Heraus zum revolutionärem 29. Februar?

Jeder Tag ist ein Tag an dem wir für ein ganz anderes Ganzes eintreten, der 29. Februar, wie der 8. März. Jeder Tag ist ein Erster Mai!“ – und deshalb ruft die Antifa NT dazu auf, sich an der antikapitalistischen Demo am 30.4 zu beteiligen. Dieses, etwas absurd erscheinende, Herumgespringe im Kalender ist mehreren Überlegungen geschuldet.

Einmal ist der Erste Mai selber in München nicht eben attraktiv. Es gibt die DGB Demo und das traditionelle OB-Ude-Auspfeifen, etwas Kulturspektakel am späten Nachmittag und, bislang versprengte, Bemühungen, mit antikapitalistischen Positionen und Gewerkschaftskritik präsent zu sein. Kein Wunder, dass viele Linksradikale den ersten Mai immermöglichst weit weg verbrachten. Einzelne auf Erlebnistour in Berlin oder Leipzig, viele bei der revolutionären Demo in Nürnberg oder bei einem der Naziaufmärsche im Süden.
Die NTs haben nicht nur unrecht, wenn sie schreiben:

Nicht „weil‘s sich so gehört und weil wir‘s schon immer so machen“, nicht weil die Blaskapelle der Münchner Verkehrsgesellschaft so schön die Internationale trällert und nicht weil die DGB-Bratwurst mit viel Senf und den Kolleg_innen doch am besten schmeckt, macht der Erste Mai Sinn.

Nur – wer aus der radikalen Linken (und für wen sonst schreibt die NT ihren
Aufruf?) geht wegen der Blaskapelle da hin? Wie oben angerissen, die linksradikale Präsenz war immer der Versuch, die anwesenden Kolleg_innen mit eigenen Inhalten zu erreichen. Meiner Einschätzung nach meistens erfolglos. Angesichts dessen war und ist es legitim, den ersten Mai anders zu verbringen, es macht aber ebenso Sinn, sich zu überlegen wie die Leute da effektiver erreicht werden können. Vielleicht bei einer Bratwurst mit den Kolleg_innen über dieses Flugblatt diskutieren? Oder über diese Broschüre?

Die zweite Überlegung ist, sich „explizit in der Tradition emanzipatorischer Bewegungen und Kämpfen für ein besseres Leben verorten, die mit den riots am Chicagoer Haymarket den Anlass für die Tradition des Ersten Mai gaben.“ So weit, so richtig. Aktionen um der Ersten Mai werden, wegen dieser Aufladung, anders wahrgenommen. So gesehen ist die Behauptung, jeder Tag sei ein Erster Mai, Quatsch.
Richtig ist widerum, dass es jeder Tag ein Tag ein antikapitalistischer Kampftag sein sollte:

[Der Erste Mai] macht nur Sinn als Ausdruck einer antikapitalistischen Theorie und Praxis und nicht als Ersatzhandlung für sie.

Das gilt für jede Demo an jedem Tag wie für jede andere symbolische Aktion. Die Unterscheidung zwischen Ausdruck und Ersatzhandlung wird nicht auf der Demo gefällt, sie hat auch wenig mit dem Aufruf oder anderen Literaturerzeugnissen zu tun. Die erste Frage ist, ob es eine Praxis, ob es Kämpfe gibt, die einen Ausdruck finden können. Eine spürbare antikapitalistische Theorie und Praxis kann auch nicht in Event-Orientierten Demobündnissen organisiert werden. Und wo es weder reale Kämpfe noch eine längerfristige Organisierung gibt, helfen alle Beteuerungen, mensch wolle nicht im luftleeren Raum agieren, nichts.

Ein linksradikaler Organisierungsprozess zu sozialen Kämpfen in dieser Stadt läuft, steht aber noch ziemlich am Anfang, noch gibt es kaum Kontakte zwischen einer radikalen Linken und den stattfindenden Kämpfen. Die Demo am 30.4 wie das, was wir am Ersten Mai machen, hat trotzdem das Potential, mehr zu sein als eine Eintagsfliege im luftleeren Raum – dann, wenn die Aktionen zum ersten Treffpunkt werden für alle, denen kluge Worte und individualisierte Subversion im Alltag nicht reichen.

Anders als bei den linkradikalen Erster-Mai Demos 2006 und 2007 gibt es eine relative Einigkeit, auf linksradikale Szenecodes mit ihren Ausschlussmechanismen zu verzichten, sowie einen anderen, offenen Ausdruck zu probieren. Ausserdem gibt es mit dem Plenum für soziale Kämpfe ein offenes Organisierungsangebot über den Tag hinaus. Wenn wir in den nächsten Wochen gut mobilisieren, wenn wir darüber hinaus eine gute Organisierung hinkriegen, sind wir vielleicht mal gut genug aufgestellt um eine ARGE zu stürmen, das DGB-Haus zu besetzen, ein paar von uns bei einem wilden Streik zu supporten … vielleicht schon am nächsten 29. Februar.


