Tag-Archiv für 'kapitalismuskritik'

Krisen-Anime

Ein kurzer Vortrag von David Harvey über die Krise, wo sie herkommt und so weiter – aufs allerliebste animiert:

Das Filmchen kommt ursprünglich von hier, drauf gestossen bin ich via neoprene.

Von Harvey stammt auch der sehr lesenwerte Text „A right to the city“, in dem er sich mit kapitalistischer Urbanisierung auseinander setzt. Urbanisierung wird hier unter den Aspekten „Klassenkampf von oben“ und im Zusammenhang mit Makroökonomischen Entwicklungen, Krisen und Finanzmärkten beschrieben. Gut erklärt, relativ globaler Ansatz, aber nicht geeignet um unmittelbar praktische Perspektiven zu entwickeln.

9.6.: Staat, Weltmarkt und die Herrschaft der falschen Freiheit

Der militante Arm des Gegenstandpunkts stellt am Mi., den 9.6, eine grundsätzlich Kritik an Staat und Nation vor, wie sie auch in dieser berühmten Broschüre geleistet wird. Dumm an dieser Analyse ist, dass sie Klassenkämpfe komplett negiert, dumm ist auch dass die Frage nach Brüchen in der bestehenden Ordnung überhaupt nicht vorkommt. Ansonsten gibts da schon was zu lernen.

Staatsbankrott! Staatsbankrott!

»… wenn die Demokraten die Regulierung der Staatsschulden verlangen, verlangen die Arbeiter den Staatsbankrott.« heisst es bei Marx, und wird von den Freundinnen der klassenlosen Gesellschaft zitiert. Ofenschlot liefert ein bisschen Einbettung.

Keine halben Sachen!

Der nächste 30.4 Aufruf ist da, vom aka_muc: Keine halben Sachen! Darin wird angerissen, was eine Überakkumulationskrise ist, ohne den Begriff Akkumulation zu verwenden. Die Krise wird so erklärt:

Ein wesentlicher Teil der Waren wird vernichtet um den Marktpreis stabil zu halten, da durch eine Überproduktion das Angebot höher liegt als die Nachfrage, was wiederum den Preis der Waren senkt. Der Markt ist hoffnungslos übersättigt und die dadurch entstandene Überproduktionskrise ist die Ursache von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit. Lohnarbeiter_innen erhalten für ihre Arbeit einen Gegenwert, der im Endeffekt in 5 Stunden pro Woche erzeugt werden könnte. Der „Rest“ der geleisteten Arbeit sind im momentan bestehenden System die Gewinne der Kapitaleigner (Mehrwert) und die Kosten der Institutionen wie z.B. Steuern an den Staat.

Diese Erklärung geht daran vorbei, dass auch in kapitalistischen Wachstumsphasen, wenn keine Güter vernichtet werden müssen um Preise stabil zu halten, Ausbeutung und Mehrwertabpressung herrschen. Ausserdem geht es hier wohl nur um „Güterproduzierende Arbeit“, reproduktive Tätigkeit wird mal wieder unsichtbar gemacht. Eine genauere Kritik und Erklärung reiche ich vielleicht nach, ansonsten ist die Kommentarspalte offen.

Den Kapitalismus über die Arbeitszeit zu erklären ist also sperrig und ungenau – wenn es um die Utopie einer befreiten Gesellschaft geht, klappt das wieder ganz gut:

Mit einer Verbreitung modernster umweltschonender Produktionsmittel zur Anhebung der Produktivität, der Abschaffung des eigentumbasierten Handels und des Privateigentums an Grund, Boden und Produktionsmitteln könnten wir mit nur 5 Stunden Arbeit pro Woche leben. Und dies ganz ohne jegliche Einbußen bei Luxus und Lebensstandart.

Wir können uns darüber streiten, ob wir nach der Revolution 3 oder 7 Stunden die Woche mit „Tomaten ernten, Kanalisationen reinigen und Wäsche waschen“ (NT) verbringen. Wir müssen uns sicherlich darüber streiten, was gleicher Luxus und Lebensstandart nach dem Kapitalismus heissen – SUVs für alle schon mal nicht, zumindest wenns nach mir geht. Das coole an der 5 Stunden-Woche als Argumentationsmuster ist, dass sie die befreite Gesellschaft ein Stückchen näher in den Fokus und die Vorstellungskraft rückt als die abstrakte Rede davon, dass im Kommunismus sowieso alles ganz anders ist. Um diese Utopie auch sichtbar zu machen, kommt der aka_muc im Bademantel:

Warum ein Bademantel? Der Bademantel ist ein Kleidungsstück, welches Entspannung, Zufriedenheit und Wohlbefinden impliziert! Wir möchten in Zukunft nicht mehr 40 oder mehr Stunden pro Woche unserer wertvollen Zeit an die kapitalistische Produktionsweise verlieren, sondern selbstbestimmt für unsere Bedürfnisse produzieren!

