Linke und die Arbeit – Ein Blick aus der Zukunft

Heutige Linksradikale machen sich gerne über die Fabrikinterventionen früherer Generationen lustig. Wie sehen wir in ein paar Jahrzehnten aus, im Rückblick? Ich will einen Vorschlag machen wie eine Kritik späterer Politgenerationen an unseren aussehen könnte, vorher ein knapper Überblick über Fabrikinterventionen und Blicke darauf.

Fabrikintervention meint: Studentische Linke standen vor Werkstoren und versuchten die Arbeiter_innen zu agitieren, meist erfolglos. Einige gingen einen Schritt weiter, gaben ihren (studierten) Lehrberuf auf und fingen am Fließband an. Einerseits aus dem eher moralischen als politschen Anspruch heraus sich von ihrer bürgerlichen Existenz zu lösen, andererseits wiederum um besser agitieren zu können. Nicht immer ganz erfolglos: Für den sog. „Türkenstreik“ bei BMW in München waren die studierten Aktivist_innen nicht ganz egal, ein oder zwei der großen wilden Streiks des letzten Jahrzehnts profitierten von der jahrzehntelangen Organisierungsarbeit von Menschen die eben als Fabrikintervention ins Werk gegangen waren. Weil ich so faul bin bleibe ich euch die Belege schuldig. Am Ende blieben von der Fabrikintervention ein paar Menschen, die linke Betriebsratsarbeit gemacht haben. Immerhin.

Die Kritik zeitgenössicher Linker ziehlt nicht auf die tatsächliche Wirkung der Fabrikinterventionen, nur auf derern Ausbleiben. Vor allem aber werden die Vorstellungen der damaligen Genoss_innen kritisiert: Die industriell werkstätigen seien qua Stellung im Produktionsprozess schon revolutionär, mensch müsste es ihnen nur nochmal sagen. Eine weitere kritisierte Vorstellung ist, das nicht wenige der Fabrikintervenierenden MLer_innen Produktion moralisch überhöhten, als sei es irgendwie besser ein „echter“, produzierender Arbeiter zu sein. Diese Kritikpunkte sind nicht komplett neben der Realität. Zum Thema wäre Jan Ole Arps Frühschicht wohl die beste Quelle.

Was zur Frage der Fabrikintervention auch wichtig ist – aus eben einer solchen Praxis entwickelten die Operaist_innen die Arbeiteruntersuchung, eine Erkenntnis daraus war das Arbeitskämpfe als Kämpfe gegen die Arbeit zu verstehen sind. Aus dieser Praxis entwickelte sich die Autonomia Operaia die wiederum politsche Inspiration der Autonomen waren und sind. Was ich sagen will: Fabrikinterventionen sind politsches Erbe der Autnomen.

Zurück zur Frage: Was werden Linke in ein paar Jahrzehnten über unsere Zugänge zur Arbeit sagen? Ich versuche eine Antwort, die dem miesen linker Streitkultur treu bleibt – ein Text aus den 30er Jahren dieses Jahrhunderts:

Spätestens in den ersten zwei Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts schlug die Individualisierung und Atomisierung voll in der radikalen Linken durch, wie sich an der Art zu (Lohn)arbeiten zeigte. Die Genoss_innen versuchten dabei politische Ansprüche auch durch die Wahl der Arbeit umzusetzen, wie ein Blick auf typische Jobs vieler Linker zeigt
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Linke Stiftungen, Gedenkstätten, professionaliserte politsche Arbeit etwa im Antifa- oder Antira Bereich, Gewerkschaften: Mach dein Hobby zum Beruf, oder besser deine politsche Arbeit zur Lohnarbeit. So gingen nicht wenige Linke vor. Dabei begaben sich die Genoss_innen in eine doppelte Zwickmühle: Einerseits war die Bezahlung oft schlecht, die Arbeitsbedingungen prekär – Befristete Stellen, Scheinselbstständigkeit etc. Auf der anderen Seite wäre jeder Arbeitskampf ein Kampf gegen eine konkrete Gedenkstätte, antirassistische Initiative oder ähnliches Projekt gewesen, jedes Blaumachen ein Betrug an der Bewegung.
Veranstaltungstechnik, Stagehand, Security: Viele Linke brachten von der Kulturarbeit in Autonomen Zentren Wissen und Interesse an Veranstaltungstechnik mit oder wollten sich mehr davon aneignen, gerade manche Student_innen fanden es auch cool mit Snickerhosen professionell Kisten zu schleppen. Veranstaltungstechnik war der Proletkult der (Post-)Antifa. Diese Art der Arbeit war aber schon lange ein Reich der Scheinselbständigen, streiken, krankfeiern deshalb unmöglich. Hinzu kam ein Spezifikum der damaligen Linken: Viele studierten und behandelten die scheinselbsständige Nebentätigkeit als eine Übergangslösung. Versuche, sich um diese Tätigkeiten herum sozial oder politisch zu organisieren, kollektiv abzusichern – etwa durch die Gründung von Kooperativen – blieben deshalb Ausnahmen.
Fahradkuriere & Techniker_innen: Kaum zuglauben, aber für kurze Zeit war ein Fahrrad-Nerdismus kein Yuppie-Attribut, sondern Ausdruck eines rebellischen, urbanen DIY Films. Kein Wunder das viele Linke auch Fahrrad Nerds waren und entsprechend ihr Geld verdienten. Da Fahrradkurier auch ein klassischer scheinselbstständiger Job ist, waren die Probleme die sich stellten im wesentlichen die gleichen wie im Veranstaltungsbereich – und auch hier wurde es versäumt, kollektive Antworten zu finden.
Affektive Arbeit: Andere Linke verdingten sich als Assistenz- oder Pflegekräfte für vom Ableism ausgeschlossene oder auch im therapeutischen Bereich. Während hier die Arbeitsbedingungen nicht immer prekär waren, machte den Genoss_innen ihr Gewissen einen Strich durch den Arbeitskampf: Blaumachen hieß halt, das der nette Kollege extra arbeiten muss oder im schlimmsten Fall eine der Unterstützung bedürftige Person diese nicht bekommt.
Die Uni: Während der Nuller- und Zehnerjahre, vor den Augen der Genoss_innen, wurde die Hochschulen umgebaut – eine direkte Folge war das politische Arbeit und Bildung im oder neben dem Studium erschwert wurde, eine andere die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im wissenschafltichen Bereich selbst. Linke die hier bestehen wollten standen unter zweierelei Druck: Einerseits von Aussen, durch letztendlich unbezahlte Mehrarbeit sich von befristeter Stelle zu befristeter Stelle zu hangeln. Andererseits aber auch von innen – der homo academicus hat immer noch einen Text zu lesen, einen Artikel zu skizzieren, er interessiert sich auch privat für seine Arbeit oder hat versagt.
Schnöde Arbeit: Natürlich gab es auch Linke deren Arbeit nichts mit dem politischen Anspruch zu tun hatte – die landeten verstreut auf viele Betriebe, viele Branchen, ohne kollektiven Möglichkeit von den Erfahrungen anderer Genoss_innen zu profitieren – weil es zu wenig faktische Gemeinsamkeit gab.

Was diese Linken einte, ist dass sie sich zielsicher in Arbeitsverhältnisse begaben in denen sie kein antagonistisches Verhältnis entwickeln konnten, in denen sie selber ihren Kämpfen Schranken errichteten. Und dies vor dem Hintergrund von Krise- und Krisenbewältigung der 10er-Jahre, als es entscheidend auf soziale Kämpfe ankam!
Freilich ist der Arbeitsplatz nicht der einzige, noch nichtmal der bedeutsamste Platz um für gesellschaftliche Veränderung zu kämpfen. Und das Arbeit nichts tolles ist wurde auch damals von nahezu allen Linken erkannt. Auch wurde erkannt, das die damals spezifische Art der Vergesellschaftlichung aus dem Zangengriff Kollektivierung als Nation, Atomisierung als Arbeitende. bestand.
Aber die Genoss_innen zogen aus dieser Erkenntnis nicht die Konsequenz kollektiv zumindest eine schöneres Leben für sich zu erkämpfen. Das uns ältere Genoss_innen häufig als verbiesterte Einzelkämpfer_innen begegnen ist kein Wunder. Sie haben die Ideolgie des individualisierten Homo Oeconomicus verstanden, kritisiert und trotzdem gelebt, der Kampf ums schöne Leben blieb Parole.