Archiv für August 2008

Reverse Graffiti?

Via nerdityourself bin ich auf einen jetzt.de Beitrag über sog. reverse Graffiti gestossen – mit Bürsten oder anderen Reinigungsmitteln werden Graffiti in Dreck gezeichnet. Was nach einer genialen, repressionssicheren Methode klingt, funktioniert in München nur bedingt. Hier gibt es verflucht wenig Dreck, mit dem Mensch arbeiten könnte.
Ausserdem ist mir ein Fall bekannt, in dem ein Mensch wegen Sachbeschädigung angezeigt wurde weil er einen (Nazi-)Aufkleber abgekratzt hatte. Ein Bulle, der in Zivil auf dem Heimweg von der Arbeit war hatte ihn gesehen und festgehalten, Anti-Antifa in Aktion. Das Verfahren wird vermutlich wegen totaler Absurdität eingestellt werden, Stress und ein paar Stunden auf der Wache hat es aber jetzt schon gebracht. Wirklich Repressionssicher sind aber wohl nur harmlose Botschaften auf der eigenen Wand.
Um hier keine Paranoia zu verbreiten, es wurden in den letzten Monaten etliche Fascho-Aufkleber übermalt, überklebt oder abgekratzt, ohne dass irgendwer deshalb Stress hatte – Keep up the good work!

Actions gegen Lebenschützer_innen

Ein Bekannter schilderte seinen Werdegang mal so: „Erst war ich Ministrant, dann Satanist. Dann habe ich gemerkt, das beides der gleiche Mist ist, und wurde Punk.“ Recht hatte er, aber manchmal macht es einfach Sinn, oder auch einfach Spass, ein bisschen auf Antichrist_in zu machen – zum Beispiel, wenn es gegen christlichen Lebenschützer_innen geht.
Die rosa Antifa Wien (RAW) dokumentiert einen Bericht, nach dem (als Powerpuffgirls vermummte) Aktivist_innen Lebenschützer_innen dazu zwangen, unter einem Hochtranspi mit der Aufschrift „Hölle“ durchzugehen. Was unspektakulär klingt, nervte die Christ_innen mächtig, wie mensch an dem Kreuz.net Artikel Teuflische Dunkelmänner gegen die Kinder des Lichtes (und den Kommentaren darunter) sehen kann.
Vor Jahren war in einer Abolishing the Borders from Below ein Bericht über Aktion in Brno (den ich leider nicht online gefunden habe). Demnach wurde eine Demo oder Prozession von christlichen Abtreibungsgegner_innen, darunter auch viele Nonnen, von Anarchist_innen gestört, die sich als Teufel verkleidet hatten. Die Nonnen wehrten sich dagegen, indem sie die „Teufel“ mit Weihwasser bespritzten.
Für Leute, die sich auf diese christliche Symbolik nicht einlassen wollen, gibt es natürlich auch noch normale Aktionsformen, z.B. in Saalveranstaltungen reinrockern und dem Referenten das Mikro klauen.

1000 Kreuze ??? – Veranstaltung

Über die reaktionären Kreise der Lebenschützer, die derzeit in München einen sog. „1000 Kreuze“ Marsch vorbereiten, informiert das Antifa-Cafe am 4.09 (Im Marat). Seit den Debatten um den §218 sind Abtreibungsgegner_innen aus der öffentlichen Wahrnehmung vielleicht verschwunden, ohne jedoch an politischer Schlagkraft zu verlieren – höchste Zeit, sich der Lebenschützer_innen Szene aus antifaschisitischer und queerer Perpsektive zu widmen.

Flüchtlinge in Griechenland

Am Samstag, den 30.08, findet im Münchner Eine Welt Haus eine Veranstaltung über Flüchtlinge in Griechenland statt, ab 20:30 (bei gutem Wetter auf der Terasse). Für uns besonders relevant, weil die BRD auch dorthin abschiebt.

Berlin stinkt ab! – Wer wettet mit?

Im September (am Samstag, den 20.09.) marschieren christliche Abtreibungsgegner_innen durch Berlin, ein sog. „1000 Kreuze für das Leben“ Marsch. Ich wette, dass die schnöseligen Hauptstadtlinken weniger Gegenaktivitäten gebacken kriegen als wir im beschaulichen München, wenn wir vom heiligen Geist heimgesucht werden (2 wochen später, am 4. 10.). Ich würde sogar soweit gehen, zu sagen dass die Genoss_innen in Salzburg mehr auf die Reihe gekriegt haben, als es die Berliner_innen tun werden.
Stellt sich Berlin dieser Herausforderung? Und um was für Einsätze können anonyme blogs wetten? Oder traut sich eh niemand, die Wette anzunehmen – in der Gewissheit das die Berliner Zusammenhänge besseres zu tun haben werden (sich streiten, Spätzle schaben) und der Weg von Friedrichshain nach Mitte zu weit ist?

