Antifa heisst zweierlei Bündnispolitik

Im aktuellen AIB ist, neben einem Beitrag zur Antifa heisst … Debatte, auch ein Streitgespräch zwischen zwei Kölner Antifagruppen dokumentiert. Die eine hat sich nach der Verhinderung des rassistischen Anti-Islam Konferenz der IL angeschlossen, die andere dem Ums Ganze-Bündnis.

Das Gespräch spannt ganz gut auf, wie verschiedene Positionen zu linksradikaler Bündnispolitik aussehen können, was m.E. nach das lesenswerte daran ausmacht.
Die IL-Gruppe AKKU hat dabei auf gewaltfreie Blockaden, getragen von einem breiten Bündnis gesetzt, und sieht das auch als die richtige Heransgehensweise an:

Der 20. 9. hat gezeigt, dass so eine Bündnisorientierung total erfolgreich sein kann, weil die Bündnispartner sich politisiert und auch radikalisiert haben. Die haben letztendlich Sachen gemacht und mitgetragen, die sie am Anfang strikt abgelehnt hätten. Und letztlich waren das die Leute, die mit uns am vehementesten blockiert haben und am ehesten den Nazis den Weg nach Hause gezeigt haben. Und genau so ein Politisierungsprozess über die Organisierung von Aktionen ist durchaus auch inhaltlich. Auch das Anknüpfen an Heiligendamm oder Blockaden von Naziaufmärschen ist eine inhaltliche Aussage.

Der Antifa AK setzte eher auf eine starke Profil als radikale Linke, und würde wohl Aktionen die über gewaltfreie Blockaden hinausgehen mehr Raum einräumen:

Wir sehen aber noch ein weiteres Problem in Bündnissen mit Akteuren aus der nicht linksradikalen Ecke, welches sich auch im September ganz klar gezeigt hat, nämlich dass in solchen Bündnissen die eigenen linksradikalen Positionen häufig vollkommen verschwinden.
[…]
zum Beispiel die Verklärung des Staates zum neutralen Akteur (ziviler Ungehorsam), vonstatten geht und überhaupt keine linksradikalen Positionen mehr erscheinen. Das hat dann im Nachgang häufig zur Folge, dass die Einbindung von Leuten in die eigenen linksradikalen Strukturen gar nicht mehr möglich ist, da diese keinen Unterschied mehr darin sehen, ob sie bei Antifa, Attac oder DGB organisiert sind. […]
Wir stehen auch für die Intervention ein, wir wollen uns auch die Hände schmutzig machen, glauben aber nicht, dass das über Bündnisoptionen geschehen muss

Unteranderem kritisiert der Antifa AK die Überhöhung der gewaltfreien Blockaden zum nonplusultra der Aktionsformen, was auch schon von anderen nach dem G8 bemängelt wurde:

Es braucht eine Flexibilität in der Wahl der Mittel, die es uns ermöglicht, ohne Scheuklappen die jeweils situationsadäquate Aktionsform anzuwenden. Konkret heißt das für uns im Nachhinein trotz unserer vorherigen Skepsis anzuerkennen, dass BlockG8 wohl die angemessenste, weil massenkompatibelste und symbolisch (und wohl auch materiell) effektivste Handlungsform für die Blockadetage war. Das heißt aber auch reale Differenzen stehen zu lassen und nicht anzufangen nun zivilen Ungehorsam in militantes Agieren umzudichten wie es jetzt zum Teil (siehe Swing-Interview vom 3.07. von Knut(10)) gemacht wird, dementsprechend sollten wir die Blockaden nicht als Zielpunkt sondern als Etappe auf dem Weg zu einer radikalen Massenpraxis begreifen. Denn, nicht nur militantes Agieren kann politisch sinnvoll sein, aber eine Bewegung, in der Begriffe für konfrontatives Handeln zunehmend auf eine non-konfrontative Praxis angewendet werden, befindet sich entweder in einem Prozess der (verbalradikalen) Domestizierung, oder aber die Begriffspolitik spiegelt eine Vereinnahmungs- und Delegitimationsstrategie der Moderaten gegenüber den Radikalen wieder – wir wollen keines von beidem hoffen!

