Beiträge von Bikepunk 089

Interview mit Antifasist Gençlik

Antifasist Gençlik war eine migrantische Antifa Organisierung im Berlin der späten 80er und frühen 90 Jahre. Hier ein spannendes Interview mit einem Gründungsmitglied über die politische Arbeit mit Gangs, linken Rassismus und politische Nachwuchsarbeit.

Linke und die Arbeit – Ein Blick aus der Zukunft

Heutige Linksradikale machen sich gerne über die Fabrikinterventionen früherer Generationen lustig. Wie sehen wir in ein paar Jahrzehnten aus, im Rückblick? Ich will einen Vorschlag machen wie eine Kritik späterer Politgenerationen an unseren aussehen könnte, vorher ein knapper Überblick über Fabrikinterventionen und Blicke darauf.

Fabrikintervention meint: Studentische Linke standen vor Werkstoren und versuchten die Arbeiter_innen zu agitieren, meist erfolglos. Einige gingen einen Schritt weiter, gaben ihren (studierten) Lehrberuf auf und fingen am Fließband an. Einerseits aus dem eher moralischen als politschen Anspruch heraus sich von ihrer bürgerlichen Existenz zu lösen, andererseits wiederum um besser agitieren zu können. Nicht immer ganz erfolglos: Für den sog. „Türkenstreik“ bei BMW in München waren die studierten Aktivist_innen nicht ganz egal, ein oder zwei der großen wilden Streiks des letzten Jahrzehnts profitierten von der jahrzehntelangen Organisierungsarbeit von Menschen die eben als Fabrikintervention ins Werk gegangen waren. Weil ich so faul bin bleibe ich euch die Belege schuldig. Am Ende blieben von der Fabrikintervention ein paar Menschen, die linke Betriebsratsarbeit gemacht haben. Immerhin.

Die Kritik zeitgenössicher Linker ziehlt nicht auf die tatsächliche Wirkung der Fabrikinterventionen, nur auf derern Ausbleiben. Vor allem aber werden die Vorstellungen der damaligen Genoss_innen kritisiert: Die industriell werkstätigen seien qua Stellung im Produktionsprozess schon revolutionär, mensch müsste es ihnen nur nochmal sagen. Eine weitere kritisierte Vorstellung ist, das nicht wenige der Fabrikintervenierenden MLer_innen Produktion moralisch überhöhten, als sei es irgendwie besser ein „echter“, produzierender Arbeiter zu sein. Diese Kritikpunkte sind nicht komplett neben der Realität. Zum Thema wäre Jan Ole Arps Frühschicht wohl die beste Quelle.

Was zur Frage der Fabrikintervention auch wichtig ist – aus eben einer solchen Praxis entwickelten die Operaist_innen die Arbeiteruntersuchung, eine Erkenntnis daraus war das Arbeitskämpfe als Kämpfe gegen die Arbeit zu verstehen sind. Aus dieser Praxis entwickelte sich die Autonomia Operaia die wiederum politsche Inspiration der Autonomen waren und sind. Was ich sagen will: Fabrikinterventionen sind politsches Erbe der Autnomen.

Zurück zur Frage: Was werden Linke in ein paar Jahrzehnten über unsere Zugänge zur Arbeit sagen? Ich versuche eine Antwort, die dem miesen linker Streitkultur treu bleibt – ein Text aus den 30er Jahren dieses Jahrhunderts:

Spätestens in den ersten zwei Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts schlug die Individualisierung und Atomisierung voll in der radikalen Linken durch, wie sich an der Art zu (Lohn)arbeiten zeigte. Die Genoss_innen versuchten dabei politische Ansprüche auch durch die Wahl der Arbeit umzusetzen, wie ein Blick auf typische Jobs vieler Linker zeigt
:
Linke Stiftungen, Gedenkstätten, professionaliserte politsche Arbeit etwa im Antifa- oder Antira Bereich, Gewerkschaften: Mach dein Hobby zum Beruf, oder besser deine politsche Arbeit zur Lohnarbeit. So gingen nicht wenige Linke vor. Dabei begaben sich die Genoss_innen in eine doppelte Zwickmühle: Einerseits war die Bezahlung oft schlecht, die Arbeitsbedingungen prekär – Befristete Stellen, Scheinselbstständigkeit etc. Auf der anderen Seite wäre jeder Arbeitskampf ein Kampf gegen eine konkrete Gedenkstätte, antirassistische Initiative oder ähnliches Projekt gewesen, jedes Blaumachen ein Betrug an der Bewegung.
Veranstaltungstechnik, Stagehand, Security: Viele Linke brachten von der Kulturarbeit in Autonomen Zentren Wissen und Interesse an Veranstaltungstechnik mit oder wollten sich mehr davon aneignen, gerade manche Student_innen fanden es auch cool mit Snickerhosen professionell Kisten zu schleppen. Veranstaltungstechnik war der Proletkult der (Post-)Antifa. Diese Art der Arbeit war aber schon lange ein Reich der Scheinselbständigen, streiken, krankfeiern deshalb unmöglich. Hinzu kam ein Spezifikum der damaligen Linken: Viele studierten und behandelten die scheinselbsständige Nebentätigkeit als eine Übergangslösung. Versuche, sich um diese Tätigkeiten herum sozial oder politisch zu organisieren, kollektiv abzusichern – etwa durch die Gründung von Kooperativen – blieben deshalb Ausnahmen.
Fahradkuriere & Techniker_innen: Kaum zuglauben, aber für kurze Zeit war ein Fahrrad-Nerdismus kein Yuppie-Attribut, sondern Ausdruck eines rebellischen, urbanen DIY Films. Kein Wunder das viele Linke auch Fahrrad Nerds waren und entsprechend ihr Geld verdienten. Da Fahrradkurier auch ein klassischer scheinselbstständiger Job ist, waren die Probleme die sich stellten im wesentlichen die gleichen wie im Veranstaltungsbereich – und auch hier wurde es versäumt, kollektive Antworten zu finden.
Affektive Arbeit: Andere Linke verdingten sich als Assistenz- oder Pflegekräfte für vom Ableism ausgeschlossene oder auch im therapeutischen Bereich. Während hier die Arbeitsbedingungen nicht immer prekär waren, machte den Genoss_innen ihr Gewissen einen Strich durch den Arbeitskampf: Blaumachen hieß halt, das der nette Kollege extra arbeiten muss oder im schlimmsten Fall eine der Unterstützung bedürftige Person diese nicht bekommt.
Die Uni: Während der Nuller- und Zehnerjahre, vor den Augen der Genoss_innen, wurde die Hochschulen umgebaut – eine direkte Folge war das politische Arbeit und Bildung im oder neben dem Studium erschwert wurde, eine andere die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im wissenschafltichen Bereich selbst. Linke die hier bestehen wollten standen unter zweierelei Druck: Einerseits von Aussen, durch letztendlich unbezahlte Mehrarbeit sich von befristeter Stelle zu befristeter Stelle zu hangeln. Andererseits aber auch von innen – der homo academicus hat immer noch einen Text zu lesen, einen Artikel zu skizzieren, er interessiert sich auch privat für seine Arbeit oder hat versagt.
Schnöde Arbeit: Natürlich gab es auch Linke deren Arbeit nichts mit dem politischen Anspruch zu tun hatte – die landeten verstreut auf viele Betriebe, viele Branchen, ohne kollektiven Möglichkeit von den Erfahrungen anderer Genoss_innen zu profitieren – weil es zu wenig faktische Gemeinsamkeit gab.

Was diese Linken einte, ist dass sie sich zielsicher in Arbeitsverhältnisse begaben in denen sie kein antagonistisches Verhältnis entwickeln konnten, in denen sie selber ihren Kämpfen Schranken errichteten. Und dies vor dem Hintergrund von Krise- und Krisenbewältigung der 10er-Jahre, als es entscheidend auf soziale Kämpfe ankam!
Freilich ist der Arbeitsplatz nicht der einzige, noch nichtmal der bedeutsamste Platz um für gesellschaftliche Veränderung zu kämpfen. Und das Arbeit nichts tolles ist wurde auch damals von nahezu allen Linken erkannt. Auch wurde erkannt, das die damals spezifische Art der Vergesellschaftlichung aus dem Zangengriff Kollektivierung als Nation, Atomisierung als Arbeitende. bestand.
Aber die Genoss_innen zogen aus dieser Erkenntnis nicht die Konsequenz kollektiv zumindest eine schöneres Leben für sich zu erkämpfen. Das uns ältere Genoss_innen häufig als verbiesterte Einzelkämpfer_innen begegnen ist kein Wunder. Sie haben die Ideolgie des individualisierten Homo Oeconomicus verstanden, kritisiert und trotzdem gelebt, der Kampf ums schöne Leben blieb Parole.

