Tag-Archiv für 'geschichte'

Garmisch-Partenkirchener Geschichtsaufarbeitung

Medium darüber, wie Garmisch-Partenkirchen, Austragungsort der olympischen Winterspiele 36, einen Nazi damit betraut die Ortsgeschichte im NS aufzuarbeiten. Genauso siehts da auch aus.

Mittenwald: Sag zum Abschied leise Servus

Zum letzten Mal wird dieses Jahr grösser gegen das Pfingsttreffen der Gebrirgsjäger in Mittenwald mobilisiert. Seitdem 2002 zum ersten Mal grösser in dem abgegelegenem Bergkaff gegen das Nazi- und Militärevent protestiert wurde, ist Mittenwald zwischenzeitlich zu einem Antifa-Pflichttermin avanciert. Gerade weil die Mobilisierung etwas abgeklungen ist, ist es um so wichtiger dieses Jahr an Pfingsten für einen fulminanten Abschied zu sorgen, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Gründe gegen das Treffen gibt es sowieso:

Seit mehr als 50 Jahren treffen sich jährlich zu Pfingsten greise Gebirgsjäger-Kameraden der Wehrmacht im Schulterschluss mit ihren Bundeswehrnachfolgern im bayerischen Mittenwald. Trotz der stark rückläufigen Teilnehmerzahl ist es die letzte größere soldatische Feier Deutschlands. Von einer Bundeswehrkapelle begleitet, findet unter den Fahnen revisionistischer und faschistischer Organisationen – u.a. der Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger – ein ökumenischer Feldgottesdienst statt. Man gedenkt unterschiedslos aller „Opfer“ des Zweiten Weltkrieges, seien es deutsche Gebirgsjäger, Soldaten der Alliierten, so genannte „Vertriebene“, Angehörige der Mussolini-treuen „Divisione Monterosa“ oder in Afghanistan gestorbene Bundeswehrsoldaten. Mit Ansprachen bayerischer Politprominenz versichert die Zivilgesellschaft der Bundeswehr, dass man nach wie vor hinter ihr stehe und stolz auf sie sei. Hochrangige Militärs fordern Kampfbereitschaft und Kriegseinsätze zur Sicherung „deutscher Interessen“ weltweit. Antisemitische Ausfälle gegen Überlebende der Shoah begleiten die Veranstaltung. Die von Gebirgsjäger-Einheiten in ganz Europa verübten Kriegsverbrechen und Zerstörungen während des Zweiten Weltkrieges werden vom Kameradenkreis dagegen bis heute geleugnet. Lediglich zwei Massaker werden inzwischen eingestanden: die Ermordung von 317 ZivilistInnen im nordgriechischen Kommeno sowie die Erschießung von circa 4000 entwaffneten italienischen Soldaten auf der griechischen Insel Kephallonia.
[…]
Der Kameradenkreis bewährte sich Zeit seines Bestehens als Selbsthilfevereinigung für Kriegsverbrecher. Schon 1952 hieß es: Ziel der Organisation sei es, Einsatz und Hilfe „für unsere Kriegsverurteilten, für unsere in Haft zurückgehaltenen Kameraden“ zu leisten. Man schuf eigens einen Ausschuss für rechtliche Fragen, der von Paul Bauer geleitet wurde. Einer der Bewunderer Bauers und dessen Nachfolger in einigen Funktionen war Rechtsanwalt Gerhart Klamert. Vor einigen Jahren Vizepräsident, ist er heute im Ältestenrat des Kameradenkreises tätig. Über Kephallonia schrieb er revisionistische Artikel, das Militärgericht in La Spezia bezeichnete er als „Sondergericht à la Freisler“, womit er es mit dem nationalsozialistischen „Volksgerichtshof“ und seinem Präsidenten, dem berüchtigsten Scharfrichter des Deutschen Reichs, gleichsetzte. Als Rechtsanwalt verteidigt er derzeit das Kameradenkreis-Mitglied Josef Scheungraber aus Ottobrunn. Der Wehrmachtsoffizier wurde im September 2006 in Italien wegen eines Massakers in Falzano di Cortona (bei Arezzo) zu lebenslanger Haft verurteilt.

