Sprachprobleme?

Bei einer öffentlichen Diskussion unter münchner Linken Anfang des Jahres drehte sich viel um die Frage, ob die Linke eine Sprache spricht die ausserhalb der eigenen Szene überhaupt verstanden wird. Es ging nicht nur, aber viel, um Fragen von Ausdrucksweisen, Formulierungen und schwierigen Wörtern. Immerhin: Der Satz „Ich verstehe eure Antifa-Sprache nicht“ blieb ungesagt.

Meine These ist, dass nicht so sehr um die Formulierungen geht, sondern um die Frage an welche Interessen, Bedürfnisse und Ansprüche appelliert wird. Die zwei letzten linksradikalen Aufrufe – Heldengedenken, Siko – fallen dabei eher in die Kategorie „von der Szene, für die Szene“: Beide Aufrufe versuchen, den jeweiigen Anlass in eine breiter angelegte Kritik und Perspektive einzubetten, setzen dabei bei der Leser_in aber einen gewissen Linksradikalismus voraus. Hier soll es um zwei Gegenbeispiele der linksradikalen Textproduktion gehen: Die Strassen aus Zucker und den Aufruf der Organisierten Autonomie Nürnberg „Die Krise beenden: Kapitalismus abschaffen.

Ich muss zugeben, dass ich noch keine komplette SaZ gelesen habe. Die Texte, allesamt auf Schulzeitungsniveau, langweilen mich einfach zu schnell, die meisten der Texte die ich geleen habe blieben relativ früh stehen. Ich bin auch kein fan der doch eher sterilen Spielart an Kapitalismuskritik, die in der SaZ geübt wird.
Ein paar Punkte machen die SaZ aber zu einem grossartigen Projekt: Sie behandeln jugendrelevante Themen, wie street-art oder vor allem Bundeswehr auf eine leicht zugängliche Art, gleichzeitig ist immer auch eine Portion algemeinerer, linksradikaler Gesellschaftskritik dabei. Das ganze ist dabei sprachlich und grafisch mehr als annehmbar gestaltet. Worauf ich aber hinaus will ist, dass die SaZ nicht gelesen wird weil die Macher_innen handwerklich so geschickt sind, sondern weil sie Themen aufgreift dieJugendlichen einfach unter den Nägeln brennen.

Einen engeren Fokus hat der OA-Aufruf. Der versucht Menschen, die sich mit verschiedenen sozialen Kämpfen indentifizieren, zu erklären warum eine grundsätzliche Wende erforderlich ist. Der Aufruf ist dabei nicht der grosse theoretische Wurf, zwei Punkte darin fallen besonders auf: Die Faschismusanalyse im Antifa-Absatz ist arg Dimitroffsch, und streift damit das Naziproblem nur. Das zweite Problem ist, dass stark mit der Polarisierung „die Interessen der Mehrheit“ vs. „eine Minderheit an Kapitalist_innen“ argumentiert wird. Das ist keine falsche Darstellung der Verhältnisse im real existierenden Kapitalismus, und es ist auch agitatorisch sinnvoll an das gemeinsame in der Klasse zu appellieren. Um eine revolutionäre Perspektive zu entwickeln braucht es aber die Einsicht, das der Kapitalismus ein Stück weit von uns allen reproduziert wird, und dass auch die Interessen der Mehrheit nicht einfach so da sind, sondern durch die Verhältnisse geformt und erzeugt werden.
So kurz die theoretische Kritik, die sich bei einem Glas Rotwein trefflich vertiefen und konkretisieren (zugleich!) liesse. Insgesamt fand ich den Aufruf richtig gut, oder besser gesagt, das politische Projekt dass damit verfolgt wird: Verschiedene, ganz konkrete soziale Kämpfe und linke Bewegungen zusammenzuführen, und zu versuchen gemeinsame Perspektiven zu entwickeln.
Und diese Herangehensweise bedingt auch die Art, wie die Leser_in gepackt wird: An der Verortung in einem konkreten sozialen Kampf, von Bildung über Antifa und Sozialticket zu Arbeitsplatz und Arge.

Um zur Eingangsfrage nach linker Szene-Sprache zu kommen: Wir müssen uns in unserer Agitation klar sein, wen wdannir erreichen, an welcher Subjektivität wir ansetzen wollen. Dazu gehört manchmal auch, ehrlich damit umzugehen, dass mensch lieber unter sich bleibt, und dazu wiederum gehört auch mit dem Vorwurf des politischen Hornochsentums klarzukommen. Aber dass ist es dann auch, worüber sich zu streiten lohnt. Welche Wörter verwendet werden, in welchen Formulierungen, dass ist dann letztendlich Handwerk.


1 Antwort auf “Sprachprobleme?”


  1. 1 Korrektur 28. März 2010 um 23:27 Uhr

    Zum Thema Sprache: unveränderliche Adjektive, die sich von Ortsnamen ableiten und auf -er enden, werden groß geschrieben.

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