Tag-Archiv für 'jugendgewalt'

Zum Urteil gegen Serkan und Spyridon

München, in der Nacht vom 17. auf den 18 April 1999:

Eine […]-Gruppe aus zehn [Männern] und zwei [Frauen] greift in der Münchner Ringseisstraße einen Mann und eine Frau an. Die [Täter_innen] stoßen den Mann zu Boden und mißhandeln ihn mit Tritten ihrer Stahlkappenstiefel an Kopf und Oberkörper. Er wird dabei lebensgefährlich verletzt und muss mit einem Bruch der äußeren Stirnhöhle schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht werden. Die Frau wird ebenfalls zu Boden gestoßen, wobei sie sich das Handgelenk bricht.

Anklagen wegen versuchtem Mord oder Totschlag gab es damals nicht (nur Verurteilungen wegen Körperverletzung), niemand forderte die Ausweisung der Täter, es gab keine Debatte über Gewaltkriminalität oder bestimmte Gruppen von Täter_innen. Noch nicht einmal ein besonderes Presseecho. Anders als Spyridon und Serkan, die diese Tage allenthalben in der Presse vorgeführt werden, hatten die damaligen Täter einen besonderen Bonus: Sie waren deutsche Neonazis. Und deutsche Täter_innen, die sind der Öffentlichkeit nicht fremd genug, vor allem wenn sie auf linke junge Menschen losgehen. Und problematisieren dass es Nazis waren? Dazu müsste mensch ja zugeben dass es sowas gibt, und das vertrug sich damals nicht mit der gutbürgerlichen Befindlichkeit. Dass das heute, fast 10 Jahre später, trotz dem Antifa Sommertheater und der Entwicklung von pseudo-Antifaschismus als neuer Staatsräson, wesentlich anders wäre darf bezweifelt werden.
Ganz anders bei Serkan und Spyridon. Die sind zwar in München aufgewachsen1, waren aber „fremd“ genug für mehrere rassistische Kampagnen. An dem Fall konnte sich mal wieder der deutsche Alltagsrassismus selber bestätigen, rechte Populisten ziehen sich daran hoch (und gerieren sich gleichzeitig als verfolgte Unschuld). In diesem Klima holen dann auch Staatsanwaltschaft und Gericht die ganz schweren Hämmer raus, und kommen auf gar keine andere Idee als die Tat als „versuchten Mord“ zu verfolgen, und 12 und 8 1/2 Jahre zu verhängen. Dass Gerichte, wenn sie wollen, immer anders können beweist nicht nur der Fall aus München, sondern auch ein aktuelles Urteil aus Thüringen. Dort ist ein Nazi, der 2003 einen Punk umgebracht hat, zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Der Richter: „Die Tat hat bei ihm einen heilsamen Schock ausgelöst.“
Hier geht es nicht darum, härtere Strafen für Faschos zu fordern. Hier geht es darum zu zeigen, dass die hiesige Gerichtspraxis, allen hehren Ansprüchen von „Gewaltenteilung“ und „Unabhängigkeit der Gerichte“ zum Trotz, ein gesellschaftliches und politisches Klima widerspiegelt. Und das ist geprägt von einem krassen Rassismus und dem Glauben, jedes soziale Problem repressiv bewältigen zu können.

Nachtrag:

Das Münchner Landgericht hat einen Beweisantrag der Verteidigung abgelehnt. Die Verteidiger des 21-jährigen Angeklagten Serkan A. hatten beantragt, erneut in die Beweisaufnahme einzutreten und Zeugen zu laden. Das Opfer des Überfalls könnte die Täter durch eine rassistische Äußerung provoziert haben, erklärte Verteidiger Michael Gallus.

Serkan hatte ausgesagt, nach der Beschimpfung des 76-Jährigen als „deutsches Schwein“ habe der Mann beim Aussteigen aus der U-Bahn gesagt: „Ihr seid das Volk, das hier Probleme macht.“ Ein ehemaliger Schüler könne möglicherweise bestätigen, dass der pensionierte Lehrer auch in der Schule eine rassistische Äußerung gemacht habe, sagte Verteidiger Gallus. Staatsanwalt Laurent Lafleur warf dem Anwalt eine absolute Unverfrorenheit und „besonders niederträchtige Art der Verteidigung“ vor. (FAZ)

Die Frage, ob das Opfer die Täter rassistisch beleidigt hat oder nicht ist durchaus relevant, sowohl für den konkreten Fall, als auch für die politische Debatte die sich daran entzündet hat. Gerichtsarbeit ist immer auch Inszenierung, und dieses Mal sollte ein brutaler, deutschfeindlicher Mordversuch herauskommen. Da hätten Hinweise auf rassistische Äusserungen von seiten des Opfers nur gestört, auch ohne dass sie auf einmal den Tritt gegen seinen Kopf als ok erscheinen lassen. An der Inszenierung arbeitete nicht nur das Gericht mit, durch Ablehnen des Beweisantrages, sondern auch die Staatsanwaltschaft. Die bezeichnet ganz normale Arbeit auf Seiten der Verteidigung auf einmal als „besonders niederträchtig“ – wird hier doch das Bild des guten, unschuldigen, deutschen Opfers beschmutzt.