Heraus zum revolutionärem 29. Februar?

Jeder Tag ist ein Tag an dem wir für ein ganz anderes Ganzes eintreten, der 29. Februar, wie der 8. März. Jeder Tag ist ein Erster Mai!“ – und deshalb ruft die Antifa NT dazu auf, sich an der antikapitalistischen Demo am 30.4 zu beteiligen. Dieses, etwas absurd erscheinende, Herumgespringe im Kalender ist mehreren Überlegungen geschuldet.

Einmal ist der Erste Mai selber in München nicht eben attraktiv. Es gibt die DGB Demo und das traditionelle OB-Ude-Auspfeifen, etwas Kulturspektakel am späten Nachmittag und, bislang versprengte, Bemühungen, mit antikapitalistischen Positionen und Gewerkschaftskritik präsent zu sein. Kein Wunder, dass viele Linksradikale den ersten Mai immermöglichst weit weg verbrachten. Einzelne auf Erlebnistour in Berlin oder Leipzig, viele bei der revolutionären Demo in Nürnberg oder bei einem der Naziaufmärsche im Süden.
Die NTs haben nicht nur unrecht, wenn sie schreiben:

Nicht „weil‘s sich so gehört und weil wir‘s schon immer so machen“, nicht weil die Blaskapelle der Münchner Verkehrsgesellschaft so schön die Internationale trällert und nicht weil die DGB-Bratwurst mit viel Senf und den Kolleg_innen doch am besten schmeckt, macht der Erste Mai Sinn.

Nur – wer aus der radikalen Linken (und für wen sonst schreibt die NT ihren
Aufruf?) geht wegen der Blaskapelle da hin? Wie oben angerissen, die linksradikale Präsenz war immer der Versuch, die anwesenden Kolleg_innen mit eigenen Inhalten zu erreichen. Meiner Einschätzung nach meistens erfolglos. Angesichts dessen war und ist es legitim, den ersten Mai anders zu verbringen, es macht aber ebenso Sinn, sich zu überlegen wie die Leute da effektiver erreicht werden können. Vielleicht bei einer Bratwurst mit den Kolleg_innen über dieses Flugblatt diskutieren? Oder über diese Broschüre?

Die zweite Überlegung ist, sich „explizit in der Tradition emanzipatorischer Bewegungen und Kämpfen für ein besseres Leben verorten, die mit den riots am Chicagoer Haymarket den Anlass für die Tradition des Ersten Mai gaben.“ So weit, so richtig. Aktionen um der Ersten Mai werden, wegen dieser Aufladung, anders wahrgenommen. So gesehen ist die Behauptung, jeder Tag sei ein Erster Mai, Quatsch.
Richtig ist widerum, dass es jeder Tag ein Tag ein antikapitalistischer Kampftag sein sollte:

[Der Erste Mai] macht nur Sinn als Ausdruck einer antikapitalistischen Theorie und Praxis und nicht als Ersatzhandlung für sie.

Das gilt für jede Demo an jedem Tag wie für jede andere symbolische Aktion. Die Unterscheidung zwischen Ausdruck und Ersatzhandlung wird nicht auf der Demo gefällt, sie hat auch wenig mit dem Aufruf oder anderen Literaturerzeugnissen zu tun. Die erste Frage ist, ob es eine Praxis, ob es Kämpfe gibt, die einen Ausdruck finden können. Eine spürbare antikapitalistische Theorie und Praxis kann auch nicht in Event-Orientierten Demobündnissen organisiert werden. Und wo es weder reale Kämpfe noch eine längerfristige Organisierung gibt, helfen alle Beteuerungen, mensch wolle nicht im luftleeren Raum agieren, nichts.