Bild light revisited

Hinweis am Rande: Vor drei Jahren gingen Flüchtlinge in Niederbayern in den Hungerstreik. Dafür, dass sie sich nicht selbst gefährdeten und z.B. Traubenzucker assen wurden sie medial in die Pfanne gehauen. Vielleicht als Vergleich zur Situation jetzt interessant.

You cannot not decide

Zusammenfassung: Ich weiss nicht ob ich mich bei der Räumung des Hungerstreikcamps letztes Wochenende den Bullen in den Weg gestellt hätte, die politische Herangehensweise der „Untestützer_innen“ ist eigenartig. Wenn du eine Übersetzung willst, frage nett im Kommentarfeld.

A week ago, on sunday early morning, the police evicted the non-citizens camp at the Rindermarkt. Some supporters tried to stop them. Had I been there, I don‘t know if would have joined those supporters. Here’s why.

By now, I think that the hunger strikers were not in grave danger, and apparantly at least some did not receive any medical attention. But, knowing what I knew a week ago, shortly before the eviction, based on the communication of the non-citizens – I had assumed that several of the hunger strikers were in danger of dying of hunger or thirst. Then, the police is the lesser of two evils. I don‘t want to come across as cynical and I am aware that non-citizens have even more reasons to distrust the cops than everyone else, and may face the danger of deportation. Still, I would not actively prolong a situation were someone whose struggles are close to mine might die.

The hunger strikers know what they are doing – but I, too, have to know what I‘m doing if I am to take any active part! With the paralell structures of supporters and non-citizens, the intransparency and the lack of communication, I found it difficult to impossible to somehow asses the situation.
Again, this is what I knew a week ago without beeing close to the matter. I assume, or rather hope, that the comrades who tried to block the police knew more than me and made an informed decision to protect the hunger strike. But you, the supporters, sort of claim to not make political decisions: The declaration of the supporters states that it is „our principle to act soleyly in a supporting manner“ and that it is „not our protest.“ I think that’s plain wrong – of course it’s your protest if you are an active part of it. And I think saying one is „only supporting“ is dishonest, you can‘t claim that for example standing or sitting in the way of the cops in the moment of eviction is anything but your decision – and that you don‘t share the responsibility for what happens in the unlikely case that you succeed .

Maybe I framed the problem too much as a matter of rational choices and clear cut dcisions – I know that in situations like this decisions are made at the spur of the moment, everyone misses at least a night’s sleep or is close to burnout and everything is frantic improvisation.
This struggle continues, I felt the need to voice some subjective doubts and reservations now. At the end of the day we can‘t achieve anything without trusting each other and our selves as political subjects. The weirdness of the dual strucures and the strange approach of positioning one as „only supporter“ don‘t help. And we still need to somehow win this thing!

„we think that this binary is not politically productive“

Interesting Interview with Sandro Mezzadra, also touches on the hunger strike in munich:

The concept of differential inclusion also points to the fact that violence is not only associated with exclusion. It points to the fact that also the production of regimes of social and political inclusion is crisscrossed by violence. So from this point of view it is quite clear that we are at unease with the kind of binary between exclusion and inclusion, citizens and non-citizens that has also shaped many debates and many practices among activists over the last decade. We are trying to go beyond this kind of binary because we think that this binary is not politically productive. It tends to reproduce divides within societies at large that must be contested.

Int: It is good that you mention this because the hunger strikers in Munich define themselves as non-citizens and they are very strong in their rhetoric about it. What do you think are the potentials of such articulation on the one hand, but also the underlying dangers of keeping this dichotomy of citizen/non-citizen intact?

S.M.: First of all I must say that I will not criticize what the hunger strikers in Munich are saying these days. This is an important principle for me. I never criticize people who are struggling, people who are putting their life at play so I only respect them. I am thankful to them for what they are doing. I think it is important to keep in mind that this particular hunger strike is part of a kind of cycle of struggles over the last few years in Europe. There were hunger strikes and other forms of struggles in many European countries including for instance Greece, Italy, and Austria. It is very interesting to see this kind of circulation of struggles on European level, this kind of circulation of practices, languages, and so on. I think this is really a kind of important chance for everybody who is interested in radically rethinking the European space as a space of freedom and equality, as I was saying before. At the same time I have to say that in my own work and the kind of collective debates I have been participating over the last years, there has been a growing awareness of let’s say the dangers but also kind of tricky implications of an emphasis on the status of non-citizens and more generally the excluded. I think it could be interesting to go a bit to the details of the history of this, rethinking of the sans papiers movement in France in 1996 and the kind of reproduction of that particular movement in many European countries in the following years. While I participated of course in these movements and struggles, and I think that they were really crucial in order to open up a new space for mobilization of migrants in Europe, I also think that this kind of exclusive emphasis on the status on the one hand, the movements and struggles on the other hand of the so-called “illegal” migrants is a bit dangerous because it paradoxically reproduces one of the main aspects of migration regimes: this division between “illegal” and “legal” migrants. While we know very well through our research that there is a continuum of subjective positions that crosses and continuously reworks the divide between “legality” and “illegality.” So I think that both from the point of view of research and from the point of view of political action what would be crucially important is precisely to work on and against this continuum, this process of production at the same time of “legality” and “illegality.” To challenge not simply a particular kind of position produced by that system but the “rationality” of the system itself.