Ziemlich bescheuert äussern sich die AK Leute etwas später im Gespräch, wenn es um Religionskritik geht. Zwar behaupten sie: „Wir haben es im Aufruf sehr deutlich gemacht, dass es kein Wesen des Islams gibt, womit wir uns von allen Kulturkämpfern auch in aller Deutlichkeit verabschiedet haben.“ – aber erst nachdem sie sagen, „dass man eine allgemeine Religionskritik und eine spezifische Islamkritik vertritt“.
Was sich logisch widerspricht, wenn es den Islam an sich, bzw. „ein Wesen des Islam“, nicht gibt, und damit auch keine darin angelegte spezifische Tendenz zum Fundamentalismus geben kann, dann braucht es auch keine spezifische Islamkritik. Im Gegenteil: das herumreiten auf dem Islamismus lenkt davon ab, dass es global einen religiösen Rollback gibt, und innerhalb davon eine Stärkung von fundamentalistischen Strömungen. Das ist in der Analyse erstmal anzuerkennen, und nicht als Problem nur in den migrantischen communities zu verorten, wie es der Antifa AK tut.

p.s.: Wie immer fast den linkspam vergessen! Auch bei revolution wird etwas über das Gespräch diskutiert.


8 Antworten auf “Antifa heisst zweierlei Bündnispolitik”


  1. 1 revolution 13. Februar 2009 um 20:14 Uhr

    Zum Thema Islam-Kritik. Ich denke worauf sich der AK bezieht, ist diese Stellungnahme des Ums Ganze Bündnisses. Das kann man dann immer noch kritisieren, aber vielleicht besser, als anhand von 2 Sätzen aus nem Interview:
    Ums Ganze Erklärung

  2. 2 Bikepunk 089 14. Februar 2009 um 15:21 Uhr

    Den Punkt Islamkritik habe ich angeschnitten, weil ich die problematischen Äusserungen in diesem Interview (das meinen geneigten Leser_innen ans Herz legen will) nicht unkommentiert stehen lassen wollte.

    Ausserdem, die zwei Aussagen „es braucht eine spezifische Islamkritk“ (von mir verlinkter Text) und „Milli Görus u.a. haben sich angekündigt, auf die haben wir keinen Bock“ (von dir verlinkter Text) sind einfach komplett unterschiedlich.

  3. 3 revolution 15. Februar 2009 um 11:18 Uhr

    wie will man denn milli görus kritisieren, wenn nicht mit ner spezifischen islamkritik?

  4. 4 Bikepunk 089 15. Februar 2009 um 13:57 Uhr

    Herrschaftszeiten! Ich habe einen lesenswerten Text verlinkt, und dabei die m.E. nach problematischen Passagen kritisiert – weil Texte ungern einfach so durchwinke.
    Wenn du unbedingt über den UG-Text diskutieren willst, in dem es um völlig andere Sachen geht, dann mach das woanders, hier ist das einfach off-topic.

    Kleines Gedankenexperoment für dich: Guck dir Milli Görüs an, mach eine Liste mit den Punkten an denen, die du kritikabel findest, und dann streich die durch für die du eine spezifische Islamkritik brauchst.

  5. 5 revolution 15. Februar 2009 um 19:11 Uhr

    was geht denn ab? steht in meinem zweiten posting irgendwas von dem umsganze text? ganz im gegenteil, ich beziehe mich einzig und allein auf die von DIR im vorposting zusammengestellten aussagen.

    das zweite ist, dass ich es schon n komisches gedankenexperiment finde, explizit vom politisch-kulturellen umfeld zu abstrahieren, wenn man sich mit einem konkreten gegenstand beschäftigen will. ich abstrahiere doch auch nicht vom christentum, wenn ich mich mit den st. pius leuten auseinandersetze. das ist doch der sinn der auseinandersetzung, dass ich das spezifische herausarbeite und eben nicht bei banal-abstraken feststellungen über autoritäre gruppierungen stehen bleibe. auf der eben gäbe es nämlich keinen unterschied zwischen burschenschaften, st. pius, milli görus und der bundeswehr.

