Tag-Archiv für 'debatte'

Zum Makss Damage-Lied „Tötet diese antideutschen Hurensöhne!“

Eigentlich müsste es keinen Grund geben, sich hier speziell an Makss Damage und seinem Lied „Antideutsche Hurensöhne“ abzuarbeiten. Das ist so offensichtlich mieser, menschenverachtender Gangster Rap, den nur verschrobene Stalinos ohne Musikgeschmack hören können. Es gibt hunderte ähnlich miese Tracks ohne Stalinismus, die mehr gehört werden, an denen sich Kritik mehr lohnen könnte. Das genau dieses Lied vor ein paar Monaten für einen Aufreger auf diversen linken blogs gut war, liegt denn auch nicht so sehr daran dass der Text, gemessen an sonstigem deutsche Gangster Rap, besonders eklig ist, sondern daran dass sich ein paar Blogger_innen irgendwie angesprochen gefühlt haben. Eine fundierte Kritik war bei diesen Diskussionen leider die Ausnahme – der Text ist so Scheisse, das disqualifiziert sich von selbst, war wohl die Annahme von vielen die dazu geschrieben haben. Ich dachte das auch, und habe mir ein posting dazu gespart.

In den letzten Wochen trug mir mein augedehntes Spionagenetz (dass wie alle Behörden ganz schön langsam ist) zu, dass auch hier, im nördlichsten Dorf Italiens, Leute die ich für politisch zurechnungsfähig gehalten habe den youtube Link weiterempfehlen. Vermutlich stehen die entsprechenden Kandidat_innen nicht hinter jeder einzelnen Vernichtungs- oder Vergewaltigungsandrohung in dem Lied, denken sich aber „Höh höh! Das geht gegen Antideutsche! Höh höh!“

Hier findet also, dank dem beliebten Feindbild Antideutsch, reaktionäre Kackscheisse Eingang in einen gewissen linken Diskurs. Offenbar muss ein paar Genoss_innen genauer erklärt werden, warum ein Text wie dieser gar nicht geht und so ungefähr alle linken Basics über Bord wirft.

Ich würde eher Adolf Hitler, Heinrich Himmler
und Ernst Röhm als euch links nennen!

„Die historischen Nazis waren schlimm, aber ihr seid noch schlimmer“ wäre die harmloseste Lesart. Faktisch sagt Makss Damage hier, dass ihm Nazis politisch näher sind als das Feindbild der Stunde. Dass Nazis als Mass für alles schlechte herhalten, zeigt dass sie an sich kein positiver Bezug sind. Immerhin.

Wer von Euch wird ausgegrenzt und fühlt sich scheiße? […]
Die meisten Antideutschen laufen rum, mit dunklen Brillen,
so als produzieren sie heimlich Kinderpornos in ’nem Hinterhof. […]
Kauf’n sich Hero am Cotti, so wie Endi von Egotronic. […]
antideutsche Hurensöhne!

Sozialdarwinismus pur. Wenn wer schwach ist, ausgegrenzt wird, irgenwie kriminell rüberkommt, Eltern in der Sexarbeit hat oder Drogen nimmt spricht das in den Augen von Makss Damage gegen die Person die hier ausgegrenzt wird, nicht gegen die Verhältnisse. Das ist die Schulhofvariante des CDU und FDP Credos, dass die Armen an ihrer Situation selber schuld sind und gefälligst für ihre schlechte Situation zu büssen haben.

ihr kommt vorbei und kassiert alle von uns Backpfeifen.
Kifferkids packt euer Pfefferspray weg, steckt Messer ein.
Ich warne euch, ab heute wird’s für euch besser sein.

Wie wir von einem konsequenten Dicknussmacker erwarten, besingt Makss damage seine eigene Stärke und Fähigkeit die Gegener_innen zu verkloppen – gemessen an anderen Battle Tracks sogar verhältnismässig moderat. Das hat nichs mit Zurückhaltung zu tun:

… wenn wir euch platttreten wie Kids ihre Kippen […] Tötet diese antideutschen Hurensöhne! […] ich hau’ sie mit’nem Hammer tot. Trenn sie mit’ner Sichel durch. […] Tötet diese antideutschen Hurensöhne! […]

Ihm geht es nämlich nicht um Kampf, sondern um Vernichtung. Die Gegner_innen dienen nicht als Negativfolie, um die eigene Stärke zu beschwören, sie werden zu Müll erklärt und plattgetreten.

Und ich hau’ sie mit’nem Hammer tot.
Trenn sie mit’ner Sichel durch.
Fick’ erst ihre Mädchen durch!
Ist das nicht verwegen?
Fick’ dann ihre Jungs durch… Warte!
Ist das nicht ein und dasselbe bei denen?

Zur Vernichtungsphantasie gehört auch sexualisierte Gewalt. Makss Damage findet Vergewaltigung in Ordnung, zur Durchsetzung einer bestimmten Hierarchie. Umgekehrt heisst das, dass er die patriarchalen Hierarchien, die so durchgesetzt werden, auch gut findet. Die Vergewaltigungsdrohung gilt damit nicht „nur“ den Antideutschen, sondern allen Frauen und allen, die nicht als „richtige“ Männer wahrgenommen werden. Das Makss Damage auf klare Geschlechterhierarchien steht verdeutlicht auch die Zeile „Ist das nicht ein und dasselbe bei denen?“: Die angeblich fehlende Geschlechterdifferenz wird zum Makel erklärt, die antideutschen „Jungs“ werden durch die ihnen angedichetete Mädchenhaftigkeit zusätzlich abgewertet.

