“Ich bring dich um, du dreckiger Pazifist!”

Unter dieser und ähnlichen Parolen griffen Carabinieri am 6.9 eine Demonstration in Vincenza (Norditalien) an, die sich gegen die dortige NATO-Basis gerichtet hatte. 20 Personen wurden verletzt, 6 festgenommen. Ein indymedia Artikel beschreibt die Brutalität der Bullen so:

Leute, die im Rahmen einer groesseren Kundgebung einen Sitzstreik durchfuehrten, wurden geschlagen, mehrere Frauen wurden an den Haaren am Boden entlanggeschleift, alte Menschen wurden verpruegelt, eine Frau im Rollstuhl wurde mit Schilden und Polizeistiefeln so sehr gestossen, dass sie mitsamt ihrem Rollstuhl umfiel. Auf einen Demonstranten fielen 5 Polizisten gleichzeitig her, einem Demonstranten wurde von einem Polizisten der Autoschluessel aus der Hose gezerrt: auf einem Video sieht man, wie ihn sich der Ordnungshueter in die Brusttasche steckt. Dann wurde Jagd auf den Photographen gemacht, der die Szene aufgenommen hatte. Ein Freiraum fuer Schlaeger.

Für Vincenza bedeutet das eine neues Level an Repression, die politische Situation vor dem 6.9 wird so beschrieben:

Bisher bestand im Brennpunkt Vicenza eine Art ruhiggestellter Krieg, ein implizites Stillhalteabkommen zwischen Polizei, Carabinieri und den politischen Institutionen des Kapitals auf der einen Seite und der sehr breiten Bewegung, die mit einer Sprache zu sprechen versteht, die von der gesamten Bevoelkerung verstanden wird,. Mit dem Ueberfall vom .6. 9. wurde die bisherige Stillhaltepolitik jaeh zerschlagen, und das gibt dem Konflikt eine neue Qualitaet. Bisher war ein solches Verhalten gegenueber der Bewegung, die sich selbst mit auesserster Striktheit an Gewaltfreiheit haelt, undenkbar gewesen.

Was in dem Artikel nicht erwähnt wird, ist das die „strikeste Gewaltfreiheit“ gegenüber denen in der Bewegung, die direkte Aktionen gegenüber symbolischen bevorzugen, durch Disobedienti und ähnliche Kräfte durchgesetzt wurde. Der Vorfall vom 6.9 zeigt, dass die Bullen ihren Hilfskräften in der Bewegung keine Dankbarkeit zollen.
Die Verschärfung der Repression ist Ausdruck von zweierlei, einmal einem generellem Rechtsrutsch in Italien, in dem alles Linke oder sonstwie abweichende Freiwild ist, aber auch von dem politischen Willen des Staates diese NATO-Basis zu erhalten, bzw. ihre Erweiterung durchzusetzen.
Die Basis in Vincenza ist auch homebase der European Gendarmerie Force, einer militärisch ausgebildeten Aufstandsbekämpfungstruppe mit Polizeibefugnissen (siehe dazu hier und hier)


1 Antwort auf ““Ich bring dich um, du dreckiger Pazifist!””


  1. 1 Aug und Ohr 16. September 2008 um 21:19 Uhr

    Unter den disubbidienti gibt es Kräfte (es ist die Mehrzahl), die ihrer Überzeugung nach keinesfalls biedere Gewaltfreiheit als das Non-Plus-Ultra ansehen – sie kommen ja schliesslich von den Paduaner marxistischen Autonomen, die durchaus einen positiven Bezug zum bewaffneten Kampf hatten. Sie wissen allerdings genau, daß heute, und noch dazu in Vicenza, einer an sich sehr konservativen Stadt, jeder strategische Einsatz von offensiver Gewalt auf völliges Unverständnis stoßen würde.

    Daher gehen sie taktisch immer an die äußerste Grenze der Gewaltfreiheit – indem sie, im Straßenkampf erfahren, sich zum Beispiel mit Plastikschilden bewaffnen, durch die sie einerseits geschützt sind, mit denen sie allerdings auch, ohne direkte zuschlagende Gewalt zu verwenden, in einer geschlossenen Phalanx gegen die Bullen vorrücken und letztere zurückdrängen können.

    Diese Technik wurde zum Beispiel beim Besuch Haiders in Bibione vor drei Jahren, gegen den stark mobilisiert wurde, verwendet.

    Nein, es wird gerade vom presidio, der permanenten Plenum, das die de-facto-Leitung darstellt – mit dem aber die ex-autonomi eng zusammenarbeiten – und einigen maßgeblichen feministischen pazifistischen Theoretikerinnen der Bewegung diese Gewaltfreiheit propagiert, recht dogmatisch propagiert. Nicht in erster Linie von den disubbidienti, von denen es nach wie vor zahlreiche Querverbindungen zur scharfen radikalen Linken gibt.

    Die disubbidienti sprechen zum Beispiel selbstverständlich ihre Solidarität einem Genossen aus, der vor Jahren ein Molli in den Stützpunkt Aviano warf und dafür – ich glaube – 13 Jahre bekam.

    Für die post-autonomi ist, trotz ihres Hinrückens zu den Institutionen, eine solche Solidarität eine Selbstverständlichkeit.

    Vom presidio würden die meisten Leute bei einer vergleichbaren Knast- und Solidaritätsarbeit nicht mitmachen. Ein Molliwerfer in Vicenza hätte ihr wunderbar aufgebautes Friedenswerk zerstört.

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