Tag-Archiv für 'lesen'

Balestrini in der Black Box

Am kommenden Dienstag ist eine Abendveranstaltung mit dem Autor Nanni Balestrini im Gasteig. Zu meiner grossen Überraschung gibts Genoss_innen, denen der Name nichts sagt, deshalb in aller Kürze: Balestrini hat 68 in Italien die Gruppe Potere Operaio mitgegründet und musste 79 nach Frankreich ins Exil, da ihm die Mitgliedschaft in den Brigate Rosse vorgeworfen wurde. Zusammen mit Primo Moroni schrieb er „Die goldene Horde“, meines Wissens nach das Standardwerk über die Autonomia. In seinen Romanen geht es um verschiedene soziale und politische Bewegungen – „Wir wollen alles“ behandelt die grossen Streiks bei Fiat, das Hooligan-Epos „I Furiosi“ (Die Wütenden) beschreibt die Fankultur des AC-Milan und das kleinkriminelle Milieu darum. Am bekanntesten dürfte „Die Unsichtbaren“ (Gli Invisibli) sein, dass der Generation 77 – der ersten Welle Autonomer Politik in Italien – ein Denkmal setzt. Ein kurzer Auszug:

unser Zentrum war mitten in der STadtund das ganze umliegende Viertel war praktisch von uns besetzt die Leute der Szene schweiften dort umher auf den Bänken des kleinen Parks lagerten den ganzen Tag über Genossen etwa zweihundert Meter entfernt war ein Kaufhaus das tagtäglich von Gruppen von Genossen heimgesucht wurde irgendwann beschloss die Geschäftsleitung gegen diese täglichen schamlosen Raubzüge etwas zu unternehmen und stellte massenhaft Wärter auf die rannten eines Tages hinter ein paar Genossen her die Lebensmittel geklaut hatten rannten auch noch draußen auf der Strasse hinter ihnen her und die Genossen rannten zum Zentrum und schrien laut einen Augenblick lang herrschte Großalarm alle rannten hinaus mit den Fahnen die in Wirklichkeit Spatenstiele waren mit einem roten Stofffetzen dran

auf so etwas waren die Wächter nicht gefasst sie machten vor den ersten roten Fahnen Halt kehrten um und rannten zurück sie hatten jedoch den Namen einer Genossin rausgefunden und zeigten sie an und aus Angst vor unserer Reaktion foderten sie zwei Auto mit Bullen an die von nun an vor dem Eingang standen daraufhin ließen sich die Genossinnen eine schöne Aktion einfallen sie zogen sich alle elegant an und gingen zu zwanzig dreißig ins Kaufhaus und als sie drin waren schlenderten sie mit Rasierklingen durch die Bekleidungsabteilung und ritsch ratsch Jacken Pullover Röcke Hoen Mäntel Capes es war verheerend Schäden in Millionenhöhe und dann gingen sie selenruhig wieder hinaus keiner hatte etwas gemerkt die Polizeiautos standen noch zwei Wochen vor dem Eingang und währenddessen gingen die Leute in einen anderen Supermarkt klauen und dann ging hier wieder alles von vorne an

[…]

In der Zwischenzeit war jedoch ein anderes Problem aufgetaucht das uns plötzlich zu schaffen machte das war das Heroinproblem das immer weitere Kreise zog und auch in die Bewegung einzudringen begann tagelang diskutierten und diskutierten wir darüber ist ja klar das denen an der Macht diese Situation gerade recht kommt die schon einen Haufen Tote gefordert und viele zu Zombies gemacht hat die nun mit Spritze und Löffel an den Brunnen auf den Plätzen herumhängen klar das dem Heroin am ehesten diejenigen verfallen die das System am meisten ablehnen und es nicht mehr ertragen können das Heroin bietet uns ein individualistisches und selbstzerstörerisches Ventil für unseren Wunsch nach Veränderung für die Wut die wir in uns haben

Von Charme- und anderen Offensiven

Ein Artikel in der aktuellen Analyse und Kritik fasst ganz gut zusammen, worum es bei der Siko geht. Dabei wird auch der Skandal um die Äusserungen von Konferenzausrichter Ischinger im Vorfeld nochmal skizziert:

In einem Gastkommentar unter dem Titel „Das Gute an der Krise“ in der Süddeutschen Zeitung vom 15. Dezember 2008 fabulierte Ischinger zunächst locker drauf los: „In der Medizin führt die ,Krisis` zum Abflauen des Fiebers, bezeichnet also den Wendepunkt hin zur Besserung.“
[…]
Diese medizinische Fehldiagnose war jedoch vergleichsweise harmlos zu seiner weiteren Argumentation: „Auch in der Politik sind viele Errungenschaften ohne vorangegangene Krise kaum denkbar: Die Europäische Union von heute wäre ohne die große Krise Europas, die zwei Weltkriege hervorgerufen hatte, nie zustande gekommen“, setzte Ischinger seine historische Analyse fort, bevor er zur oben zitierten Gestaltungschance zur erneuten Absicherung des westlichen Führungsanspruchs in der aktuellen Krise überging. (vgl. www.securityconference.de)

Bundesweite Medienresonanz erzielte nur wenige Tage nach Ischingers SZ-Gastkomentar eine Stellungnahme des KZ-Überlebenden Martin Löwenberg. Er forderte Ischinger darin zum Rücktritt von allen seinen Ämtern und zu einer Entschuldigung auf: Ischingers Text sei „menschenverachtend, geschmacklos, zynisch und bedeutet eine unerträgliche Verhöhnung der Millionen Verfolgten und Ermordeten des Nationalsozialismus“ sowie eine Verdrehung historischer Tatsachen und eine „geschichtsrevisionistische Verschleierung der Verantwortung Deutschlands“, schrieb Löwenberg. „Der 2. Weltkrieg wurde nicht ,hervorgerufen`. Das nationalsozialistische Deutschland und die Deutsche Wehrmacht haben nach einer staatlich geplanten Phase gezielter Hochrüstung zum Profit der deutschen Industrie einen verbrecherischen Angriffs- und Vernichtungskrieg geführt. Ohne diesen Krieg und ohne die Wehrmacht wäre auch die Shoa nicht möglich gewesen.“

Weiter belegt der Artikel, wie die Konferenz, als ein Forum in dem die politischen Rahmenbedingungen für künftige Kriege ausgehandelt werden, weiter zur Bühne für vor allem deutsche Interessen ausgebaut wird.

Mit der Entscheidung für den deutschen Spitzenbeamten [Ischinger] wurden alle Gerüchte über einen Umzug der SiKo nach Berlin und eine ungewisse Zukunft der Tagung endgültig beendet. Mit der Wahl des neuen Konferenzleiters hat die Bundesregierung zugleich eine langfristige strategische Festlegung vollzogen: Mit Ischinger soll die Münchner Militärkonferenz – frei von protokollarischen Zwängen offizieller Gipfel – als Bühne für die außenpolitischen Interessen der deutschen Bundesregierung sogar noch ausgebaut werden. Dafür wird auch die zivil-militärische Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft und Militär intensiviert.
[…]
Seit 1962 werden auf der „Münchner Sicherheitskonferenz“ die politischen und strategischen Koordinaten der nächsten Kriege ausgehandelt, geplant und vorbereitet. Auf der früheren „Wehrkundetagung“ wurde in den Jahren des „Kalten Krieges“ die Neutronenbombe propagandistisch durchgesetzt genauso wie die NATO-Nachrüstung 1983, der atomare Erstschlag und die aktuellen militärstrategischen Sicherheitskonzepte, die Präventivschläge wie weltweite Einsätze als dauerhafte militärische Krisenkontrolle vorsehen. Allein in den letzten Jahren wurden in München der zweite Golfkrieg (1991), der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen Jugoslawien 1999, der „Krieg gegen den Terror“ in Afghanistan seit 2001 und im Irak seit 2003 ausgehandelt. In diesem Jahr dürfte kurz vor dem NATO-Gipfel insbesondere eine neue Aufgabenverteilung in Afghanistan auf der Tagesordnung stehen.

