Mordversuch als deutscher Konsens

Allenthalben wird das Urteil gegen Serkan und Spyridon begrüsst. Der einzige Unterschied zwischen den konservativen und den liberalen Applaudieren ist der, dass letztere betonen das Urteil würde zeigen dass keine Gesetze verschärft werden müssen. Was in Medienberichten oder blogbeiträgen zum Thema überhaupt nicht vorkommt, ist die Möglichkeit dass die Tat juristisch oder moralisch anders zu bewerten sein könnte als als Mordversuch. Zur juristischen Frage schreibt der Strafverteidigerblog:

Die Münchner Täter haben – wie man auf dem Video sieht – von ihrem Opfer abgelassen, bevor es zum Tod des Mannes kam und das Weite gesucht. Juristisch kann dies als “freiwilliger” Rücktritt vom Versuch zu werten sein, mit der Folge, daß nur eine Verurteilung wegen “gefährlicher Körperverletzung” oder “schwerer Körperverletzung” in Frage kommt.

Die Verteidiger haben Revision angekündigt. Der Bundesgerichtshof hat in der Vergangenheit die Frage zum Rücktritt von einem Tötungsdelikt schon mehrfach entschieden. Selbst bei einem Täter, der mehrfach auf sein Opfer, daß letztendlich überlebte, geschossen hatte, wurde ein freiwilliger Rücktritt vom Tötungsversuch angenommen, da der Täter noch mehrere Patronen in der Pistole hatte und damit ohne weiteres seine Tat hätte vollenden können.

Das zeigt erstens, dass das Gericht einen Spielraum nach unten gehabt hat, den es nicht ausschöpfen wollte.

Interessanter ist aber der Konsens in der deutschen Medienlandsachft, dass unbedingt von einem Mord und von der „einzig möglichen Strafe“ geredet werden muss. Überhaupt ist hier, wie in anderen Fällen mit nicht-deutschen Tätern alles ganz klar, was medial passiert ist eine einzige Selbstvergewisserung. Fakten, die nicht in das Bild vom unschuldigsten aller Opfer und den bestialischsten aller Täter_innen passen, dürfen nicht in Betracht gezogen werden: moralische Empörung ist erste Bürger_innenpflicht, wer da nicht mitgeifert macht sich gemein mit den Tätern.

Dass Medien auch anders arbeiten können, zeigt der Fall Erymias M. aus Potsdam. Hier wurden, nach einer kurzen Anfangsphase, vor allem Gerüchte weiterverbreitet die die Täter entschuldigen und den betroffenen belasten – offensichtlich war es das, was die Leute lieber lesen wollten (dokumentiert in dieser Broschüre des Vereins Opferperspektive (pdf), hier v.a. relevant: das Kapitel über den Gerüchtenebel).

P.S. Wie in anderen Beiträgen zum Thema erspare ich mir eine Beurteilung der Tat selber. Leser_innen, die sich dadurch provoziert fühlen, bestätigen die These „Empörung ist die erste Bürger_innenpflicht.“


8 Antworten auf “Mordversuch als deutscher Konsens”


  1. 1 café morgenland 10. Juli 2008 um 21:03 Uhr
  2. 2 Bikepunk 089 10. Juli 2008 um 21:25 Uhr

    Der Link oben, wie der von der cm Startseite, zeigt auf eine leere Seite.

  3. 3 Adorno Schwarzenegger 20. Juli 2008 um 17:52 Uhr

    http://www.bpb.de/themen/WKSLL0,0,Todesopfer_rechtsextremer_Gewalt.html

    „Strittige Fälle. Zum Beispiel München

    Im Mai 2006 wurde in München ein 20-jähriger Mann aus dem Gothic-Spektrum zu drei Jahren Haft verurteilt, weil er im April 2005 in der Müchener S-Bahn einen 17-jährigen durch Faustschläge tödlich verletzte. Ausgangspunkt war ein Wortgefecht zweier dreiköpfiger Gruppen junger Leute, eine davon wurde von einer Asiatin begleitet. Als sie das Schimpfwort „Frühlingsrolle“ an den Kopf bekam, entbrannte zunächst nur ein verbaler Streit. Der Ausgangspunkt war somit eine rassistisch motivierte Herabwürdigung. Zum Todesfall kam es aber aufgrund einer Verkettung unglücklicher Eskalationsstufen, aber nicht aufgrund einer vorsätzlichen Tat. „Was soll das, lasst die Frau in Ruhe“, schritt die andere Gruppe ein, rekonstruierte die Justiz den Fall. Dann stieg jene Gang aus, die die rassistische Beleidigung ausgestoßen hatte. Einer aus dieser Gruppe schleuderte der in der S-Bahn zurückbleibenden Clique abschätzig Bonbons vor die Füße. Daraufhin warf das spätere Todesopfer, der 17-jährige Marcel einem der drei eins der Bonbons zurück – genau an den Kopf. Der Getroffene – stark alkoholisiert – stürmte auf Rache sinnend sofort zurück in den S-Bahn-Wagen und prügelte auf den Kopf des Bonbonwerfers ein. Dann zog er wieder von dannen. Als er jedoch sah, dass sein Opfer reglos am Boden liegen bleib, kehrte er umgehend zurück und beteiligte sich an den Wiederbelebungsversuchen. Diesen Ausgang hatte der Täter augenscheinlich nicht gewollt. Vor Gericht spielte der Tat-auslösende Rassismus dann auch kein Rolle mehr. Dennoch begann der tödliche Streit mit einer rassistischen Beleidigung.“

    Ich konnte im Intenet leider nichts weiteres zu diesem Fall finden, weiß jemand wie das Urteil damals lautete?

  4. 4 Bikepunk 089 20. Juli 2008 um 21:37 Uhr

    Der Vorfall selber war damals gross in der Presse. Eein Polizeisprecher sagte, das Opfer sei mit seinem Kopf gegen einen Kasten oder so gefallen (In S-Bahnen hängen ja manchmal diese Kästen mit DB-Broschüren im Bereich vor den Türen) und habe sich dabei die tödlichen Verletzungen zugezogen. Der Täter habe dass unmöglich absichtlich machen können.
    Der Prozess war, glaube ich, nicht gross in der Zeitung. Zumindest ist er an mir vorbeigegangen.

  1. 1 Zum Urteil gegen Serkan und Spyridon « bikepunk 089 Pingback am 10. Juli 2008 um 16:23 Uhr
  2. 2 Solidarität mit Serkan und Spyros (II) « Lysis Pingback am 10. Juli 2008 um 22:42 Uhr
  3. 3 critique aujourd'hui Trackback am 11. Juli 2008 um 20:10 Uhr
  4. 4 Freudentraenen in Magdeburg: eine Ruehrung « die dialektische monodromie Pingback am 05. Dezember 2008 um 17:59 Uhr
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