, pervers und arbeitscheu“ auch einen diffusen Anspruch. Wären wir (die wir z.B. actions wie die oben erwähnten machen) wirklich gerne queer und pervers, oder bringen wir damit Sachen in Verbindung mit denen wir lieber nichts zu tun haben?

Bei München pervers sowie bei schwul, pervers, und arbeitscheu ahne ich wie sie es halten (aber auch hier interessiert mich feedback) – was meintder Rest dazu?