Antifa heisst: ein Haufen linker basics, eine Portion Militanz, schwerpunktmässig gegen Nazis

Aktuell wird in der linken Bloggosphäre viel und hitzig über den Text „Antifa heisst radikale Gesellschaftskritik“ der Leibziger Antifagruppe LeA diskutiert, im*moment*vorbei hat dazu jede Menge links. Den Text gibt es im akutellen Antifaschistischem Infoblatt AIB, online gibt es ihn bislang wohl nur dank der Scanbemühungen von einblog (als .doc). Entstanden ist das Werk als Beitrag zur Diskussion unter dem Motto „Antifa heisst …“, die seit Sommer `07 im AIB geführt wird.
Um die Diskussion grob verkürzt zusammenzufassen: Die Kampagne NS-Verherrlichung stoppen! (NSVs!) eröffnete die Diskussion mit der These, dass die antifaschistische Praxis in der Krise ist – Rechte Grossveranstaltungen bleiben unwidersprochen, es müsse darum gehen gesellschaftlich zu intervenieren und Kräfteverhältnisse zu verschieben, eine militante Pose sei dabei oft eher im Weg. Die Bestimmung, wann und wo antifaschistisch interveniert wird, richtet sich demnach nicht nach der Frage der politischen Bedeutung eines Nazievents, sonder nach der Frage „wo was geht.“
Die Antifaschistische Linke Berlin ALB antwortet darauf mit dem Text Antifa heisst … Angriff!: Es müsse sehr wohl darum gehen, gesamtgesellschaftlich zu intervenieren – aber dazu kommt es nach Meinung der ALB darauf an, Mobilisierungsfähig zu sein, darauf dass „was geht“. Grossevents mit direktem NS-Bezug haben nach Einsachätzung der ALB weniger Bedeutung als Naziaktionen mit einem direkten Bezug zum Alltag der Leute. Antifaarbeit beinhaltet Arbeit in breiten Bündnissen, die autonome Antifa müsse dabei aber ihr eigenes Profil, die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft der Nazis entspringen, schärfen.
Die Göttinger Antifaschistische Linke international ALI argumentiert ähnlich der ALB, konkretisiert aber ein paar Punkte in ihrem Text Antifa heißt… zusammen kämpfen, auf allen Ebenen, mit allen Mitteln! Die ALI versteht sich als Teil einer Weltweiten Linken, linksradikale Antifa funktioniert nur in der Einbettung in einen breiten linksradikalen Ansatz. Bündnisse dienen nicht nur der Intervention, sondern sind selber Schauplatz gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, die Antifa kann in diese Auseinadersetzungen ihren Aktivismus und ihre Militanz als „Verhandlungsmasse“ einbringen. Wie auch die ALB sieht die ALI linke, antifaschistische Kulturarbeit als wesentlich, weiter benennen sie die Polarisierung zwischen Antideutschen und nicht-Antideutschen als klares Problem für Bündnisse und Mobilisierungen. Die Beiträge von ALI und ALB legen eher über die bestehende Praxis Rechenschaft ab, als Impulse für eine Weiterentwicklung zu geben.
Die LeA schliesslich sieht ein ganz grundlegendes Problem in der Diskussion: Die Wirksamkeit von Anti-Naziaktionen ist kein poliitscher Massstab. In den bishereigen Diskussionsbeiträgen werden die zu mobilisierenden Menschen als Manövriermasse betrachtet, nicht als Genoss_innen. Erst müsse Mensch eine Kritik an der Gesellschaft entwickeln, aus der dann auch eine Kritik an den Nazis folgt, ansonsten kommt Affirmation der bürgerlichen Gesellschaft heraus. Ohne eine solche Gundlage ist die geführte Diskussion nichts als eine Bestätigung der gewohnten Praxis, eine Entwicklung von Strategien damit sinnlos. Diese Diskussion muss von denen geführt werden, die auch praktische (Antifa-)Politik machen, eine Trennung in Theorie- und Praxisgruppen wäre falsch.