Dieser Text verrät mehr über den Autor, als über die „Antideutschen Hurensöhne“. Wenn es nach Maks Damage geht, oder nach irgendwem der sich in dem Text wiederfindet, sieht die Welt so aus: Brutalität ist geil. An Nazis ist irgendwas links, Kriminelle, Ausgegrenzte und Schwache sind selber schuld, das Patriarchat ist voll ok und kann mit sexualisierter Gewalt aufrechterhalten werden. Wer in dieser Ordnung als Feind erscheint, wird nicht einfach bekämpft, sondern entmenschlicht und vernichtet. Dieser Track macht Makss Damage, und die die ihn hören, nicht zu Nazis. Ein brutalisierter Sozialdarwinist ist schon schlimm genug, und zum linkssein gehört etwas mehr als „kein Nazi sein“ – davon abgesehen, dass es mindestens einen handfesteren Nazitrack von Makss Damage gibt. Durch sein restliches Schaffen höre ich mich nicht durch, dazu fehlt mir der Masochismus.

Linke Basics heissen so, weil sie das Fundament einer fortschrittlichen Weltanschauung bilden. Scheinbar sind diese Basics bei manchen dann einfach weg, wenn ein geeignetes Feindbild auftaucht: Manchmal gegenüber Nazis, hier weil es gegen die Antideutschen geht. Das ist erstmal absurd: Einmal weil orthodoxe Kommies genau dann dem Zerrbild, dass Antideutsche (vor allem die Landtideutschen) von ihnen zeichnen entsprechen wenn sie sich über diese echauffieren, ausserdem kriegen die Anti-Ds in München eh nicht mehr gebacken als sich selbst zu karikieren – wozu also die Aufregung?
Nur, wenn ein fortschrittlicher Anspruch (und jeder Musikgeschmack) weg ist, sobald ein albernes Feindbild auftaucht, ist das Problem grösser als Szeneperistaltik. Dann war der Anspruch von vornherein nicht so richtig gefestigt. Wenn ihr Linke seid und dem Kack von Makss Damage was abgewinnen konntet, habt ihr eine Hausaufgabe: Die von mir angerissenen Kritikpunkte ergänzen und weiterentwickeln. Wenn ihr die Welt zum Besseren verändern wollt, anstatt euch an absurden Feindbildern hochzuziehen, ist es das Mindeste, bei sich selbst anzufangen. Wenn euch die Feindbilder wichtiger sind, verpisst euch aus der Linken und geht zum Fussball.

P.s. Ein paar der Beiträge in linken Blogs: Abstrahieren, Im Moment vorbei, Captain Cosmus, Torsun, Willhelm Vandalism, Tous et Rien, Scheckkartenpunk, Tee, Reflexion.
Viele Beiträge blieben bei „Guckt mal, ekliges Lied“ stehen – schade, da so nur die Leute erreicht werden die die Kritk eh teilen. Und natürlich schade, dass es wenig Material für mich zum copy-pasten gab. Die fundierteste Diskussion gabs bei Analyse, Kritik und Aktion, alles Kluge über Hip Hop in diesem Artikel habe ich von Kommentatorin Maggi übernommen.

Hamburger Sektenquatsch

Was passiert, wenn sich marginale Linke lieber aneinander abarbeiten, als die Gesellschaft zu verändern? Sektenquatsch, wie diesen Winter in Hamburg. Sehr gut aufbereitet von der Spielgruppe Rantanplan (via keny).

Antiimps gegen Israelboykott!

Mir fällt spontan niemand ein, der ernsthaft für einen Boykott Israels wäre. Trotzdem will ich diesen Artikel von Workers Liberty, eine trotzkistichen Gruppe aus UK, möglichst vielen Leuten ans Herz legen. Workers Liberty entwickeln darin eine Kritik an Boykottkampagnen gegen Israel, die aus einer dezidiert Palästina-solidarischem und klassenkämpferischen Perspektive argumentiert.
Was mir gut an dem Artikel gefällt, ist dass sich die AutorInnen nicht mit Denunziation begnügen, sondern einfach schlüssig argumentieren und erklären. Dabei wird, anders als im deutschen innerlinken Diskurs, nicht primär ideologiekritisch argumentiert, sondern gefragt welche politischer Effekt erzielt wird.
Die Kernthesen im einzelnen:
Gelöst werden kann der Konflikt nur durch die Einheit der israelischen mit der palästinensischen Arbeiterklasse, entscheidend dazu ist die Haltung der Israelischen Bevölkerung. Linke sollten fortschrittliche Bewegungen in Israel unterstützen. Ein Boykott erzeugt innerhalb Israels eher eine Burgfriedensmentalität.
Boykotte funktionieren nicht, die Wirkung des Südafrikaboykotts war sehr schwach. Israel ist kein Apartheidstaat im Gegensatz zum früherem Südafrika, sondern ein Nationalstaat mit rassistisch ausgegrenzten Minderheiten, vergleichbar mit Grosbrittanien.
Viele Palästina-solidarische Linke ignorieren die vielen Angriffe anderer Staaten auf Israel, und verstehen deshalb nicht den Hintergrund vor dem sich der israelische Imperialismus entwickelte. Ausserdem wird ignoriert, dass auch andere Staaten in der Region brutal gegen die ‚Palästinenser‘ vorgegangen sind.
Akademische Boykotts sind schlimmer als Warenboykotts, weil sie die Möglichkeit nehmen Kontakte zu progressiven israelischen Student_innen und Lehrenden zu knüpfen.
Linke sind gemeinhin skeptisch, was Boykotts angeht, da sie auf Konsumentenmacht beruhen, nicht auf der Macht am Arbeitsplatz.
Es gibt definitiv schlimmere Staaten als Israel, warum nur dieser boykottiert werden soll können die Anhänger eines Boykotts meist nicht erklären. Wie sollten UK-Linke einen akademischen Boykott eben der UK machen?
Anhänger von Israel-boykotts sind oft sehr milde, wenn es um Kritik an Antisemitismus geht, genannt erden drei krasse Beispiele der SWP (Linksruck-Mamapartei).
Die stärkste Wirkung des Boykotts ist nicht der ökonomische Effekt auf Israel, sondern die Stimmung die erzeugt wird. Diese trifft dann oft lokale jüdische Gemeinden.
Soweit Workers Liberty, was mir fehlt ist ein Hinweis auf die starke Ähnlichkeit zwischen Israel-boykottaufrufen und der Nazi-Parole „kauft nicht beim Juden“. Wobei diese Assoziation in UK vielleicht nicht so stark ist. Aber insgesamt lesenswert.
Hier noch eine Ankündigung: eine Art Serie „vernünftige Antiimps dissen schlechte Antiimps“ ist in der Planung, ein_e Gastwriter_in so gut wie engagiert.
Gefunden hab ich den Artikel bei contested terrain.