1 Antwort auf “Heraus zum revolutionärem 29. Februar?”


  1. 1 http://91.90.148.244/erstermai/ 08. April 2010 um 20:31 Uhr

    Am 1.Mai selbst gibt es neben DGB in muc, der revolutionären Mai Demo in Nürnberg und dem Naziblockieren in Schweinfurt noch die Möglichkeit nach Rosenheim zu fahren. Da gibt es nämlich auch ne eigenständige linksradikale Demo.
    Die Demo beginnt um 12:30 Uhr an der Brixstraße/Ecke Rathausstraße und endet bei nem Straßenfest mit livebands. Weitere Infos: www.erstermai.de.nr

    und hier der Aufruf:

    Friede, Freude, Krisenstimmung
    Noch letztes Jahr erlebten wir in der BRD die spektakuläre Rettung einiger Banken und den größten Einbruch der industriellen Produktion in der Nachkriegszeit. Und jetzt schon verbreiten Chefetagen und Regierende wieder Optimismus – und bombardieren uns zugleich mit Schreckensmeldungen. Wir sollen still halten und auf bessere Zeiten warten – während es für uns offensichtlich und spürbar immer schlechter wird.
    Kapitalismus ist Krise
    Als Lohnabhängige leiden wir unter den sinkenden Reallöhnen, arm machenden Sozialleistungen, ausgeweiteter Kurzarbeit, unsicheren Arbeitsverhältnissen und immer härterer Konkurrenz. Über Zeit- und Leiharbeit werden wir in den Betrieben gegeneinander ausgespielt: Die gleiche Arbeit muss meist für weniger Lohn erbracht werden während die Stammbelegschaften zusammenschmelzen – auch in Rosenheim müssen Menschen von Minilöhnen leben oder sich in der Leiharbeit verdingen.
    Die Hetze gegen Hartz-IV-Empfänger_innen – und das sind alleine in der Stadt Rosenheim fast 4000 Menschen, darunter 1000 Kinder – soll uns einschüchtern und spalten. Sie droht zum Vorgeplänkel für eine Senkung der Regelsätze im Herbst zu werden. Schon jetzt leiden dabei insbesondere Frauen unter der staatlich verordneten Armut – sei es als Alleinerziehende oder weil sie in den wachsenden Niedrig-Lohn- und Mini-Job-Sektor abgeschoben werden und auf ergänzende Hilfen angewiesen sind.
    Auch in unseren Wohnungen sind wir nicht mehr sicher: Alter Baubestand wird abgerissen, um einen höheren Quadratmeterpreis zu erzielen. Verdrängung durch Klagen, Kündigung und Unbezahlbarkeit ist die brutale Seite der Stadtteilveredelung, wie sie im Moment an allen Ecken in Rosenheim vollzogen wird, insbesondere an der Finsterwalderstraße.
    Unsere Waffe: Solidarität!
    Der Kapitalismus basiert auf Klassenunterschieden, er teilt uns in arm und reich. Aber nicht nur das: er wird unter anderem weiter verfestigt durch Rassismus, die Einteilung in Geschlechter und Nationalitäten und staatlich legitimierter Herrschaft von Menschen über Menschen.
    So kommt es, dass wir – selbst dicht an dicht in Wohnblöcken und Reihenhäusern – isoliert und unserer Solidarität beraubt werden. Die Solidarität, die uns fehlt, um für ein besseres Leben kämpfen zu können. Wir müssen die Grenzen, die wir zwischen uns aufbauen, überwinden. Deshalb wollen wir uns auch weltweit mit den sozialen Kämpfen solidarisieren. Zum Beispiel mit den kämpfenden Arbeiter_innen beim türkischen Tabakkonzern TEKEL (siehe auch hier) oder mit der aufständischen Bevölkerung Griechenlands. Ihre Kämpfe sind die unseren, von ihnen können wir lernen!
    Unsere Chance: Widerstand!
    Seit dem Jahr 1890 kämpfen die Arbeiter_innen auf der ganzen Welt am ersten Mai für bessere Lebensbedingungen und gegen die kapitalistische Ausbeutung. Ausschlaggebend für dieses Datum waren die Streiks um den Achtstundentag in den USA, bei denen Streikende in Chicago von der Polizei erschossen wurden.
    Lasst uns am 1.Mai 2010 den Kampf um die Erfüllung der Bedürfnisse der Einzelnen und für ein selbst bestimmtes Leben auch auf die Rosenheimer Straßen tragen! Denn als Gesellschaftsverhältnis ist der Kapitalismus zwar global. Aber er ist von Menschen gemacht und kann deshalb von uns auch überwunden werden!

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