Damit, dass es für eine linke Antifaarbeit nicht darum gehen kann, Nazis nur als Abweichung vom demokratischem Normalzustand zu skandalisieren, benennen die LeAs einen wichtigen Punkt.
Meine Probleme mit dem Text fangen da an, wo sie die affirmative Haltung zur bürgerlichen Gesellschaft beklagen, die einge Antifagruppen ihrer Meinung nach einnehmen. Sie machen nämlich nirgends klar, worin präzise diese Affirmation besteht, die sie den anderen Gruppen vorwerfen. Durch die Bündnis- oder Öffentlichkeitsarbeit? Durch die Schwerpunktsetzung auf Nazis? Selber geben sie, anders als die restlichen Diskussionsteilnehmer_innen keinen einblick in ihre Praxis, und nehmen sich dadruch aus der Diskussion raus. Der Mainstream der autonomen Antifabewegung jedenfalls arbeitet zu recht vielen verschiedenen Themen, das berühmte „… mehr als gegen Nazis“ ist eben keine Floskel sondern eine Zustandsbeschreibung, diese thematische Breite ist ja auch Ausdruck einer Kritik, die die ganze Gesellschaft im Blick hat.
Auch auf theoretische Ebene lässt sich die LeA nicht so richtig in die Karten schauen, ihre Kritik an der Gesellschaft umreissen sie nicht viel genauer als ALI oder ALB. Bei mir entsteht der Eindruck, dass die LeA ein allgemeines Theorie- oder Kritikdefizit in der Antifabewegung wahrnimmt, dieses aber nicht so richtig festmachen kann. Ihr Beitrag jedenfalls ist dann auch eher moderierend als inhaltlich.
In der Frage, wie grundsätzlich die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft ist, haben aber interessanterweise alle vier Beiträge eine Leerstelle gemeinsam, nämlich dass eine emzipatorische Bewegung natürlich auch Teil dieser Gesellschaft ist, und sich entsprechend mit Hierarchien, Sexismus, Klassenverhältnissen etc. untereinander herumschlagen muss. Denn „Wer in Anspruch nimmt, linksradikale Politik zu betreiben, muss sich an linksradikalen Inhalten messen lassen“ (LeA), und die stehen halt nicht nur in Aufrufen, sondern werden gelebt, mal mehr, mal weniger.
Diese Leerstelle überrascht bei der LeA eigentlich am wenigsten, lassen sie doch ihre eigene Subjektivität am weitesten aussen vor:

Wer es mit Gesellschaftskritik ernst meint, muss die Reflexion antifaschistischer Praxis auch von diesem Standpunkt aus vornehmen. Das bedeutet, die Schädigungen, die sich aich aus dem gesellschaftlichen Prozess ergeben, zu skandalisieren und mit der Beseitigung ihrer Gründe auch die Änderung der Gesellschaft selbst ins Auge zu fassen. Das Vorkommen von Neonazis ist dafür eine praktische Hinderung und der Grund für eine reale Schädigung anderer Leute, der ohne Frage auszuräumen ist. Vernünftig ist, sich dafür geeignete Mittel zusammenzusuchen.

