Archiv für Dezember 2012

Flüchtlinge & Geflüchtete, Sternchen und Unterstriche

Ein paar unsortierte Gedanken zur Sprachkritik:

Mich nervt es bisweilen, sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen, dieses Getue mit den Unterstrichen bzw. Gender-Gap und das dauerende ‚mensch‘ statt ‚man‘. Genau deshalb mache ich es: beides funktioniert als Stolperfalle im Text, die dazu bringt darüber nachzudenken von wem denn nun die Rede ist1.
Ein Binnen-I funktioniert glaube ich genausogut, die Schreibweise mit Sternchen – die viele blogger* verwenden – ist mir zu flüssig.
Hätte ich einen stärkeren populisitschen Anspruch würde ich wahrscheinlich etwas zurückfahren (z.B. nurnoch gender gap, aber nicht mehr mensch statt man)

Geflüchtete statt Flüchtlinge – da bin ich leidenschaftslos. Nichts spricht gegen ‚Geflüchtete‘, ausser das das eine dieser schlecht durchdachten linken Moden sein könnte. Mensch kann herleiten dass das Wort von der Konstruktion her eher negativ besetzt ist, ich bin mir aber nicht sicher ob nicht-Philolog_innen das so bemerken würden.

Der Umgang mit Sprachkritik wie ich ihn in meinem Umfeld beobachte gefällt mir ganz gut – die meisten sind ganz bemüht, zum Teil richtig putzig – Rom_nija, Sint_iza – aber auch einigermassen entspannt wenn mal wer was vergisst. Allen sich selbst überschätzenden Wordnerds zu Trotz, Sprache ist immer nur ein Baustein in einem Gewaltverhältnis & Merkaufgaben für Streber_innen zu schaffen ist kein Ersatz für eine Auseinandersetzung.

Ich bleibe dabei: Die Absurde Sitte (gesehen auf Maedchenmannschaft) umstrittene Begriffe (z.B. slut) oder das Wort Vergewaltigung nicht mehr auszuschreiben (sl*t, V*rg*w*lt*g*ng, r*p* …) hilft niemandem, schützt niemandem, verhindert keine Trigger (weil lesbar ist das allemal, wenns darum ginge) und hat nichts mit Sprachkritik zu tun und alles mit einem absurden Sauberkeitsbedürfnis.
Wenn mich wer widerlegen will, nur zu.

Last not least: Die Resexualisierung des Wortes „ficken“ bleibt ein wichtiges Sprachpolitisches Ziel. Nie wieder „fuck the system“!

  1. Beliebte Praxis in Aufrufen: eine Fussnote die die konkret verwendete Umgangsweise erklärt, gerne plaziert am ersten absurd erscheindem Beispiel. z.B. bei den Wehrmachtssoldat_innen.[zurück]

Geopolitische Linke

Die Kriegstendenz verschärft sich weiter: […] wird in Syrien ein brutaler Stellvertreterkrieg der westlichen Staaten samt deren Vasallen in der Region, u.a. der Türkei, die gleichzeitig Krieg gegen die Kurden führt, gegen den russischen Imperialismus geführt.

Aus dem A3 Aufruf für die LLL-Demo. Zu den imperialisitschen Mächten die dort mitmischen würde ich noch Saudi-Arabien und Iran zählen, aber gut. Ähnlich der diesjährige Siko-Aufruf der ALM:

In Syrien wird der Bürgerkrieg auch durch die militärische Unterstützung westlicher Mächte weiter angeheizt und droht sich zu einem regionalen Konflikt / Krieg auszuweiten. Deutschland spielt darin eine zentrale Rolle. Anfang August hat das Auswärtige Amt eine Task Force Syrien eingerichtet, deren Aufgabe es ist, die Rebellen mit Geheimdienstinformationen und Waffen zu versorgen, um einen Regimewechsel in Damaskus zu erzwingen. Die Unterstützung der Rebellen dient nicht dazu die Zivilbevölkerung vor den Truppen Assads zu schützen, sondern den Einfluss der NATO in der Region auszubauen.

In Syrien herrscht Bürgerkrieg, in dem verschiedene geostrategische Interessen mitmischen – um diese zwei Tatsachen kommt mensch nicht herum. Und als Linke hier muss es auch immer darum gehen die Politik, die von der BRD und ihren Verbündeten gemacht wird anzugreifen – auch wenn vor Ort Saudi Arabien und Quatar, bzw. die von ihnen geförderten rechten Kräfte ein grössere Rolle spielen als westliche Mächte. Auch wenn ein offener NATO-Krieg gegen Assad’s Syrien noch nicht unmittelbar bevorsteht, macht es Sinn dagegen zu agitieren.