Blogschau zum Kaukasus

Ethnisierungs als Herrschafftstrategie – unter diesem Blickwinkel kann mensch zwei blogbeiträge zum aktuellen Krieg in Georgien lesen. Revolution zieht den Vergleich mit der Filetierung Jugoslviens, zur anschliessenden Einverleibung in die EU. Che beleuchtet die Ethnisierung des sozialen, die Georgien unter Sakaaschwili betrieb.
Entdinglichung hat mehrere Texte aus der Linken Russlands aufgestöbert. Für die Redaktion von avtonom.org spielt es keine Rolle mehr, wer an der Eskalation konkret schuld ist. Sie stellen fest, dass die Schaffung mononationaler Staaten ohne ethnische Säuberungen nicht möglich ist. Für die Gewerkschaft CRAS-IWA hingegen gibt es eine ganz Reihe Schuldiger in den Eliten der beteiligten Staaten, noch nicht Staaten und überstaatlichen Gebilden (EU, NATO). Auch sie erteilen nationalistischer Demagogie eine Absage, und rufen zu Streiks und Desertationen auf um den Krieg zu behindern.

Sommerloch?

Statt eines konkreten Termins oder der Aufforderung diese oder jene Demo zu supporten, verlinke ich hier einfach mal ein paar Berichte. Die Kampagne „Nazis unplugged“ hat wie das tapfere Schneiderlein 7 Faschos geoutet. Das ist doch mal was. Gegen Münchens zentralste Nazikneipe wurde auch schon in der Nachbarscahft agitiert. Dann war noch jemand so nett, und hat die direkten Aktionen die es heuer in München so gegen Faschos gab zusammengefasst. Minimalisitsche Graffitti-Künstler_innen haben an der Ausländerbehörde (eigentlich das Büro der ZaSt und eine Aussenstelle der Rückführungsstelle Süd) einen formschönen roten Fleck angebracht. Vermutlich folgt in den nächsten Wochen ein euphorischer Bericht über die zig bis hundert NPD und REP Wahlplakate, die (trotz der Faschos die z.T. darauf aufpassen) verändert oder zerstört wurden. Dass mir niemand übers „Sommerloch“ meckert.

Eine soziale Bewegung

Die Popularität gewinnt der Islamismus primär als soziale und nicht als religiöse Bewegung.“ schreibt die Antifa AK in ihrem Aufruf für die Aktivittäten gegen den anti-Islam Kongress im Herbst. Damit beschreiben sie kein Alleinstellungsmerkmal des politischen Islam:

Der abgrundtiefe Hass der chinesischen Bauern und Arbeiter auf die korrupt-despotischen Behörden verbindet sich ganz offensichtlich mit volksreligiösen Vorstelluingen, die den Weg zur sozialen Befreiung in eine säkularisierte Variante der buddhistisch-taoistischen Inkarnationslehre entrückt haben (Falun Gong). In Indien führen die drei wichtigsten Sozialbewegungen – Die Bewegung der „Unberührbaren“ (dalit), die Frauenbewegung und die „Kasten“-Bewegung der Naxaliten – einen erbitterten Kampf gegen den religiösen Fundamentalismus der Hindus (hindutva) und den in den Slum-Gürteln Bombays verankerten ethnopolitishcen Säuberungswahn der neofaschistischen Shiv-Sena-Bewegung. Wandern wir in den Slum Cities des Südens etwas weiter nach Westen, dann stossen wir auf die Hochburgen des islamischen Fundamentalismus, der die kommunistischen Traditionen der inzwischen weitgehend vom Land vertriebenen Fellachen und Handwerker marginalisiert hat. Vieles, was on dort zu uns dringt, klingt wohl vertraut, und aus den islamisch religiös verbrämten Strukturen von sozialer Selbsthilfe liessen sich sehr wohl emanzipatorische Perspektiven ableiten – wenn sie nicht mit den barbarischen Körperstrafen der Sharia und einer archaischen Erniedrigung der Frauen kombiniert wären, die Subsistenzarbeit als gefangene Haussklavinnen ihrer Männer und Söhne verrichten müssten.
Wandern wir noch ein Stück weiter, um einen möglichst vollständigen Überblick zu gewinnen, der auch die proletarischen Bewusstseinskonstellationen ausserhalb Ost-, Süd- und Westasieans berücksichtigt. Dabei stossen wir bald auf die weltweit grösste soziale Selbstorganisation der neuen Unterklassen, die allein in Lateinamerika und im subsaharischen Afrika über 100 millionen Anhänger hat: Die Pfingstgemeinden. Auch sie praktizieren Solidarität und Selbsthilfe im alltäglichen Überlebenskampf und bewahren ihre Kinder vor den traumatisierenden Folgen des Vegetierens auf der Strasse. Zusätzlich erlangen die getthoisierten und und erniedrigten Menschen in den adventistischen Riten ihre Würde wieder, un in religiöser Verzückung warten sie auf den Tag am Ende der geschichtlichen Zeit, wo derr heilige Geist seine tausendjährige Herrschafft errichtet und das soziale Elend aus der Welt schafft.
Damit sind wir schon fast am Ende unseres Rundgangs durch die Tempel der neuen Heilshüter der globalen Unterklassen angelangt. Wir sollten aber nicht zu erwähnen vergessen, dass auch die polnischen Bergleute und Eisenbahner noch immer tief von ihrer nbationalen Katholizität durchdrungen sind und gerade deshalb nicht zu begreifen vermögen, warum sie von den postsozialistisch gewendeten Eliten ein zweites Mal verhöhnt werden.