Was hier mit „realer Schädigung“ trocken umschrieben wird, ist ein Grund für ziemlich viel Wut, Hass und auch Angst gegenüber der Nazibagagge, wie gegenüber anderen Teilen der bürgerlichen Gesellschaft. Das auszublenden wäre dann gleich die nächste reale Schädigung – wem geht’s schon auf Dauer gut damit, sowas zu unterdrücken? Natürlich sollten wir mit dem Kopf entscheiden, was wir tun und was nicht – aber dabei eben auch so ehrlich sein und anerkennen dass wir nicht ausserhalb der Verhältnisse stehen, die wir bekämpfen.
Theoretisch am nachvollziehbarsten ist für mich noch die Kritik, dass wenn mensch in den Mobilisierungen auf taktische Erfolge gegen Nazis setzt, leicht ein ebenso taktisches Verhältnis zu den mobilisierten Mitstreiter_innen entsteht. Gleichzeitig fällt es mir schwer, diese recht abstrakt formulierte Kritik auf eine konkrete Praxis anzuwenden. Wer wird hier zu Manöviermasse, wie könnte ein anderer Umgang aussehen? Wieder mal hat die LeA nicht viel mehr zu sagen, als eine grundsätzlich kritische Haltung einzufordern.
Die Kernforderung, mehr als nur ein paar gesellschaftskritische basics abzuklären, bevor über antifaschistische Strategien oder Bündnisse geredet wird, ist nicht falsch, aber auch nicht furchtbar originell. Gleichzeitig lässt die LeA wenig über sich selbst durchblicken, der Text könnte genau so auch von einer reinen Theoriegruppe geschrieben worden sein. Damit ist es schwierig, dass was die schreiben auf eine konkrete Praxis runterzubrechen. Für mich neue Impulse für die Antifaarbeit habe ich bei der Lektüre jedenfalls nicht mitgenommen.
Um nochmal zurück zu sonstigen Debatte zu kommen, ALI, ALB und NSVs! habe in ihren Beiträgen klar gemacht, wo sie sinnvolle Schwerpunkte für Antifaarbeit sehen, und warum. Spannend wäre auch die Frage, wie verschiedene Zusammenhänge nach aussen gehende Kampagenen einerseits und Szenepflege bzw. Kulturarbeit anderseits gegeneinander gewichten, sowie die Gewichtung zwischen Antifa und anderen Politikfeldern.
Eine weiteres Thema, das sich durch die ganze Debatte zieht, ist die Mobilisierungsfähigkeit zu verschiedenen Aktionen und Themen. Interessant wäre hier, wie es verschiedene Antifazusammenhänge schaffen, oder zumindest versuchen, Leute nicht einfach zu mobilisieren, sondern in Diskussionen und Vorbereitungen aktiv miteinzubeziehen.

Um diesen langen Beitrag mal zu einem unrühmlichen Ende kommen zu lassen – ein paar der Diskussionen über den gleichen Artikel in anderen blogs waren hart bescheuert oder auch einfach nur ausufernd. Ich habe darauf keinen Bock, wenn ihr Anmerkungen habt haltet sie kurz, themenbezogen und undissig, Mit Zensur in meiner Kommentarspalte habe ich nämlich gar kein Problem.

Nachtrag – Linkspam!
Ein paar der diversen anderen Bloggosphären-Reaktionen auf den LeA-Text. Auf verschiedenen blogs – u.a. Schildkröte, Bauhaustapete und im*moment*vorbei wurde der Text nur angepriesen, bei den beiden letzten entspann sich dann eine zerfaserte, wenig ziehlführende kommentarspaltendiskussion – mir war die Zeit zu schade sie zu lesen. Rockstar hat noch die Kritik, dass die LeA sich für einen neuen „revolutionären Antifaschismus“ starkmacht.

Antifa heisst …

Letzten Herbst veröffentlichte die Kampagne NS Verherrlichung stoppen! ihren Text Antifa heisst … !, eine Kritik an der derzeit praktizierten Antifa-Arbeit. Alle organisierteren Antifas haben sich wahrscheinlich schon zehmal die Köpfe darüber heiss geredet, allen anderen will ich den Text mal ans Herz legen.

Lesenswertes zum Bahnstreik

1 – Hintergründe von Wal Buchenberg auf indymedia:

die Lokführer in der GDL sind keine „Klassenkämpfer“. Sie bedrohen mit ihrem Streik nicht den Fortbestand des Kapitalismus in Deutschland. Die streikenden Bahnbediensteten tun nur, was jeder tun muss, der im Kapitalismus überleben will: Sie nutzen ihre Verhandlungsmacht und verschenken sie nicht für ein Linsengericht an die Kapitalseite.
Vielleicht nehmen sich ja andere Lohnarbeiter ein Beispiel daran. Es wäre nicht zu ihrem Schaden.

2 – Thomas Trüten darüber, warum es auch ums Streikrecht geht:

Wir haben ja in Deutschland kein Streikrecht als allgemeines Grundrecht wie in Frankreich. Das ist hier stark reglementiert, mit Friedenspflichten und der Beschränkung auf Tariffragen. Wenn es jetzt noch weiter eingeschränkt werden würde, durch Verbote oder hohe Regreßdrohungen, ist das ein politischer Angriff auf alle Gewerkschaften.