Highly abstract, the way we know and sometimes love our post-operaist radical academics, but still recomended reading.

Zum Arbeitsfetisch

Der erste Mai naht, und damit die Zeit im Jahr in der manche Linke bevorzugt gegen den Gewerkschaftsapparat und den dort verorteten Arbeitsfetisch wettern. Keine Links dazu heute weil ich zu faul zum googeln bin, gibts aber bestimmt auch heuer. Mit im Paket bei der Kritik des Arbeitsfetisch sind zwei Widersprüche.

Arbeitsfetisch meint das Arbeit mit allem möglichem moralischen und sonstigen edeutungen aufgeladen wird die sie an sich nicht unbedingt hat – so gesehen passt der Begriff Fetisch. Marxist_innen meinen mit Warenfetisch grob, das das Verhältnis in dem verschiedene Menschen qua Produktionsprozess zueinander stehen als Verhältnis der getauschten Waren fehlinterpretiert wird. Anders gesagt – die Menschen sehen Waren fälschlicherweise als komplett von sich entäussert. In Begriff des Arbeitsfetisch steckt auch die Kritk drin, dass die Menschen die Tätigkeit die sie als Lohnarbeit verrichten nicht genug von sich entäussert sehen. Also zwei sich widersprechende Verwendungen des Begriffs Fetisch – was erstmal egal ist solange die Kritk am Arbeitsfetisch ihren Gegenstand einigermaßen trifft. Aber vielleicht ein guter Ansatz für das alte Trinkspiel „Marxist_innen zu wortreichen Erwiderungen provozieren.“

Die Kritk am Arbeitsfetisch wird auch als ein Grund angeführt, einen grossen Bogen um säntliche DGB-nahen erster Mai Veranstaltungen zu machen, da es dort eben nur das Lob der Arbeit und Bratwurst gäbe. In der Tat, Aussagen wie „Gutes Arbeit. Sichere Rente. Soziales Europa“ sind ein Schlag ins Gesicht all derer die nicht (Lohn-)arbeiten können, dürfen oder wollen und trotzdem ohne Angst vor Armut alt werden möchten.

Mobilisierender Nachtrag: Du kannst morgen mit der ALM den ersten Mai nicht dem DGB überlassen oder mit der Antifa nach Würzburg fahren!
Ergänzender Nachtrag: Die NT zum Beispiel hat vor Jahren Antiziganismus aus Arbeitsfetisch abgeleitet. Anlass war – was sonst der erste Mai 30. April.

Aufstand, Perspektive & Debatte

Auf Luzi-M wird munter weiter mit den Anarchist_innen von Fernweh diskutiert – und gemessen daran, dass der Stein des Anstosses eher launig bis lyrisch war ist die Sache mittlerweile erstaunlich substantiell. Es wird Carl Schmitt zitiert & das Individuum dekonstruiert um dann interher doch wieder beim Staat als Dreh- und Angelpunkt von allem und damit bei der Staatskritik als Dreh- und Angelkritik an allem zu landen.

Der Teil mit Carl Schmitt, der hier als Theoretiker der Aufstandsbekämpfung vorgestellt wird ist mit Erkenntnisgewinn zu lesen. Wobei die raffinierteste Staatskriik nicht die Frage beantwortet was tun, sondern eine bestenfalls von großem Quatsch abhält. Was und warum ein sinnvolles Verhältnis aus Theoriearbeit und anderer Praxis führe ich vielleicht irgendwann aus, stattdessen etwas Semi-Themenbezogene Werbung.

