Tag-Archiv für 'diskussion'

Drang nach formaler Trennung?

Die ARAB kritisiert UmsGanze, Hyman Roth die Anarchist_innen von Fernweh, für UmsGanze reagiert die Bremer Basisgruppe Antifaschiusmus – einer der wenigen Post-Antifagruppen die offen zu ihrem Leninismus steht – und die Anarcho@s auch und ein Teil davon wird von rhizom und anthraxit aufgegriffen. Ich dokumentiere ein Gespräch, das nie stattgefunden hat:

Arab:
Um es vorneweg zu sagen: Selbstverständlich sehen wir das Herumtragen von Fotos historischer Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung nicht als besonders sinnvolle Angelegenheit. Die eigene Ohnmacht für einen Moment vergessen zu können, indem man den Holzprügel umklammert, auf dem das Bild Maos klebt, scheint uns auch keine sonderlich zielführende Strategie gegen ebendieselbe Ohnmacht zu sein.

Fernweh:
Genauso würde ich, wenn ich die Wahl hätte, nie meine Zeit damit verschwenden arbeiten zu gehen, also meine Lebenszeit in ein paar Münzen einzutauschen. Acht Stunden am Tag immer wieder das selbe zu machen, hinter einer Supermarkt-Kasse zu sitzen, irgendwelche „Kunden“ zu bedienen, oder am Computerbildschirm zu hängen.

UmsGanze
Gerade die antiautoritäre radikale Linke hat kaum Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Fragen und Möglichkeiten eines revolutionären Umsturzes …

Fernweh:
… wir sind weder links noch politisch, wir sind Anarchist_Innen und deswegen anti-politisch …

Hyman Roth:
Politik kann es Freunden der revolutionären Unmittelbarkeit nie Recht machen, weil sie immer einer Vermittlung bedarf. Wenn man das ganze gesellschaftliche System umkrempeln will – und das eben nicht als Putschaktion von einigen ganz doll Entschlossenen und Unangepassten, sondern zusammen mit der Mehrheit, muss diese Mehrheit ja irgendwie überzeugt werden.

UmsGanze:
Wenn wir uns also auf die Klasse der Lohnabhängigen beziehen, dann weil diese (uns eingeschlossen!) wohl die meisten Gründe haben diese Verhältnisse abzuschaffen – und außerdem den übergroßen Teil der Bevölkerung dieses Planeten stellen. Aus praktischen Gründen – durch Fähigkeit zum Streiken und der damit einhergehenden materiellen Macht werden diese die alte Macht absetzen können – eine notwendige Voraussetzung für eine Überwindung der Verhältnisse.

Rhizom
Hier wird ein ziemlich merkwürdiges Verhältnis der Instrumentalisierung deutlich: Die Kommunisten haben den Willen, die Verhältnisse abzuschaffen – obgleich man nicht genau weiß, woher. Und deshalb versuchen sie die Streikmacht derjenigen auszunutzen, deren praktisches Interesse gegen diese Zustände steht. Das ist eine Perspektive, die sich dann doch in einen ziemlich starken Kontrast zu der des arbeiterbewegten Marx befindet, welcher das Für-sich-Werden der lohnabhängigen Klasse als ein politisches Projekt betrachtete, bei dem die Subalternen sich mit eigenen Mitteln aus Verhältnissen befreien, die ihnen ziemlich schlecht bekommen.

Fernweh:
Ich finde für ein Leben, in dem jeder Tag, jede Minute, ja jede Sekunde selbstbestimmt ist und nach Freiheit schmeckt, lohnt es sich zu kämpfen. Kämpfen heißt für mich Leute zu finden die diese Welt genauso scheiße finden wie ich, darüber zu reden und zusammen die Dinge, Verhaltensweisen und Personen, die verhindern, dass sich mein Leben so anfühlt wie ich es will, anzugreifen und aus meinem Leben zu vertreiben.

Anthraxit:
Ich finde, dass du, Rhizom, in deiner Kritik an der Instrumentalisiserung eine falsche Gegenüberstellung machst.
Dass der Kommunismus nur zu Stande kommt, wenn die Klasse um die richtige Kritik an diesen Verhältnissen weiss, und deswegen aus diesem Wissen heraus den Willen hat den Kommunismus zu errichten, meine ich, simmt.
Diesem Satz zuzustimmen und sich instrumentell zu dem Leuten zu stellen, als Agitationsobjekt, als notwendige Bedingung für den Kommunismus, etc. ist doch gar kein Widerspruch.
Die Leute können gleichzeitig Subjekt der Revolution und Objekt deines Interesses sein.