3 – Die junge Welt findet Gründe gegen die „Einheit“ der Bahnbeschäftigten:

Bahn und Transnet werfen der GDL, die nach einer gescheiterten Gesprächsrunde mit Bahn-Chef Hartmut Mehdorn vor zwei Wochen die Urabstimmung einleitete, vor, sie wolle »Privilegien« für einzelne Berufsgruppen. Angesichts der Arbeits- und Entgeltbedingungen von Lokführern und Zugbegleitern ist das ausgesprochen zynisch.

Alexander von Humboldt in a nutshell

Die Vermessung der Welt war einer der erflogreicheren Romane der letzten Jahre. Einen lesenswerten Kommentar über die Wissenschaftlichkeit, für die eine der Hauptfiguren steht, hat Obioma Nnaemeka geschrieben:

Like his fellow european travelers and explorers in Africa, Humboldt traveled and wrote in the name of science and, like them, one of his principal discursive strategies was to reduce America to landscape and marginalize its inhabitants: „After walking two hours, we arrived at the floor of the high chain of the interior mountains, which stretches from the east to the west; from Brigantine to the Cerro de San Lorenzo.“ Humboldt was a mining inspector who was specifically charged to look for precious metal deposits in Latin America. He traveled with large and heavy equipments that created the need for a large number of indigenouspeople (porters) in his party.Though Humboldt includes some manners- and custom portraits,he hardly mentioned the many indigenous people that traveled with him; they did not hold his interest. At the end of his work, Humboldt does not reminisce about the many indigenous people that helped him along the way; instead he fantasizes about a future America that will be the site for European capitalist expansion: „If then some pages of my book are snatched from oblivion, the inhabitants of the banks Oroonoko will behold with ecstasy, that populous cities enriched by commerce, and fertile fields cultivated by the hands of freemen, adorn these spots“

Aus: Obioma Nnaemeka, Bodies that don‘t matter, in „Mythen, Masken und Subjekte“.

They make war, we make trouble – anno `82

Ein guter Bericht über die Demo gegen ein NATO-Treffen in Krefeld `82 steht hier. Der Bericht ist in zweierlei Hinsicht lesenswert: Einmal werden Fehler in der Vorbereitung einer militanten Demo klar benannt. An diesem Tag ging nicht alles schief, einige Passagen zeugen durchaus von praktischer Interventionsfähigkeit:

bei jedem versuch einer ansage durch die lautsprecheranlage – durch die ursprünglich die reden aus dem festsaal nach draußen übertragen werden sollten, dröhnt ein lautes pfeifkonzert über den platz und paraloen werden gerufen. Zweimal gelingen sabotage-aktionen, indem die direkte stromversorgung im festsaal gestört wird, […]. Die geladenen bonzen sitzen im dunkeln, [der Redner] versucht mit hilfe einer taschenlampe weiterzulesen, die bullen des secret-service, die ein attentat auf bush befürchten, springen nervös durch den saal.
[Es gibt organisierte] aktionen wie von waschpulver schäumende springbrunnen, transparente am seidenweberhaus, stinkende fußgängerunterführungen und -zonen (Buttersäure), aufsteigende luftballons mit “bush go home” aufschriften, leute als indiander verkleidet ( zu 300 Jahre völkermord an indianern), störsender im radio, wo sich in die direktübertragung eingeblendet wird[.]
[…]Der gewünschte charakter eines volksfestes während des besuchs von bush, jubelende zustimmung den kriegsstrategen der NATO entgegenzubringen und so der weltöffentlichkeit zu präsentieren-alles gestört. Stattdessen bestimmen zig hundert demonstranten und massive bullenpräsenz das tagesgeschehen.

Oder auch:

[Ein vorbeirasender Konvoi] besteht aus bullenwagen, motorrädern, rote-kreuz-bullis, einem irrtümlich dazwischengeratenem reisbus mit dämlichen journalisten und dem schwarzen cadillac mit bush.
Jetzt hagelt es alle möglichen gegenstände:dreckklumpen, steine, flaschen, knaller,getränkedosen und-becher, taschen, jacken usw. Sogar eine kleine weiß-rot lackierte strassenabsperrung.