(Aus dem Aufruf 2007).

Auch unter antimilitaristischen Vorzeichen ist Mittenwald ein lohnendes Ziel, die „Armee im Einsatz“ Bundeswehr braucht die Soldaten der Wehrmacht als Vorbilder dafür, wie so ein richtiger Krieger zu sein hat, weshalb die Traditionspflege am hohen Brendten vom Bund unterstützt wird. Die Organisator_innen der diesjährigen Proteste schreiben in ihrem Aufruf:

Die Verdrängung der Verbrechen, die Auslöschung der Erinnerung an die Opfer und die Straflosigkeit der Täter ist die Voraussetzung für den Militarismus von heute. Die deutsche Justiz hat zum einen praktisch niemanden für die Massaker der Gebirgsjäger verurteilt. Deutsche Täter hatten im Nachkriegsdeutschland nichts zu befürchten. Zum anderen weigert sich die Bundesregierung bis heute, die Opfer oder deren Angehörige von SS-und Wehrmachtsmassakern in Italien und Griechenland zu entschädigen. Nun reichte die Bunderegierung sogar gegen rechtskräftige Urteile italienischer und griechischer Gerichte, die Deutschland zu Entschädigungszahlungen verpflichten, Klage vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag ein. Dabei beruft sie sich auf die Staatenimmunität. In einer Zeit, in der die Bundeswehr, darunter zahlreiche Einheiten der Gebirgsjäger, weltweit Krieg führt, ist es offenbar notwendig, den Militärs juristisch den Rücken frei zu halten. Denn seit Mitte der 1990er Jahre kämpfen Gebirgsjäger in der Bundeswehr als Bestandteil der Krisenreaktionskräfte und des Kommandos „Spezialkräfte“ an zahlreichen Kriegsschauplätzen. Auch die Kriege der Gegenwart sind ohne Mord, Vergewaltigung und Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung nicht denkbar.

Dabei ist das Soldatentreffen im Ort keineswegs ungern gesehen, wie im diesjährigem Aufrun herausgearbeitet wird:

Mittenwald steht exemplarisch für die Verquickung von deutschem Militär, Kirche und Gesellschaft. Wie einst die Wehrmacht, ist heute die Bundeswehr der größte Arbeitgeber im Ort. Die gesamte Stadt ist mit ihrer politischen, ökonomischen und sozialen Struktur auf das Engste mit dem Militär verbunden. Das schafft Loyalitäten mit Mördern und Kriegsverbrechern, die schwerer wiegen als die offenkundig zu abstrakt gebliebene politisch-moralische Verpflichtung, sich mit deren Opfern auseinander zu setzen und dieser zu gedenken.

Entsprechend grüsste die Mittenwalder Zivilgesellschaft die antifaschistischen Demonstrationen gerne mal mit dem Hitlergruss, oder treibt sich mit Hakenkreuzanstecker am Hut zwischen den Bullen am Wegesrand herum, Passant_innen finden dass wir alle mit dem Schürhaken erschlagen werden sollten. Der krasseste Fall ist dabei sicherlich der Ladenbesitzer, der den KZ-Überlebenden Ernst GRube mit den Worten bedachte, „dich hat man vergessen zu vergasen.“ Mittenwald steht eben stolz zu seiner Geschichte.

In dieses Wespennest wurde seit 2002 alljährlich gestochen, und das durchaus mit Erfolg. Seit kurzem findet das Treffen nicht mehr an Pfingsten statt, sondern zwei Wochen vorher – der Pfingsttourismus leidet spürbar unter den Protesten, weshalb die Stadt Druck auf den Kameradenkreis ausübt, die Treffen zu verlegen. Ohne den gewünschten Erfolg, wir gehen weiter an Pfingsten dahin, eben dann wenns wehtut.
Auch dank der nervigen Präsenz von Antifaschist_innen ist die Teilnehmerzahl von 5000 (2001) auf 300 dieses Jahr gesunken, last not least haben die Proteste dazu beigetragen, dass der Kriegsverbrecher und Ottobrunner Ehrenbürger Scheungraber vor Gericht gestellt wurde.