Fernweh:
Für Linke ist der soziale Kampf gegen Ausbeutung „politisch“ und erfordert für sie deswegen eine politische Methode des Kampfes (Demos, möglichst viele Anhänger_innen gewinnen, auf Politik einwirken…). Für uns jedoch ist er kein Programm sondern ein Kampf für die individuelle Wiederaneignung unseres Lebens. Somit ist unser sozialer Kampf von sich aus anti-politisch und zwar weil wir finden dass die Ziele schon in den Mitteln des Kampfes existieren sollten und unser Ziel eine Welt ohne Herrschaft, also auch ohne Politik, ist – Politik heißt das Treffen der Entscheidungen über unser Leben von der Ausführung dieser Entscheidungen zu trennen.

Passant:
Wie auch immer. Es ist ersichtlich, dass beide Positionen nicht auf die konkreten organisatorischen Vorschläge der Bremer UG-Gruppe eingehen (s.o.). Warum nicht? – Könnte es nicht daran liegen, dass die theoretischen Auffassungen der Basisgruppe ihrer organisatorischen Tätigkeit gar nicht vorausgesetzt sind und es daher auch keinen Übergang zwischen beiden gibt? dass der Anspruch die „neue Marxlektüre“ in die Praxis umzusetzen einfach eine Aufschneiderei ist und eine Leimrute für ihre beiden „Zielgruppen“?

Fernweh:
Das Geheimnis ist anzufangen. Alle Revolutionen waren, und werden es auch immer bleiben, am Anfang die Sache einer Minderheit. Was ebenso allen Revolutionen vorausging, und so wird es wahrscheinlich auch immer sein, sind kleinere Aufstände, spontane Explosionen der Wut.

Anthraxit:
Na­tür­lich soll­ten sich die Kom­mu­nis­ten als po­ten­ti­el­les Subjekt so­zia­ler Be­freieun be­grei­fen und ver­su­chen dafür möglichst viele Ge­nos­sen zu ge­win­nen. Das än­dert aber nichts an der Tat­sa­che, dass die meis­ten eben keine Ge­nos­sen sind.
Diese Tat­sa­che, die meis­ten Pro­le­ten sind Na­tio­na­lis­ten, Se­xis­ten, Ras­sis­ten, ist keine Ein­stel­lungs­sa­che der Kom­mu­nis­ten.
Das ist so und damit muss man um­ge­hen. Gegen die­ses fal­sche Be­wusst­sein zu agi­tie­ren wie der Ge­gen­stand­punkt ist ein Um­gang damit.

Fernweh:
Man kann „herrschende Politik“ (ebenso wie linke oder linksradikale Politik) in der Tat für vieles kritisieren und dass sie todlangweilig ist gehört für uns sicherlich dazu.

ARAB:
Kritik muss, das hat Marx von Hegel gelernt, dem Kritisierten das Scheitern am eigenen Maßstab aufzeigen.

Hyman Roth:
„Langeweile“ ist ein seltsames Kriterium. Man kann durch Analyse der Verhältnisse zum Schluss gelangen, dass einige, sehr grundsätzliche Dinge sich nicht auf parlamentarischem Wege ändern lassen, aber es ist was ganz anderes, wenn man für Revolution ist, einfach weil man brennende Barrikaden lustiger findet als ewiges Verhandeln bei irgendwelchen Gremientagungen. Es gibt Radikalität, die nach dem Prinzip „so radikal wie die Wirklichkeit“ entsteht. Dies impliziert die analytische Auseinandersetzung mit eben dieser Wirklichkeit, also auch mit „langweiligen“ Strukturen. Und es gibt die revolutionäre Romantik. Beides sollte nicht durcheinander geworfen werden.

UmsGanze:
Denn: wer eine militärisch geführte Untergrundorganisation aufbaut um einen Putsch vorzubereiten (Bolschewiki) wird auch hinterher eine solche „Revolution“ bekommen in der die Emanzipation der Einzelnen schnell auf den Sanktnimmerleinstag verschoben wird und jegliche Kritik daran als „Kinderkrankheit des Kommunismus“ (Lenin) diffamiert und bekämpft wird.

Fernweh:
Ich will zusammen mit allen Feind_innen jeglicher Autorität eine neue Welt aufbauen. Eine Welt mit echten Abenteuern, in der wir jederzeit unser Leben selber in der Hand haben.

ARAB:
Wer den gesamten „Traditionsmarxismus“ ablehnt, kann auch an den zwei „Traditonsmarxisten“ Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nichts finden. Wie sollte man deren beider unbestrittene Hoffnung auf die Arbeiterklasse als revolutionärem Subjekt auch verstehen, wenn man unter Proletariat nichts anderes versteht als den Adidashosen tragenden Volksmob, von dem man sich so weit wie möglich fernhalten sollte.