Antifa heisst zweierlei Bündnispolitik

Im aktuellen AIB ist, neben einem Beitrag zur Antifa heisst … Debatte, auch ein Streitgespräch zwischen zwei Kölner Antifagruppen dokumentiert. Die eine hat sich nach der Verhinderung des rassistischen Anti-Islam Konferenz der IL angeschlossen, die andere dem Ums Ganze-Bündnis.

Das Gespräch spannt ganz gut auf, wie verschiedene Positionen zu linksradikaler Bündnispolitik aussehen können, was m.E. nach das lesenswerte daran ausmacht.
Die IL-Gruppe AKKU hat dabei auf gewaltfreie Blockaden, getragen von einem breiten Bündnis gesetzt, und sieht das auch als die richtige Heransgehensweise an:

Der 20. 9. hat gezeigt, dass so eine Bündnisorientierung total erfolgreich sein kann, weil die Bündnispartner sich politisiert und auch radikalisiert haben. Die haben letztendlich Sachen gemacht und mitgetragen, die sie am Anfang strikt abgelehnt hätten. Und letztlich waren das die Leute, die mit uns am vehementesten blockiert haben und am ehesten den Nazis den Weg nach Hause gezeigt haben. Und genau so ein Politisierungsprozess über die Organisierung von Aktionen ist durchaus auch inhaltlich. Auch das Anknüpfen an Heiligendamm oder Blockaden von Naziaufmärschen ist eine inhaltliche Aussage.

Der Antifa AK setzte eher auf eine starke Profil als radikale Linke, und würde wohl Aktionen die über gewaltfreie Blockaden hinausgehen mehr Raum einräumen:

Wir sehen aber noch ein weiteres Problem in Bündnissen mit Akteuren aus der nicht linksradikalen Ecke, welches sich auch im September ganz klar gezeigt hat, nämlich dass in solchen Bündnissen die eigenen linksradikalen Positionen häufig vollkommen verschwinden.
[…]
zum Beispiel die Verklärung des Staates zum neutralen Akteur (ziviler Ungehorsam), vonstatten geht und überhaupt keine linksradikalen Positionen mehr erscheinen. Das hat dann im Nachgang häufig zur Folge, dass die Einbindung von Leuten in die eigenen linksradikalen Strukturen gar nicht mehr möglich ist, da diese keinen Unterschied mehr darin sehen, ob sie bei Antifa, Attac oder DGB organisiert sind. […]
Wir stehen auch für die Intervention ein, wir wollen uns auch die Hände schmutzig machen, glauben aber nicht, dass das über Bündnisoptionen geschehen muss

Unteranderem kritisiert der Antifa AK die Überhöhung der gewaltfreien Blockaden zum nonplusultra der Aktionsformen, was auch schon von anderen nach dem G8 bemängelt wurde:

Es braucht eine Flexibilität in der Wahl der Mittel, die es uns ermöglicht, ohne Scheuklappen die jeweils situationsadäquate Aktionsform anzuwenden. Konkret heißt das für uns im Nachhinein trotz unserer vorherigen Skepsis anzuerkennen, dass BlockG8 wohl die angemessenste, weil massenkompatibelste und symbolisch (und wohl auch materiell) effektivste Handlungsform für die Blockadetage war. Das heißt aber auch reale Differenzen stehen zu lassen und nicht anzufangen nun zivilen Ungehorsam in militantes Agieren umzudichten wie es jetzt zum Teil (siehe Swing-Interview vom 3.07. von Knut(10)) gemacht wird, dementsprechend sollten wir die Blockaden nicht als Zielpunkt sondern als Etappe auf dem Weg zu einer radikalen Massenpraxis begreifen. Denn, nicht nur militantes Agieren kann politisch sinnvoll sein, aber eine Bewegung, in der Begriffe für konfrontatives Handeln zunehmend auf eine non-konfrontative Praxis angewendet werden, befindet sich entweder in einem Prozess der (verbalradikalen) Domestizierung, oder aber die Begriffspolitik spiegelt eine Vereinnahmungs- und Delegitimationsstrategie der Moderaten gegenüber den Radikalen wieder – wir wollen keines von beidem hoffen!

