Archiv für Mai 2009

antiziganismus

Waiting schreibt über Antizganismus im NS und heute, sowie über den kaum thematisierten antiziganistischen Konsens in der deutschen Gesellschaft. Ein Artikel in der aktuellen Hinterland berichtet, am Beispiel der Familie Höllenreiner, über die Verfolgung von Roma und Sinti in München durch den NS-Faschismus und die antiziganistische Kontinuität in der bayerischen Polizei, die z.B. in der 1999 bekannt gewordenen „Zigeunerkartei“ sichtbar wurde.

winning team

In Ulm wollten Lebenschützer einen 1000-Kreuze Marsch durchführen, und haben ihn abgesagt weil sie Stress befürchten. Muahaha!

Mittenwald: Sag zum Abschied leise Servus

Zum letzten Mal wird dieses Jahr grösser gegen das Pfingsttreffen der Gebrirgsjäger in Mittenwald mobilisiert. Seitdem 2002 zum ersten Mal grösser in dem abgegelegenem Bergkaff gegen das Nazi- und Militärevent protestiert wurde, ist Mittenwald zwischenzeitlich zu einem Antifa-Pflichttermin avanciert. Gerade weil die Mobilisierung etwas abgeklungen ist, ist es um so wichtiger dieses Jahr an Pfingsten für einen fulminanten Abschied zu sorgen, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Gründe gegen das Treffen gibt es sowieso:

Seit mehr als 50 Jahren treffen sich jährlich zu Pfingsten greise Gebirgsjäger-Kameraden der Wehrmacht im Schulterschluss mit ihren Bundeswehrnachfolgern im bayerischen Mittenwald. Trotz der stark rückläufigen Teilnehmerzahl ist es die letzte größere soldatische Feier Deutschlands. Von einer Bundeswehrkapelle begleitet, findet unter den Fahnen revisionistischer und faschistischer Organisationen – u.a. der Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger – ein ökumenischer Feldgottesdienst statt. Man gedenkt unterschiedslos aller „Opfer“ des Zweiten Weltkrieges, seien es deutsche Gebirgsjäger, Soldaten der Alliierten, so genannte „Vertriebene“, Angehörige der Mussolini-treuen „Divisione Monterosa“ oder in Afghanistan gestorbene Bundeswehrsoldaten. Mit Ansprachen bayerischer Politprominenz versichert die Zivilgesellschaft der Bundeswehr, dass man nach wie vor hinter ihr stehe und stolz auf sie sei. Hochrangige Militärs fordern Kampfbereitschaft und Kriegseinsätze zur Sicherung „deutscher Interessen“ weltweit. Antisemitische Ausfälle gegen Überlebende der Shoah begleiten die Veranstaltung. Die von Gebirgsjäger-Einheiten in ganz Europa verübten Kriegsverbrechen und Zerstörungen während des Zweiten Weltkrieges werden vom Kameradenkreis dagegen bis heute geleugnet. Lediglich zwei Massaker werden inzwischen eingestanden: die Ermordung von 317 ZivilistInnen im nordgriechischen Kommeno sowie die Erschießung von circa 4000 entwaffneten italienischen Soldaten auf der griechischen Insel Kephallonia.
[…]
Der Kameradenkreis bewährte sich Zeit seines Bestehens als Selbsthilfevereinigung für Kriegsverbrecher. Schon 1952 hieß es: Ziel der Organisation sei es, Einsatz und Hilfe „für unsere Kriegsverurteilten, für unsere in Haft zurückgehaltenen Kameraden“ zu leisten. Man schuf eigens einen Ausschuss für rechtliche Fragen, der von Paul Bauer geleitet wurde. Einer der Bewunderer Bauers und dessen Nachfolger in einigen Funktionen war Rechtsanwalt Gerhart Klamert. Vor einigen Jahren Vizepräsident, ist er heute im Ältestenrat des Kameradenkreises tätig. Über Kephallonia schrieb er revisionistische Artikel, das Militärgericht in La Spezia bezeichnete er als „Sondergericht à la Freisler“, womit er es mit dem nationalsozialistischen „Volksgerichtshof“ und seinem Präsidenten, dem berüchtigsten Scharfrichter des Deutschen Reichs, gleichsetzte. Als Rechtsanwalt verteidigt er derzeit das Kameradenkreis-Mitglied Josef Scheungraber aus Ottobrunn. Der Wehrmachtsoffizier wurde im September 2006 in Italien wegen eines Massakers in Falzano di Cortona (bei Arezzo) zu lebenslanger Haft verurteilt.

(Aus dem Aufruf 2007).

