Archiv für April 2010

Die Enteignung unseres Lebens durchbrechen – Gesellschaftlichen Reichtum aneignen!

Mit dem Aufruf des Soziale Kämpfe Plenums, auch liebevoll SKP genannt, liegt der dritte 30.4 Aufruf vor, bislang der einzige der auch explizit um Ersten Mai aufruft. Der Text liest sich vielleicht am besten als eine erste Selbstdarstellung des recht jungen SKP und als eine Einladung zum mitmachen.

Feste feiern wie sie fallen?

Wenn, wie kürzlich mal wieder, deutsche Soldat_innen sterben, knallen bei mir keine Sektkorken. Irgendjemandes Tod ist an sich für mich nie ein Grund zu feiern. Es ist aber in guter Anlass, daran zu erinnern, dass die Bundeswehr nirgendwo etwas verloren hat, dass der Krieg in Afghanistan Scheisse ist und beendet werden muss, und das Soldat_innen Mörder_innen sind, bei denen Mitleid erstmal fehl am Platze ist. Das jetzt z.B. Medium, Rhizom und regentied passende Lieder sammeln ist für mich kein Party-programm, sondern Selbstschutz: Gegenüber dem Trauer-Tammtamm braucht es eine gute Portion Zynismus. Das dieses ganze öffentliche Gedenken gar so penetrant ausfällt, hat auch den Grund, dass über diesen Umweg – unterstützt unsere Jungs in Afghanistan! Sie bringen solche Opfer! – öffentliche Unterstützung für Deutschlands Krieg eingeworben werden soll. Die Frage nach der Unterstützung „unserer“ Soldat_innen beantworte ich so:
We support our troops when they shoot their officers

der nächste nazi-scheiss

Am 8. Mai planen Münchner Nazis einen „Trommel- und Fackelmarsch“ durch Fürstenried West, Münchens äussersten Südwesten. Sobald es welche gibt, findet ihr die Infos zu den Gegenaktionen hier.

Heraus zum revolutionärem 29. Februar?

Jeder Tag ist ein Tag an dem wir für ein ganz anderes Ganzes eintreten, der 29. Februar, wie der 8. März. Jeder Tag ist ein Erster Mai!“ – und deshalb ruft die Antifa NT dazu auf, sich an der antikapitalistischen Demo am 30.4 zu beteiligen. Dieses, etwas absurd erscheinende, Herumgespringe im Kalender ist mehreren Überlegungen geschuldet.

Einmal ist der Erste Mai selber in München nicht eben attraktiv. Es gibt die DGB Demo und das traditionelle OB-Ude-Auspfeifen, etwas Kulturspektakel am späten Nachmittag und, bislang versprengte, Bemühungen, mit antikapitalistischen Positionen und Gewerkschaftskritik präsent zu sein. Kein Wunder, dass viele Linksradikale den ersten Mai immermöglichst weit weg verbrachten. Einzelne auf Erlebnistour in Berlin oder Leipzig, viele bei der revolutionären Demo in Nürnberg oder bei einem der Naziaufmärsche im Süden.
Die NTs haben nicht nur unrecht, wenn sie schreiben:

Nicht „weil‘s sich so gehört und weil wir‘s schon immer so machen“, nicht weil die Blaskapelle der Münchner Verkehrsgesellschaft so schön die Internationale trällert und nicht weil die DGB-Bratwurst mit viel Senf und den Kolleg_innen doch am besten schmeckt, macht der Erste Mai Sinn.

Nur – wer aus der radikalen Linken (und für wen sonst schreibt die NT ihren
Aufruf?) geht wegen der Blaskapelle da hin? Wie oben angerissen, die linksradikale Präsenz war immer der Versuch, die anwesenden Kolleg_innen mit eigenen Inhalten zu erreichen. Meiner Einschätzung nach meistens erfolglos. Angesichts dessen war und ist es legitim, den ersten Mai anders zu verbringen, es macht aber ebenso Sinn, sich zu überlegen wie die Leute da effektiver erreicht werden können. Vielleicht bei einer Bratwurst mit den Kolleg_innen über dieses Flugblatt diskutieren? Oder über diese Broschüre?

Die zweite Überlegung ist, sich „explizit in der Tradition emanzipatorischer Bewegungen und Kämpfen für ein besseres Leben verorten, die mit den riots am Chicagoer Haymarket den Anlass für die Tradition des Ersten Mai gaben.“ So weit, so richtig. Aktionen um der Ersten Mai werden, wegen dieser Aufladung, anders wahrgenommen. So gesehen ist die Behauptung, jeder Tag sei ein Erster Mai, Quatsch.
Richtig ist widerum, dass es jeder Tag ein Tag ein antikapitalistischer Kampftag sein sollte:

[Der Erste Mai] macht nur Sinn als Ausdruck einer antikapitalistischen Theorie und Praxis und nicht als Ersatzhandlung für sie.