Für erlebnisorientierte Genoss_innen hat Mittenwald sicherlich keine riots zu bieten, die Demos hier waren in all den Jahren immer noch mehr Polizeifestspiele als sonst in Bayern. Aber es finden sich immer genug einheimische Pöbelnazis, um 2-3 Geisterbahnen zu bestücken. Klingt absurd, ist aber so: Die Hackfressen mal live zu sehen ist die Reise schon wert.

Dieses letzte Mal wird es darum gehen, in Mittenwald einen dauerhaften Eindruck zu hinterlassen:

Gemeinsam mit Überlebenden der nationalsozialistischen Besatzungs- und Vernichtungspolitik werden wir der Stadt deshalb in diesem Jahr ein bleibendes Denkmal übergeben, einen „Stein des Anstoßes“, der die Auseinandersetzung mit den Kriegsverbrechen am Standort der 1. Gebirgsjägerdivision in den Ort tragen und befördern soll.

Wir dürfen gespannt sein wie das konkret aussieht. Das weitere Programm dieses Jahr:

10.00 – 13.00 Uhr
Zeitzeugenveranstaltung

Maurice Cling, Paris,
Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz, Überlebender des Todesmarsches von Auschwitz über Dachau nach Mittenwald (Kurzbiographie).

Max Tzwangue, Paris,
Resistance-Kämpfer der FTP-MOI (Francs-tireurs et partisans – Main-d’Oeuvre Immigrée), Amicale Liberte-Carmagnole, Paris (Kurzbiografie).

Marcella de Negri, Mailand,
Tochter des auf Kephallonia von Gebirgsjägern ermordeten Hauptmanns Cap. Francesco De Negri.

Shlomo Venezia, Rom,
Überlebender des Sonderkommandos im Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (angefragt).

13 – 14 Uhr
Konzert | Esther Bejarano mit Coincidence und Microphone Mafia

… spielen aus dem gemeinsamen Album „Per la vita“, das Ende April erscheinen wird. Das Album entstand zusammen mit der Familie Bejarano. Esther Bejarano ist zusammen mit Anita Lasker Wallfisch die letzte bekannte Überlebende des Mädchenorchesters von Ausschwitz.
Die Microphone Mafia mach seit 10 Jahren Hip-Hop und tourt in den kommenden Monaten unter dem Motto La Resistance durch die Städte.

Das Konzert wird unterstützt durch das „Auschwitz-Komitee in der
Bundesrepublik Deutschland e.V.“

15 Uhr | Rathaus
Demonstration
Entschädigung aller NS-Opfer! Keine Straffreiheit für Kriegsverbrecher!
Die militaristische Traditionspflege der Gebirgsjäger angreifen!

Ab 16 Uhr
Mahnwache „Ein Denkmal für Mittenwald“ auf dem Obermarkt.

Es gäbe viel mehr zu Mittenwald zu sagen, z.B. die Entstehung des Labels „Antifa Bike Punx“. Siehe dazu die alte Kampagnenseite, sowie die noch ältere Kampagnenseite, und natürlich indymedia. Einen sachlichen Mobilisierungsartikel für dieses Jahr gibts bei Luzi-M, inklusive der letzten Vorfeldaktionen. Vor allem aber: Hinfahren!

der gute Nazi von Nangking

Ein Artikel in der aktuellen Hinterland nimmt den Mythos um John Rabe, der derzeit in so stark gepflegt wird, auseinander. Lesenswert.

Es geht durch die Welt ein Geflüster

Kürzlich wurde im Marat der Film „es geht durch die Welt ein Geflüster“, in dem aktive der münchner Räterepublik zu Wort kommen, gezeigt, dieser Artikel ist eine grobe Beschreibung des Films und ein Zusammenfassung einiger Statements aus der Diskussion danach. Weil ich nicht mitgeschrieben habe ist das alles etwas unvollständig und ungenau.

