„Die Popularität gewinnt der Islamismus primär als soziale und nicht als religiöse Bewegung.“ schreibt die Antifa AK in ihrem Aufruf für die Aktivittäten gegen den anti-Islam Kongress im Herbst. Damit beschreiben sie kein Alleinstellungsmerkmal des politischen Islam:
Der abgrundtiefe Hass der chinesischen Bauern und Arbeiter auf die korrupt-despotischen Behörden verbindet sich ganz offensichtlich mit volksreligiösen Vorstelluingen, die den Weg zur sozialen Befreiung in eine säkularisierte Variante der buddhistisch-taoistischen Inkarnationslehre entrückt haben (Falun Gong). In Indien führen die drei wichtigsten Sozialbewegungen – Die Bewegung der „Unberührbaren“ (dalit), die Frauenbewegung und die „Kasten“-Bewegung der Naxaliten – einen erbitterten Kampf gegen den religiösen Fundamentalismus der Hindus (hindutva) und den in den Slum-Gürteln Bombays verankerten ethnopolitishcen Säuberungswahn der neofaschistischen Shiv-Sena-Bewegung. Wandern wir in den Slum Cities des Südens etwas weiter nach Westen, dann stossen wir auf die Hochburgen des islamischen Fundamentalismus, der die kommunistischen Traditionen der inzwischen weitgehend vom Land vertriebenen Fellachen und Handwerker marginalisiert hat. Vieles, was on dort zu uns dringt, klingt wohl vertraut, und aus den islamisch religiös verbrämten Strukturen von sozialer Selbsthilfe liessen sich sehr wohl emanzipatorische Perspektiven ableiten – wenn sie nicht mit den barbarischen Körperstrafen der Sharia und einer archaischen Erniedrigung der Frauen kombiniert wären, die Subsistenzarbeit als gefangene Haussklavinnen ihrer Männer und Söhne verrichten müssten.
Wandern wir noch ein Stück weiter, um einen möglichst vollständigen Überblick zu gewinnen, der auch die proletarischen Bewusstseinskonstellationen ausserhalb Ost-, Süd- und Westasieans berücksichtigt. Dabei stossen wir bald auf die weltweit grösste soziale Selbstorganisation der neuen Unterklassen, die allein in Lateinamerika und im subsaharischen Afrika über 100 millionen Anhänger hat: Die Pfingstgemeinden. Auch sie praktizieren Solidarität und Selbsthilfe im alltäglichen Überlebenskampf und bewahren ihre Kinder vor den traumatisierenden Folgen des Vegetierens auf der Strasse. Zusätzlich erlangen die getthoisierten und und erniedrigten Menschen in den adventistischen Riten ihre Würde wieder, un in religiöser Verzückung warten sie auf den Tag am Ende der geschichtlichen Zeit, wo derr heilige Geist seine tausendjährige Herrschafft errichtet und das soziale Elend aus der Welt schafft.
Damit sind wir schon fast am Ende unseres Rundgangs durch die Tempel der neuen Heilshüter der globalen Unterklassen angelangt. Wir sollten aber nicht zu erwähnen vergessen, dass auch die polnischen Bergleute und Eisenbahner noch immer tief von ihrer nbationalen Katholizität durchdrungen sind und gerade deshalb nicht zu begreifen vermögen, warum sie von den postsozialistisch gewendeten Eliten ein zweites Mal verhöhnt werden.
Aus: Karl Heinz Roth, Der Zustand der Welt, Gegen-Perpsektiven. S. 67 der Printausgabe.
Am gestrigen Donnerstag war der Münchner Stopp der Infotour zu den Aktivitäten gegen den rassistischen Anti-Islam Kongress. Der Vortrag selber war sehr faktenreich und lang, dafür aber wenig analytisch. Das war allerdings erst die zweite von vielen Infoveranstaltungen, ich würde mal davon ausgehen dass die Infotourleute ausgehend von den ersten Erfahrungen das Konzept nochmal umstellen – in eurer Stadt dürfte es spannender werden.
Kontrovers wurde es gegen Ende des Vortrags, beim Abschnitt Gegenaktivitäten und um die Frage wie sinnvoll es sei, auch die Formulierung„gegen Islamismus“ im Demonstrationsmotto zu haben. Die drei Pole in der Diskussion waren grob folgende:
Ich bin selber Moslem, ich sehe keinen Islamismus in Deutschland, das wurde nach dem 11.9.01 von den Medien aufgebauscht. Ihr wollt doch nur mehr Leute ziehen.
Islamischer Fundamentalismus ist der BRD absolut marginal. Dass dieser Fundamentalismus zu kritisieren ist, ist unbestritten. Christlicher Fundamentalismus gewinnt mehr und mehr an Boden, siehe Kreationismus und „Intelligent Design“. Aus linksradikaler Sicht ist jede Religion zu kritisieren und anzugreifen. so lange die Linke die Stärke dazu nicht hat dürfen ruhig z.B. Moscheen gebaut werden. Nach Liebknecht steht der Hauptfeind im eigenen Land, als Angehörige der Mehrheitsgesellschafft sollten wir vor allem diese in den Fokus unserer Kritik nehmen. Ein Aufrufmotto „gegen Religion“ wäre angebrachter gewesen. Mit „Islamismus“ übernehmen wir einen Kampfbegriff der Gegenseite. Wir lassen uns in diesem Fall die Themen von der Gegenseite diktieren, in anderen Fällen, z.B. Jugenkriminalität, lassen wir uns nicht auf die Inhalte unserer Gegner_innen ein.