Ziemlich bescheuert äussern sich die AK Leute etwas später im Gespräch, wenn es um Religionskritik geht. Zwar behaupten sie: „Wir haben es im Aufruf sehr deutlich gemacht, dass es kein Wesen des Islams gibt, womit wir uns von allen Kulturkämpfern auch in aller Deutlichkeit verabschiedet haben.“ – aber erst nachdem sie sagen, „dass man eine allgemeine Religionskritik und eine spezifische Islamkritik vertritt“.
Was sich logisch widerspricht, wenn es den Islam an sich, bzw. „ein Wesen des Islam“, nicht gibt, und damit auch keine darin angelegte spezifische Tendenz zum Fundamentalismus geben kann, dann braucht es auch keine spezifische Islamkritik. Im Gegenteil: das herumreiten auf dem Islamismus lenkt davon ab, dass es global einen religiösen Rollback gibt, und innerhalb davon eine Stärkung von fundamentalistischen Strömungen. Das ist in der Analyse erstmal anzuerkennen, und nicht als Problem nur in den migrantischen communities zu verorten, wie es der Antifa AK tut.

p.s.: Wie immer fast den linkspam vergessen! Auch bei revolution wird etwas über das Gespräch diskutiert.

Antifa heisst: ungesunder Selbstzweck

Ein neuer Beitrag zur Antifa heisst … Debatte im AIB ist erschienen, diemal von der Berliner Gruppe TOP: Antifa heisst mehr als Boxen und Bücherlesen.
Die bislang beste Zusammenfassung der bisherigen Debatte gibt es bei mir, zarte Ansätze einer Diskussion des aktuellen Textes findet ihr beim rockstar.
Aber nun zu einer kommentierenden Zusammenfassung des TOP-Textes. TOP selbst stimmen der LEA, die den letzen Text in der Reihe vor ihnen veröffentlicht haben weitgehend zuz, so dass sie sich nur noch bemüssigt fühlen ganz grundsätzlich über Staat und Kapital aufzuklären. Damit füllen sie eine Leerstelle des LEA-Textes, indem eine allgemeine Gesellschaftskritik zwar gefordert, aber noch nichtmal skizziert wurde, ich würde erstmal unterstellen dass beide Zusammenhänge in ihrer Kritik einigermassen nahe beinander sind.
In 6 Sätzen zusammengefasst funktionieren Staat, Kapital und Faschismus laut TOP dabei so: Die einzelnen Subjekte im Kapitalismus sind der Konkurrenz untereinander ausgesetzt, diese dringt in jeden Lebensbereich. Ebenso selbstverständlich wie die kapitalistische Konkurenz ist den Subjekten dabei ihre Rolle als Staatsbürger_in. Menschen verhalten sich als Inhaber_innen allgemeiner Rechte und Pflichten zueinander, die ihnen von einem Staat zu- oder aberkannt werden, der wiederum die Funktion hat die Verwertungsbedingungen seines Kapitals herzustellen. Die Bürger_innen eines Staates sind damit eine „profane, objektive Schicksalsgemeinschaft“ und von der Fähigkeit ihres Staates abhängig sich in der Konkurenz der Standorte zu behaupten, Nationalismus ist die Reflexionsform dieses Wettbewerbes der Staaten. Faschismus ist dann ein mögliches Staatsprogramm, dass auf unmittelbare Herrschaft statt auf komplizierte Vermittlung setzt und verspricht durch schiere Willensakte das Staatsvolk vor den Unwägbarkeiten des Marktes zu schützen. Dieser Faschismus kann von Demokrat_innen nicht richtig kritisiert werden, weil sie das grundsätzliche Ziel desselben – den Erfolg der Nation – teilen.
Auch wenn die TOP erheblich mehr als 6 Sätze braucht, Ideologie kommt in ihrer Faschismusanalyse nicht vor. Patriotismus fusst bei ihnen ausschliesslich auf dem Sein als Staatsbürger_in, Rassismus wird nicht eigens erwähnt und wohl alleine aus dem Nationalismus heraus erklärt, patriarchale Zustände kommen nicht vor.
TOP machen schon klar, dass sie Antifa für sinnvoll halten, wenn sie dafür plädieren „auch jene zum Ziel der Praxis machen, die für eine Verhärtung von Staat und Gesellschaft und die Radikalisierung ihrer alltäglichen Zumutungen einstehen.“ Sie machen nicht klar, in welchen gesellschaftlichen Bereichen eine antifaschistische Intervention Sinn macht, ihre Analyse von den Bürger_innen, die ganz Ideologiefrei für ein anderes Staatsprogramm stimmen gibt da nicht viel her.
Auf strategische Überlegungen verzichtet TOP in diesem Text komplett, stattdessen bieten sie eine knackige, sehr Gegenstandspunkt-inspirierte Kritik an der Bürgerlichen Gesellschaft. Als Selbstdarstellung eines Theoriezusammenhangs ganz nett, in einer Strategiedebatte aber ziemlich deplaziert. Statt ein Gegenstandpunktsflugblatt abzutippen hätten sie mal besser ein paar praktische Konsequenzen aus dieser Analyse benannt, soweit vorhanden. Immerhin sampeln die Genoss_innen ein cooles Zitat von Brecht über Sport, hier wohl bezogen auf Antifaarbeit:

Kurz: ich bin gegen alle Bemühungen, den Sport zu einem Kulturgut zu machen, schon darum, weil ich weiß, was diese Gesellschaft mit Kulturgütern alles treibt, und der Sport dazu wirklich zu schade ist. Ich bin für den Sport, weil und solange er riskant (ungesund), unkultiviert (also nicht gesellschaftsfähig) und Selbstzweck ist.

Antifa als nicht gesellschaftsfähiger Selbstzweck, mit soviel punk kann ich gut leben. Aber hätts dafür 4 Seiten im AIB gebraucht?