Die Podiumsdiskussion beim Buko wird der Frage nachgehen „Perspektive Aufstand?!“, mit auf dem Podium sitzen unter anderem ein Anarcho-Aktivist aus Tarnac (dem wohl auch mal vorgeworfen wurde am kommenden Aufstand mitgeschrieben zu haben) und ein libertärer Aktivist aus Tunesien – die anderen stecken glaube ich in Spanien respektive Griechenland in Miet- und Häuserkämpfen (Würde die Buko-Vorbereitung etwas Aussagekräftigere Werbung machen wüsste ich genaueres).
Anders gesagt – hier reiben sich anarchistische oder aufständige Standpunkte die in sehr verschiedenen Kontexten erarbeitet wurden aneinander und an Erfahrungen die in sehr konkreten, möglicherweise auch langweiligen aber wichtigen sozialen Kämpfen gemacht wurden. Das ist doch interessant?

Drang nach formaler Trennung?

Die ARAB kritisiert UmsGanze, Hyman Roth die Anarchist_innen von Fernweh, für UmsGanze reagiert die Bremer Basisgruppe Antifaschiusmus – einer der wenigen Post-Antifagruppen die offen zu ihrem Leninismus steht – und die Anarcho@s auch und ein Teil davon wird von rhizom und anthraxit aufgegriffen. Ich dokumentiere ein Gespräch, das nie stattgefunden hat:

Arab:
Um es vorneweg zu sagen: Selbstverständlich sehen wir das Herumtragen von Fotos historischer Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung nicht als besonders sinnvolle Angelegenheit. Die eigene Ohnmacht für einen Moment vergessen zu können, indem man den Holzprügel umklammert, auf dem das Bild Maos klebt, scheint uns auch keine sonderlich zielführende Strategie gegen ebendieselbe Ohnmacht zu sein.

Fernweh:
Genauso würde ich, wenn ich die Wahl hätte, nie meine Zeit damit verschwenden arbeiten zu gehen, also meine Lebenszeit in ein paar Münzen einzutauschen. Acht Stunden am Tag immer wieder das selbe zu machen, hinter einer Supermarkt-Kasse zu sitzen, irgendwelche „Kunden“ zu bedienen, oder am Computerbildschirm zu hängen.

UmsGanze
Gerade die antiautoritäre radikale Linke hat kaum Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Fragen und Möglichkeiten eines revolutionären Umsturzes …

Fernweh:
… wir sind weder links noch politisch, wir sind Anarchist_Innen und deswegen anti-politisch …

Hyman Roth:
Politik kann es Freunden der revolutionären Unmittelbarkeit nie Recht machen, weil sie immer einer Vermittlung bedarf. Wenn man das ganze gesellschaftliche System umkrempeln will – und das eben nicht als Putschaktion von einigen ganz doll Entschlossenen und Unangepassten, sondern zusammen mit der Mehrheit, muss diese Mehrheit ja irgendwie überzeugt werden.

UmsGanze:
Wenn wir uns also auf die Klasse der Lohnabhängigen beziehen, dann weil diese (uns eingeschlossen!) wohl die meisten Gründe haben diese Verhältnisse abzuschaffen – und außerdem den übergroßen Teil der Bevölkerung dieses Planeten stellen. Aus praktischen Gründen – durch Fähigkeit zum Streiken und der damit einhergehenden materiellen Macht werden diese die alte Macht absetzen können – eine notwendige Voraussetzung für eine Überwindung der Verhältnisse.

Rhizom
Hier wird ein ziemlich merkwürdiges Verhältnis der Instrumentalisierung deutlich: Die Kommunisten haben den Willen, die Verhältnisse abzuschaffen – obgleich man nicht genau weiß, woher. Und deshalb versuchen sie die Streikmacht derjenigen auszunutzen, deren praktisches Interesse gegen diese Zustände steht. Das ist eine Perspektive, die sich dann doch in einen ziemlich starken Kontrast zu der des arbeiterbewegten Marx befindet, welcher das Für-sich-Werden der lohnabhängigen Klasse als ein politisches Projekt betrachtete, bei dem die Subalternen sich mit eigenen Mitteln aus Verhältnissen befreien, die ihnen ziemlich schlecht bekommen.

Fernweh:
Ich finde für ein Leben, in dem jeder Tag, jede Minute, ja jede Sekunde selbstbestimmt ist und nach Freiheit schmeckt, lohnt es sich zu kämpfen. Kämpfen heißt für mich Leute zu finden die diese Welt genauso scheiße finden wie ich, darüber zu reden und zusammen die Dinge, Verhaltensweisen und Personen, die verhindern, dass sich mein Leben so anfühlt wie ich es will, anzugreifen und aus meinem Leben zu vertreiben.

