Zur Wahrnehmung von Fascho-aktivistinnen

„Lange Zeit wurden extrem rechte Frauen – auch von antifaschistischen Gruppen – nicht als eigenständige Akteurinnen wahrgenommen“ schreibt die Lotta #28. Ein konkretes Beispiel dafür ist meiner Meinung nach die Art und Weise, wie über die „Überläufer_innen“ Alexander Maetzing und Kathrin Q. in Münchner Szenekreisen geredet wurde. Beide bewegten sich in Münchens Skin-Szene und bezeichneten sich selbst als unpolitisch (wobei die rechte Vergangenheit Maetzings kein Geheimnis war), besuchten aber auch bisweilen linke Orte wie den Infoladen oder das Kafe Marat. Im Herbst 2002 schlossen sich beide der Kameradschaft Süd um Martin Wiese an, gleich bei ihrer ersten Aktion, einer Mahnwache gegen die Wehrmachtsaustellung, waren beide organisatorisch eingebunden: Alexander Maetzing als Ordner, Kathrin Q. besorgte bei der Feier danach den Bierausschank. Maetzing war dann ab Frühjahr 2003 Stellvertreter Wieses, Q. leitete eine Zeitlang die Anti-Antifa AG der Kameradschaft. Wegen des (vom inneren Kreis der KS Süd) geplanten Bombenanschlags auf die Grundsteinlegung für das jüdische Zentrum Münchens wurde Maetzing zu 5 Jahren und 9 Monaten verknackt. Das steht alles genauer in der aida-Broschüre „Sprengstoff in München“ (die zurzeit nicht online ist), und zum Teil in meinem Artikel über Jessica Fasel.
Worauf ich aber hinauswill, ist folgendes – als Maetzing und Q. das erste Mal öffentlich als Nazis auftraten, machte das sehr schnell die Runde. Viele linke Punks und Skins, die sonst nicht gegen jeden Nazi-infostand auf die Strasse gingen, waren bei den Aktionen gegen die damals wöchentlichen Nazi-mahnwachen präsent: Weil sie sich mit eigenen Augen überzeugen wollten, dass einer den mensch mindestens von Sehen kannte, plötzlich auf der anderen Seite stand, und weil viele auf Maetzing extra sauer waren. Im Winter 2002/2003 wurde über die beiden etwa so diskutiert: Maetzing war der verräterische Überläufer, Hassobjekt und ein echtes Argument dafür Leuten mit rechter Vergangenheit gegenüber misstrauischer zu sein. Q. wurde entweder nicht erwähnt, oder war halt mit ihm mit ins Fascho-Lager gewechselt,. Verschiedene Leute (in meiner Erinnerung keine einzige Frau), eher Punks als explizit politische Menschen, wärmten Geschichten auf, nach denen Queisser mal in einem Pornofilm mitgespielt hatte. Die Erzählungen konzentrierten sich darauf, dass sie scheinbar eine erniedrigte Rolle spielte1. Die Art wie über dieses Detail gesprochen wurde hatte in meiner Wahrnehmung nichts mit sinnvoller Agression gegen eine politische Gegnerin zu tun. Aber viel mit männerbündlerischer Belustigung darüber, dass jemand die mann eh Scheisse findet öffentlich und sexistisch erniedrigt wurde.
Weil hier über zwei Faschos mit sehr ähnlichen Karrieren geredet wurde, lassen sich aus dem Vergleich einige Schlüsse ziehen. Erstens, an Teilen einer diffus linken Punk-Szene sind antisexistische Basics komplett vorbeigegangen, beim Gejohle über Porno-rollen sind einige Punks auf CSU-Niveau. Bei Naziaktivistinnen wird bereitwilliger unterstelt, dass sie nicht aus komplett eigener Entscheidung bei dem Scheiss mitmachen. Grosse Fascho-Skins werden – als Bedrohung, und als mögliches Ziel eigener Aktionen – eher ernst genommen als nicht ganz so grosse Fascho-Renees. Das wären ein paar Denkfehler, die nicht wenige Leute vor 5 Jahren gemacht haben. Es gibt keinen Grund sie zu wiederholen.

  1. Ich habe den Film nie gesehen, die Erzählungen waren recht explizit. Ich fände es aber verkehrt die Darstellung hier zu reproduzieren. [zurück]

2 Antworten auf “Zur Wahrnehmung von Fascho-aktivistinnen”


  1. 1 Ich 25. Dezember 2007 um 1:52 Uhr

    Hmmmm, kann es sein, dass du dich in den falschen Kreisen bewegst? Beides wurde in gleicher Art und Weise diskutiert. Hier gehört auch die existierende Möglichkeit des Sexismus dazu, den Film gibt es ja wohl. In der heutigen stark sexualisierten Gesellschaft eindeutig kein Problemthema. Bei vielen Personen der hier zitierten „diffus linken Punkszene“ ist die Sicht eben so. Und mit Anglizismen werfen hilft da auch nicht. Deinen bewusst eingeschränkten Horizont hast du hier allerdings ja schon öfter bewiesen.

    Da allerdings von diversen linken Kreisen, zu denen ich den Autor ebenfalls rechne, Frauen grundsätzlich als schützenswertes Gut in einer Opferrolle betrachtet wird, wundert mich eine derart verzerrte Wahrnehmung nicht. Wenn man immer nur von Frauenrechten redet, verliert man schnell den Bezug dazu, dass wir alle rotes Blut haben und darum auch alle gleich betrachtet werden können.

    Und der Autor hier kann sicher sein, dass ich jedes „Fascho-Renee“ genauso ernst nehme, wie „grosse Fascho-Skins“. Das bedeutet aber auch, dass ich sie mehr ernst nehme, als ihn.

  2. 2 Administrator 25. Dezember 2007 um 22:57 Uhr

    Hallo, „Ich“, als neue_r Wadlbeisser_in dieses blogs hast du dich ja gut eingeführt. Dass du extra betonst, dass du „“Fascho-Renee” genauso ernst [nimmst], wie “grosse Fascho-Skins”“, verwundert mich – wo du dich doch von einem Artikel über die „falschen Kreise“ und ihre Diskussionen vor 5 Jahren nicht unbedingt persönlich beleidigt fühlen musst.

    Meinen Kernthesen – Faschoaktivistinnen werden oft unterschätzt, in diffus linken Punkkreisen findet sich viel Sexismus – stimmst du ja zu, nur findest du letzteres wohl nicht so schlimm. Die Einsicht freut mich, den Rest kriegst du auch noch hin, da bin ich mir sicher!

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