Ein linksradikaler Organisierungsprozess zu sozialen Kämpfen in dieser Stadt läuft, steht aber noch ziemlich am Anfang, noch gibt es kaum Kontakte zwischen einer radikalen Linken und den stattfindenden Kämpfen. Die Demo am 30.4 wie das, was wir am Ersten Mai machen, hat trotzdem das Potential, mehr zu sein als eine Eintagsfliege im luftleeren Raum – dann, wenn die Aktionen zum ersten Treffpunkt werden für alle, denen kluge Worte und individualisierte Subversion im Alltag nicht reichen.

Anders als bei den linkradikalen Erster-Mai Demos 2006 und 2007 gibt es eine relative Einigkeit, auf linksradikale Szenecodes mit ihren Ausschlussmechanismen zu verzichten, sowie einen anderen, offenen Ausdruck zu probieren. Ausserdem gibt es mit dem Plenum für soziale Kämpfe ein offenes Organisierungsangebot über den Tag hinaus. Wenn wir in den nächsten Wochen gut mobilisieren, wenn wir darüber hinaus eine gute Organisierung hinkriegen, sind wir vielleicht mal gut genug aufgestellt um eine ARGE zu stürmen, das DGB-Haus zu besetzen, ein paar von uns bei einem wilden Streik zu supporten … vielleicht schon am nächsten 29. Februar.

talkin‘ bout a revolution

Der zweite Aufruf für die Abenddemo am 30.4 ist da. Nachdem sehr szenigen Kurzaufruf des Bündnisses hat die Antifa NT einen sehr szenigen Langaufruf vorgelegt: talkin‘ bout a revolution
talkin' bout a revolution

Langaufruf ist hierbei kein Witz, spontan fällt mir kein Aufruf der letzten Jahre ein der mit einer dermassenen Textfülle daher kommt. Wer hier agitiert werden will, muss schon etwas Fleiss mitbringen. Lang ist der Text aber nicht, weil die NT’s rumschwafeln, sondern wegen der Themenfülle:
Es geht um den ersten Mai, den 30. April und den 29. Februar. Es geht um einen Wissenschaftsbetrieb, der die Verhältnisse betoniert. Es geht um den Realsozialismus. Es geht um Arbeit, und darum was Arbeitsethos mit Antiziganismus zu tun hat, und natürlich wird zum Schluss nochmal erklärt warum Antifa auch heissen muss, um ein ganz anderes Ganzes zu kämpfen.

Zu dem Absatz über den ersten Mai gäbe es mehr zu sagen, ein andermal.
Gut fand ich den Absatz zu Arbeit und Arbeitsethos. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Herleitung von Antiziganismus, die dann gemacht wird, so ganz teile, finde es aber gut wenn ein eher randständiges Thema etwas mehr Raum bekommt. Die Abhandlung zum Wissenschaftsbetrieb – an der ich inhaltlich erstmal nichts auszusetzen habe – wäre im Aufruf gegen einen Soziologie-Kongress vielleicht angebracht, warum das in diesem Demoaufruf drinsteht ist mir total schleierhaft.

Beim Lesen des Aufrufs drängte sich mir schnell das Bild auf, wie die NTs zusammensitzen, Themen für den Aufruf brainstormen, alles ganz locker, konstruktive Atmosphäre und viele Ideen. Und dann soll es ans Streichen und Kürzen gehen, aber blöderweise hat der Genosse den Rotstift vergessen. Sei es wie es sei – ich bin ziemlich zuversichtlich, dass die Demo am 30.4 cool wird, und tatsächlich dazu beitragen kann, neue Stile an linksradikalen Ausdrücken in München zu verbreiten. Wenn das, und ein wo auch immer verbrachter erster Mai, hinter uns liegen, reden wir mal darüber ob es wirklich keine besseren Wege als Aufrufe gibt, um Analyse und Kritik unter die Leute zu bringen.

Le monde est a nous!

Am 30.4 wird es eine linksradikale Abenddemo in München geben – eine hervorragende Idee. Obs was wird, hängt davon ab was wir in den nächsten 4 Wochen in der Mobilisierung und Vorbereitung hinkriegen.
Verschiedene Gruppen haben Aufrufe dazu angekündigt, vollmundige Ankündigungen versprechen Themen wie Arbeitskritik, Queerfeminismus oder soziale Kämpfe und Aneignung. Hier ist erstmal der gemeinsame Kurzaufruf des Bündnisses. Da steht nichts falsches drin, allerdings ist er sehr parolenhaft – letztendlich eine Szene-interne Selbstdarstellung der Demo.
Abenddemo Motiv