Die im Film interviewten Menschen waren zur Zeit der Räterevolution zwischen 12 und 17, sie waren überwiegend in sozialisitschen, kommunisitschen oder syndikalitischen Zusammenhängen organisert. Fast alle der interviewten waren auch nach der Räterevolution noch politisch aktiv, sie sind nicht nur Überlebende der brutalen Niederschlagung derRäterevolution sondern auch der Verfolgung durch die Nazis.
In dem Film berichten sie von der sozialen Situation während des Weltkrieges, vor allem aber von ihren Eindrücken von der Räterevolution und von der Niederschlagung durch die weissen. Insbesondere die Kämpfe am Stachus und im „roten Giesing“ im Mai 1919 werden sehr detailliert geschildert, ebenso die Massenerschiessungen mit denen sich die weissen an den Kämpfer_innen der Roten Armee rächten.

In der Diskussion mit zwei der Macher_innen des Films äusserten diese ihr Bedauern darüber, zu spät angefangen zu haben: Als sie 1988 die Interviews drehten, konnten sich viele der Interviewten nicht mehr an eigentlich spannende Details erinnern – Wie funktionierte die Organisierung der sehr jungen Leute damals? Was wurde auf den Plena geredet? Wie war die Rolle von Frauen in der Räterevolution, insbesondere in der roten Armee? Auch war es schwierig, mit den hochbetagten Genoss_innen eine Diskussion über die autonome Politik der 80er zu führen.
Eine Motivation, Überlebende der Räterevolution zu fragen, war auch die Auseinandersetzung mit dem bewaffneten Kampf. In den 80ern gab es mit RAF und RZ bewaffnete Gruppen, ausserdem gab es massenmilitante Auseindersetzungen vor allem in der Anti-AKW Bewegung. Was hatten Genoss_innen, die unter anderen Bedingungn gekämpft hatten, zu erzählen?

In der Diskussion, die zum Teil etwas anstrengend war weil einzelne Beiträge langatmig, dafür aber ohne Themenbezug waren wurden u.a. folgende Thesen geäussert.
Die entscheidende Spaltlinie verlief in der Räterevolution nicht zwischen USPD, Kommies und Anarchist_innen, sondern an der Frage des Krieges. Die gleiche Fraktion in der SPD, die auch den ersten Weltkrieg unterstützt hatte, war gegen eine weitreichende Revolution und holte Schlussendlich die weissen nach Bayern. Die These war weiter, das eine ähnliche Unterscheidung auch heute aktuell sei – zwischen denen, die ihre Metropolenprivilegien militärisch (oder grenzpolizeilich? – meine Interpretation) abgesichert haben wollen, und denen die soziale Rechte für alle wollen.
Ein Plakat von damals, das auch ausgestellt wurde, trug die Aufschrift „Wir fordern den Kommunismus! (das bedeutet: Alles für alle.)“ – eine der besseren Demoparolen die es so gibt stammt wohl dirket von der Münchner Räterevolution. By the way, hat das wer geknipst?
Viele Errungenschaften, wie das Frauenwahlrecht oder die Abschaffung des Gesinderechts (das Hausangestellte in vielen Punkten ihren Bossen schutzlos auslieferte) stammen aus dieser kurzen Zeit.
Der antikommunisitsch aufgeladene Antisemitismus wurde massgeblich in dieser Zeit propagiert, das Phantasma von der „jüdisch-bolschewistschen“ Weltverschwörung bezog sich im Anfang direkt auf Politiker_innen wie Kurt Eisner oder Gustav Landauer. Massgeblich propagiert wurde es von der Thulegesellschaft, die auch an der Niederschlagung der Räterepublik beteiligt war.
Einige der Überlebenden wurden, z.T. nach KZ-Haft unter den Nazis, auch noch in der BRD verfolgt und sassen auch in der Nachkriegszeit als Kommunist_innen in deutschen Knästen. In den späten 80er Jahren war diese Verfolgung noch so präsent, dass manche nicht mit Klarnahmen im Film vorkommen wollten.

