Mittenwald: Sag zum Abschied leise Servus

Zum letzten Mal wird dieses Jahr grösser gegen das Pfingsttreffen der Gebrirgsjäger in Mittenwald mobilisiert. Seitdem 2002 zum ersten Mal grösser in dem abgegelegenem Bergkaff gegen das Nazi- und Militärevent protestiert wurde, ist Mittenwald zwischenzeitlich zu einem Antifa-Pflichttermin avanciert. Gerade weil die Mobilisierung etwas abgeklungen ist, ist es um so wichtiger dieses Jahr an Pfingsten für einen fulminanten Abschied zu sorgen, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Gründe gegen das Treffen gibt es sowieso:

Seit mehr als 50 Jahren treffen sich jährlich zu Pfingsten greise Gebirgsjäger-Kameraden der Wehrmacht im Schulterschluss mit ihren Bundeswehrnachfolgern im bayerischen Mittenwald. Trotz der stark rückläufigen Teilnehmerzahl ist es die letzte größere soldatische Feier Deutschlands. Von einer Bundeswehrkapelle begleitet, findet unter den Fahnen revisionistischer und faschistischer Organisationen – u.a. der Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger – ein ökumenischer Feldgottesdienst statt. Man gedenkt unterschiedslos aller „Opfer“ des Zweiten Weltkrieges, seien es deutsche Gebirgsjäger, Soldaten der Alliierten, so genannte „Vertriebene“, Angehörige der Mussolini-treuen „Divisione Monterosa“ oder in Afghanistan gestorbene Bundeswehrsoldaten. Mit Ansprachen bayerischer Politprominenz versichert die Zivilgesellschaft der Bundeswehr, dass man nach wie vor hinter ihr stehe und stolz auf sie sei. Hochrangige Militärs fordern Kampfbereitschaft und Kriegseinsätze zur Sicherung „deutscher Interessen“ weltweit. Antisemitische Ausfälle gegen Überlebende der Shoah begleiten die Veranstaltung. Die von Gebirgsjäger-Einheiten in ganz Europa verübten Kriegsverbrechen und Zerstörungen während des Zweiten Weltkrieges werden vom Kameradenkreis dagegen bis heute geleugnet. Lediglich zwei Massaker werden inzwischen eingestanden: die Ermordung von 317 ZivilistInnen im nordgriechischen Kommeno sowie die Erschießung von circa 4000 entwaffneten italienischen Soldaten auf der griechischen Insel Kephallonia.
[…]
Der Kameradenkreis bewährte sich Zeit seines Bestehens als Selbsthilfevereinigung für Kriegsverbrecher. Schon 1952 hieß es: Ziel der Organisation sei es, Einsatz und Hilfe „für unsere Kriegsverurteilten, für unsere in Haft zurückgehaltenen Kameraden“ zu leisten. Man schuf eigens einen Ausschuss für rechtliche Fragen, der von Paul Bauer geleitet wurde. Einer der Bewunderer Bauers und dessen Nachfolger in einigen Funktionen war Rechtsanwalt Gerhart Klamert. Vor einigen Jahren Vizepräsident, ist er heute im Ältestenrat des Kameradenkreises tätig. Über Kephallonia schrieb er revisionistische Artikel, das Militärgericht in La Spezia bezeichnete er als „Sondergericht à la Freisler“, womit er es mit dem nationalsozialistischen „Volksgerichtshof“ und seinem Präsidenten, dem berüchtigsten Scharfrichter des Deutschen Reichs, gleichsetzte. Als Rechtsanwalt verteidigt er derzeit das Kameradenkreis-Mitglied Josef Scheungraber aus Ottobrunn. Der Wehrmachtsoffizier wurde im September 2006 in Italien wegen eines Massakers in Falzano di Cortona (bei Arezzo) zu lebenslanger Haft verurteilt.

(Aus dem Aufruf 2007).