Wie Nationalismus und Rassismus spaltet Religion Menschen in Gruppen. Es ist an der Zeit, dass die Linke einen Begriff von „Islamismus“ entwickelt. Der Begriff selber ist zwar problematisch und unklar, eben deshalb ist eine Diskussion wichtig, dahinter verbergen sich aber konkret antiemanzipatorische Bestrebungen. Es gibt durchaus islamistische Bestrebungen in der BRD, siehe z.B. die Hamburger Moschee aus deren Umfeld zwei Attentäter des 9.11.01 kamen. Die radikale Linke hat sehr wohl eine Praxis gegen christlichen Fundamentalismus, z.B. gegen den Kirchentag in Köln. „Gegen Islamismus“ im Aufrufmotto ist auch historisch zu verstehen, bei vorherigen Demos in Köln hatte der DGB mit dem Spruch „Ja zur Moschee!“ aufgerufen – für linksradikale ein klares no-go, davon muss mensch sich abgrenzen.
Um hier nicht den Anschein von Objektivität zu erwecken – ich selber bin der zweiten Position am nächsten.
Beim rekapitulieren fällt mir auf: Die in der zweiten Position geäusserte Kritik bezog sich auf das, was die Gegenaktivitäten erwartungsgemäss nach aussen tragen. Gegenargumente in Position drei bezogen sich z.T. auf die Konferenz – „Einen Begriff finden, einen Umgang entwickeln“ – also auf innerlinke Prozesse die im Rahmen dieser Mobilisierung stattfinden sollen.
Auf die Konferenz wurde in der Diskussion nicht mehr eingegangen. Die Kritk an dieser war den meisten Anwesenden wohl entweder nicht präsent oder sie wurde nicht geteilt. Und spät wars auch.
Das Programm des Antifa-Kongresses (HP)zu den Themen Islamismus, antimuslimischer Rassismus bzw. Islamophobie und Rechtspopulismus liest sich ganz spannend. Mobilisierungen gegen Moscheebauten sind europaweit zu einem wichtigen Agititationsfeld von Kräften aus CDU/CSU bis zu Nazis geworden, dass darüber ein weiterer Austausch stattfindet ist überfällig.
Der Kongress scheint verschiedene Standpunkte zu Religionskritik, Kritik an Kulturalismus, Kritik am politischen Islam, Fragen zu mehr oder weniger kritischem Universalismus, etc. pp. Es gibt Raum für Kritik an Religionen, für Kritik am „Islam an sich“ sowie am politschen Islam. Was meiner Meinung nach fehlt, ist eine Auseinandersetzung mit der einem konkreten politischen Akteur in der BRD, der staatlichenTürkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB). Dieser angeschlossen sind, nach eigenen Angaben, über 880 der ca. 2500 Moscheevereine in der BRD, also mehr als ein drittel. Die geplante Moschee in Köln-Ehrenfeld ist ein direktes DITIB-Projekt, die in München-Sendling geplante wird von einem DITIB angeschlossenenem Moscheeverein gebaut, während die Moscheeprojekte in Berlin-Heinersdorf und Frankfurt nichts mit DITIB zu tun haben. Zumindest in München spielt auch die Kritik an der nationalistischen Indoktrination, die durch DITIB betrieben wird eine gewisse Rolle in der Propagande, die eine Bürgerini gegen das Moscheebauvorhaben ins Feld führt.
Kein ganz unwesentlicher Akteur also. Gleichzeitig gibt es in der türkischen-kurdischen Exillinken schon seit Jahrzehnten eine kritische Auseinandersetzung mit der Politik, die DITIB verfolgt. Eine_n kungige_n Refernt_in aufzurteiben dürfte also nicht schwer sein, sieht mensch mal von den üblichen Vorbehalten gegen diese Zusammenhänge ab (zu altbacken, zu antiimpig, schlechte Musik).
Es dürfte auch leichter sein, eine vernünftige politische Kritik an einem konkreten politischen Akteur zu formulieren, als einem verschwurbelten Ideengebäude wie einer Religion.
Recommended reading zum Thema:
Wendy schreibt über einen kulturalistischen Rassisten, der sich auf dem Abschlusspodium ausbreiten darf.
Bei cosmoproletarian solidarity findet ihr einen Artikel über die Ermordung eine TKP Aktivistin im Jahre 1979. Hier wird kurz gestreift, dass es lange Zeit deutsche Politik war, rechtskonservative und faschistische türkische Exilgruppen und Moscheevereine zu fördern, um linken und progressiven Exilgruppen das Wasser abzugraben.