Le Monde est a nous!
Für ein ganz anderes Ganzes.
Demo für die Überwindung des Kapitalismus am 30. April in München

Am Abend des 30. April wollen wir in München mit einer linksradikalen, lauten, vielfältigen und ausdrucksstarken Demo, unsere Kritik und Ablehnung der herrschenden Verhältnisse auf die Straße tragen. Es geht uns dabei um ein ganz anderes Ganzes – um ein schönes Leben für alle und jede_n. Es geht uns um die Überwindung des Kapitalismus, um eine befreite Gesellschaft ohne Sexismus, Rassismus, Klassen und alles was uns trennt und in Konkurrenz und Hierarchien zwingt. Die kapitalistische Wirtschafstweise hat gesellschaftliche Reichtümer in nie gekanntem Ausmaß hervorgebracht. Das Paradoxe daran ist, dass trotz und gerade deswegen ein Großteil der Menschen hiervon ausgeschlossen ist. Dies ist eine logische Folge einer Wirtschaftsweise in der in erster Linie nach dem Profit und nicht nach den Bedürfnissen der Menschen richtet. Wir bleiben nicht bei Forderungen nach weniger Arbeit, Bleiberecht, Lohngleichheit oder kostenloser Bildung stehen, wir forden den gesellschaftlichen Reichtum für alle! Umfassende Emanzipation ist innerhalb der herrschenden Verhältnisse unmöglich. Im Kampf für ein freies und selbstbestimmtes Leben müssen wir den Kapitalismus abschaffen.

In dieser Gesellschaft existieren verschiedenste Herrschaftsformen und wir werden diese letztendlich nicht lolsgelöst voneinander überwinden können.
Wir leisten Widerstand gegen jede Form der Herschaft von Menschen über Menschen. Auf dieser Demo wollen wir die Vielfalt emanzipatorischer Bewegungen mit ihren verschiedenen Herangehensweisen und Aktionsformen mit einem gemeinsamen Ausdruck zusammen bringen.

Deshalb hinaus zur linksradikalen Abenddemo am 30. April in München.
Für ein revolutionären 1. Mai, für einen revolutionären Alltag!
Le monde est à nous – Uns gehört die Welt!
Alles für Alle !

Fr. 30.04.10 18 Uhr Rosenheimer Platz, München

Klima-Veranstaltungen

Mittwoch, 17.2, gibt es im Mittwochskafe eine Nachbereitung zum Klimagipfel in Kopenhagen aus Autonomer Sicht, angeblich um 20:00. Am Freitag, 19.2, lädt der Revolutionär-sozialistische Bund zu einem Vortrag über ökologische Fragen bei Marx und Engels. Der Vortrag ist Auftakt zu einer längeren Veranstaltungsreihe. Um 19:00 in der Ligsalzstr. 8.

Antifa heisst: ein Haufen linker basics, eine Portion Militanz, schwerpunktmässig gegen Nazis