Auch unter antimilitaristischen Vorzeichen ist Mittenwald ein lohnendes Ziel, die „Armee im Einsatz“ Bundeswehr braucht die Soldaten der Wehrmacht als Vorbilder dafür, wie so ein richtiger Krieger zu sein hat, weshalb die Traditionspflege am hohen Brendten vom Bund unterstützt wird. Die Organisator_innen der diesjährigen Proteste schreiben in ihrem Aufruf:

Die Verdrängung der Verbrechen, die Auslöschung der Erinnerung an die Opfer und die Straflosigkeit der Täter ist die Voraussetzung für den Militarismus von heute. Die deutsche Justiz hat zum einen praktisch niemanden für die Massaker der Gebirgsjäger verurteilt. Deutsche Täter hatten im Nachkriegsdeutschland nichts zu befürchten. Zum anderen weigert sich die Bundesregierung bis heute, die Opfer oder deren Angehörige von SS-und Wehrmachtsmassakern in Italien und Griechenland zu entschädigen. Nun reichte die Bunderegierung sogar gegen rechtskräftige Urteile italienischer und griechischer Gerichte, die Deutschland zu Entschädigungszahlungen verpflichten, Klage vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag ein. Dabei beruft sie sich auf die Staatenimmunität. In einer Zeit, in der die Bundeswehr, darunter zahlreiche Einheiten der Gebirgsjäger, weltweit Krieg führt, ist es offenbar notwendig, den Militärs juristisch den Rücken frei zu halten. Denn seit Mitte der 1990er Jahre kämpfen Gebirgsjäger in der Bundeswehr als Bestandteil der Krisenreaktionskräfte und des Kommandos „Spezialkräfte“ an zahlreichen Kriegsschauplätzen. Auch die Kriege der Gegenwart sind ohne Mord, Vergewaltigung und Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung nicht denkbar.

Dabei ist das Soldatentreffen im Ort keineswegs ungern gesehen, wie im diesjährigem Aufrun herausgearbeitet wird:

Mittenwald steht exemplarisch für die Verquickung von deutschem Militär, Kirche und Gesellschaft. Wie einst die Wehrmacht, ist heute die Bundeswehr der größte Arbeitgeber im Ort. Die gesamte Stadt ist mit ihrer politischen, ökonomischen und sozialen Struktur auf das Engste mit dem Militär verbunden. Das schafft Loyalitäten mit Mördern und Kriegsverbrechern, die schwerer wiegen als die offenkundig zu abstrakt gebliebene politisch-moralische Verpflichtung, sich mit deren Opfern auseinander zu setzen und dieser zu gedenken.

Entsprechend grüsste die Mittenwalder Zivilgesellschaft die antifaschistischen Demonstrationen gerne mal mit dem Hitlergruss, oder treibt sich mit Hakenkreuzanstecker am Hut zwischen den Bullen am Wegesrand herum, Passant_innen finden dass wir alle mit dem Schürhaken erschlagen werden sollten. Der krasseste Fall ist dabei sicherlich der Ladenbesitzer, der den KZ-Überlebenden Ernst GRube mit den Worten bedachte, „dich hat man vergessen zu vergasen.“ Mittenwald steht eben stolz zu seiner Geschichte.

In dieses Wespennest wurde seit 2002 alljährlich gestochen, und das durchaus mit Erfolg. Seit kurzem findet das Treffen nicht mehr an Pfingsten statt, sondern zwei Wochen vorher – der Pfingsttourismus leidet spürbar unter den Protesten, weshalb die Stadt Druck auf den Kameradenkreis ausübt, die Treffen zu verlegen. Ohne den gewünschten Erfolg, wir gehen weiter an Pfingsten dahin, eben dann wenns wehtut.
Auch dank der nervigen Präsenz von Antifaschist_innen ist die Teilnehmerzahl von 5000 (2001) auf 300 dieses Jahr gesunken, last not least haben die Proteste dazu beigetragen, dass der Kriegsverbrecher und Ottobrunner Ehrenbürger Scheungraber vor Gericht gestellt wurde.

Für erlebnisorientierte Genoss_innen hat Mittenwald sicherlich keine riots zu bieten, die Demos hier waren in all den Jahren immer noch mehr Polizeifestspiele als sonst in Bayern. Aber es finden sich immer genug einheimische Pöbelnazis, um 2-3 Geisterbahnen zu bestücken. Klingt absurd, ist aber so: Die Hackfressen mal live zu sehen ist die Reise schon wert.

Dieses letzte Mal wird es darum gehen, in Mittenwald einen dauerhaften Eindruck zu hinterlassen:

Gemeinsam mit Überlebenden der nationalsozialistischen Besatzungs- und Vernichtungspolitik werden wir der Stadt deshalb in diesem Jahr ein bleibendes Denkmal übergeben, einen „Stein des Anstoßes“, der die Auseinandersetzung mit den Kriegsverbrechen am Standort der 1. Gebirgsjägerdivision in den Ort tragen und befördern soll.