Insgesamt ein spannender Abend, und eine gute Diskussion an der trotz nerviger Einlagen viele Leute lange teilnahmen. Im Laufe des Abends klang auch an, demnächst ein Veranstaltung mit Christina Haug zu machen, die kürzlich ein Buch über die Rolle von Frauen in der Räterevolution geschrieben hat, zu machen. Auch das dürfte interessant werden.

Lesenswertes zum Scheungraber-Prozess

Seit dem 15.09 läuft vor dem Amtsgericht München der Prozess gegen Josef Scheungraber, der als Offizier der Gebirgsjäger 1944 in Italien ein Massaker an 14 Zivilist_innen befehligt hat, und dafür auch schon vom Militärgericht in La Spezia verurteilt wurde.
Hintergründe des Verfahrens findet ihr bei Aida, sowie in diesem indymedia Artikel. Bei indymedia werden auch die drei Verteidiger des alten NS-Mörders beschrieben:

osef S. wird von drei Anwälten verteidigt, die alle Kontakte zur rechtsextremen Szene haben: Thesen, Stünkel und Goebel.
Goebel arbeitet als Anwalt für die Nazi-Organisation „Stille Hilfe“ und verteidigte schon den Holocaust-Leugner David Irving. Der Rechtsanwalt Stünkel aus Jena vertritt regelmäßig Neonazis in Sachsen-Anhalt. Thesen ist Oberstleutnant der Reserve, hat schon unter Scheungraber gedient und schreibt Leserbriefe für die Junge Freiheit.
Letzterer stellte für seinen Mandanten den Beweisantrag den Bundeswehroberst Klaus Hammel als „militärhistorischen Sachverständigen“ vor Gericht zu hören, da nur ein Mann der selbst gedient habe, diese komplizierten Fragen der Kriegsführung beurteilen könne.
Ob dieser Antrag angenommen wird, hat das Gericht noch nicht entschieden.
Hammel, der heute Autor der Jungen Freiheit ist, soll vor Gericht darlegen, dass Scheungraber als Täter nicht in Frage kommt.

Goebel mit seinen Kontakten zur „Stillen Hilfe“ wird in diesem SZ-Artikel nochmal genauer beleuchtet. Neben Staranwälten der rechten Szene, bei denen icht so ganz klar ist wer die eigentlich zahlt, kann sich Scheungraber auch auf den Rückhalt des „Kameradenkreises Gebirgstruppe“ verlassen, dem er angehört. Nicht zuletzt wegen dieser Funktion als Selbsthilfegruppe für Kriegsverbrecher läuft seit 2002 eine Kampagne gegen die alljährliche Gebirgsjägertreffen in Mittenwald.
Der einzige Überlebende des Massakers, der damals 15 jährige Gino M., sagte am 7.10 aus. Pressebericht dazu finden sich in der SZ und in der jungen Welt.
Die Kampagne „Keine Ruhe!“ hat eine umfangreiche, und stets aktualisierte, Linkliste zum Thema.
Die Vergangenheit des Ottobrunner Ehrenbürgers Scheungraber wurde immer wieder von antifaschistischer Seite theamtisiert. 2007 gab es eine kurze Kundgebung auf dem Weg nach Mittenwald, sowie eine Antifademo (Bericht 1, Bericht 2). Noch sitzt Scheungraber in Ottobrunn fest im Sattel, als Reaktion auf all die negative Publicity gab der Ottobrunner CSU-Bürgermeister Thomas Loderer eine Ehrenerklärung für Scheungraber ab. Von anderen Aktionen in Scheungrabers Wohnort, wie z.B. Sprüherein an seinem Haus oder auch an dem von Loderer, ist derzeit noch nichts bekannt.
Die Unterstützung für Scheungraber reicht von seinem CSU-Bürgermeister über den Kameradenkreis und seine als Nazi-Verteidger erprobten Anwälte bis ins Spektrum der „Autonomen Nationalisten“ München, deren Kader (das Fussvolk steht wohl nicht so gerne früh auf) dem alten Nazi-Kriegsverbrecher bei seinen Prozessterminen die Ehre erweisen. Für die münchner AN ist Scheungraber Vertreter der von ihnen glorifizierten Tätergeneration, im Vernichtungskrieg der Wehrmacht sehen sie einen Kampf für die „Freiheit und die Zukunft ihrer Nachfahren.“ Gleichzeitig bietet ihnen dieser Prozess eine seltene Gelegenheit, die Wahnvorstellung von der ach so harten Siegerjustiz zu bedienen. Angesichts der Amnestien und der jahrzehntelangen Verschleppung der Verfahren durch die bundesdeutsche Justiz, angesichts eines gesellschaftlichen Klimas in dem sich die Täter von einst geborgen fühlen können, müssen Nazis Prozesse in denen tatsächlich mal einer der ihren auf der Anklagebank sitzt suchen wie die Nadel im Heuhaufen.
Die AN München und die restliche Fascho-Baggage mobilisieren für den 15.11 zu einem Aufmarsch zum sog. Heldengedenktag (den emsige Antifas übrigens komplett einmachen werden), dabei geht es ihnen um den positiven Bezug zu genau solchen NS-Mördern wie Scheungraber. Beide Themen verknüpft zu behandeln böte sich daher an.

