Tag-Archiv für 'antifa-heisst-mehr-als-boxen-und-bücherlesen'

Antifa heisst: ungesunder Selbstzweck

Ein neuer Beitrag zur Antifa heisst … Debatte im AIB ist erschienen, diemal von der Berliner Gruppe TOP: Antifa heisst mehr als Boxen und Bücherlesen.
Die bislang beste Zusammenfassung der bisherigen Debatte gibt es bei mir, zarte Ansätze einer Diskussion des aktuellen Textes findet ihr beim rockstar.
Aber nun zu einer kommentierenden Zusammenfassung des TOP-Textes. TOP selbst stimmen der LEA, die den letzen Text in der Reihe vor ihnen veröffentlicht haben weitgehend zuz, so dass sie sich nur noch bemüssigt fühlen ganz grundsätzlich über Staat und Kapital aufzuklären. Damit füllen sie eine Leerstelle des LEA-Textes, indem eine allgemeine Gesellschaftskritik zwar gefordert, aber noch nichtmal skizziert wurde, ich würde erstmal unterstellen dass beide Zusammenhänge in ihrer Kritik einigermassen nahe beinander sind.
In 6 Sätzen zusammengefasst funktionieren Staat, Kapital und Faschismus laut TOP dabei so: Die einzelnen Subjekte im Kapitalismus sind der Konkurrenz untereinander ausgesetzt, diese dringt in jeden Lebensbereich. Ebenso selbstverständlich wie die kapitalistische Konkurenz ist den Subjekten dabei ihre Rolle als Staatsbürger_in. Menschen verhalten sich als Inhaber_innen allgemeiner Rechte und Pflichten zueinander, die ihnen von einem Staat zu- oder aberkannt werden, der wiederum die Funktion hat die Verwertungsbedingungen seines Kapitals herzustellen. Die Bürger_innen eines Staates sind damit eine „profane, objektive Schicksalsgemeinschaft“ und von der Fähigkeit ihres Staates abhängig sich in der Konkurenz der Standorte zu behaupten, Nationalismus ist die Reflexionsform dieses Wettbewerbes der Staaten. Faschismus ist dann ein mögliches Staatsprogramm, dass auf unmittelbare Herrschaft statt auf komplizierte Vermittlung setzt und verspricht durch schiere Willensakte das Staatsvolk vor den Unwägbarkeiten des Marktes zu schützen. Dieser Faschismus kann von Demokrat_innen nicht richtig kritisiert werden, weil sie das grundsätzliche Ziel desselben – den Erfolg der Nation – teilen.
Auch wenn die TOP erheblich mehr als 6 Sätze braucht, Ideologie kommt in ihrer Faschismusanalyse nicht vor. Patriotismus fusst bei ihnen ausschliesslich auf dem Sein als Staatsbürger_in, Rassismus wird nicht eigens erwähnt und wohl alleine aus dem Nationalismus heraus erklärt, patriarchale Zustände kommen nicht vor.
TOP machen schon klar, dass sie Antifa für sinnvoll halten, wenn sie dafür plädieren „auch jene zum Ziel der Praxis machen, die für eine Verhärtung von Staat und Gesellschaft und die Radikalisierung ihrer alltäglichen Zumutungen einstehen.“ Sie machen nicht klar, in welchen gesellschaftlichen Bereichen eine antifaschistische Intervention Sinn macht, ihre Analyse von den Bürger_innen, die ganz Ideologiefrei für ein anderes Staatsprogramm stimmen gibt da nicht viel her.
Auf strategische Überlegungen verzichtet TOP in diesem Text komplett, stattdessen bieten sie eine knackige, sehr Gegenstandspunkt-inspirierte Kritik an der Bürgerlichen Gesellschaft. Als Selbstdarstellung eines Theoriezusammenhangs ganz nett, in einer Strategiedebatte aber ziemlich deplaziert. Statt ein Gegenstandpunktsflugblatt abzutippen hätten sie mal besser ein paar praktische Konsequenzen aus dieser Analyse benannt, soweit vorhanden. Immerhin sampeln die Genoss_innen ein cooles Zitat von Brecht über Sport, hier wohl bezogen auf Antifaarbeit:

Kurz: ich bin gegen alle Bemühungen, den Sport zu einem Kulturgut zu machen, schon darum, weil ich weiß, was diese Gesellschaft mit Kulturgütern alles treibt, und der Sport dazu wirklich zu schade ist. Ich bin für den Sport, weil und solange er riskant (ungesund), unkultiviert (also nicht gesellschaftsfähig) und Selbstzweck ist.

Antifa als nicht gesellschaftsfähiger Selbstzweck, mit soviel punk kann ich gut leben. Aber hätts dafür 4 Seiten im AIB gebraucht?