Tag-Archiv für 'homophobie'

Workshop zu Sex, äh Homophobie in der Linken

Der eingerückte, englischsprachige Teil beschreibt ziemlich exlizit einvernehmlichen Sex. Wer so deutliche Darstellungen nicht mag, liest nach der Einrückung weiter.

He paused before entering me, his cock almost but not quite touching my pussy. „Do you want this?“ he asked, breathily, and waited.

Well, that’s a silly question; I was naked on the bed in front of him, face down ass up and spreading myself open for him, and thirty seconds previous I had been sucking his cock. And it could pass for just dirty talk, blending in rather seamlessly with less consequential questions about do I like his big cock and am I a naughty little slut.

But I liked it because it showed beautifully how easy, and how crucial, explicit enthusiastic consent is.

[…]

I could have said yes. I could have said no. I could have said „hang on, let’s talk.“ I had power over what would happen to me.

[…]

Consent isn‘t just an ugly little prerequisite to sexiness. Consent, breathed out in an „oh yes, oh please yes,“ is in itself sexy.

(pervocracy) Vollkommen absurd, den Bericht zu einem workshop über Homophobie in der Linken auf dem Ladyfest mit hetero-Porno einzuläuten. Was das soll, erkläre ich weiter unten, zunächst zum Workshop:

Der Referent präsentierte einen Überblick darüber was Homophobie ist (inklusive einer Kritik an dem Begriff), über verschiedene homophobe Ideologiefragmente in diversen Linken (Weimarer-Republik Kommies, die die SA schwul finden, Kommies die Homosexualität als kapitalistische Dekadenz abtun). Weiter gings mit einer Beschreibung von Homophobie bzw. Heteronormativität in der heutigen linksradikalen Szene. Weniger ausführlich findet ihr die Beobachtungen auch in diesem Radio-Interview (via). Ich würde den Vortrag grob so zusammenfassen: In der Linken gibt es ein gewisses Bewusstsein was Sexismus und Homophobie angeht, offen homophobe Äusserungen sind eher selten. Wenn sich wer homophob äussert, geht die Person oft davon aus dass eh keine Schwulen in der Nähe sind die sich angesprochen fühlen könnten. Umgekehrt sind manche Genoss_innen in ihrem Redeverhalten extra vorsichtig, wenn sie wissentlich nicht in einer reinen hetero-Runde sitzen. Häufiger als offene, ablehnende Homophobie in der Linken sind Stereotype und Nicht-wissen. In der Diskussion wurde noch benannt, dass das Anstarren schmusender Männer auch eine eher ungemütliche Atmosphäre schafft. Insgesamt ist ein linksradikaler Rahmen nicht einladend für ein coming-out, viele suchen sich dafür ein anderes Umfeld. Und bleiben dann auch von der Szene weg.

In der Diskussion wurde bemängelt, dass der Vortrag nur über die Situation von Männern ging – eine Schwäche, die dem Referenten durchaus bewusst war. Eine lebhafte Diskusssion kam leider nicht zustande – meiner Meinung nach auch deshalb, weil sich die provokant gemeinten Thesen dann doch zu schlüssig und logisch aus dem Vortrag ergaben. Eine davon will ich hier vorstellen:
Heterosexistische Stereotype sind in der Linken präsent, weil es zwar einen linken Diskurs über Sexismus gibt, aber keinen über Sexualität. Unsere Aufklärung holen wir uns, mangels Alternativen, dann doch in Hollywood oder bei Pornos – und lernen dabei den ganzen Mainstream-Scheiss. Früher (die 68er Jahre) hat es mehr linke Auseinandersetzung mit Sexualität gegeben. Da war dann auch viel sexistischer Scheiss dabei, aber immerhin gab es irgendeine Auseinandersetzung.

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich noch zitiere oder schon den Gedanken weiterspinne, wenn ich schreibe dass linker Antisexismus, wie er derzeit praktiziert wird, einer Auseinandersetzung mit Sexualität im Wege steht – nicht weil linker Antisexismus dem Inhalt nach lustfeindlich oder so was wäre, sondern weil die Praxis mit Fettnäpfchen vermeiden und Nichts-falsches-sagen anfängt. Dieses Nichts-falsches-sagen hat einen sinnvollen Kern, nämlich einen sensiblen Umgang mit Äusserungen die anderen zu nahe gehen können. Nichts-falsches-sagen ist aber auch das einfachste antisexistische Lippenbekenntnis für alle, die eine ernsthafte Reflektion vermeiden wollen.

Es gibt noch andere, gute und schlechte Gründe für ein Unbehagen mit linken Sexualitätsdiskursen: Abgrenzung vom Reden über „befreite Sexualität“ und ähnlichem Kommune-1 Quatsch, keine Lust darauf sich von der eh schon anspruchsvollen Szene auch noch da reinreden zu lassen, sich die Beziehung als Rückzugsort vor der anstrengenden Polit-Posse zu erhalten und natürlich die schiere Peinlichkeit, die an dem ganzen Thema dranhängt.

Wie ein Rahmen für solche Diskussionen aussehen könnte wäre ein eigenes Thema. Ein Anfang wären mehr gute Texte dazu im linken Diskurs, mit den entprechenden Diskussionen darüber was in diesem Zusammenhang „gut“ heisst. Ein andere Anfang wäre ein anonymer oder vertraulicher, geschützter Rahmen für direkte Gespräche und einen kollektiven Reflektionsprozess.