Eine kleine gute Nachricht

Die Lettow-Vorbeck-Straße in Fürstenfeldbruck wurde umbenannt, damit erinnert eine Strasse weniger an einen deutschen Kolonialschlächter. Die Initiative dazu kam interessanterweise von einem CSU-Bürgermeister, der das „das alte, leidige Thema beenden“ wollte. Wer nervt gewinnt!

Traditionpflege

Zur Motivation deutscher Soldaten für Gewaltoperationen im Ausland knüpft die Bundeswehr-Führung an Wehrmachts-Traditionen an.

So bringt es german foreign policy (gfp) auf den Punkt (ein Teil des Berichtes ist auch bei waiting zitiert), Anlass für den Bericht ist die Einweihung eines deutschen Soldatenfriedhofs in Lettland unter Beteiligung hoher Bundeswehr-chargen.
Damit diese Traditionen „anknüpfbar“ sind, muss das Bild von der sauberen Wehrmacht gezeichnet werden, wozu u.a. Traditionstreffen dienen. Zu diesem Bild gehört die Leugnung und Relativierung der Verbrechen der Wehrmacht, und der Bezug auf Stauffenberg und Co. Von Geschichtsbewussten Antifas wird dagegen seit Jahren (wieder) verstärkt interveniert, diese Praxis hat durchaus das Potential nachhaltig am Bild der Bundeswehr zu kratzen – das Verteidigungsminister Jung in Mittenwald explizit auf die Vorwürfe gegen die historische Gebirgstruppe und ihren Kameradenkreis eingeht, zeigt eine gewisse Defensive:

Fast zeitgleich mit dem Auftritt des Generalinspekteurs in Riga besuchte Verteidigungsminister Franz Josef Jung die Einheiten der deutschen Gebirgstruppe im bayerischen Mittenwald. Nach Auskunft eines CDU-Bundestagsabgeordneten legte er dabei „ein klares Bekenntnis zum alljährlichen Pfingsttreffen der Gebirgstruppe auf dem Hohen Brendten ab“; der Minister halte die Feier keineswegs für „eine Kriegsverbrecher-Veranstaltung, sondern (für) eine Versöhnungsfeier mit internationalen Teilnehmern“

Neben Mittenwald ist auch das Ulrichsbergtreffen im Kärntner Klagenfurt Angriffspunkt einer langfristigen Kampagne, ausserdem gab es eine punktuelle Intervention gegen ein Fallschirmjägertreffen auf Maleme, und die FAU-München hat in Regensburg ein lohnendes Ziel ausgemacht. Alles Beispiele aus dem Süden, wer Beispiele aus andern Teilen der BRD kent – gerne ergänzen.
Der gfp Artikel weist auf die Bedeutung von Kriegsgräbern und den Diskursen, die mit diesen verknüpft sind hin, auch in Osteuropa:

Die populäre Ehrerbietung für die Lettische Legion, die im Ausland regelmäßig auf Proteste stößt, wird vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bis heute genährt: Er führt alljährlich Besuchsfahrten zum SS-Friedhof in Lestene durch. Kritik daran weist er energisch zurück. Die Proteste würden „von Funktionären gesteuert“, „Altkommunisten“, „die versuchen, das Thema Kriegsgräberfürsorge politisch auszunutzen“, sagte kürzlich der Präsident der Organisation, Reinhard Führer. „Schwierigkeiten“ dieser Art habe man vor allem „in einigen Bereichen Russlands, in Weißrussland und Tschechien“.[6] In diesen Staaten widersetzen sich bis heute weite Teile der Bevölkerung sowohl deutschen Hegemonialplänen als auch der Umdeutung der NS-Geschichte.

Wieso nicht mal versuchen, in Zusammenarbeit mit tschechischen Antifas da was zu machen?

„Ihr sads a gscheit..“

Ein eher untypischer Bürger aus Klagenfurt/Celovec, bei einem Infostand gegen das Ulrichsbergtreffen von u.a. SS-Veteranen, dass alljährlich in Kärnten/Koroska stattfindet:

Ich war immer auf eurer Seite, der Seite der Jugend, aber wieso müsst ihr immer diese Vergangenheit hochkochen? Das tut den Leuten, die das noch miterlebt haben doch weh! Bei jedem Anliegen bin ich auf eurer Seite, der Seite der Jugend, aber das …? Ihr sads doch a gscheit, erfindets doch was … zum Beispiel Tierschutz! Da wärn die Leute auf eure Seite!

Diese Leier wiederholte er ziemlich oft, in durchaus freundlichem Ton und immun gegen inhaltliche Einwände.

Ausstellung über Auschwitz Prozess in München

Zu Zeit ist im Münchner Justizpalast eine Ausstellung über den Ausschwitz-Prozess in Frankfurt, der im Zeitraum 1963 – 1965 geführt wurde. Der Prozess wurde gegen 20 SS-Angehörige geführt, die im Vernichtungslager Ausschwitz gemordet haben. Einige der Täter wurden freigesprochen, fast alle (oder alle) die verurteilt wurden (zum grössten Teil lebenslänglich) wurden vorzeitig aus der Haft entlassen. Die Austellung ist noch bis zum 27.07, und ich empfehle allen hinzugehen.
Den inhaltlichen Kern der Ausstellung bilden Portaits von 6 Tätern, dazu unten mehr. Zusätzlich gibt es einen Geschichtlichen Überblick über die Zeit des NS. Ein Teil der Ausstellung beschreibt das Zustandekommen des Prozesses, hier wird deutlich dass die Bundesdeutsche Justiz nur sehr träge die Verfolgung der NS Täter aufnahm. Ein weiterer Teil der Ausstellung befasst sich mit der Darstellung des Prozesses in der Literatur, den meisten Raum nimmt hier „Die Ermittlung“ von Peter Weiss ein. Aber auch andere Schriftsteller und ihre Auseinandersetzung mit dem Thema werden vorgestellt, darunter Paul Celan, Hannah Arendt, Theodor Adorno, Günther Grass und Martin Walser.
Die Austellung ist umfangreich, 3-4 Stunden kann mensch damit verbringen und das lohnt sich auch. Zumindest mir war es irgendwann zu viel und zu heavy, zur kompletten Austellung kann ich deshalb noch nichts schreiben. Ich möchte aber an dieser Stelle die Darstellung der Auschwitz Überlebenden, die als Zeugen aussagten, kritisieren. Die Portraitierung der 6 dargestellten Täter folgt etwa der Chronologir der Ereignisse, bzw. dem Ablauf des Gerichtsverfahrens. Eingeleitet wird sie jeweils von einem Lebenslauf, in dem besonders die politische und militärische Karriere beschrieben wird, die Zeit in Auschwitz dabei in besonderem Detail, sowie die Zeit zwischen Kriegsende und Prozessbeginn. Ab da folgt die Darstellung in der Regel dem Protokoll des Strafprozesses: Auszüge aus der Anklageschrift, bzw. dem Antrag auf U-Haft, z.T. aus Briefen des jeweiligen Täters aus dieser U-Haft, Auszüge aus den Einlassungen und Vernehmungen des Täters. Das nächste Drittel der Darstellung greift die Beweisaufnahme auf, hier sind Auszüge aus Zeugenaussagen abgedruckt, die meisten von Überlebenden Häftlingen. Im letzten Drittel eines jeden Portraits sind Auszüge aus den Plädoyers von Verteidigung, Staatsanwalt, ggf. Vertretung der Nebenkläger_innen, sowie aus dem letzten Wort des Täters und der Urteilsbegründung nachzulesen.
Dazu laufen in Endlosschleife Tonbandaufnahmen aus dem Prozess, etwa von Aussagen des jeweiligen Täters oder von Zeug_innen. Durch die Aussagen der Täter zieht sich eine Selbstdarstellung als Opfer wie ein roter Faden. Mir ist es am stärksten nahe gegangen, zu hören wie Überlebende über die Lager und über ihre Peiniger berichten.
Dadurch, dass sich die Darstellung so eng am Protokoll des Strafprozesses orientiert werden diese Zeug_innen zu Statist_innen degradiert. Mensch kann sich von einigen der Tätern, der beteiligten Juristen oder der Dolmetscherin ein Bild machen. Die persönlichen Geschichten derer, die in Auschwitz gelitten haben kommen nur so weit vor, wie sie Gegenstand des Verfahrens waren. Die Belastung, unter den Augen der Täter von einst aussagen zu müssen, zum Teil von diesen ausgelacht oder verspottet zu werden, wird nur angedeutet. Damit ist die Ausstellung eine Selbstdarstellung bundesdeutscher Justiz, die Perspektiven Verfolgter werden ausgeblendet.