Anthraxit:
Ich finde, dass du, Rhizom, in deiner Kritik an der Instrumentalisiserung eine falsche Gegenüberstellung machst.
Dass der Kommunismus nur zu Stande kommt, wenn die Klasse um die richtige Kritik an diesen Verhältnissen weiss, und deswegen aus diesem Wissen heraus den Willen hat den Kommunismus zu errichten, meine ich, simmt.
Diesem Satz zuzustimmen und sich instrumentell zu dem Leuten zu stellen, als Agitationsobjekt, als notwendige Bedingung für den Kommunismus, etc. ist doch gar kein Widerspruch.
Die Leute können gleichzeitig Subjekt der Revolution und Objekt deines Interesses sein.

Fernweh:
Für Linke ist der soziale Kampf gegen Ausbeutung „politisch“ und erfordert für sie deswegen eine politische Methode des Kampfes (Demos, möglichst viele Anhänger_innen gewinnen, auf Politik einwirken…). Für uns jedoch ist er kein Programm sondern ein Kampf für die individuelle Wiederaneignung unseres Lebens. Somit ist unser sozialer Kampf von sich aus anti-politisch und zwar weil wir finden dass die Ziele schon in den Mitteln des Kampfes existieren sollten und unser Ziel eine Welt ohne Herrschaft, also auch ohne Politik, ist – Politik heißt das Treffen der Entscheidungen über unser Leben von der Ausführung dieser Entscheidungen zu trennen.

Passant:
Wie auch immer. Es ist ersichtlich, dass beide Positionen nicht auf die konkreten organisatorischen Vorschläge der Bremer UG-Gruppe eingehen (s.o.). Warum nicht? – Könnte es nicht daran liegen, dass die theoretischen Auffassungen der Basisgruppe ihrer organisatorischen Tätigkeit gar nicht vorausgesetzt sind und es daher auch keinen Übergang zwischen beiden gibt? dass der Anspruch die „neue Marxlektüre“ in die Praxis umzusetzen einfach eine Aufschneiderei ist und eine Leimrute für ihre beiden „Zielgruppen“?

Fernweh:
Das Geheimnis ist anzufangen. Alle Revolutionen waren, und werden es auch immer bleiben, am Anfang die Sache einer Minderheit. Was ebenso allen Revolutionen vorausging, und so wird es wahrscheinlich auch immer sein, sind kleinere Aufstände, spontane Explosionen der Wut.

Anthraxit:
Na­tür­lich soll­ten sich die Kom­mu­nis­ten als po­ten­ti­el­les Subjekt so­zia­ler Be­freieun be­grei­fen und ver­su­chen dafür möglichst viele Ge­nos­sen zu ge­win­nen. Das än­dert aber nichts an der Tat­sa­che, dass die meis­ten eben keine Ge­nos­sen sind.
Diese Tat­sa­che, die meis­ten Pro­le­ten sind Na­tio­na­lis­ten, Se­xis­ten, Ras­sis­ten, ist keine Ein­stel­lungs­sa­che der Kom­mu­nis­ten.
Das ist so und damit muss man um­ge­hen. Gegen die­ses fal­sche Be­wusst­sein zu agi­tie­ren wie der Ge­gen­stand­punkt ist ein Um­gang damit.

Fernweh:
Man kann „herrschende Politik“ (ebenso wie linke oder linksradikale Politik) in der Tat für vieles kritisieren und dass sie todlangweilig ist gehört für uns sicherlich dazu.

ARAB:
Kritik muss, das hat Marx von Hegel gelernt, dem Kritisierten das Scheitern am eigenen Maßstab aufzeigen.

Hyman Roth:
„Langeweile“ ist ein seltsames Kriterium. Man kann durch Analyse der Verhältnisse zum Schluss gelangen, dass einige, sehr grundsätzliche Dinge sich nicht auf parlamentarischem Wege ändern lassen, aber es ist was ganz anderes, wenn man für Revolution ist, einfach weil man brennende Barrikaden lustiger findet als ewiges Verhandeln bei irgendwelchen Gremientagungen. Es gibt Radikalität, die nach dem Prinzip „so radikal wie die Wirklichkeit“ entsteht. Dies impliziert die analytische Auseinandersetzung mit eben dieser Wirklichkeit, also auch mit „langweiligen“ Strukturen. Und es gibt die revolutionäre Romantik. Beides sollte nicht durcheinander geworfen werden.