Das gilt für jede Demo an jedem Tag wie für jede andere symbolische Aktion. Die Unterscheidung zwischen Ausdruck und Ersatzhandlung wird nicht auf der Demo gefällt, sie hat auch wenig mit dem Aufruf oder anderen Literaturerzeugnissen zu tun. Die erste Frage ist, ob es eine Praxis, ob es Kämpfe gibt, die einen Ausdruck finden können. Eine spürbare antikapitalistische Theorie und Praxis kann auch nicht in Event-Orientierten Demobündnissen organisiert werden. Und wo es weder reale Kämpfe noch eine längerfristige Organisierung gibt, helfen alle Beteuerungen, mensch wolle nicht im luftleeren Raum agieren, nichts.

Ein linksradikaler Organisierungsprozess zu sozialen Kämpfen in dieser Stadt läuft, steht aber noch ziemlich am Anfang, noch gibt es kaum Kontakte zwischen einer radikalen Linken und den stattfindenden Kämpfen. Die Demo am 30.4 wie das, was wir am Ersten Mai machen, hat trotzdem das Potential, mehr zu sein als eine Eintagsfliege im luftleeren Raum – dann, wenn die Aktionen zum ersten Treffpunkt werden für alle, denen kluge Worte und individualisierte Subversion im Alltag nicht reichen.

Anders als bei den linkradikalen Erster-Mai Demos 2006 und 2007 gibt es eine relative Einigkeit, auf linksradikale Szenecodes mit ihren Ausschlussmechanismen zu verzichten, sowie einen anderen, offenen Ausdruck zu probieren. Ausserdem gibt es mit dem Plenum für soziale Kämpfe ein offenes Organisierungsangebot über den Tag hinaus. Wenn wir in den nächsten Wochen gut mobilisieren, wenn wir darüber hinaus eine gute Organisierung hinkriegen, sind wir vielleicht mal gut genug aufgestellt um eine ARGE zu stürmen, das DGB-Haus zu besetzen, ein paar von uns bei einem wilden Streik zu supporten … vielleicht schon am nächsten 29. Februar.

talkin‘ bout a revolution

Der zweite Aufruf für die Abenddemo am 30.4 ist da. Nachdem sehr szenigen Kurzaufruf des Bündnisses hat die Antifa NT einen sehr szenigen Langaufruf vorgelegt: talkin‘ bout a revolution
talkin' bout a revolution

Langaufruf ist hierbei kein Witz, spontan fällt mir kein Aufruf der letzten Jahre ein der mit einer dermassenen Textfülle daher kommt. Wer hier agitiert werden will, muss schon etwas Fleiss mitbringen. Lang ist der Text aber nicht, weil die NT’s rumschwafeln, sondern wegen der Themenfülle:
Es geht um den ersten Mai, den 30. April und den 29. Februar. Es geht um einen Wissenschaftsbetrieb, der die Verhältnisse betoniert. Es geht um den Realsozialismus. Es geht um Arbeit, und darum was Arbeitsethos mit Antiziganismus zu tun hat, und natürlich wird zum Schluss nochmal erklärt warum Antifa auch heissen muss, um ein ganz anderes Ganzes zu kämpfen.

Zu dem Absatz über den ersten Mai gäbe es mehr zu sagen, ein andermal.
Gut fand ich den Absatz zu Arbeit und Arbeitsethos. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Herleitung von Antiziganismus, die dann gemacht wird, so ganz teile, finde es aber gut wenn ein eher randständiges Thema etwas mehr Raum bekommt. Die Abhandlung zum Wissenschaftsbetrieb – an der ich inhaltlich erstmal nichts auszusetzen habe – wäre im Aufruf gegen einen Soziologie-Kongress vielleicht angebracht, warum das in diesem Demoaufruf drinsteht ist mir total schleierhaft.

Beim Lesen des Aufrufs drängte sich mir schnell das Bild auf, wie die NTs zusammensitzen, Themen für den Aufruf brainstormen, alles ganz locker, konstruktive Atmosphäre und viele Ideen. Und dann soll es ans Streichen und Kürzen gehen, aber blöderweise hat der Genosse den Rotstift vergessen. Sei es wie es sei – ich bin ziemlich zuversichtlich, dass die Demo am 30.4 cool wird, und tatsächlich dazu beitragen kann, neue Stile an linksradikalen Ausdrücken in München zu verbreiten. Wenn das, und ein wo auch immer verbrachter erster Mai, hinter uns liegen, reden wir mal darüber ob es wirklich keine besseren Wege als Aufrufe gibt, um Analyse und Kritik unter die Leute zu bringen.

Fail.

Der neue bayrische Verfassungsschutzbericht ist da, die Schlapphüte versuchen sich am Dissen:

Die [Organisierte Autonomie] OA versteht sich als ein offenes Projekt, das sich in Arbeitsgruppen verschiedener Schwerpunktthemen annimmt. Dabei spiegelt der Name den Widerspruch zwischen jeglicher Ablehnung von Strukturen einerseits und dem erforderlichen Mindestmaß an
Organisation zur Zielerreichung andererseits wider.