Antifa heisst: ein Haufen linker basics, eine Portion Militanz, schwerpunktmässig gegen Nazis

Aktuell wird in der linken Bloggosphäre viel und hitzig über den Text „Antifa heisst radikale Gesellschaftskritik“ der Leibziger Antifagruppe LeA diskutiert, im*moment*vorbei hat dazu jede Menge links. Den Text gibt es im akutellen Antifaschistischem Infoblatt AIB, online gibt es ihn bislang wohl nur dank der Scanbemühungen von einblog (als .doc). Entstanden ist das Werk als Beitrag zur Diskussion unter dem Motto „Antifa heisst …“, die seit Sommer `07 im AIB geführt wird.
Um die Diskussion grob verkürzt zusammenzufassen: Die Kampagne NS-Verherrlichung stoppen! (NSVs!) eröffnete die Diskussion mit der These, dass die antifaschistische Praxis in der Krise ist – Rechte Grossveranstaltungen bleiben unwidersprochen, es müsse darum gehen gesellschaftlich zu intervenieren und Kräfteverhältnisse zu verschieben, eine militante Pose sei dabei oft eher im Weg. Die Bestimmung, wann und wo antifaschistisch interveniert wird, richtet sich demnach nicht nach der Frage der politischen Bedeutung eines Nazievents, sonder nach der Frage „wo was geht.“
Die Antifaschistische Linke Berlin ALB antwortet darauf mit dem Text Antifa heisst … Angriff!: Es müsse sehr wohl darum gehen, gesamtgesellschaftlich zu intervenieren – aber dazu kommt es nach Meinung der ALB darauf an, Mobilisierungsfähig zu sein, darauf dass „was geht“. Grossevents mit direktem NS-Bezug haben nach Einsachätzung der ALB weniger Bedeutung als Naziaktionen mit einem direkten Bezug zum Alltag der Leute. Antifaarbeit beinhaltet Arbeit in breiten Bündnissen, die autonome Antifa müsse dabei aber ihr eigenes Profil, die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft der Nazis entspringen, schärfen.
Die Göttinger Antifaschistische Linke international ALI argumentiert ähnlich der ALB, konkretisiert aber ein paar Punkte in ihrem Text Antifa heißt… zusammen kämpfen, auf allen Ebenen, mit allen Mitteln! Die ALI versteht sich als Teil einer Weltweiten Linken, linksradikale Antifa funktioniert nur in der Einbettung in einen breiten linksradikalen Ansatz. Bündnisse dienen nicht nur der Intervention, sondern sind selber Schauplatz gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, die Antifa kann in diese Auseinadersetzungen ihren Aktivismus und ihre Militanz als „Verhandlungsmasse“ einbringen. Wie auch die ALB sieht die ALI linke, antifaschistische Kulturarbeit als wesentlich, weiter benennen sie die Polarisierung zwischen Antideutschen und nicht-Antideutschen als klares Problem für Bündnisse und Mobilisierungen. Die Beiträge von ALI und ALB legen eher über die bestehende Praxis Rechenschaft ab, als Impulse für eine Weiterentwicklung zu geben.
Die LeA schliesslich sieht ein ganz grundlegendes Problem in der Diskussion: Die Wirksamkeit von Anti-Naziaktionen ist kein poliitscher Massstab. In den bishereigen Diskussionsbeiträgen werden die zu mobilisierenden Menschen als Manövriermasse betrachtet, nicht als Genoss_innen. Erst müsse Mensch eine Kritik an der Gesellschaft entwickeln, aus der dann auch eine Kritik an den Nazis folgt, ansonsten kommt Affirmation der bürgerlichen Gesellschaft heraus. Ohne eine solche Gundlage ist die geführte Diskussion nichts als eine Bestätigung der gewohnten Praxis, eine Entwicklung von Strategien damit sinnlos. Diese Diskussion muss von denen geführt werden, die auch praktische (Antifa-)Politik machen, eine Trennung in Theorie- und Praxisgruppen wäre falsch.

Damit, dass es für eine linke Antifaarbeit nicht darum gehen kann, Nazis nur als Abweichung vom demokratischem Normalzustand zu skandalisieren, benennen die LeAs einen wichtigen Punkt.
Meine Probleme mit dem Text fangen da an, wo sie die affirmative Haltung zur bürgerlichen Gesellschaft beklagen, die einge Antifagruppen ihrer Meinung nach einnehmen. Sie machen nämlich nirgends klar, worin präzise diese Affirmation besteht, die sie den anderen Gruppen vorwerfen. Durch die Bündnis- oder Öffentlichkeitsarbeit? Durch die Schwerpunktsetzung auf Nazis? Selber geben sie, anders als die restlichen Diskussionsteilnehmer_innen keinen einblick in ihre Praxis, und nehmen sich dadruch aus der Diskussion raus. Der Mainstream der autonomen Antifabewegung jedenfalls arbeitet zu recht vielen verschiedenen Themen, das berühmte „… mehr als gegen Nazis“ ist eben keine Floskel sondern eine Zustandsbeschreibung, diese thematische Breite ist ja auch Ausdruck einer Kritik, die die ganze Gesellschaft im Blick hat.
Auch auf theoretische Ebene lässt sich die LeA nicht so richtig in die Karten schauen, ihre Kritik an der Gesellschaft umreissen sie nicht viel genauer als ALI oder ALB. Bei mir entsteht der Eindruck, dass die LeA ein allgemeines Theorie- oder Kritikdefizit in der Antifabewegung wahrnimmt, dieses aber nicht so richtig festmachen kann. Ihr Beitrag jedenfalls ist dann auch eher moderierend als inhaltlich.
In der Frage, wie grundsätzlich die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft ist, haben aber interessanterweise alle vier Beiträge eine Leerstelle gemeinsam, nämlich dass eine emzipatorische Bewegung natürlich auch Teil dieser Gesellschaft ist, und sich entsprechend mit Hierarchien, Sexismus, Klassenverhältnissen etc. untereinander herumschlagen muss. Denn „Wer in Anspruch nimmt, linksradikale Politik zu betreiben, muss sich an linksradikalen Inhalten messen lassen“ (LeA), und die stehen halt nicht nur in Aufrufen, sondern werden gelebt, mal mehr, mal weniger.
Diese Leerstelle überrascht bei der LeA eigentlich am wenigsten, lassen sie doch ihre eigene Subjektivität am weitesten aussen vor:

Wer es mit Gesellschaftskritik ernst meint, muss die Reflexion antifaschistischer Praxis auch von diesem Standpunkt aus vornehmen. Das bedeutet, die Schädigungen, die sich aich aus dem gesellschaftlichen Prozess ergeben, zu skandalisieren und mit der Beseitigung ihrer Gründe auch die Änderung der Gesellschaft selbst ins Auge zu fassen. Das Vorkommen von Neonazis ist dafür eine praktische Hinderung und der Grund für eine reale Schädigung anderer Leute, der ohne Frage auszuräumen ist. Vernünftig ist, sich dafür geeignete Mittel zusammenzusuchen.

Was hier mit „realer Schädigung“ trocken umschrieben wird, ist ein Grund für ziemlich viel Wut, Hass und auch Angst gegenüber der Nazibagagge, wie gegenüber anderen Teilen der bürgerlichen Gesellschaft. Das auszublenden wäre dann gleich die nächste reale Schädigung – wem geht’s schon auf Dauer gut damit, sowas zu unterdrücken? Natürlich sollten wir mit dem Kopf entscheiden, was wir tun und was nicht – aber dabei eben auch so ehrlich sein und anerkennen dass wir nicht ausserhalb der Verhältnisse stehen, die wir bekämpfen.
Theoretisch am nachvollziehbarsten ist für mich noch die Kritik, dass wenn mensch in den Mobilisierungen auf taktische Erfolge gegen Nazis setzt, leicht ein ebenso taktisches Verhältnis zu den mobilisierten Mitstreiter_innen entsteht. Gleichzeitig fällt es mir schwer, diese recht abstrakt formulierte Kritik auf eine konkrete Praxis anzuwenden. Wer wird hier zu Manöviermasse, wie könnte ein anderer Umgang aussehen? Wieder mal hat die LeA nicht viel mehr zu sagen, als eine grundsätzlich kritische Haltung einzufordern.
Die Kernforderung, mehr als nur ein paar gesellschaftskritische basics abzuklären, bevor über antifaschistische Strategien oder Bündnisse geredet wird, ist nicht falsch, aber auch nicht furchtbar originell. Gleichzeitig lässt die LeA wenig über sich selbst durchblicken, der Text könnte genau so auch von einer reinen Theoriegruppe geschrieben worden sein. Damit ist es schwierig, dass was die schreiben auf eine konkrete Praxis runterzubrechen. Für mich neue Impulse für die Antifaarbeit habe ich bei der Lektüre jedenfalls nicht mitgenommen.
Um nochmal zurück zu sonstigen Debatte zu kommen, ALI, ALB und NSVs! habe in ihren Beiträgen klar gemacht, wo sie sinnvolle Schwerpunkte für Antifaarbeit sehen, und warum. Spannend wäre auch die Frage, wie verschiedene Zusammenhänge nach aussen gehende Kampagenen einerseits und Szenepflege bzw. Kulturarbeit anderseits gegeneinander gewichten, sowie die Gewichtung zwischen Antifa und anderen Politikfeldern.
Eine weiteres Thema, das sich durch die ganze Debatte zieht, ist die Mobilisierungsfähigkeit zu verschiedenen Aktionen und Themen. Interessant wäre hier, wie es verschiedene Antifazusammenhänge schaffen, oder zumindest versuchen, Leute nicht einfach zu mobilisieren, sondern in Diskussionen und Vorbereitungen aktiv miteinzubeziehen.

Um diesen langen Beitrag mal zu einem unrühmlichen Ende kommen zu lassen – ein paar der Diskussionen über den gleichen Artikel in anderen blogs waren hart bescheuert oder auch einfach nur ausufernd. Ich habe darauf keinen Bock, wenn ihr Anmerkungen habt haltet sie kurz, themenbezogen und undissig, Mit Zensur in meiner Kommentarspalte habe ich nämlich gar kein Problem.

Nachtrag – Linkspam!
Ein paar der diversen anderen Bloggosphären-Reaktionen auf den LeA-Text. Auf verschiedenen blogs – u.a. Schildkröte, Bauhaustapete und im*moment*vorbei wurde der Text nur angepriesen, bei den beiden letzten entspann sich dann eine zerfaserte, wenig ziehlführende kommentarspaltendiskussion – mir war die Zeit zu schade sie zu lesen. Rockstar hat noch die Kritik, dass die LeA sich für einen neuen „revolutionären Antifaschismus“ starkmacht.

Antifa heisst …

Letzten Herbst veröffentlichte die Kampagne NS Verherrlichung stoppen! ihren Text Antifa heisst … !, eine Kritik an der derzeit praktizierten Antifa-Arbeit. Alle organisierteren Antifas haben sich wahrscheinlich schon zehmal die Köpfe darüber heiss geredet, allen anderen will ich den Text mal ans Herz legen.

Lesetip: Doitschstunde

1990 veröffentlichte die Autonome L.u.p.u.s Gruppe den Text „Doitschstunde“, um den damals praktizierten autonomen Antifaschismus zu kritisieren. Jetzt, 18 Jahre später, treffen einige Kritikpunkte immer noch oder wieder auf aktuelle politische Trends der radikalen Linken. Für den Münchner Kontext sind vor allem zwei Gedankengänge interessant, zum einem die Kritik an der Vorstellung vom 4. Reich, zum anderem die scheinbare Symetrie zwischen Nazis und Antifas.