Aktuell wird in der linken Bloggosphäre viel und hitzig über den Text „Antifa heisst radikale Gesellschaftskritik“ der Leibziger Antifagruppe LeA diskutiert, im*moment*vorbei hat dazu jede Menge links. Den Text gibt es im akutellen Antifaschistischem Infoblatt AIB, online gibt es ihn bislang wohl nur dank der Scanbemühungen von einblog (als .doc). Entstanden ist das Werk als Beitrag zur Diskussion unter dem Motto „Antifa heisst …“, die seit Sommer `07 im AIB geführt wird.
Um die Diskussion grob verkürzt zusammenzufassen: Die Kampagne NS-Verherrlichung stoppen! (NSVs!) eröffnete die Diskussion mit der These, dass die antifaschistische Praxis in der Krise ist – Rechte Grossveranstaltungen bleiben unwidersprochen, es müsse darum gehen gesellschaftlich zu intervenieren und Kräfteverhältnisse zu verschieben, eine militante Pose sei dabei oft eher im Weg. Die Bestimmung, wann und wo antifaschistisch interveniert wird, richtet sich demnach nicht nach der Frage der politischen Bedeutung eines Nazievents, sonder nach der Frage „wo was geht.“
Die Antifaschistische Linke Berlin ALB antwortet darauf mit dem Text Antifa heisst … Angriff!: Es müsse sehr wohl darum gehen, gesamtgesellschaftlich zu intervenieren – aber dazu kommt es nach Meinung der ALB darauf an, Mobilisierungsfähig zu sein, darauf dass „was geht“. Grossevents mit direktem NS-Bezug haben nach Einsachätzung der ALB weniger Bedeutung als Naziaktionen mit einem direkten Bezug zum Alltag der Leute. Antifaarbeit beinhaltet Arbeit in breiten Bündnissen, die autonome Antifa müsse dabei aber ihr eigenes Profil, die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft der Nazis entspringen, schärfen.
Die Göttinger Antifaschistische Linke international ALI argumentiert ähnlich der ALB, konkretisiert aber ein paar Punkte in ihrem Text Antifa heißt… zusammen kämpfen, auf allen Ebenen, mit allen Mitteln! Die ALI versteht sich als Teil einer Weltweiten Linken, linksradikale Antifa funktioniert nur in der Einbettung in einen breiten linksradikalen Ansatz. Bündnisse dienen nicht nur der Intervention, sondern sind selber Schauplatz gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, die Antifa kann in diese Auseinadersetzungen ihren Aktivismus und ihre Militanz als „Verhandlungsmasse“ einbringen. Wie auch die ALB sieht die ALI linke, antifaschistische Kulturarbeit als wesentlich, weiter benennen sie die Polarisierung zwischen Antideutschen und nicht-Antideutschen als klares Problem für Bündnisse und Mobilisierungen. Die Beiträge von ALI und ALB legen eher über die bestehende Praxis Rechenschaft ab, als Impulse für eine Weiterentwicklung zu geben.
Die LeA schliesslich sieht ein ganz grundlegendes Problem in der Diskussion: Die Wirksamkeit von Anti-Naziaktionen ist kein poliitscher Massstab. In den bishereigen Diskussionsbeiträgen werden die zu mobilisierenden Menschen als Manövriermasse betrachtet, nicht als Genoss_innen. Erst müsse Mensch eine Kritik an der Gesellschaft entwickeln, aus der dann auch eine Kritik an den Nazis folgt, ansonsten kommt Affirmation der bürgerlichen Gesellschaft heraus. Ohne eine solche Gundlage ist die geführte Diskussion nichts als eine Bestätigung der gewohnten Praxis, eine Entwicklung von Strategien damit sinnlos. Diese Diskussion muss von denen geführt werden, die auch praktische (Antifa-)Politik machen, eine Trennung in Theorie- und Praxisgruppen wäre falsch.

Damit, dass es für eine linke Antifaarbeit nicht darum gehen kann, Nazis nur als Abweichung vom demokratischem Normalzustand zu skandalisieren, benennen die LeAs einen wichtigen Punkt.
Meine Probleme mit dem Text fangen da an, wo sie die affirmative Haltung zur bürgerlichen Gesellschaft beklagen, die einge Antifagruppen ihrer Meinung nach einnehmen. Sie machen nämlich nirgends klar, worin präzise diese Affirmation besteht, die sie den anderen Gruppen vorwerfen. Durch die Bündnis- oder Öffentlichkeitsarbeit? Durch die Schwerpunktsetzung auf Nazis? Selber geben sie, anders als die restlichen Diskussionsteilnehmer_innen keinen einblick in ihre Praxis, und nehmen sich dadruch aus der Diskussion raus. Der Mainstream der autonomen Antifabewegung jedenfalls arbeitet zu recht vielen verschiedenen Themen, das berühmte „… mehr als gegen Nazis“ ist eben keine Floskel sondern eine Zustandsbeschreibung, diese thematische Breite ist ja auch Ausdruck einer Kritik, die die ganze Gesellschaft im Blick hat.
Auch auf theoretische Ebene lässt sich die LeA nicht so richtig in die Karten schauen, ihre Kritik an der Gesellschaft umreissen sie nicht viel genauer als ALI oder ALB. Bei mir entsteht der Eindruck, dass die LeA ein allgemeines Theorie- oder Kritikdefizit in der Antifabewegung wahrnimmt, dieses aber nicht so richtig festmachen kann. Ihr Beitrag jedenfalls ist dann auch eher moderierend als inhaltlich.
In der Frage, wie grundsätzlich die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft ist, haben aber interessanterweise alle vier Beiträge eine Leerstelle gemeinsam, nämlich dass eine emzipatorische Bewegung natürlich auch Teil dieser Gesellschaft ist, und sich entsprechend mit Hierarchien, Sexismus, Klassenverhältnissen etc. untereinander herumschlagen muss. Denn „Wer in Anspruch nimmt, linksradikale Politik zu betreiben, muss sich an linksradikalen Inhalten messen lassen“ (LeA), und die stehen halt nicht nur in Aufrufen, sondern werden gelebt, mal mehr, mal weniger.
Diese Leerstelle überrascht bei der LeA eigentlich am wenigsten, lassen sie doch ihre eigene Subjektivität am weitesten aussen vor:

Wer es mit Gesellschaftskritik ernst meint, muss die Reflexion antifaschistischer Praxis auch von diesem Standpunkt aus vornehmen. Das bedeutet, die Schädigungen, die sich aich aus dem gesellschaftlichen Prozess ergeben, zu skandalisieren und mit der Beseitigung ihrer Gründe auch die Änderung der Gesellschaft selbst ins Auge zu fassen. Das Vorkommen von Neonazis ist dafür eine praktische Hinderung und der Grund für eine reale Schädigung anderer Leute, der ohne Frage auszuräumen ist. Vernünftig ist, sich dafür geeignete Mittel zusammenzusuchen.

Was hier mit „realer Schädigung“ trocken umschrieben wird, ist ein Grund für ziemlich viel Wut, Hass und auch Angst gegenüber der Nazibagagge, wie gegenüber anderen Teilen der bürgerlichen Gesellschaft. Das auszublenden wäre dann gleich die nächste reale Schädigung – wem geht’s schon auf Dauer gut damit, sowas zu unterdrücken? Natürlich sollten wir mit dem Kopf entscheiden, was wir tun und was nicht – aber dabei eben auch so ehrlich sein und anerkennen dass wir nicht ausserhalb der Verhältnisse stehen, die wir bekämpfen.
Theoretisch am nachvollziehbarsten ist für mich noch die Kritik, dass wenn mensch in den Mobilisierungen auf taktische Erfolge gegen Nazis setzt, leicht ein ebenso taktisches Verhältnis zu den mobilisierten Mitstreiter_innen entsteht. Gleichzeitig fällt es mir schwer, diese recht abstrakt formulierte Kritik auf eine konkrete Praxis anzuwenden. Wer wird hier zu Manöviermasse, wie könnte ein anderer Umgang aussehen? Wieder mal hat die LeA nicht viel mehr zu sagen, als eine grundsätzlich kritische Haltung einzufordern.
Die Kernforderung, mehr als nur ein paar gesellschaftskritische basics abzuklären, bevor über antifaschistische Strategien oder Bündnisse geredet wird, ist nicht falsch, aber auch nicht furchtbar originell. Gleichzeitig lässt die LeA wenig über sich selbst durchblicken, der Text könnte genau so auch von einer reinen Theoriegruppe geschrieben worden sein. Damit ist es schwierig, dass was die schreiben auf eine konkrete Praxis runterzubrechen. Für mich neue Impulse für die Antifaarbeit habe ich bei der Lektüre jedenfalls nicht mitgenommen.
Um nochmal zurück zu sonstigen Debatte zu kommen, ALI, ALB und NSVs! habe in ihren Beiträgen klar gemacht, wo sie sinnvolle Schwerpunkte für Antifaarbeit sehen, und warum. Spannend wäre auch die Frage, wie verschiedene Zusammenhänge nach aussen gehende Kampagenen einerseits und Szenepflege bzw. Kulturarbeit anderseits gegeneinander gewichten, sowie die Gewichtung zwischen Antifa und anderen Politikfeldern.
Eine weiteres Thema, das sich durch die ganze Debatte zieht, ist die Mobilisierungsfähigkeit zu verschiedenen Aktionen und Themen. Interessant wäre hier, wie es verschiedene Antifazusammenhänge schaffen, oder zumindest versuchen, Leute nicht einfach zu mobilisieren, sondern in Diskussionen und Vorbereitungen aktiv miteinzubeziehen.

Um diesen langen Beitrag mal zu einem unrühmlichen Ende kommen zu lassen – ein paar der Diskussionen über den gleichen Artikel in anderen blogs waren hart bescheuert oder auch einfach nur ausufernd. Ich habe darauf keinen Bock, wenn ihr Anmerkungen habt haltet sie kurz, themenbezogen und undissig, Mit Zensur in meiner Kommentarspalte habe ich nämlich gar kein Problem.

