Mir fällt spontan niemand ein, der ernsthaft für einen Boykott Israels wäre. Trotzdem will ich diesen Artikel von Workers Liberty, eine trotzkistichen Gruppe aus UK, möglichst vielen Leuten ans Herz legen. Workers Liberty entwickeln darin eine Kritik an Boykottkampagnen gegen Israel, die aus einer dezidiert Palästina-solidarischem und klassenkämpferischen Perspektive argumentiert.
Was mir gut an dem Artikel gefällt, ist dass sich die AutorInnen nicht mit Denunziation begnügen, sondern einfach schlüssig argumentieren und erklären. Dabei wird, anders als im deutschen innerlinken Diskurs, nicht primär ideologiekritisch argumentiert, sondern gefragt welche politischer Effekt erzielt wird.
Die Kernthesen im einzelnen:
Gelöst werden kann der Konflikt nur durch die Einheit der israelischen mit der palästinensischen Arbeiterklasse, entscheidend dazu ist die Haltung der Israelischen Bevölkerung. Linke sollten fortschrittliche Bewegungen in Israel unterstützen. Ein Boykott erzeugt innerhalb Israels eher eine Burgfriedensmentalität.
Boykotte funktionieren nicht, die Wirkung des Südafrikaboykotts war sehr schwach. Israel ist kein Apartheidstaat im Gegensatz zum früherem Südafrika, sondern ein Nationalstaat mit rassistisch ausgegrenzten Minderheiten, vergleichbar mit Grosbrittanien.
Viele Palästina-solidarische Linke ignorieren die vielen Angriffe anderer Staaten auf Israel, und verstehen deshalb nicht den Hintergrund vor dem sich der israelische Imperialismus entwickelte. Ausserdem wird ignoriert, dass auch andere Staaten in der Region brutal gegen die ‚Palästinenser‘ vorgegangen sind.
Akademische Boykotts sind schlimmer als Warenboykotts, weil sie die Möglichkeit nehmen Kontakte zu progressiven israelischen Student_innen und Lehrenden zu knüpfen.
Linke sind gemeinhin skeptisch, was Boykotts angeht, da sie auf Konsumentenmacht beruhen, nicht auf der Macht am Arbeitsplatz.
Es gibt definitiv schlimmere Staaten als Israel, warum nur dieser boykottiert werden soll können die Anhänger eines Boykotts meist nicht erklären. Wie sollten UK-Linke einen akademischen Boykott eben der UK machen?
Anhänger von Israel-boykotts sind oft sehr milde, wenn es um Kritik an Antisemitismus geht, genannt erden drei krasse Beispiele der SWP (Linksruck-Mamapartei).
Die stärkste Wirkung des Boykotts ist nicht der ökonomische Effekt auf Israel, sondern die Stimmung die erzeugt wird. Diese trifft dann oft lokale jüdische Gemeinden.
Soweit Workers Liberty, was mir fehlt ist ein Hinweis auf die starke Ähnlichkeit zwischen Israel-boykottaufrufen und der Nazi-Parole „kauft nicht beim Juden“. Wobei diese Assoziation in UK vielleicht nicht so stark ist. Aber insgesamt lesenswert.
Hier noch eine Ankündigung: eine Art Serie „vernünftige Antiimps dissen schlechte Antiimps“ ist in der Planung, ein_e Gastwriter_in so gut wie engagiert.
Gefunden hab ich den Artikel bei contested terrain.
Der Knaller schlechthin, der seit Jahren von Antideutschen und anderen Rassisten als einer der schlagenden Beweise der antisemitischen Verderbtheit der Muslime herhalten muß:
hxxp://www.muslim-markt.de/boykott/boykott.htm
Man trifft übrigens die Boykotteure, deren Einfluß in der Regel quasi nichtexistent ist, nicht, wenn man reine Assoziationen zu „Kauft nicht beim Juden“ anführt; denn entweder handelt es sich um Antisemiten, denen Israelis nur als Juden vorstellbar sind, oder es handelt sich um dumme Gegner Israels, denen Antisemitismus schon noch nachgewiesen werden müsste.
@kante
Auch „dummen Gegnern Israels“ kann mensch erklären, dass es nicht nur darum geht ob sie selbst subjektiv antisemitisch sind. Wenn das Publikum eines Boykottaufrufs die antisemitische Assoziation hat „kauft nicht beim Juden“ und sich denkt „endlich sagts mal wieder wer“, sich also bestätigt fühlt, dann ist das auch ein Problem. Eines, dass auch entsteht wenn die Boykottaufrufenden selber anders ticken.
@bigmouth
und ich hatte immer eine hohe Meinung von Ken Loach.
Der Eingangssatz war ungenau formuliert, mir gings um Leute aus der vermuteten Leser_innenschaft dieses blogs: ich schreibe hier für Suchmaschinenpublikum und für Leute, die ich für linksradikale Politik aus München interessieren (wobei von letzteren viele blogs für blödes rumgenerde halten, und deshalb auch nicht lesen).
Zu ersterem: dieser Artikel war gerade eben bei einer Googlesuche nach „Israelboykott“ auf Platz 19. Immerhin.