UmsGanze
Der Umkehrschluss aus der angeblichen, proletarischen Weltanschauung, war der grundsätzlich unkritische und positive Bezugspunkt auf alle Unterdrückten. Dazu ist zu sagen: die marxsche Analyse war formanalytisch. Es ging um die Frage, warum sich diese Gesellschaftsformation in diesen sozialen Formen reproduziert. Wie konnte (und kommt) es zu, der im Kapitalismus existierenden Verselbständigung („Hinter dem Rücken – aber durch die Menschen durch“) der gesellschaftlichen Herrschaft. Marx untersuchte dies zwar durchaus mit politischer Intention – trotz allem ging es vor allem um die Analyse dieser ‘verborgenen’ Mechanismen.

Anthraxit:
Ei­gent­lich ist es falsch euch eine man­geln­de He­gel­lek­tü­re vor­zuwer­fen. Das Pro­blem ist keine man­geln­de He­gel­lek­tü­re. Das Problem ist euer in­fan­til aka­de­mi­sches Dis­tink­ti­ons­be­dürf­nis. Form­ana­ly­tisch, sowas Dum­mes. Form­ana­ly­se ist die­sem Zitat nach die Frage nach dem Grund.

Rhizom:
Die behaupten, dass es Marx überhaupt nicht so sehr um den Inhalt der kapitalistischen Gesellschafts­ordnung gegangen wäre – die Ausbeutung fremder Arbeitskraft und das dafür notwendige Maß an Unterdrückung. Nein, zu tun wäre es ihm vor allem um die spezifische Form gewesen: die Warenproduktion und die hieraus resultierende Verselbständigung gesellschaftlicher Herrschaft.

ARAB:
Das Grundproblem ist also wesentlich ernster als die scheinradikalen Abgrenzungsfloskeln der „emanzipatorischen“ Kritik vermuten lassen. Es besteht darin, dass es bislang nicht gelungen ist, ein Verhältnis zur eigenen Tradition zu finden, das im Marxschen Sinne historisch-materialistich genannt werden könnte. Ein solches Herangehen „mit kritischer Kälte“ (Ernst Bloch) schließt die moralische Verurteilung von geschehenen Verbrechen nicht aus.

Fernweh:
… aber es geht uns nicht darum alles immer nur kritisieren zu wollen oder kritisch auf irgendwas einwirken zu wollen, genauso wenig wie es uns darum geht die Welt und ihre Abscheulichkeiten bis ins letzte Detail zu verstehen (siehe Marxismus), sondern darum sie anzugreifen.

Rhizom:
Und hier sind wir gleich beim nächsten Punkt, denn natürlich ist es kein Zufall, warum Adorno diesen Inhalt konsequent übersieht, warum er Begriffe prägt, die von ihm abstrahieren; ja warum sich bürgerliche Wissenschaft überhaupt an der Frage, was diese ökonomischen Formen ihrem Inhalt nach sind, so herzlich desinteressiert.
Für etwas weniger Seichtes als VWL und Politikwissenschaft bräuchte es halt eine Perspektive, die Ausbeutung und Unterdrückung (“Ökonomie” und “Politik”) vom Gesichtspunkt derjenigen aus untersucht, die als ihre Objekte ein Interesse an ihrer Überwindung haben.

UmsGanze:
Nicht, weil wir diese Auseinandersetzung für eine linke Spezialdebatte halten, sondern weil an ihr exemplarisch aufgezeigt werden kann, mit welchen Argumenten konkurrierende Strömungen um die Deutungshoheit ringen und beanspruchen zu definieren, was denn revolutionär Links sei, halten wir es für notwendig auf die ARAB zu antworten.

Anthraxit:
Die­ser Text, der eine Ant­wort auf die ARAB-​Kri­tik an Rosa&Karl, ist das sui­zi­da­le Schei­tern einer „ka­te­go­ria­len Kri­tik“, die ka­te­go­risch pa­ra­phra­siert, wo sie un­ein­ge­stan­de­ner Weise nicht über den Ge­gen­stand der Kri­tik hin­aus­kommt.

ARAB:
Wessen Anliegen aber in identitärer Selbstbestätigung liegt, wie kann der sich darüber beschweren, dass die „Anderen“ das nicht als Diskussionsangebot auffassen?

Fernweh:
In diesem Sinne, anarchistische Grüße und wir sehen uns auf den Barrikaden (auf welcher Seite der Barrikade wir dann sind dürftest du jetzt ja wissen, du musst deine Entscheidung wohl noch treffen…)

ladyfest fragt internet

Vom 23.-25. April wird das nächste Ladyfest in München stattfinden. Die Ladies stellen pro Monat eine Frage in ihrem blog, vielleicht wollen ein paar meiner Leser_innen mitdiskutieren.