Wir dürfen gespannt sein wie das konkret aussieht. Das weitere Programm dieses Jahr:

10.00 – 13.00 Uhr
Zeitzeugenveranstaltung

Maurice Cling, Paris,
Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz, Überlebender des Todesmarsches von Auschwitz über Dachau nach Mittenwald (Kurzbiographie).

Max Tzwangue, Paris,
Resistance-Kämpfer der FTP-MOI (Francs-tireurs et partisans – Main-d’Oeuvre Immigrée), Amicale Liberte-Carmagnole, Paris (Kurzbiografie).

Marcella de Negri, Mailand,
Tochter des auf Kephallonia von Gebirgsjägern ermordeten Hauptmanns Cap. Francesco De Negri.

Shlomo Venezia, Rom,
Überlebender des Sonderkommandos im Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (angefragt).

13 – 14 Uhr
Konzert | Esther Bejarano mit Coincidence und Microphone Mafia

… spielen aus dem gemeinsamen Album „Per la vita“, das Ende April erscheinen wird. Das Album entstand zusammen mit der Familie Bejarano. Esther Bejarano ist zusammen mit Anita Lasker Wallfisch die letzte bekannte Überlebende des Mädchenorchesters von Ausschwitz.
Die Microphone Mafia mach seit 10 Jahren Hip-Hop und tourt in den kommenden Monaten unter dem Motto La Resistance durch die Städte.

Das Konzert wird unterstützt durch das „Auschwitz-Komitee in der
Bundesrepublik Deutschland e.V.“

15 Uhr | Rathaus
Demonstration
Entschädigung aller NS-Opfer! Keine Straffreiheit für Kriegsverbrecher!
Die militaristische Traditionspflege der Gebirgsjäger angreifen!

Ab 16 Uhr
Mahnwache „Ein Denkmal für Mittenwald“ auf dem Obermarkt.

Es gäbe viel mehr zu Mittenwald zu sagen, z.B. die Entstehung des Labels „Antifa Bike Punx“. Siehe dazu die alte Kampagnenseite, sowie die noch ältere Kampagnenseite, und natürlich indymedia. Einen sachlichen Mobilisierungsartikel für dieses Jahr gibts bei Luzi-M, inklusive der letzten Vorfeldaktionen. Vor allem aber: Hinfahren!


2 Antworten auf “Mittenwald: Sag zum Abschied leise Servus”


  1. 1 waiting 19. Mai 2009 um 19:51 Uhr

    wieso letztes mal?

  2. 2 Bikepunk 089 21. Mai 2009 um 12:54 Uhr

    Weil es einfach ein riiesiger Kraftakt ist nach Mittenwald (die nächste grössere Stadt ist Innsbruck) zu mobilisieren, in einen Ort wo es nichts linkes und keinen lokalen Support gibt. Was sich auch darin niederschlägt, dass zuletzt immer weniger Leute kamen.

    Anstatt die Kampagne so langsam abtröpfeln zu lassen, wird guter Schlusspunkt zu gesetzt. Es gab in den Vorjahren schon ähnliche Gadankenspiele, z.B. mal ein Jahr auszusetzen, es gab auch letztes Jahr schon die Überlegung Schluss zu machen.

    Der zweite Grund ist die Entscheidung von vielen aus der Vorbereitung, andere politische Schwerpunkte zu verfolgen. Im diesjährigen Aufruf schreiben sie:

    Diesem Zusammenhang zwischen der Entsorgung der Geschichte und dem aktuellen aktuellen Militarismus werden wir uns in Zukunft verstärkt widmen. Neben der historisch ausgerichteten Thematisierung des Militarismus werden die Unterstützung der Entschädigungsforderungen der NS-Opfer sowie die Forderung und kritische Begleitung von Gerichtsverfahren gegen deutsche Kriegsverbrecher ein wichtiger Bestandteil unserer antifaschistischen Initiativen sein. Diese historisch eingebettete Auseinandersetzung kann nicht umhin, auch den aktuellen Militarismus in die Fokus zu nehmen. Das Militär hat keine Zukunft. Es ist Garant einer Gegenwart, die jeder emanzipatorischen Entwicklung der Menschheit entgegensteht, in Mittenwald und überall.

    Guck dazu auch mal kein-ruhe.org an, wo neben der Mittenwald Kampagne auch diverse Prozesse und Prozessbegleitungen dokumentiert sind.

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