Aber der Bürgerkrieg in Syrien hat als Revolte gegen das dortige Regime begonnen, und als Linke die mal das hiesige Regime auf den Müllhaufen der Geschichte werfen will ist es absurd kein Wort der Solidarität mit dem Aufbegehren gegen die Diktatur zu verlieren – was die Menschen die z.B. in den lokalen Basiskomitees organisiert sind wollen muss für Revolutionäre mindestens so interessant wie die geostrategische Überformung.

Ich werfe den Genoss_innen nicht vor, Assad-Fans zu sein, aber wohl dass sie den Bürgerkrieg nur in Beziehung zu (real existierender und brutaler) Geopolitik beschreiben. Dieses Denken in der Linken geht mir subjektiv auf die Nerven und stellt nicht die interessanten Fragen: Wie verhalten wir uns zu den Aufständen in Tunesien, Ägypten, Syrien, Jemen, … ? Was sind tatsächliche Verbindungslinien zu dem was hier statt findet? Wer sind mögliche Adressat_innen für direkte Solidarität? Die üblichen Fragen …
Das ist alles überhaupt nicht einfach, wie auch an der Kritik der IMI Tübingen an adopt a revolution sichtbar wird. Die Kritik vom letzten Frühjahr teile ich in dem Punkt der Intransparenz der Strukturen von AaR. Aber zu übergehen dass da ein unterstützenswerter Aufstand gegen einen Diktator stattfindet bringt uns auch nicht weiter.

Frohes Lichterbaum-Geschenkefest

Deutsche Linke: In meinen politischen Nischen sind viel mehr Leute, die Weihnachten nicht mehr feiern, als welche die aus Familien kommen in denen das nicht gefeiert wird.

Zweimal Sprachkritik im AK

Ob jemand nun »Kanaken« sagt oder »Menschen mit Migrationshintergrund«: Bei dem/der ZuhörerIn entsteht das Bild eines Menschen, der weniger gebildet und weniger erfolgreich ist, im schlimmeren Fall wird auch noch Kriminalität, Frauenfeindlichkeit oder religiöser Fanatismus assoziiert. Keines dieser Vorurteile wird korrigiert, wenn man stattdessen von »People of Color« spricht. & Wenn Menschen etwas reflektieren und etwas verändern wollen, dann wollen sie auch ihre Sprache verändern.

Rassismus bei der Gruppe „Kir Royal“ revisited

… meinen die Anhänger des „arabischen Frühlings“, ausgerechnet mehr Demokratie könnte den antisemitischen Furor aufhalten. Dabei weiß jeder, der es wissen will, dass die Feindschaft gegen Israel die islamischen Massen noch immer zusammengeschweißt hat und Volksherrschaft gefährlich ist, wenn das Volk aus lauter Wahnsinnigen besteht.

… schreibt die Gruppe Kir Royal in einem aktuellen Flugblatt. Ich hatte das als rassistisch kritisiert – und dachte, eigentlich nicht groß erklären zu müssen, ist der rassistische Gehalt der obigen Passage doch so eindeutig wie ein Kinnhaken. Einige können oder wollen das nicht sehen. Und sowieso verstehe ich jede,die keine Lust hat die wüste Kommentarspaltendiskussion die mein kurzes Posting nach sich zog nach substantiellen Inhalten zu durchsuchen. Also alles auf Anfang, jetzt kommt der Erklärbär.
Erklärbär

Was steht da nun so problematisches? „Antisemitismus schweisst die islamischen Massen zusammen“ Das Antisemitismus Menschen unter reaktionären Vorzeichen verbinden kann ist unbestritten. Das setzt voraus das er von allen geteilt wird. Kir Royal findet also das alle Muslime, denn wer sollen diese „islamischen Massen“ sonst sein, Antisemit_innen sind. Einer ethnisch oder kulturell definierten Menschengruppe pauschal eine Eigenschaft zuschreiben ist Rassismus.
Weiter: „Das Volk besteht aus lauter Wahnsinnigen“ – Volk meint hier die Menschen in Tunesien, Ägypten, Lybien, die ihre Diktatoren und Militärregime losgeworden sind, und die sind laut Kir Royal alle wahnsinnig. Einer ethnisch oder kulturell definierten Menschengruppe pauschal eine Eigenschaft zuschreiben ist Rassismus.
Damit wären wir eigentlich fertig, für die Uneinsichtigen und für alle die noch neu sind in der Auseinandersetzung mit Rassismus bleibt der Erklärbär noch ein bisschen.