UmsGanze:
Denn: wer eine militärisch geführte Untergrundorganisation aufbaut um einen Putsch vorzubereiten (Bolschewiki) wird auch hinterher eine solche „Revolution“ bekommen in der die Emanzipation der Einzelnen schnell auf den Sanktnimmerleinstag verschoben wird und jegliche Kritik daran als „Kinderkrankheit des Kommunismus“ (Lenin) diffamiert und bekämpft wird.

Fernweh:
Ich will zusammen mit allen Feind_innen jeglicher Autorität eine neue Welt aufbauen. Eine Welt mit echten Abenteuern, in der wir jederzeit unser Leben selber in der Hand haben.

ARAB:
Wer den gesamten „Traditionsmarxismus“ ablehnt, kann auch an den zwei „Traditonsmarxisten“ Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nichts finden. Wie sollte man deren beider unbestrittene Hoffnung auf die Arbeiterklasse als revolutionärem Subjekt auch verstehen, wenn man unter Proletariat nichts anderes versteht als den Adidashosen tragenden Volksmob, von dem man sich so weit wie möglich fernhalten sollte.

UmsGanze
Der Umkehrschluss aus der angeblichen, proletarischen Weltanschauung, war der grundsätzlich unkritische und positive Bezugspunkt auf alle Unterdrückten. Dazu ist zu sagen: die marxsche Analyse war formanalytisch. Es ging um die Frage, warum sich diese Gesellschaftsformation in diesen sozialen Formen reproduziert. Wie konnte (und kommt) es zu, der im Kapitalismus existierenden Verselbständigung („Hinter dem Rücken – aber durch die Menschen durch“) der gesellschaftlichen Herrschaft. Marx untersuchte dies zwar durchaus mit politischer Intention – trotz allem ging es vor allem um die Analyse dieser ‘verborgenen’ Mechanismen.

Anthraxit:
Ei­gent­lich ist es falsch euch eine man­geln­de He­gel­lek­tü­re vor­zuwer­fen. Das Pro­blem ist keine man­geln­de He­gel­lek­tü­re. Das Problem ist euer in­fan­til aka­de­mi­sches Dis­tink­ti­ons­be­dürf­nis. Form­ana­ly­tisch, sowas Dum­mes. Form­ana­ly­se ist die­sem Zitat nach die Frage nach dem Grund.

Rhizom:
Die behaupten, dass es Marx überhaupt nicht so sehr um den Inhalt der kapitalistischen Gesellschafts­ordnung gegangen wäre – die Ausbeutung fremder Arbeitskraft und das dafür notwendige Maß an Unterdrückung. Nein, zu tun wäre es ihm vor allem um die spezifische Form gewesen: die Warenproduktion und die hieraus resultierende Verselbständigung gesellschaftlicher Herrschaft.

ARAB:
Das Grundproblem ist also wesentlich ernster als die scheinradikalen Abgrenzungsfloskeln der „emanzipatorischen“ Kritik vermuten lassen. Es besteht darin, dass es bislang nicht gelungen ist, ein Verhältnis zur eigenen Tradition zu finden, das im Marxschen Sinne historisch-materialistich genannt werden könnte. Ein solches Herangehen „mit kritischer Kälte“ (Ernst Bloch) schließt die moralische Verurteilung von geschehenen Verbrechen nicht aus.

Fernweh:
… aber es geht uns nicht darum alles immer nur kritisieren zu wollen oder kritisch auf irgendwas einwirken zu wollen, genauso wenig wie es uns darum geht die Welt und ihre Abscheulichkeiten bis ins letzte Detail zu verstehen (siehe Marxismus), sondern darum sie anzugreifen.

Rhizom:
Und hier sind wir gleich beim nächsten Punkt, denn natürlich ist es kein Zufall, warum Adorno diesen Inhalt konsequent übersieht, warum er Begriffe prägt, die von ihm abstrahieren; ja warum sich bürgerliche Wissenschaft überhaupt an der Frage, was diese ökonomischen Formen ihrem Inhalt nach sind, so herzlich desinteressiert.
Für etwas weniger Seichtes als VWL und Politikwissenschaft bräuchte es halt eine Perspektive, die Ausbeutung und Unterdrückung (“Ökonomie” und “Politik”) vom Gesichtspunkt derjenigen aus untersucht, die als ihre Objekte ein Interesse an ihrer Überwindung haben.

UmsGanze:
Nicht, weil wir diese Auseinandersetzung für eine linke Spezialdebatte halten, sondern weil an ihr exemplarisch aufgezeigt werden kann, mit welchen Argumenten konkurrierende Strömungen um die Deutungshoheit ringen und beanspruchen zu definieren, was denn revolutionär Links sei, halten wir es für notwendig auf die ARAB zu antworten.