Gewalt, Gewalt, Gewalt.

Die Razzien letzte Woche haben, soweit mir bekannt, zu keinen Distanzierungen innerhalb der anti-G8 Mobilisierungen geführt. Diese Solidarität aus dem nicht-linksradikalen Spektrum ist sehr erfreulich. Sie hat aber auch damit zu tun, dass die Bullen den gar zu grossen Vorschlaghammer ausgepackt haben, viel Kritk in der bürgerlichen Presse bezieht sich auf den Gummiparagraphen 129a im allgemeeinen, die dünne Begründung der Durchsuchungen im besonderen und darauf, das diese Repression eher mobilisierend wirken würde. Die Frage, wie legitim oder nicht Militanz sein kann kommt in diesem Diskurs nicht vor, und drängt sich deshalb auch nicht so auf. Ich vermute dass bei vielen, die sehr genau wissen was sie von den Razzien halten, nämlich gar nichts, sich schon die Frage stellt, wie politische Gewalt zu beurteilen ist. Es gibt ausserdem auch die Tendenz, Aktionen die mensch nicht so gut findet, weil es z.B. zu sehr scheppert, sofort irgendwelchen agent provocateurs zuzuordnen. Dahinter steckt für mich auch eine Mischung aus mangelnder Bereitschaft, sich mit anderen politischen Selbstverständnissen auseinanderzusetzen, und mangelnder Transparenz und Vermittlung bei manchen Aktionen. Deshalb ein paar Texte, die für die Diskussion interessant & nützlich sind – ohne dass ich hinter allem was da so vertreten wird stehe:
Eine etwas chaotische Sammlung der Projektwerkstatt – alles auf einer Seite, was das zurechtfinden etwas erschwert. Hier finden sich Zitate von verschiedenen „Gewaltfreien“ und weniger Gewaltfreien. Strukturierter ist der Text Umweltschutz von unten: Die Frage der Gewalt, auch dort. Sehr systematisch werden verschiedene Thesen, die für den Verzicht aud politische Gewalt sprechen auseinander genommen. Lesenswert, aber trocken – für die, die es genau haben wollen, und für die die Anregungen suchen um mit anderen zu diskutieren.
Aus einer völlig anderen Perspektive wird sich dem Thema in „Politische Militanz gestern und heute“ genähert. Hier wurden 2 Menschen interviewt, die sich in der autonomen Linken verorten, ein Antifa und eine die nach Selbstbeschreibung ihre Polit-Sozailisation in einer sozialisitschen Jugendgruppe hatte. Die Interviewform, und vor allem dass die beiden ihre heutige Einstellung in einen Zusammenhang zu ihrem Werdegang stellen macht „die Militanten“ etwas plastischer. Für die, die etwas weniger trockenes wollen, und für die die wissen wollen was in den vermeintlichen agent provocateurs so vor sich geht.
Oft werden Aktivist_innen, die auf „Gewaltfreiheit“ setzen, als naive Hippies angesehn und ausgelacht. Ein möglicher Begriff von Gewaltfreiheit:

“Ziviler Ungehorsam – das persönliche, demonstrative und öffentliche Übertreten und Missachten von Gesetzen, die die Gentechnik durchsetzen sollen – stellt für uns die adäquate Antwort auf die massive Bedrohung dar, der wir alle ausgesetzt werden. (…) Die Feldbefreiung macht sichtbar, dass die Gentechnik keine Akzeptanz hat und geächtet wird, ähnlich der Ächtung der Atombombe. (…) Wir tun dies auf gewaltfreie Weise und stehen für unser Handeln ein. Bei unseren Aktionen wenden wir weder Gewalt gegen Menschen an, noch tragen wir Geräte mit. Wir wollen niemanden gefährden und zeigen, dass von uns keine Bedrohung ausgeht. Unsere Mittel sind einzig unsere Körper und der Geist der Ent- und Geschlossenheit.”