Aus: Karl Heinz Roth, Der Zustand der Welt, Gegen-Perpsektiven. S. 67 der Printausgabe.

Zur Mobilisierungsveranstaltung gegen den Anti-Islam Kongress

Am gestrigen Donnerstag war der Münchner Stopp der Infotour zu den Aktivitäten gegen den rassistischen Anti-Islam Kongress. Der Vortrag selber war sehr faktenreich und lang, dafür aber wenig analytisch. Das war allerdings erst die zweite von vielen Infoveranstaltungen, ich würde mal davon ausgehen dass die Infotourleute ausgehend von den ersten Erfahrungen das Konzept nochmal umstellen – in eurer Stadt dürfte es spannender werden.
Kontrovers wurde es gegen Ende des Vortrags, beim Abschnitt Gegenaktivitäten und um die Frage wie sinnvoll es sei, auch die Formulierung„gegen Islamismus“ im Demonstrationsmotto zu haben. Die drei Pole in der Diskussion waren grob folgende:

Ich bin selber Moslem, ich sehe keinen Islamismus in Deutschland, das wurde nach dem 11.9.01 von den Medien aufgebauscht. Ihr wollt doch nur mehr Leute ziehen.

Islamischer Fundamentalismus ist der BRD absolut marginal. Dass dieser Fundamentalismus zu kritisieren ist, ist unbestritten. Christlicher Fundamentalismus gewinnt mehr und mehr an Boden, siehe Kreationismus und „Intelligent Design“. Aus linksradikaler Sicht ist jede Religion zu kritisieren und anzugreifen. so lange die Linke die Stärke dazu nicht hat dürfen ruhig z.B. Moscheen gebaut werden. Nach Liebknecht steht der Hauptfeind im eigenen Land, als Angehörige der Mehrheitsgesellschafft sollten wir vor allem diese in den Fokus unserer Kritik nehmen. Ein Aufrufmotto „gegen Religion“ wäre angebrachter gewesen. Mit „Islamismus“ übernehmen wir einen Kampfbegriff der Gegenseite. Wir lassen uns in diesem Fall die Themen von der Gegenseite diktieren, in anderen Fällen, z.B. Jugenkriminalität, lassen wir uns nicht auf die Inhalte unserer Gegner_innen ein.

Wie Nationalismus und Rassismus spaltet Religion Menschen in Gruppen. Es ist an der Zeit, dass die Linke einen Begriff von „Islamismus“ entwickelt. Der Begriff selber ist zwar problematisch und unklar, eben deshalb ist eine Diskussion wichtig, dahinter verbergen sich aber konkret antiemanzipatorische Bestrebungen. Es gibt durchaus islamistische Bestrebungen in der BRD, siehe z.B. die Hamburger Moschee aus deren Umfeld zwei Attentäter des 9.11.01 kamen. Die radikale Linke hat sehr wohl eine Praxis gegen christlichen Fundamentalismus, z.B. gegen den Kirchentag in Köln. „Gegen Islamismus“ im Aufrufmotto ist auch historisch zu verstehen, bei vorherigen Demos in Köln hatte der DGB mit dem Spruch „Ja zur Moschee!“ aufgerufen – für linksradikale ein klares no-go, davon muss mensch sich abgrenzen.

Um hier nicht den Anschein von Objektivität zu erwecken – ich selber bin der zweiten Position am nächsten.
Beim rekapitulieren fällt mir auf: Die in der zweiten Position geäusserte Kritik bezog sich auf das, was die Gegenaktivitäten erwartungsgemäss nach aussen tragen. Gegenargumente in Position drei bezogen sich z.T. auf die Konferenz – „Einen Begriff finden, einen Umgang entwickeln“ – also auf innerlinke Prozesse die im Rahmen dieser Mobilisierung stattfinden sollen.
Auf die Konferenz wurde in der Diskussion nicht mehr eingegangen. Die Kritk an dieser war den meisten Anwesenden wohl entweder nicht präsent oder sie wurde nicht geteilt. Und spät wars auch.

„Also, ich kaufe da nicht mehr ein.“

Also, ich kaufe überhaupt nichts mehr bei , weil die sozialpolitisch katastrophal sind. Ich find einfach nicht richtig was die machen. Und Discounter kommen mir auch nicht in die Tüte. Klar, für dich ist das nichts, mit Hartz IV und so, aber wir gucken schon darauf was wir so einkaufen.

Mir hat selten jemand so unbeabsichtigt offen erklärt, was individualisierter Boykott letzlich ist – Gewissensberuhigung für besserverdienende. Die zitierte Person ist Mitglied in der SPD und trägt Hartz I – IV voll mit, dann die Sozialpolitk einer einzelnen Firma zu kritisieren ist dan schon superdreist.