Nazi Geisterbahn light

Ich war grad ein paar Tage in Garmisch Partenkirchen, das ist in der Nähe von Mittenwald. Und fast so schlimm. Neben der grauenvollen Lüftlmalerei, 2 wahrhaft eklige Impressionen:
* Am Skistadion ist eine Tafel angebracht, die Auskunft über die Geschichte dieses, in typischer Fascho-Bautradition pseudo-antik gehaltenen, Baus gibt. Da wird berichtet, wie ’34 der Bau für die Olympiade ’36 begonnen hat, ohne eine Silbe zu dieser NS Propagandeshow zu verlieren. Geschichtlicher Kontext wird nur in einer Passage erwähnt: „Nachdem Deutschland den II. Weltkrieg angefangen hatte, verlor Garmisch Partenkirchen den Zuschlag für die Winterspiele 1940.“
* In der Fussgängerzone ist eine Dekoladen. Neben den hässlichsten Gardinen der Welt sind in der Auslage 2 alte, gemalte Farbposter: Eines zeigt eine blonden mit Olympioten, das Haupt stolz emporgereckt, und ist mit dem Schriftzug „Olympische Winterspiele 1936″ versehen. Ein anderes kommt ohne Schrift aus: Vor malerischer Bergkulisse wehen zwei Fahnen mit den Olympischen Ringen im Wind. Jeweils zu dreivierteln von den Olympiafahnen verdeckt, knallen aus dem Bild die roten Ränder von zwei Hakenkreuzfahnen hervor.
Obwohl die Hakenkreuzfahnen nicht voll im Bild sind, und von den Hakenkreuzen nur äusserste Ecken zu sehen, springen sie einem Betrachter sofort durch das knallige rot auf dem eher blau gehaltenem Bild ins Auge. Sie vermitteln eine enge Verbundenheit von Sportsgeist und Nazitum, dass die Halenkreuzgahnen nich tim Vordergrund stehen verstärkt diesen Effekt eher – und ist der Grund dafür, dass das Bild öffentlich gezeigt werden darf, und als werbepsychologisch effektives Bild weiterwirkt. Dass beide Propagandabilder so prominent ausgestellt werden ist aber auch ein Indiz dafür, dass in diesem Kaff – und in solchen Nestern funktioniert soziale Kontrolle noch – sich niemand drum schert.