Aus dem Text „Wider die so genannte Gewaltfrage“ von nolager Bremen, über solidarische Pressearbeit.

Emo.Core 1.

Ich interessier mich zur Zeit wieder stärker für fanzines – witzigerweise auch wegen der bloggerei. Deshalb gibts in der nächsten Zeit öfters mal ein Review von irgendwelchen Schätzen aus meiner Zine-Truhe zu lesen, anfangen tu ich mit dem neuesten – Emo.Core 1.
Erstanden hab ichs vom Distro der Band Sidetracked (Irgendwo aus dem Pott gluabh. Unna?), die kürzlich das Marat bespasst haben.
Die Zinester_innen sind auch hier auf blogsport vertreten, der Inhalt des ersten Zines steht z.B. hier. Im Zine selber sind ein paar Bandinterviews, mit Katzenstreik, Kollateralschaden und Antitainment. Die Interviews sind allemal interessant, vor allem das urlange mit Katzenstreik. Auch die restlichen Artikel lesen sich sehr sympatisch, angetan haben es mir vor allem der Reisebericht „Germoney in 6 days“ über eine dieser lustigen Tramptouren, wo mensch fast nur in Autos und an Autobahnen rumhängt, unglaublich viel Strecke macht und nirgends was sieht. Super ist auch der Artikel, in dem Benjamin Blümchen endlich mal gewürdigt wird. Ein ganz grosses Highlight ist aber der Force-attack Bericht, so muss ein Zine sein. Allen anderen Artikel merkt mensch an, dass die Schreiberlinge einen ziemlich okayen, linken, Anspruch haben. Das schlägt sich darin nieder dass die Interviewfragen die gestellt werden, oder die Beobachtungen die aufgeschrieben werden, recht nah an dem sind was mich auch interessiert hätte. Konzertberichte, in denen haarklein aufgeführt wird wer wieviel getrunken hat gibt es mal jedenfalls keine, und die vermisse ich auch nicht.
Unterm Strich ein nettes, lesenswertes Heftchen. Holt es euch.

Auseinandersetzunegen mit Weisssein (II)

Ein älterer Text zum Thema ist „White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack“ von Peggy McIntosh. (html, pdf (7 Seiten)). Der Kern des Artikel ist eine Liste aus 50 Privilegien, die die Autorin geniesst und die sie darauf zurückführt, dass sie als weiss gesehen wird. Diese sind alle auf ihre Situation bezogen – Uni Betrieb, USA, vermutlich nicht eben knapp bei Kasse. Weiter wird kurz skizziert, wie eine Unterteilung dieser Privilegien aussehen kann – in welche, die eigentlich alle haben sollten (Deine Hautfarbe wird nicht vor Gericht als Argument gegen deine Gleubwürdigkeit gesehen) und welche die niemand haben sollte (Du kannst Menschen anderer Hautfarbe ungestraft ignorieren)
Empfehlenswert zu lesen ist der Artikel meiner Meinung nach, weil hier knapp veranschaulicht wird wie so eine Auseinandersetzung mit der eigenen Position für weisse (im Sinne von: als weiss identifiziert) aussehen kann. Was in diesem Artikel nur am Rande erwähnt wird, was aber andere Autor_innen betonen ist, dass etwas wie diese Liste nicht angefertigt werden kann, ohne auf die Wissensproduktion von Leuten zurückzugreifen die nicht als weisse gesehen werden, die diese Privilegien nicht haben. Was mich beim lesen gestört hat ist dass der Begriff „race“ andauernd ohne Anführungszeichen verwendet wurde, und in diesem Text nicht erklärt wurde was das genau meint. Bei Wollrad stand zwar irgendwo dass der Begriff „race“ anders aufgeladen ist als der entsprechende Begriff „Rasse“ – all die kritischen Debatten sollen sich hier niedergeschlagen haben – aber ich bin skeptisch.
Ein offene Frage für mich ist, wie so eine Liste für den hiesigen Kontext (BRD) aussähe, und wie für die radikale Linke. Für Lesetips und andere Anregungen bin ich wie immer dankbar.