Anthraxit:
Die­ser Text, der eine Ant­wort auf die ARAB-​Kri­tik an Rosa&Karl, ist das sui­zi­da­le Schei­tern einer „ka­te­go­ria­len Kri­tik“, die ka­te­go­risch pa­ra­phra­siert, wo sie un­ein­ge­stan­de­ner Weise nicht über den Ge­gen­stand der Kri­tik hin­aus­kommt.

ARAB:
Wessen Anliegen aber in identitärer Selbstbestätigung liegt, wie kann der sich darüber beschweren, dass die „Anderen“ das nicht als Diskussionsangebot auffassen?

Fernweh:
In diesem Sinne, anarchistische Grüße und wir sehen uns auf den Barrikaden (auf welcher Seite der Barrikade wir dann sind dürftest du jetzt ja wissen, du musst deine Entscheidung wohl noch treffen…)

Nazi-Soap

Die Geschichte der Beate Zschäpe wurde gar zur Projektionsfläche für ostdeutsche Opferdiskurse. Die Schriftstellerin Jana Hensel mutmaßte emphatisch, Zschäpes neonazistische Sozialisation ausklammernd, über deren Werdegang: Wenn diese nicht ihre Ausbildung abgebrochen hätte und die gesellschaftlichen Umstände der Nachwendezeit nicht so tiefgreifend gewesen wären, dann hätte es den NSU-Terror vielleicht nicht gegeben … Ähnlich Einfühlsames war über die Opfer und ihre Angehörigen nur am Tag der Trauerfeier im Berliner Schauspielhaus zu lesen. Danach dominierten Verfassungsschutzskandale und Politikerstatements die mediale Gemengelage zum Thema NSU.

weiterlesen

Nicht einfach so weiter!

Aus dem Aufruf der Antifa NT zum NSU Prozess:

Die Rolle, die dieser Prozess für uns als antifaschistische Linke spielt, ist ambivalent. Einerseits gibt es die Hoffnung, dass sich im, durch und während des Prozesses noch einiges über den NSU, seine Taten und die Verstrickungen der Sicherheitsbehörden durch Vertreter_innen der Opfer und Angehörigen sowie der kritischen Öffentlichkeit aufklären lässt. Andererseits – und dieser Aspekt überwiegt deutlich – wäre es naiv und gefährlich, sich allzu viel vom Prozess zu erwarten. Gegenstand des Verfahrens werden die strafrechtlich relevanten, nicht-verjährten Taten eines kleinen Teils des NSU bzw. dessen Umfeld sein. Die Fragen nach logistischer und ideologischer Einbindung in die gesamte deutsche Naziszene, die Fragen nach der Rolle der Verfassungsschutzämter und vor allem die Frage nach dem Rassismus, der den Morden zugrunde liegt, werden dort kaum oder gar nicht thematisiert werden. Genau diese stellt sich aber in Bezug auf den NSU. Der Beginn des NSU-Prozesses ist für uns daher nicht Anlass ans Gericht zu appellieren, sondern die Fragen zu stellen, die sich strafrechtlich gar nicht beantworten lassen, sondern nur politisch und gesellschaftlich.
Die Mordserie des NSU bedeutet für die antifaschistische Linke eine Zäsur, einen Bruch, nach dem es nicht einfach so weiter gehen kann. Der Prozess kann nur ein Anlass sein gegen Naziterror, staatlichen und alltäglichen Rassismus zu demonstrieren und den Opfern und ihren Angehörigen gegenüber Empathie und Solidarität auszudrücken. Ein Anlass unter unendlich vielen. Der Schock, den das Bekanntwerden des NSU und seiner Morde auch bei Antifas hinterlassen hat, sitzt noch immer tief. Die Konsequenzen, die wir aus dem NSU und der rassistischen Mordserie ziehen müssen, sind noch längst nicht klar. Angesichts des Ausmaßes der NSU-Morde war die Reaktion autonomer Antifas über einige Zeit oft verhalten und defensiv. Wir stehen noch immer am Anfang einer Debatte. Doch eines scheint uns klar und notwendig: Das Problem heißt Rassismus und der Kampf muss sich offensiv gegen staatlichen und gesellschaftlichen Rassismus richten, der die Grundlage des Naziterrors ist.

(weiterlesen)

Zuzufügen habe ich dem nur eines: Word.