Tag-Archiv für 'bremen'

Solidarisches Desinteresse

Die Associazione Delle Talpe will mit ihrem Artikel „Falsche Freund_innen“ (im Bremer Extrablatt) eine solidarische Kritik an der Antira Bewegung üben. Tatsächlich belegen sie nur ihr Desinteresse an dieser. Weil das typisch für eine bestimmte Tendenz ist, die kritische Distanz zur Bewegungslinken über alles zu stellen, hier ein kurzer Verriss des Textes. Ich konzentriere mich dabei auf den Aspekt, dass die Autor_innen offenbar wenig Ahnung vom Objekt ihrer Kritik haben, andere Aspekte die ich auch bekloppt finde lasse ich aussen vor.
Neben viel Theorie über Staat und Bürgerliche Subjektbildung (die ich für antideutschen Standard halten würde, etwas viel Freud vielleicht) ist die Kernthese m.E. nach folgende:

Notwendige Kritk an regressiven Ideologiern und Praktiken der subalternen „Anderen“ wird so bagatellisiert bzw. diskreditiert, da der Fokus mancher Bewegungslinken auf dem strukturellem Ausschluss der „Anderen“ diese mit einem emphatischem Subjektbegriff als emanzipatorisch und unschuldig idealisiert.

Als Beispiele werden die „Debatte um die Integration von Migrant_innen, die von kulturalistischer Argumentaiotn […] geprägt ist“ und eine „gewisse Verklärung deklassierter und diskriminierter Subjekte und Bewegungen“ genannt.
Die Intention des Textes, „die Kritik spezieller problematischer Tendenzen in antirassistischen und bewegungslinken Zusammenhängen, keinesfalls aber deren pauschale Diffamierung“, wird damit nicht eingelöst – in keiner Zeile belegen die Autor_innen, wo antirassistische, bewegungslinke Zusammenhänge oder deren Aktivist_innen sich so kulturalistisch oder verklärend geäussert haben, die Kritik geht an der Addressatin vorbei. Damit will ich nicht behaupten, dass das nirgends vorkäme, nur dass die Autor_innen den Beleg für ihre These schuldig bleiben.
Tatsächlich fehlt in diesem Artikel jeder Bezug auf aktuelle und vergangene Themen, Debatten und Auseinandersetzungen der linksradikalen Antira-Bewegung1: Die Karawanetour `07, die Kampagne für ein Bleiberecht, die vielen Debatten im Kontext etwa der Grenzcamps oder Extra meetings. Die Autor_innen haben sich anscheinend nicht nur an keiner der genannten Auseinandersetzung beteiligt, sie haben nicht mal nachgelesen was darüber so geschrieben wurde. Aufrufe, Texte, Artikel oder ähnliches werden in den „Falsche[n] Freund_innnen“ nicht zitiert, dafür die antideutschen Standards (Adorno, Heinrich) und viel Udo Wolter.
Andere Praxen scheinen den Autor_innen interessanter: „Die im […] Sommer 2006 stattgefundenen Demonstrationen gegen den Krieg zwischen Israel und der Hizbullah […] gaben […] genügend Anlass, als progressive Antirassist_innen dagegen aufzubegehren“. Die Autor_innen interessieren sich also am stärksten für die Situationen, in denen Migrant_innen aus ihrer Sicht nicht scharf genug angegangen wurden.
Das ganze hat eine absurde Komik – die Associazione Delle Talpe will aus der Distanz solidarische Kritik an der Antira-Bewegung üben, sind aber so was von distanziert dass sie (scheinbar) nicht wissen was diese eigentlich so macht. Die Autor_innen schreiben auch wieder und wieder, dass sie eine antirassistische Praxis wichtig finden, aber offensichtlich nicht so wichtig dass sie mal zu einem Treffen oder einer Aktion gehen oder auch nur ein paar Texte aus der Bewegung lesen würden. Darüber hinaus dethematisieren sie die eigene Machtposition in rassistischen Hierarchien: Wer fordert, „gleiche Standards der Kritik antiemanzipatorischen Handelns für alles Subjekte“ anzulegen, ohne eine Silbe dazu zu verlieren wer und wie diese Standards aushandelt, meint wohl die eigenen. Die haben dann als „normal“ zu gelten.
Ich sehe dass als symptomatisch für zweierlei – Die Autor_innen legen wert auf ihre Abgrenzung zur Bewegungslinken, deshalb sind Texte über die Antira-Bewegung interessanter als Texte aus derselben2 (oder gar eine Praxis). Das so gezeichnete schiefe Bild der Bewegung, dass die Associazione weiterverbreitet, hat zwar wenig mit der Realität zu tun, legitimiert aber die Abgrenzung. Und zweitens, der Zugang zu politischen Fragen ist ein primär theoretischer.
Antirassismus ist hier eine Ideologie, die dem von den Autor_innen in Anspruch genommenen Universalismus im Wege steht, und keine Praxis mit all ihren komplizierten Widersprüchen. Ideologiekritisch geführte Auseinandersetzungen sind eben einfacher als politisch-praktische Fragen. Aber wenn der Anspruch der ist, eine antirassistische Praxis zu unterstützen, ist die neugierige Frage „Was macht ihr eigentlich so?“ der erste Schritt, und Ärmel hochkrempeln der zweite.

  1. Die Autor_innen stellen Antirassismus in einen antkapitalistischen Kontext, von daher gehe ich davon aus dass tatsächlich die linksradikale Antirabewegung die Hauptaddressatin ist. [zurück]
  2. Nicht, dass eine entsprechend interessierte Lesart nicht auch anhand von Texten aus der Bewegung eine Abgrenzung legitimieren könnte. [zurück]