Bild light

Wenn die Süddeutsche Zeitung über einen Hungrstreik von Flüchtlingen berichtet, liest sich das so:

Irgendwo hier müssen diese Menschen sein, schwach in ihren Betten liegen, apathisch vielleicht. Doch dann steht ein junger Mann im Gang, er grüßt freundlich, er wirkt gut gelaunt. Er sagt, er sei im Hungerstreik

Der gute SZ-Redakteur weiss nämlich auch ohne Recherche, wjungerjungerie hungerstreikende auszusehen, und sich zu verhalten haben. Wenn sie sich anders verhalten, dann ist es doch nur ein „Hungerstreik light
Immerhin erwähnt der Redakteur die Forderungen der Hungerstreikenden – weg mit Arbeitsverboten (genauer: nachrangiger Zugang zum Arbeitmarkt), Residenzpflicht und Essenspaketen. Das aber nicht, ohne die Essenpakete zu Lunchpaketen umzudeklarieren, und zu unterstellen es ginge nur um Essen das schmeckt. Die Karawane München dazu:

Der Hungerstreik der Flüchtlinge in Hauzenberg und Breitenberg ist konkreter Ausdruck der Verzweiflung über ihr inhumanes Dasein im Lager – das Eingesperrtsein, die Unfreiheit und die Bevormundung, die sie ertragen müssen. Wir erwarten nicht, dass ein Journalist, der einmal ein Lager besucht, diese Verzweiflung versteht, aber die qualitativ fragwürdigen zweimal die Woche ausgegebenen Essenspakete im Artikel als tägliche „Lunchpakete“ zu bezeichnen, ist schon etwas zynisch. Entsprechend protestieren die Flüchtlinge in seinen Augen vor allem für “Essen, das ihnen schmeckt“ und er ist offensichtlich enttäuscht, dass er keine völlig entkräftet im Bett liegenden Hungerstreikenden antrifft, deshalb erklärt er sie alle pauschal für unglaubwürdig. Da plaudert er doch lieber mit der „warmherzigen“ Heimleiterin, die ihre Flüchtlinge wie Kinder behandelt und „sie auch mal liebevoll in die Wange zwickt“.

Soweit, so richtig. Die Genoss_innen weiter:

Die Regierung von Niederbayern ist nicht gerade glücklich über die Aufmerksamkeit, die der Hungerstreik erregt, und der Regierungspräsident will im Grunde alles so belassen wie es ist – wie ein Beitrag des Bayerischen Fernsehens zum Thema überdeutlich zeigt. Dass die Politiker die Flüchtlinge als fremdgesteuert darstellen möchten, ist verständlich – erstaunlich ist allerdings, dass sich die SZ diese Perspektive zu eigen macht.

Vielleicht haben wir schlicht ein anderes Menschenbild. In der Karawane München engagieren wir uns gemeinsam mit Flüchtlingen, nicht für Flüchtlinge. Wir sind davon überzeugt, dass die Betroffenen ihre Lage am besten verstehen, und wir ihnen als Gruppe nicht erzählen können, wie sie zu handeln haben. In diesem Sinne lehnen wir die Entmündigung und den Paternalismus der bayerischen Asylpolitik ab. Flüchtlinge sind keine Menschen zweiter Klasse. Sie sollten nicht bevormundet werden, nicht in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sein, und anstatt im Nichtstun verharren zu müssen, Arbeit aufnehmen können. Auch wenn der bayerische Staat sie anders behandelt: Flüchtlinge sind keine Kinder, die sich gerne mal liebevoll in die Backe kneifen lassen, oder für die Vater Staat “Lunchpakete” packt und ihnen damit vorschreibt, was sie essen dürfen und was nicht.

„Schlicht ein anderes Menschenbild“ ist dabei sehr zurückhaltend formuliert. Wer so offen unwillig ist, die streikenden Flüchtlinge als politische Subjekte wahrzunehmen, wer die distanzlose, paternalistische Art der Lagerleiterin beschreibt und gleichzeitig, positiv gemeint, als „mütterlich“ bezeichnet, teilt den entmüdigenden staatlichen Rassismus.
Und ist damit in der Redaktion nicht allein. Annete Ramelsberger, bekannt dafür stets aus der Perspektive der Repressionsbehörden1 zu schreiben, sekundiert auch diesmal das Innenministerium:

Was in Hauzenberg im Bayerischen Wald geschieht, hat mit einem solchen ernsthaften Hungerstreik nichts zu tun. Angeblich hungern dort acht verzweifelte Asylbewerber seit fast zehn Tagen, um gegen ihre Lebensbedingungen zu protestieren. Doch wer die Verzweifelten besucht, trifft auf junge, kräftige Männer, die Traubenzucker essen und zum Fitnesskurs gehen. Oder sich aufs Fußballspiel am Wochenende freuen. Das sollen sie gerne alles tun – aber es nicht als Hungerstreik deklarieren. Sonst schlägt die Anteilnahme der Öffentlichkeit schnell in Spott um.