Zu zweiterem: die Leute in München, die einen Israelboykott vielleicht für Sinnvoll halten, lesen hier wahrscheinlich nicht mit.
Wobei ich nochmal unterstreichen will: Der obige Text ist auch interessant, wenn mensch eh schon strikt gegen eine solchen Boykott ist, eben wegen der unaufgeregten Argumentationsweise.
bkpnk, du schriebst:
„Auch „dummen Gegnern Israels“ kann mensch erklären, dass es nicht nur darum geht ob sie selbst subjektiv antisemitisch sind. Wenn das Publikum eines Boykottaufrufs die antisemitische Assoziation hat „kauft nicht beim Juden“ und sich denkt „endlich sagts mal wieder wer“, sich also bestätigt fühlt, dann ist das auch ein Problem. Eines, dass auch entsteht wenn die Boykottaufrufenden selber anders ticken.“
Das stimmt natürlich, die Wirkung muß nicht der Intention entsprechen, gerade in Deutschland nicht. Was ich meinte, war da auch etwas anderes. Nämlich reicht es nie und nimmer, Boykottfans die eigene Assoziation bzw. die Möglichkeit dieser Assoziation entgegenzuhalten. Die werden kontern, es ginge ihnen schließlich um etwas anderes. Daher ist es nötig, den grundsätzlichen Fehler eines solchen Aufrufes zu erklären. Das ist ja auch das Interesse des Textes und sicher auch deines. Nur wollte ich diesen Punkt noch unterstreichen. Daß wir da einen Dissens hätten, sehe ich also gar nicht.
auch die sehr viel „antiimperialistischere“ SWP-USA (keine organisatorischen Beziehungen zur britischen SWP) ist korrekterweise explizit gegen einen Boykott da hiermit (anders als damals in Südafrika) keine einigermassen progressiven sondern regressive Kräfte unterstützt werden und ein Israel-Boykott im gegenwärtigen Kontext schlichtweg antisemitisch sei … ebenfalls lesenswert der Artikel von von der linksradikalen Organisation ODA aus Israel The Cultural Boycott: Punishing the Wrong Side … ansonsten gibt es gute Gründe, fast jeden Staat auf der Welt (warum z.B. nicht Marokko wegen Westsahara?) zu boykottieren (Ausnahmen vielleicht im Falle von bspw. Vanuatu, Dominica oder San Marino)
offtopic, aber mit Boykott:
Zufällig bin ich eben mal wieder über etwas gestolpert, das die tiefe Verbundenheit von Antideutschen mit Muslim-Markt zeigt. Da solidarisieren sich die Muslim-Marktler mit den Christen dieser Welt, lustigerweise gegen Penny-Markt, und der olle von der Osten-Sacken ist wieder nicht zufrieden:
hxxp://www.wadinet.de/blog/?p=2464
p.s.: die meistigen heutigen Antiimps in der BRD sind genauso wenig gegen den Imperialismus als solchen wie auch die meisten heutigen Antideutschen nicht wirklich gegen Deutschland sind
p.p.s.: vielleicht im Zusammenhang damit interessant: Proletarische Front, Gruppe Hamburg: Die nationalistische Sackgasse der palästinensischen Widerstandsbewegung (1972)
In Großbritanien gibt/gab es innerhalb der Hochschulgewerkschaft sehr ernste Auseinandersetzungen um einen Israel-Boykott. Das ist alles hier
http://engageonline.wordpress.com/
detailliert dokumentiert.
Bin Laden ruft die, denen er den Kauf israelischer Produkte sowieso nicht zutraut, zum Boykott von Dollar und US-Produkten auf:
„Al-Qaida-Führer Osama bin Laden hat angeblich in einer neuen Audio-Erklärung zum Boykott von Produkten aus den USA aufgerufen. Die Welt solle auch damit aufhören, den US-Dollar zu verwenden, hieß es in der Erklärung, die am Freitag in Auszügen vom arabischen Sender Al-Dschasira gesendet wurde.“
http://www.jungewelt.de/2010/01-30/047.php
ich will ja nicht drängen, aber wann kann mit der serie „vernünftige Antiimps dissen schlechte Antiimps“ gerechnet werden? das würde mich ja schon stark interessieren.
Gemach. Die vernünftigen Antiimps, die ich dazu anfragte, sind gerade bechäftigt. Ich hab vor längerem mal einen ganz besonders schlechten Antiimp für seine These gedisst, der politische Islam sei eine Theologie der Befreiung, falls dich das so lange tröstet.
hab‘ ich’s nur verpasst, oder immer noch nichts mit „vernünftige Antiimps dissen schlechte Antiimps“? nur so rein interessehalber.
[ich will/muss die „Antiimps“ in meinem umfeld zu „vernünftigen Antiimps“ formen – solange es noch möglich… da wären solche texte echt spannend. aus ihrem „Antiimp“-tum werd‘ ich sie wohl nicht rausholen können.]
Eigentlich hatte ich ja einen der besten Antiimps der Stadt gebucht, der hat aber leider nie Zeit. Aber vielleicht wirds ja doch noch was.