Erklärbär

Wie der bornierte Spiesser, der über „kriminelle Ausländer“ schimpft und dann mit irgendeiner Kriminalitätsstatistik ankommt, redet sich einer von Kir Royal raus – das Argument sei „Entscheidung [islamistische Parteien zu wählen], nicht Kultur“. Nur steht davon nichts in dem Flugblatt von Kir Royal, und wie ein Problem beschrieben wird macht eben einen Unterschied ums Ganze. Die Aussage „die Hälfte der Wähler_innen, ein Viertel der Wahlberechtigten in Ägypten hat für Mursi gestimmt“ ist eben eine andere als „alle wahnsinnig“.
Und die richtige AussageMubaraks jahrelange antisemitische Propaganda, die im arabischen Raum, was das Ausmaß betrifft, wohl ihresgleichen sucht, [hat] die Herrschaft der Islamisten ungewollt mit vorbereitet.“ ist auch nicht das gleiche wie „alle Muslime sind Antisemiten.“
Die Gruppe Kir Royal hat sich entschieden rassistische Erklärungsmuster zu verbreiten. Das sind keine dummen Kinder, bei denen vielleicht Nachsicht angebracht wäre, das sind dummreaktionäre Erwachsene die schon meinen werden was sie schreiben.

Der hier (und anderswo) unterstellte Wahn, oder Irrationalität, sind im übrigen keine sinnvolle politische Kritik an rechten Ideologien. Die Rassist_innen, Antisemit_innen etc. stellen das Konstrukt von Volk, Nation und Rasse über sich und ihre Mitmenschen, sie denken innerhalb dieser Grenzen durchaus rational. Das ist eine Feststellung, keine Entschuldigung.
Mal auf uns bezogen: in der deutschen Gesellschaft, in der die meisten der hier diskutierenden aufgewachsen sind, sind Rassismus und Antisemitismus zweifelsohne fest verankert und auch wir haben davon etwas verinnerlicht. Die meisten der hier diskutierenden haben ein paar Schritte unternommen um das abzulegen – durch Reflexion und Kritik und weil wir nicht Teil der Scheisse sein wollen, nicht durch Therapie.
Die Rede vom Wahn drückt Verachtung und Distanz zu den so bezeichneten aus, der Wunsch danach ist bei Rechten emotional nachvollziehbar. Aber der Begriff Wahn verstellt eher die Sicht darauf, wie Ideologien funktionieren und verbreitet werden und schafft einen unangreifbaren Sprechort. Gut für überhebliche Schnöseligkeit, schlecht für eine echte Auseindandersetzung.

Noch ein letztes Wort zur Szenehygiene. Die Forderung, die Gruppe Kir Royal aus der Linken zu werfen, wäre um Jahre verspätet oder von vornherein deplaziert, Kir Royal kann mensch rechts liegen lassen. Aber du guckst auf denen ihr facebook und da steht „3 von deinen Freunden gefällt das“? Dann frag die drei doch bei einem Kaltgetränk ob es hackt.
Schlamassel Muc wirbt unter der Überschrift „Spaltung for teh win!“ für Kir Royal und deren Inhalte. Wenn er den Rassismus von Kir Royal nicht teilt, kann er ja politische Verantwortung für den Inhalt des eigenen Blogs übernehmen und das sagen. Sonst stellt sich auch hier die Frage ob es hackt.

So oder so, wenn die Diskussion hier dazu beiträgt, dass Rassist_innen nicht mehr so leicht Multiplikatorinnen oder Wasserträger finden, wäre das tatsächlich eine Spaltung for the win.

P.S. Um etwas sachlicher zu bleiben – kein Kommentar erscheint unmoderiert. Freigeschaltet werden nur welche, die direkt auf die Frage des Rassismus Bezug nehmen oder mir schöntun.

wie versprochen

Standartantwort de SDAJ München auf wirklich jeden Flugblattentwurf: „Eigentlich wollen wir eh das gleiche, aber das was ihr geschrieben habt kann man nicht vor Schulen verteilen“

Mehr! Mehr! Diktatur und Militär!

… meinen die Anhänger des „arabischen Frühlings“, ausgerechnet mehr Demokratie könnte den antisemitischen Furor aufhalten. Dabei weiß jeder, der es wissen will, dass die Feindschaft gegen Israel die islamischen Massen noch immer zusammengeschweißt hat und Volksherrschaft gefährlich ist, wenn das Volk aus lauter Wahnsinnigen besteht.