Derzeit redet niemand davon, dass ein 4. Reich oder eine faschistische Machtergreifung unmittelbar bevorsteht. Die Rede vom „Notstand der Republik“, den es zu verhindern gälte um das gute Deutschland der Potsdamer Verträge zu erhalten, enthält aber nach wie vor einige der Fehlanalysen, die auch schon die Rede vom 4. Reich prägten. Der Widerstand gegen besagten Notstand der Republik ist zentrales Thema des Arbeiterbundes für den Wiederaufbau der KPD und der FDJ, die beide z.B. die Kampagne gegen das neue bayerische Versammlungsrecht mitprägen. Die L.u.p.u.s. Gruppe listet einige Brüche und Tendenzen auf, ursprünglich als Belege gegen die These vom 4. Reich – sie taugen aber auch, um die Notstandsrethorik gegen den Strich zu bürsten.

Anderthalb Jahrzehnte vor Autonomen Nationalisten und ähnlichem schrieb die L.u.p.u.s. Gruppe:

Es gibt kaum ein Thema, das so voller Gegen-Rituale, inhaltlicher Umkehrungen und standardisierter Antworten ist, wie der Anti-Faschismus der letzten 10-15 Jahre (»Ausländer raus« – »Nazis raus«; »Rotfront verrecke« – »Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft«; Nazi-Embleme – Antifa-Embleme…).

Darauf aufbauend beschreiben sie, wie solch eine Praxis das falsche totalitarismustheoretische Bild von der guten Demokratie, die zwischen bösen Extremisten aufgerieben wird, bestätigt. Diese Praxis sehen sie als Symptom eines Antifaschismus, der sich …

an sich rechtfertigt. Eine historische Legitimität, die sich aus der scheinbar weltweiten Verurteilung des Nazi-Regimes ergibt, und eben nicht aus den eigenen Handlungen und Wertsetzungen.

Mit dem Verweis auf faschistische Kontinuitäten »borgen« wir uns diese historische Legitimität, anstatt sie selbst zu begründen. Eine Legitimität, die damit mehr auf das »schlechte« bürgerliche/linke Gewissen setzt, als auf die Faszination und Ausstrahlungskraft widerständischen Lebens.

Womit wir wieder bei einem dezentem Trend in der Münchner Linken wären, diesmal bei den Autonomen – der politische Anspruch ist in erster Linie antifaschistisch, und dann weitergehend linksradikal (also antikapitalistisch, antirassistisch, antisexisitsch), und nicht linksradikal und deshalb notwenigerweise auch gegen Nazis. Und, so die These der L.u.p.u.s. Gruppe, ein so bestimmter Antifaschismus funktioniert nicht.

Die L.u.p.u.s. Gruppe hat zum Teil problematische Ansichten. Über die Unterschiede zwischen Faschismus und bürgerlicher Demokratie wischen sie sehr schnell hinweg. Weiter gehen sie nicht auf die Funktion als Stichwortgeber und Anheizer ein, die Faschos im öffentlichen Diskurs haben, und seit Erscheinen des Textes (der älter ist als so manche_r Fascho) hat sich in einigen Regionen ein starke, rechte Hegemonie etabliert. In der Summe wird Faschismus nicht ernst genug genommen, und damit die Notwenidkeit von antifaschistischem Widerstand unterschätzt.
Trotz der erwähnten Fehler ist der Text in zweierlei Hinsicht lesenswert. Zum einen als „historisches Dokument“ über Diskussionen der frühen Neunziger, zum anderem als Anregung, die aktuelle politische Praxis zu reflektieren. Also ab in die Doitschstunde, der Pausengong bimmelt schon.

Die L.u.p.u.s. Gruppe reagierte in ihrem Text „Doitsch-Prüfung“ auf eine Kritik („Schneutzstunde“, nicht online verfügbar, wird aber zusammengefasst) durch einen Antifa-Zusammenhang. Da vermutlich viele die Kritik der Schneutzstunde teilen, ist die Doitsch Prüfung vielleicht auch lesenswert – ihr findet sie in dem Buch Geschichte, Rassismus und das Boot (pdf)

Nachtrag: Die „Doitsch-Stunde“ erschien auch in Buch „Drei zu Eins: Metropolengedanken und Revolution?“. Auch die beiden anderen Beiträge darin, zu den Themen Patriachat und Tripple Opression, sind lesenswert – als inhaltlich gute Texte wie als historisches Dokument der Diskussion in den frühen 90ties.

Wo Polizeihunde zur Schule gehen

Mit diesen Worten beschreibt die bayerische Bereitschaftspolizei1 die „Diensthundeschule Herzogau.“ Ausser Hunden werden in der Bullenkaserne auch die Hunderfüher_innen ausgebildet, neben ihrem Handwerk – Hunde auf Leute hetzen, Drogen finden, etc. – lernen die dort auch die Bullenhierarchie kennen. Das geht so:

Polizistinnen [sollen] bei Abschlussfeiern sexuell erniedrigt worden sein. […] Die Rede [ist] von Übergriffen auf junge Kollegen, die „Urin trinken oder aus Essensresten und Abfällen gemixte Speisen verzehren“ mussten. Vor allem Frauen seien Opfer gewesen.
Polizistinnen sollen dem Schreiben zufolge gezwungen worden sein, auf Knien Bier aus Schüsseln vom Schoß eines Ausbilders zu trinken.
Sie seien an Stachelhalsbändern auf allen vieren durch den Raum geführt worden, „mussten unter den Tisch kriechen und bellen wie ein Hund oder wurden mittels Stromstößen durch ein Elektrodressurhalsband traktiert“