Nachtrag II: Hier schreibe ich darüber, dass eine geringere Strafe durchaus drin gewesen wäre, was nochmal unterstreicht dass so ein hartes Urteil auch als Ergebnis der gesellscahftlichen Stimmungsmache zu verstehen ist.

  1. Anders als die Faschos von der Vinzenzmurr Bande, von denen die meisten aus dem Osten kamen. Aber wesentlicher als ihre Herkunft ist, dass sie sich in München ungestört Strukturen aufbauen konnten. [zurück]

Mixed picks #3

عبد القادر (Abdel Kader) dokumentiert einen rassistischen Artikel aus dem antideutschen Käseblatt Prodomo, den Schorsch dann weiter zerpflückt. Endlich braucht mensch nicht mehr die Deutsche Stimme, um zu lesen welch fieser Rassismus von Türken und Arabern gegen Deutsche ausgeübt wird.

Waiting kritisiert fundiert die sog. „Patientenverfügungen“ und beschreibt, was der „Abbruch ärztlicher Massnahmen“ im Einzelfall heissen kann: „Sie konnte also schlucken. Sie wurde nicht mehr mit dem Löffel ernährt, weil der Pflegeaufwand zu hoch war, um das ganz nüchtern zu sagen. Die ärztliche Behandlung, die Magensonde, die man dann anschließend abbrechen konnte, war eigentlich schon Ausdruck schlechter Pflege.

Die Nigerianische Botschaft in Deutschland hat sich zur zentralen Abschiebe-agentur entwickelt. Unterstützt die Kampagne dagegen mit einem Protestfax.

Seit den Newrozfeiern sind einige Jugendliche die sich beteiligten in türkischer Haft, sie sind massiver Folter ausgesetzt und von medizinischer Versorgung abgeschnitten. Infos über einen krassen Fall findet ihr hier. Verbreitet das weiter, und überlegt euch Soli-aktionen, z.B. ein Protestfax an die türkische Botschaft.

Gefährliche Orte: Wohnungen und Bierzelte

Andersdeutsch hat einen Taz-Artikel verlinkt, in dem erklärt wird wie die zu Zeit so heiss diskutierte Jugendgewalt funktioniert, er geht dabei aber auch auf häusliche Gewalt ein:

Wenn in unseren Wohnungen Partner oder Kinder misshandelt werden, geschieht das nicht einmalig wie im Münchner U-Bahnhof, sondern wöchentlich und jahrelang, nur dass keine Überwachungskamera das Geschehen aufzeichnet. Die Folgen für die Opfer sind mitunter ebenso schlimm. Eine schnelle, erfolgreiche Ermittlung durch die Polizei bleibt aus, ebenso die öffentliche Anteilnahme an den Opfern. Tötungsdelikte, schwere Körperverletzung, sexuelle Nötigung, Missbrauch jeder Art geschehen meist nicht in dunklen Gassen, Parks oder U-Bahnhöfen. Tatort Nummer eins ist das traute Heim. Nur weil diese alltägliche Gewaltausübung meist unsichtbar bleibt, erscheint das Überwachungskamerabild vom Karatekick gegen den Münchner Rentner, erscheint die Gewalt der Straße als derart schockierend und unvorstellbar.

(Siehe dazu auch Lysis) Insgesamt ein lesenswerter Artikel, der mich auf einen Umstand aufmerksam gemacht hat – München ist was Ignoranz gegenüber bestimmten Gewaltforman angeht einen Schritt weiter, hier wird auch die sehr öffentliche Gewalt auf der Wiesn mit einem Achselzucken hingenommen. Kein Vergleich mit dem Tamtam, der in der letzten Wochen über die gehäuften U-Bahn Schlägereien gemacht wurde. Aus dem Bullenbericht über die Wiesn 20051:

Besonders positiv fällt die Bilanz im Bereich der Körperverletzung und gefährlichen Körperverletzung aus. Waren dort letztes Jahr noch 351 Körperverletzungen (davon 130 gefährliche Körperverletzungen) bekannt geworden, so wurden dieses Jahr 248 (davon 106 gefährliche Körperverletzungen) von der Wiesnpolizei bearbeitet.

Aber das ist bayerische Art, das auch mal härter hingelangt wird, das ist doch keinen Skandal wert. Wofür sind Masskrüge denn da?

Peter Gauleiter hat die rassistische Kampagne von CDU bis NPD, von Bild bis SZ, fast verpennt, jetzt findet er dass „Deutschland in der Münchner U-Bahn verteidigt wird“. Zu Hoffen bleibt, dass sich die Recken der CSU und ihres nächsten Koalitionspartners das nicht zu Herzen nehmen. Ansonsten brauche ich beim Fahren mit der Münchner U-Bahn keine Verteidigung durch irgendwen. Höchstens zur Wiesnzeit.

p.s.: X wiesn free youth! X

  1. Die Abschlussberichtre 06 und 07 waren nicht auffindbar, in dem von 2004 wurden die Zahlen nicht mal erwähnt. [zurück]