… gefunden bei der neuesten Reinkarnation der Münchner Antideutschen: Offen Pro-Diktatur und antimuslimisch rassistisch.

Zustimmend verlinkt wird das ganze von Schlamassel Muc – kommt da nochmal eine Distanzierung oder hören jetzt alle auf den als linken Blog zu betrachten?


Nachtrag: Das mit Rassismus wird hier ausgeführt

Das R-Wort

Nie das R-Wort aussprechen! anders deutsch über die Unfähigkeit, Rassismus bei der Polizei zu benennen

haste mal nen link?

Bettel Bettel, Schnorr Schnorr: Teilt den Kram von mir in der sozialen Datenkrake eurer Wahl, das findet ja sonst kein mensch.

Das Boot ist voll?

Auf Schlamassels Blog erschien, zeitgleich mit der aktuellen Hinterland, eine Kritik an dem Artikel „Durch die Wüste.“ Der Hinterland Artikel von Miriam Edding beschreibt den Umgang mit Flüchtlingen aus dem Susaharischem Afrika in Israel und ist lesenswert. Die Kritik daran hat es in sich.

Der Gastbeitrag auf Schlamassel Muc, geneauer: die „Rede von Hannes Bollmann, vorgetragen im stillen Kämmerlein“ leugnet nicht dass es vielen Flüchtlingen dort dreckig geht und erzählt wie viel jüdische Immigrant_innen Israel immer wieder aufgenommen hat. So weit, so gut.

Für diesen Hannes aber ist eine restriktive Einwanderungpolitik gegenüber nichtjüdischen Immigrant_innen in Ordnung, denn …

Israel besteht hauptsächlich aus Wüste, die sich zum Leben wenig eignet. Da gibt es keine sinnlosen Landstriche wie in Deutschland, wo man ohne Probleme noch ein paar Megacities pflanzen könnte.

Klassische Rationalisierung von Rassismus: Es ist kein Platz, das Boot ist voll. Nun hat die Fähigkeit eines Staates, Flüchtlinge oder Migrant_innen aufzunehmen wenig mit Landfläche zu tun, wie der Blick auf das Nachbarland Libanon zeigt – ähnlich viel Wüste, dichter besiedelt, eine große Minderheit – 10%- der Bevölkerung sind Flüchtlinge (die unter miesen Bedingen leben). Entscheidend ist nicht die Bodenfläche, sondern Geld und politischer Wille.

Weiter argumentiert dieser Hannes:

Damit Jüdinnen und Juden weiterhin über einen geschützten Raum verfügen, ist eine jüdische Mehrheit in diesem Staat notwendig. Denn nur so ist zu gewährleisten, dass eine Mehrheit dagegen stimmt, wenn in Israel antijüdische Politik betrieben werden sollte. […]

Ich spreche von Aufenthaltspolitik, weil es für Nichtjuden äußerst schwierig war und ist, die israelische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Das hängt mit dem eingangs erwähnten Umstand zusammen, dass es in Israel eine jüdische Mehrheit geben muss. Eine jüdische Mehrheit ist heute gegeben, sie schmolz aber in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich ab. Insbesondere orthodoxe Jüdinnen und Juden versuchen das mit einem großen Kindersegen zu kompensieren, aber es hilft nichts.

Bei so viel Verständnis für Bevölkerungspolitik frage ich mich, ob sich Hannes auch Gedanken über Verhütung und wem diese zugänglich gemacht werden soll macht.

Flüchtlinge haben ein Recht auf gesellschaftliche Teilhabe, aber wenn sie in Israel in vollem Umfang teilhaben – wie es sich gehört –, würde sich die demographische Entwicklung der Gesellschaft in Israel sehr schnell zu Ungunsten der knapp sechs Millionen Jüdinnen und Juden verändern. Was wird dann aus dem Judenstaat?

Ganz oder garnicht, einbürgern oder abschieben! Ein drittes ist nicht gegeben.

Weiter findet Hannes das Israel keine Flüchtlinge aus z.B. Afrika aufnehmen kann, weil dann die Palästinenser_innen auch kommen dürften, und bemüht natürlich das Argument der Terrorgefahr.