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Nachtrag zur Antiamerikanismus-Veranstaltung

Wie auch in diesem Blog angekündigt, war am vergangenen Donnerstag im Antifa Cafe im Kafe Marat eine Veranstaltung über das Amerika Bild der NPD. Insbesondere im Übergang vom rechten zum linken Antiamerikanismus fand ich ein paar Sachen ärgerlich platt, inhaltlich und im Diskussionsverlauf. Für die die nicht da waren gibt es eine kleine Zusammenfassung des Vortrags, danach meine Kritik. Ziel und Zweck ist nicht, den Referenten oder andere Mitdiskutant_innen zu dissen, sondern ein paar Punkte nachzureichen die in der Diskussion nicht präsent waren.

Zugrunde lag die Antiamerikanismusdefinition von Paul Hollander. Dem Vortrag nach gibt es in Faschokreisen nicht so sehr ein geschlossenes Bild oder Stereotyp der USA, diese sind eher Projektionsfläche für den Hass auf liberale Werte und für alles was an der modernen Welt grade Scheisse gefunden wird, sei fast-food oder Multikulti. Dabei findet ein starke Verquickung mit antisemitischen Stereotypen über das Ostküstenkapital statt. Während für die NPD Antiamerikanismus derzeit ein zentraler Inhalt ist, war die zu Zeiten des Kalten Krieges überhaupt nicht der Fall. Der Referent kritiserte Antiamerikanismus als wahnhaftes Modell der Welterklärung, das aus dem Neid auf als US-amerikanisch wahrgenommene Errungenschaft folgt. Der Antiamerikanismus der NPD wurde als anschlussfähig an den Mainstream beschrieben, in diesem Zusammenhang wurde auch auf linken Antiamerikanismus hingewiesen, der gleichen Bilder bemühe – wobei der Referent sich nicht zu der These verstieg, dass jede Kritik an den USA per se antiamerikanistisch sei, vielmehr müsse geguckt werden welche Projektionen hinter der Kritik stecken. Die Mehrheitsfähigkeit des Antiamerikanismus wurde anhand von Umfragen belegt, z.B. dazu wo die Verantwortung für Kriege gesehen wird. Dabei ist mir schleierhaft, warum es ein Beleg für irrationale Projektionen sein soll, wenn viele Leute die Frage „wer trägt die Verantwortung für die meisten Kriege?“ mit USA beantworten.
Für mich den höchsten Unterhaltungswert hatte ein Foto von einem Naziaufmarsch, bei dem Faschos ein Transparent mit der Aufschrift „Deutscher Wein statt Ami-Fusel“ trugen. Insbesondere die Coca-Cola Dose die den „Amifusel“ symbolisieren sollte war ein köstlicher Anblick, bewundernswert fand ich auch wie die Transpimaler_innen die „deutschen Weinreben“ so kränklich-blass hingekriegt haben. Bei aller Beknacktheit, gleichzeitig ist das eine der unmittelbar harmlosereren Faschoparolen – der Spruch „Bockwurst statt Döner“ enthält demgegenüber eine direkte Drohung gegenüber als „südländisch“ wahrgenommenen Menschen (Um mal bei der Gastronomie zu bleiben).

Die folgende Diskussion kam nochmal auf den (vermeintlichen oder tatsächlichen) linken Antiamerikanismus zurück, als Beispiel wurde ganz allgemein die alljährliche Mobilisierung gegen die NATO-Sicherheitskonferenz in München genannt. Und hier setzt meine Kritik an – an diesem Abend wurde Antiamerikanismus als Bestandteil aktueller faschistischer Ideologie behandelt, das war ja auch das Thema. Dabei wurde aber wenig Kritik am Antiamerikanismus formuliert – was auch konsequent ist: Mit Nazis will ich nicht diskutieren, also brauche ich wenig Argumente gegen sie. Es genügt, die Rolle zu verstehen die Antiamerikanismus als Welterklärungsmuster für Nazis spielt. Die Analyse konzentrierte sich auch auf den speziellen, stark rassistisch, antisemitisch und revanchistisch aufgeladenen Antiamerikanismus der NPD.
Von da dann ganz flink zum Antiamerikanismus in der linken überzugehen ist aber Banane, wenn die Kritik am Antiamerikanismus über „die Nazis machen das auch …“ nicht viel hinausgeht. Auf diese Art wird Antiamerikanismus zur Gemeinsamkeit zwischen linken und rechten stilisiert, dabei wird der Blick für sehr relevante Unterschiede – antisemitische oder rassistische Aufladung etwa, oder der Unterschied zwischen kulturalistischer und politischer Kritik – verstellt.
Wichtige Punkte für eine innerlinke Auseinandersetzung mit dem Antiamerikanismus wären a) die Kirche im Dorf lassen – es gibt tatsächliche schlimmeres b) grundsätzliche Kritik am Kulturalismus c) ein enger Fokus auf die USA kann andere Machtverhältnisse verschleiern d) wenn von linker Kritik an US Politik nur Ressentiments im Mainstream ankommen (und das ist eine Sache von Senderin wie Empfänger), können Rechte davon profitieren und überhaupt und sowieso – die Grenzen verlaufen immer noch nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten. Diese und andere Punkte wären weiterzudiskutieren, dazu gehört auch eine genauere Analyse welche Antiamerikanischen Projektionen in der linken relevant sind. Der Verweis darauf, dass die Faschos jetzt auch gegen die USA sind, taugt dabei nicht als Argument – höchstens als Augenöffner und zur innerlinken Feindbildpflege.