Balestrini in der Black Box

Am kommenden Dienstag ist eine Abendveranstaltung mit dem Autor Nanni Balestrini im Gasteig. Zu meiner grossen Überraschung gibts Genoss_innen, denen der Name nichts sagt, deshalb in aller Kürze: Balestrini hat 68 in Italien die Gruppe Potere Operaio mitgegründet und musste 79 nach Frankreich ins Exil, da ihm die Mitgliedschaft in den Brigate Rosse vorgeworfen wurde. Zusammen mit Primo Moroni schrieb er „Die goldene Horde“, meines Wissens nach das Standardwerk über die Autonomia. In seinen Romanen geht es um verschiedene soziale und politische Bewegungen – „Wir wollen alles“ behandelt die grossen Streiks bei Fiat, das Hooligan-Epos „I Furiosi“ (Die Wütenden) beschreibt die Fankultur des AC-Milan und das kleinkriminelle Milieu darum. Am bekanntesten dürfte „Die Unsichtbaren“ (Gli Invisibli) sein, dass der Generation 77 – der ersten Welle Autonomer Politik in Italien – ein Denkmal setzt. Ein kurzer Auszug:

unser Zentrum war mitten in der STadtund das ganze umliegende Viertel war praktisch von uns besetzt die Leute der Szene schweiften dort umher auf den Bänken des kleinen Parks lagerten den ganzen Tag über Genossen etwa zweihundert Meter entfernt war ein Kaufhaus das tagtäglich von Gruppen von Genossen heimgesucht wurde irgendwann beschloss die Geschäftsleitung gegen diese täglichen schamlosen Raubzüge etwas zu unternehmen und stellte massenhaft Wärter auf die rannten eines Tages hinter ein paar Genossen her die Lebensmittel geklaut hatten rannten auch noch draußen auf der Strasse hinter ihnen her und die Genossen rannten zum Zentrum und schrien laut einen Augenblick lang herrschte Großalarm alle rannten hinaus mit den Fahnen die in Wirklichkeit Spatenstiele waren mit einem roten Stofffetzen dran

auf so etwas waren die Wächter nicht gefasst sie machten vor den ersten roten Fahnen Halt kehrten um und rannten zurück sie hatten jedoch den Namen einer Genossin rausgefunden und zeigten sie an und aus Angst vor unserer Reaktion foderten sie zwei Auto mit Bullen an die von nun an vor dem Eingang standen daraufhin ließen sich die Genossinnen eine schöne Aktion einfallen sie zogen sich alle elegant an und gingen zu zwanzig dreißig ins Kaufhaus und als sie drin waren schlenderten sie mit Rasierklingen durch die Bekleidungsabteilung und ritsch ratsch Jacken Pullover Röcke Hoen Mäntel Capes es war verheerend Schäden in Millionenhöhe und dann gingen sie selenruhig wieder hinaus keiner hatte etwas gemerkt die Polizeiautos standen noch zwei Wochen vor dem Eingang und währenddessen gingen die Leute in einen anderen Supermarkt klauen und dann ging hier wieder alles von vorne an

[…]

In der Zwischenzeit war jedoch ein anderes Problem aufgetaucht das uns plötzlich zu schaffen machte das war das Heroinproblem das immer weitere Kreise zog und auch in die Bewegung einzudringen begann tagelang diskutierten und diskutierten wir darüber ist ja klar das denen an der Macht diese Situation gerade recht kommt die schon einen Haufen Tote gefordert und viele zu Zombies gemacht hat die nun mit Spritze und Löffel an den Brunnen auf den Plätzen herumhängen klar das dem Heroin am ehesten diejenigen verfallen die das System am meisten ablehnen und es nicht mehr ertragen können das Heroin bietet uns ein individualistisches und selbstzerstörerisches Ventil für unseren Wunsch nach Veränderung für die Wut die wir in uns haben


1 Antwort auf “Balestrini in der Black Box”


  1. 1 empfehlenswerte literatur 15. März 2010 um 12:02 Uhr

    schade das München soweit weg ist….

    Ich kann zum Thema folgendes Buch (Trilogie) empfehlen:

    http://www.assoziation-a.de/gesamt/Die_grosse_Revolte.htm

    Grüße aus dem bayerischen Norden!

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