Für Hannes folgt die Israelische Flüchtlingespolitik aus der geopolitishcen Lage und dem jüdischen Charakter des Staates, Politik als gesellschaftliche Auseinandersetzun kommt vor lauter Sachzwang nicht vor. Irgendwo gesteht er ein, dass die Aunahmepolitik mal ẃeniger restriktiv war, um dann wieder die Alternativlosigkeit der aktuellen Verschärfungen runterzubeten.
Wie wärs denn hiermit (vorsicht, banale These!): Die israelische Gesellschaft entwickelt sich nach rechts, es ist Krise, viele sind verarmt und wollen trotzdem nach unten treten. In diesem Klima fällt rassistische Hetze auf einen fruchtbareren Boden als noch vor ein paar Jahren. Womit natürlich kein positive Bezugnahme auf das Gebilde Israel

Eng verzahnt mit Hannes Argumentation ist sein verbissener Hang zu Realpolitik und sich den Kopf des Staates zerbrechen wollen, an einer Stelle kritisiert er dass der Hinterland Artikel „keine Lösung anbietet.“
Nun ist es nicht die Aufgabe einer Rassismuskritischen Initiative – ob NGO oder Selbstorganisierung – Vorschläge anzubieten, wie der Staat seine Untertanen sonst sortieren soll. Es geht darum Missstände zu benennen und Maximalfoderungen zu stellen, politischen Druck aufzubauen und so vielleicht ein paar Veränderungen zu bewirken. Sollen die Genoss_innen und kämpfenden Flüchtlinge erstmal einen friedlichen Nahen Osten am grünen Tisch entwerfen, bevor sie sich gegen die Unterdrückung wehren?

Zum Schluss des Schlamassel-Beitrags muss natürlich noch hanebüchene Kritk kommen:

Am Ende des qualitativ bis dahin schon wenig hochwertigen Artikels läuft es dann leider darauf hinaus, worauf es viel zu oft hinaus läuft: einen Nazivergleich.

Aber die Entwicklung [in Israel] seit 2010 gibt Anlass zu großer Besorgnis und zeigt, wie massiv Flüchtlingsrechte mit Füßen getreten werden können, wenn rechte bis rechtsextreme Parteien an der Regierung zusammen mit nationalistischen und chauvinistischen Gruppen auf der Straße agieren. Flüchtlingsaktivistinnen und -aktivisten in Europa sollten die Entwicklungen in Israel sehr genau verfolgen und die Diskussion mit den israelischen Gruppen suchen. Trotz der Unterschiede im europäischen und israelischen Migrationsregime gibt es große Gemeinsamkeiten. Auch in Griechenland wird deutlich, wie rasant das Zusammenspiel der im Parlament vertretenen rechtsextremen Partei Goldene Morgenröte…

Die griechische Organisation Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) ist bekanntlich eine astreine Nazipartei mit abgewandeltem Hakenkreuz im Logo. In diesem Zusammenhang von „großen Gemeinsamkeiten“ mit der israelischen Regierung zu sprechen, zeigt vielmehr das allzu deutsche Bedürfnis an, den Judenstaat als Wiedergänger des Nationalsozialismus darzustellen, als die Realität. Dass sich die Leserinnen und Leser eines deutschen Magazins darüber hinaus noch dazu aufgerufen fühlen dürfen, aktiv gegen die neuen jüdischen Nazis einzuschreiten und die israelische Flüchtlingsunterstützer-Szene zu belehren, setzt dem ganzen noch die Krone auf.
Wo genau wird der „Judenstaat als Wiedergänger des Nationalsozialismus“ beschrieen? Miriam schreibt dass es innerhalb der Israelischen Gesellschaft Rechte gibt, die einerseits parlamentarische Rückendeckung erhalten und andrerseits die Stimmung und die Politik beeinflussen. Diese Dynamik ist entscheiden für den Vergleich, entscheidender als die Frage ob das „richtige“ Nazis mit Hakenkreuzen (die es in Israel auch gibt, als RAndphenomäen) sind.
Am Rande: nur eine Minderzahl im rassistischen Mob in Rostock-Lichtenhagen waren „richtige“ Nazis – ihrer unmittelbaren Gefährlichkeit und den politischen Folgen tat das keinen Abbruch.

Ein Austauch mit Antirassist_innen vor Ort ist sicher spannend, was ich nicht sehe ist das wieso ausgerechnet die Situation in Israel zum Kampagnenthema für Antiras aus Deutschland werden sollte – da haben wir zuviel anderes zu tun was näher liegt – Frontex z.B., oder die Kämpfe in Lagern hier.
Linke aber, für die Israel aus irgendwelchen Gründen sehr wichtig ist, sollten sich als Bezugspunkte lieber die fortschrittlichen Kräfte innerhalb der dortigen Zivilgesellschaft aussuchen – denn dass mensch sich mit Loyalität zum Staat auch dessen Staatsräson mit allen Ausschlüssen und die daran hängen einkauft, hat dieser Hannes eindrucksvoll gezeigt.