Um zu guter Letzt zu erklären, was jetzt der Einstiegsporno in diesem Beitrag soll: Das Zustimmungskonzept wurde in der Diskussion beim workhop als ein praktischer Zugang zu Sexualität erwähnt, spontan viel mir dazu der obige pervocrazy-Artikel ein auf den kurz davor via classless (und etwas herumklicken) gestossen bin. Das Zitat am Anfang ist nicht als Provo gedacht, sondern als Frage: Was ist ok, was ist sagbar in einem linkem Rahmen/Medium? Warum, warum nicht? Braucht es mit solchen Texten einen anderen Umgang als mit Kochrezepten? Will überhaupt irgendwer im politischen Rahmen über Sexualität lesen oder gar reden? Ich bin gespannt auf weitere Fragen.

Backstage: Zeit für Reue

Das Backstage hats nicht leicht. Immer wieder wird der Club kritisiert, weil dort Künstler_innen wie Frei Wild oder Sizzla auftreten. Am letzten Freitag reagierte der Gebeutelte Club endlich auf die Kritik mit einer Podiumsdiskussion zum Thema Homophobie, im Anschluss ein Konzert von T.O.K..
Das Blog Medium, polemisch wie immer, fragte im Vorfeld wieviel Bullshit eigentlich Backstgebetreiber Hans Georg Stocker gefrühstückt hat: Nach der Diskussion spielte eine Band, die für Texte wie „Jeder Schwule sollte tot auf dem Boden liegen“ bekannt ist. Schlimm, wie mit anonymer Hetze aus dem Internet mit freier Meinungsäusserung umgegangen wurde. Jetzt, da endlich mal darüber geredet wurde, ist ja alles geklärt. Medium jedenfalls entschuldigt sich für die Gemeine Hetze:

Liebe Backstage-Besucher,
Liebe Backstage-Betreiber,

hiermit möchte ich mich öffentlich und in aller Form entschuldigen. Ich habe einen Fehler gemacht, nein, ich habe sogar viele Fehler gemacht, als ich dem Backstage unterstellt habe, dass dort homophobe, sexistische und gelegentlich auch rechtsoffene Bands auftreten und als ich diesen Bands vorgeworfen habe sie wären homophob, sexistisch und/oder rechtsoffen.

Die Öffentliche und mit der kleinen Notiz auf eurer Homepage total gut beworbene Diskussionsveranstaltung „Homophobie in der Reggae-Musik“ hat mich überzeugt, dass ihr es alle nur gut meint, und niemand homophob oder irgendwie anders doof ist, und dass der differenzierte und freundschaftliche Dialog unglaublich wichtig ist, und das wir uns alle doch einfach lieb haben sollten und uns über unsere Deutsche Meinungsfreiheit freuen sollten, weil sonst wär ja alles wie so um 1940 oder wann das war.

[…]

Lieber Zündfunk- und Podiumsdiskussionsmoderator,
Danke! Danke dass du nicht den einfachen und so langweilig wie gängigen Weg als neutraler Moderator gewählt hast, sondern uns einen Einblick gewährt hast in die große kulturelle Kenntnis, die du bei deinen Urlaubsreisen in Jamaika gewonnen hast.
Danke, dass du uns deutlich erörtert hast, dass die Jamaikanische Gesellschaft, nein, dass der Jamaikaner an sich halt einfach etwas homophob ist, und das dieser eindeutige kulturelle Umstand halt mal dazu führen kann, dass dem einen oder anderen Musiker aus der Region mal so ein homophober Song so aus Versehen rausrutschen kann.

Weiterlesen.

Homophobie als Wahlkampfschlager

Die Münchner Fascho-Liste „Pro München“ auf ihrer Homepage:

In der Wahlkampfausgabe von PRO München steht folgender Satz, gegen den die Stadt München Strafantrag gestellt hat: „Nicht länger sollen in der Öffentlichkeit provozierend auftretende Schwule, Perverse und Abartige als Vorbilder Kindern und Jugendlichen vorgehalten werden.“ Viele Homosexuelle haben eine ähnliche Meinung. Provozierendes Auftreten in der Öffentlichkeit fördert nicht, sondern bekämpft die Akzeptanz der Homosexuellen in der Gesellschaft.

Also: an einem homophoben Übergriff sind die „provozierenden Abartigen“ schuld, nie die Täter_innen. Das ist die Logik, nach der diese Faschos behaupten, Gewalt abzulehnen – indem einfach alles, was dem bornierten Hausverstand zuwider ist, zur Provokation erklärt wird.

Quelle: hxxp://www.promuenchen.com/aktuelles/Presse.html wie stets – keine directlinks zu faschos, deshalb die xx durch tt ersetzen. Eventuell nach untern scrollen, wenn der Beitrag schon älter ist

Nachtrag: Bei Aida und auf queer.de steht ein kleines bisschen was zur Strafanzeige. Aus irgendeinem Grund ist die die homophobe Hetze einiger Nazis Anlass, in der Kommentarspalte über „die Islamisierung“ zu diskutieren.