Auch unter antimilitaristischen Vorzeichen ist Mittenwald ein lohnendes Ziel, die „Armee im Einsatz“ Bundeswehr braucht die Soldaten der Wehrmacht als Vorbilder dafür, wie so ein richtiger Krieger zu sein hat, weshalb die Traditionspflege am hohen Brendten vom Bund unterstützt wird. Die Organisator_innen der diesjährigen Proteste schreiben in ihrem Aufruf:

Die Verdrängung der Verbrechen, die Auslöschung der Erinnerung an die Opfer und die Straflosigkeit der Täter ist die Voraussetzung für den Militarismus von heute. Die deutsche Justiz hat zum einen praktisch niemanden für die Massaker der Gebirgsjäger verurteilt. Deutsche Täter hatten im Nachkriegsdeutschland nichts zu befürchten. Zum anderen weigert sich die Bundesregierung bis heute, die Opfer oder deren Angehörige von SS-und Wehrmachtsmassakern in Italien und Griechenland zu entschädigen. Nun reichte die Bunderegierung sogar gegen rechtskräftige Urteile italienischer und griechischer Gerichte, die Deutschland zu Entschädigungszahlungen verpflichten, Klage vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag ein. Dabei beruft sie sich auf die Staatenimmunität. In einer Zeit, in der die Bundeswehr, darunter zahlreiche Einheiten der Gebirgsjäger, weltweit Krieg führt, ist es offenbar notwendig, den Militärs juristisch den Rücken frei zu halten. Denn seit Mitte der 1990er Jahre kämpfen Gebirgsjäger in der Bundeswehr als Bestandteil der Krisenreaktionskräfte und des Kommandos „Spezialkräfte“ an zahlreichen Kriegsschauplätzen. Auch die Kriege der Gegenwart sind ohne Mord, Vergewaltigung und Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung nicht denkbar.

Dabei ist das Soldatentreffen im Ort keineswegs ungern gesehen, wie im diesjährigem Aufrun herausgearbeitet wird:

Mittenwald steht exemplarisch für die Verquickung von deutschem Militär, Kirche und Gesellschaft. Wie einst die Wehrmacht, ist heute die Bundeswehr der größte Arbeitgeber im Ort. Die gesamte Stadt ist mit ihrer politischen, ökonomischen und sozialen Struktur auf das Engste mit dem Militär verbunden. Das schafft Loyalitäten mit Mördern und Kriegsverbrechern, die schwerer wiegen als die offenkundig zu abstrakt gebliebene politisch-moralische Verpflichtung, sich mit deren Opfern auseinander zu setzen und dieser zu gedenken.

Entsprechend grüsste die Mittenwalder Zivilgesellschaft die antifaschistischen Demonstrationen gerne mal mit dem Hitlergruss, oder treibt sich mit Hakenkreuzanstecker am Hut zwischen den Bullen am Wegesrand herum, Passant_innen finden dass wir alle mit dem Schürhaken erschlagen werden sollten. Der krasseste Fall ist dabei sicherlich der Ladenbesitzer, der den KZ-Überlebenden Ernst GRube mit den Worten bedachte, „dich hat man vergessen zu vergasen.“ Mittenwald steht eben stolz zu seiner Geschichte.

In dieses Wespennest wurde seit 2002 alljährlich gestochen, und das durchaus mit Erfolg. Seit kurzem findet das Treffen nicht mehr an Pfingsten statt, sondern zwei Wochen vorher – der Pfingsttourismus leidet spürbar unter den Protesten, weshalb die Stadt Druck auf den Kameradenkreis ausübt, die Treffen zu verlegen. Ohne den gewünschten Erfolg, wir gehen weiter an Pfingsten dahin, eben dann wenns wehtut.
Auch dank der nervigen Präsenz von Antifaschist_innen ist die Teilnehmerzahl von 5000 (2001) auf 300 dieses Jahr gesunken, last not least haben die Proteste dazu beigetragen, dass der Kriegsverbrecher und Ottobrunner Ehrenbürger Scheungraber vor Gericht gestellt wurde.

Für erlebnisorientierte Genoss_innen hat Mittenwald sicherlich keine riots zu bieten, die Demos hier waren in all den Jahren immer noch mehr Polizeifestspiele als sonst in Bayern. Aber es finden sich immer genug einheimische Pöbelnazis, um 2-3 Geisterbahnen zu bestücken. Klingt absurd, ist aber so: Die Hackfressen mal live zu sehen ist die Reise schon wert.

Dieses letzte Mal wird es darum gehen, in Mittenwald einen dauerhaften Eindruck zu hinterlassen:

Gemeinsam mit Überlebenden der nationalsozialistischen Besatzungs- und Vernichtungspolitik werden wir der Stadt deshalb in diesem Jahr ein bleibendes Denkmal übergeben, einen „Stein des Anstoßes“, der die Auseinandersetzung mit den Kriegsverbrechen am Standort der 1. Gebirgsjägerdivision in den Ort tragen und befördern soll.

Wir dürfen gespannt sein wie das konkret aussieht. Das weitere Programm dieses Jahr:

10.00 – 13.00 Uhr
Zeitzeugenveranstaltung

Maurice Cling, Paris,
Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz, Überlebender des Todesmarsches von Auschwitz über Dachau nach Mittenwald (Kurzbiographie).

Max Tzwangue, Paris,
Resistance-Kämpfer der FTP-MOI (Francs-tireurs et partisans – Main-d’Oeuvre Immigrée), Amicale Liberte-Carmagnole, Paris (Kurzbiografie).