Nachtrag – Linkspam!
Ein paar der diversen anderen Bloggosphären-Reaktionen auf den LeA-Text. Auf verschiedenen blogs – u.a. Schildkröte, Bauhaustapete und im*moment*vorbei wurde der Text nur angepriesen, bei den beiden letzten entspann sich dann eine zerfaserte, wenig ziehlführende kommentarspaltendiskussion – mir war die Zeit zu schade sie zu lesen. Rockstar hat noch die Kritik, dass die LeA sich für einen neuen „revolutionären Antifaschismus“ starkmacht.

Support your local Bildungsprotest!

Subjektiv war es auf der heutigen Demo gegen Studiengebühren grandios. Nicht weil die Demo einen besonders tollen Ausdruck hatte, auch nicht weil sie verhältnismässig gross war, das hat nur reingespielt. Aber es macht einfach Spass, zusammen mit einer kleinen lautstarken crew so eine Demo mitzuprägen, und am meisten Spass wenn mensch die Demo dabei nicht eben ernst nimmt. Und besonders ernstnehmbar war die Demo nicht. Klar, der Anlass ist schon richtig. 585 € im Semester, fast ein Hunni im Monat, uns allen fiele besseres ein als dieses Geld den Unis zu schenken.
Aber ein paar Sachen, die da so geäussert wurden waren einfach mal bescheuert. Mein Favorit ist fast der Sprechchor „Das Ergebnis dieser Wahlen, wir wollen nicht für Bildung zahlen.“ Die letzten Wahlen waren ein Erfolg für die FDP, die ist zwar gegen das Rauchverbot, aber sicher nicht gegen Studiengebühren. Inhaltlich katastrophal, aber immerhin nur von wenigen getragen, war das Transpi mit der Aufschrift „Elite = Hartz IV?“. Davon abgesehen, dass „Elite“ in dieser Gesellschaft den Anspruch ausdrückt besonders konkurrenzgeil und rücksichtslos zu sein, impliziert das Transpi auch, dass ALG II für die nicht-Elite durchaus OK und angemessen ist.
Sauer an der Demomoderation sind mir vor allem die Situationen vor der Staatskanzlei und bei der Abschlusskundgebung aufgestossen: Ein Vorredner plärrt via Mikro immer wieder „Auf die Knie! Auf die Knie!“, was die meisten der Studis auch machten. Das ganze sollte eine Synchron-Aufsteh-Choreografie einleiten. Egal zu welchem Zweck, dass sich 2-3000 Leute auf Befehl vor die Staatskanzlei knien spricht nicht für ihre Intelligenz, und etwas vergleichbares habe ich davor bei Demos auch noch nicht erlebt.
Aber, wie gesagt, es ist durchaus gelungen, die Demo ein Stück weit mitzuprägen, und vielleicht ein paar Studis auch etwas zu vermitteln: Es wird zwar selten (ausser von Zecken wie uns) ausgesprochen, aber Studieren hat ausser bei ganz grossen Streber_innen immer auch den Zweck, die Mühlen der Lohnarbeit ein wenig später zu betreten – absolut legitim, und vor diesem Hintergrund sind auch Parolen wie „Für Deutschland keinen Finger krumm! 60 Semester Minimum!“ oder „Wir bleiben unserm Motte treu – Asozial und arbeitscheu!“ auf eine gewisse, nicht immer nur positive, Resonanz bei den Studis gestossen. Wenn Schule oder Studium als eine teilweise Auszeit von einer Vollzeit-Lohnarbeit gesehen wird, macht es übrigens auch Sinn sich darüber Gedanken zu machen wie diese Auszeit konkret aussieht – G8 oder Gesamtschule, Magister- oder Bachelorstudiengang, um jetzt mal bei den ganz gebildeten zu bleiben.
Unter den inhaltlichen Inputs von linksradikaler Seite wurde aber die altbewährte Parole „Bildung für alle, sonst gibts Krawalle!“ am besten aufgegriffen. Durchaus logisch, auf einer Demo unter dem Motte „Kick it like Hessen!“ Dort haben die Studis kluge Dinge getan, wie Bundesstrassen, Autobahnen oder Univerwaltungen besetzen. Der so aufgebaute öffentliche Druck hat in der Auseinandersetzung sicher nicht geschadet.
Aber zurück nach München – wir hatten durchaus Spass, und haben auch als Mini-haufen ein bisschen was rübergebracht. Die nächste Gelegenheit dazu kommt bald – am 12.11 ist Bundesweiter Schulstreik, auch in München sind Aktionen geplant. Nichts wie hin!