Den Spott erledigt der Redaktionskollege praktisch gleich selber, siehe oben. Auch hier fälltauf, dass Ramelsberger genau weiss, wie ein „richtiger“ Hungeertreik auszusehen hat.
Ramelsberger weiter:

Die deutschen Asylgesetze sind streng, die Unterkünfte oft trist. Es ist wahrlich nicht schön, untätig in einem engen Zimmer zu leben. Es ist auch nicht schön, Essenspakete zu bekommen, statt sich das gewohnte Essen aus der Heimat zu kochen. Das ist langweilig und frustrierend. Es ist das gute Recht von Flüchtlingen, dagegen zu protestieren. Ein Hungerstreik aber ist das allerletzte Mittel. Wer den Hungerstreik zum Gag macht, macht berechtigte Anliegen lächerlich. Wer den Flüchtlingen so etwas einredet, der schadet ihnen mehr als er ihnen nutzt. Weil ihnen dann, wenn es wirklich etwas Ernstes zu bemerken gilt, keiner mehr glaubt.

Wer den Hungerstreik zum Gag macht, macht berechtigte Anliegen lächerlich, soweit so richtig – Das Ramelsberger das Vorgehen ihrer Redaktion beschreibt, fällt der wahrscheinlich gar nicht mehr auf. Und mit grösster Selbstverständlichkeit teilt sie den Rassismus ihres Redaktionskollegen und unterstellt den Flüchtlingen fremdbestimmt zu sein.
Der Kern des Problem ist dabei, dass die zwei, anstatt über die Inhalte und Forderungen des Streiks zu berichten, die Frage aufmachen, ob das denn jetzt ein „richtiger“ Hungerstreik ist oder nicht. Sie könnten z.B. schreiben:

Die Flüchtlinge wollen sich mit ihrem Hungerstreik nicht kaputt machen, sie wollen aber ein deutliches Zeichen setzen gegen die Schikanen des Lageralltags. Und da gibt es einiges Auszusetzen, wie uns Farouk, 46, berichtet: …“

Die Arbeitsweise ist eine andere Vermutlich flatterte der Lokalredaktion die Erklärung ins Haus, und irgendein Redakteur denkt sich „geil, halbverhungerte, apathisch guckende Schwarze, und ich muss nicht mal nach Haiti!“ – und springt in sein Auto. Dann aber – Skandal – halten sich die Füchtlinge nicht an die unausgesprochenen Regieanweisungen, die Heimleiterin ist – deutsch, keine Sprachbarrieren, vom Amt – die pflegeleichtere Autoritätsperson, der entsprechend mehr geglaubt wird, und in der Randspalte fehlen noch 600 Zeichen Kommentar, die die Kollegin gerne füllt – mit der ihr eigenen Mischung aus gutem Gewissen und Paternalismus

  1. Lange Zeit waren fast alle ihre Berichte Lobhudeleien auf Geheimdienste und Polizei, die trotz schwerer Bedingungen (Rechtstaatlichkeit! Bürgerrechte!) uns alle vor dem Terrorismusschützen.[zurück]

5 Antworten auf “Bild light”


  1. 1 Bikepunk 089 10. Februar 2010 um 20:02 Uhr

    Ein weniger ätzender SZ-Artikel beleuchtet die Diskussion um die Frage Hilfeschrei oder ferngesteuerte Aktion?

  2. 2 Bikepunk 089 10. Februar 2010 um 20:07 Uhr

    Und hier ist die Diskussion seither dokumentiert: Endlich geht es wieder um die Forderungen.

  3. 3 Bikepunk 089 11. Februar 2010 um 13:58 Uhr

    Pirx und Crull verlinken dass hier – danke dafür – ohne dass Trackbacks ankommen.

  4. 4 crull 11. Februar 2010 um 23:09 Uhr

    Danke fürs manuelle Trackbacken, ich kann das nämlich softwarebedingt nicht.

  1. 1 Flüchtlinge im Hungerstreik für ein menschenwürdiges Leben « Adventures in Jogspace Pingback am 06. März 2010 um 13:57 Uhr
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