Marcella de Negri, Mailand,
Tochter des auf Kephallonia von Gebirgsjägern ermordeten Hauptmanns Cap. Francesco De Negri.

Shlomo Venezia, Rom,
Überlebender des Sonderkommandos im Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (angefragt).

13 – 14 Uhr
Konzert | Esther Bejarano mit Coincidence und Microphone Mafia

… spielen aus dem gemeinsamen Album „Per la vita“, das Ende April erscheinen wird. Das Album entstand zusammen mit der Familie Bejarano. Esther Bejarano ist zusammen mit Anita Lasker Wallfisch die letzte bekannte Überlebende des Mädchenorchesters von Ausschwitz.
Die Microphone Mafia mach seit 10 Jahren Hip-Hop und tourt in den kommenden Monaten unter dem Motto La Resistance durch die Städte.

Das Konzert wird unterstützt durch das „Auschwitz-Komitee in der
Bundesrepublik Deutschland e.V.“

15 Uhr | Rathaus
Demonstration
Entschädigung aller NS-Opfer! Keine Straffreiheit für Kriegsverbrecher!
Die militaristische Traditionspflege der Gebirgsjäger angreifen!

Ab 16 Uhr
Mahnwache „Ein Denkmal für Mittenwald“ auf dem Obermarkt.

Es gäbe viel mehr zu Mittenwald zu sagen, z.B. die Entstehung des Labels „Antifa Bike Punx“. Siehe dazu die alte Kampagnenseite, sowie die noch ältere Kampagnenseite, und natürlich indymedia. Einen sachlichen Mobilisierungsartikel für dieses Jahr gibts bei Luzi-M, inklusive der letzten Vorfeldaktionen. Vor allem aber: Hinfahren!

„Barbarische Trommelklänge“

unter wüsten Beschimpfungen gegen CDU-Mitglieder, die als „Rassisten“ und „Nazis“ verunglimpft wurden, rissen Antirassisten, nachdem sie im Namen der linken Mehrheit „verpisst Euch!“ gerufen hatten, an deren Stand die Auslagen herunter und demolierten ihn […] Gelauscht wurde am Abend den barbarischen Trommelklängen von Afrikanern.“ – Wer hier die CDU vor dem Rassismusvorwurf und Mitteleuropa vor der afrikanischen Barbarei verteidigt ist nicht etwa die Junge Freiheit , sondern die sich selbst wahrscheinlich als „antideutsch“ verortende Hallenser Zeitschrift Bonjour Tristesse. Der Rest von dem Artikel ist auch Scheisse. (via)

Könnte doch was auch immer sein

Einer der DJs des Department of Volxvergnuegen wurde hier, vollkommen zu Recht, von mir gedisst. Die sich anschliessende Diskussion hat dem Dept. auf alle Fälle ein paar Stichworte geliefert:

Volxvergnuegen-Anzeige aus der aktuellen Hinterland

Ich bin mir noch nicht sicher, ob dieser Umgang souverän und humorvoll, oder doch eher eingeschnappt ist, oder eine Mischung. Ist letztendlich auch egal, die Kommentarspaltendiskussion damals hat genug Material für ein paar Werbetexte hergegeben. Ich hab da mal was vorbereitet:

Sehr viel Input bietet uns Lurchi:

Dept. of Volxvergnuegen. Endlich normale Leute.

Nicht die Schmusedecke der Subkultur, sondern das wahre Leben. (Fast) Jeden ersten Samstag im Monat in der Glockenbachwerkstatt.

Auch Helga legte sich mächtig ins Zeug, eigenartig ist hier nur die Gewissheit dass die Kritiker_innen des VV immer da hingehen:

Elektronische Musik für alle Leute denen offensichtlich oft langweilig ist, die ein bißchen enttäuscht wegen irgendwas sind, vielleicht auch die Parties schlecht finden aber trotzdem immer wieder dorthin gehen.

Volxvergnügen – so schlecht können die Parties nicht sein.

Ein echter winner ist aber Theodor W. Adonis:

Lektionen in Kultur könnten doch auch selbstironie, eine homage oder was auch immer sein.

der gute Nazi von Nangking

Ein Artikel in der aktuellen Hinterland nimmt den Mythos um John Rabe, der derzeit in so stark gepflegt wird, auseinander. Lesenswert.

„dann können wir diskutieren“

Beim letzten Naziaufmarsch in München: Ein Gruppe Antifas lungert auf Cafestühlen rum, einige Apfelfrontler_innen gehen vorbei. Willkommen sind sie nicht eben, ein Genosse ruft halb im Ernst „Haut ab!“
Ein verärgter Apfelfrontler (sinngemäß): „Wenn ihr ne Kritik habt, dann sagts, dann können wir diskutieren, aber dieses Gepöbel …“
Darauf ein anderer Antifa: „Ok, eure Aktionsform ist Scheisse weil sie die Nazis verharmlost.“ – „Ähm …. lebt nur weiter in eurer antideutschen Traumwelt“