  6. 6 Antifa AK 19. Februar 2009 um 19:38 Uhr

    Gerade auf die Debatte hier gestoßen. Kurz zur Aufklärung was mit Islamkritik (ohne Wesen des Islam) gemeint war:

    1.Islam als Religion hat kein ahistorisch, jenseits von gesellschafltichen Beziehungen, stehendes Wesen, welches sich durch die Geschichte hindurch in welcher Form auch immer manifestiert.

    2. Wir definieren somit Islam als bestimmte Lebensgestaltungen & gesellschaftliche Beziehungen sowie derren „ideologische Verarbeitung“ (Religion) von konkreten Menschen, die sich dabei auf ihre Rezeption des Korans (Rezeption ist auch gesellschaftlich mitbestimmt, wenn natürlich nicht direkt determiniert) „berufen“. Somit ist Islamkritik als Kritik am Patriachat und andere widerwärtige Unterdrückungsverhältnissen, die durch Koranexegessen versucht werden zu legetimieren, zu verstehen.

  7. 7 Bikepunk 089 24. Februar 2009 um 16:27 Uhr

    Erst mal sorry für die lange Unterbrechung der Diskussion, äussere Gründe die hier nicht Thema sind.

    @revo: Ich halte es eben für eine Abstraktion vom politisch-gesellschaftlichen Umfeld, wenn du eine Gemeinsamkeit zwischen Milli Görus, irgendwelchen fns von Sufi Praktiken und deinem SB auf der ARGE (falls der zufällig Moslem sein sollte) konstruierst.
    Andersrum: Der Unteschied zwischen St. Pius (kenn ich garnicht, aber lass uns nicht noch weiter vom hundertsten ins tausendste kommen), Milli Görüs, eine Burschenschaft und der Bundeswehr ist doch der Zweck, der damit jeweils verfolgt wird – und da findest du Gemeinsamkeiten wie Unterschiede. Und das ist doch interessanter als die jeweilige Verbrämung aussenrum.
    Ansonsten war das mit dem Gedankenexperiment durchaus ernst gemeint.

    @Antifa AK: Ist dann eure Islamkritik eure eigenen Koranexegese?
    Wenn im Fokus der Kritik die jew. Widerwärtigkeit steht, warum heisst das ganze dann Islamkritik? Was ist denn der wesentliche Unterschied zwischen Islam und anderen Weltreligionen, der eine spezifsiche Kritik an diesem nötig macht?

  8. 8 revolution 25. Februar 2009 um 19:40 Uhr

    @bikepunk

    du würdest also die organisatorischen, inhaltlichen etc. unterschiede dieser verschiedenen bewegungen/organisationen also allein aus der unterschiedlichen zwecksetzung ableiten?
    ich würde eher behaupten, die zwecksetzung solcher ansätze ist oft recht änhlich, nämlich loyalität und gefolgschaft in der gesellschaft für eigene machtansprüche zu sichern.
    bspw. will die katholische kirche ihre spezifische ideologie durchsetzen und bedient sich dafür geeigneter mittel zur massenmobilisierung. das variiert nach kulturellen und historischen umständen, der zweck bleibt aber gleich.
    und die unterschiede zur burschenschaftlichen bewegung (obwohl sich diese in punkten gleichen) bestehen eben in einer anderen kulturellen verortung. das soll andere bzw. engere kreise ansprechen, für andere inhalte zustimmung gewinnen usw.. d.h. die zwecksetzung, macht durch mobilisierung bestimmter schichten bzw. sozioökonomische gruppen, würde sich in meiner perspektive nicht unbedingt untercheiden, aber die art und weise mit der diese zwecksetzung verfolgt wird, unterscheidet sich nach historisch-kulturellen umständen.
    und deswegen müsste ich genau diese umstände und dann die spezifische umsetzung betrachten, um das genauer zu verstehen und dann eben auch kritisieren zu können.

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