Jessica Fasel – eine Münchner Oi!-Kariere

Jessica Fasel ist Sängerin in der Münchner Oi!-Band „Arglistige Toischung“, zwischen 2002 und 2003 war sie Kaderin der „Kameradschaft Süd“, die unter anderem einen Bombenanschlag auf die Grundsteinlegung des jüdischen Gemeindezentrums in München geplant hatte. Weil es immer wieder Diskussionen darüber gibt, ob jemand mit so einer Geschichte etwas in linken Räumen verloren hat, und weil diese Diskussionen zum Teil von ziemlich haarsträubenden Gerüchten geprägt sind, schreibe ich hier mal ein paar überprüfbare Fakten zusammen, ein bisschen was zur Aussteiger_innen-Problematik und zu Überläufer_innen in die Nazi-Szene. Ich bin weder die Antifa, noch Aida, noch das Marat, und schreibe auch nicht in deren Namen. Die Infos über iher Fascho Karriere habe ich grösstenteils aus der Aida-Broschüre „Sprengstoff für München

Vom Stammtisch zur Schutzgruppe
Die Kameradschaft Süd/Aktionsbüro Süddeutschland (KS Süd) unter Martin Wiese bestand seit Ende 2001, ab November 2002 wurde sie von Martin Wiese geleitet. Die KS Süd veranstaltete regelmässige Stammtische, an denen sich bis zu 40 Personen beteiligten. Bei diesen Stammtischen wurden von Führungspersonen Referate gehalten, zum Teil wurden Aktionenwie Demos vorbesprochen. Jessica Fasel (*7.12.1981), die ab Sommer 2002 an diesen Stammtischen teilnahm, führte dabei meist Protokoll. Die KS Süd veranstaltete auch einen regelmässigen „Nachwuchsstammtisch“ der zunächst von Hayo Klettenhofer (damals noch mit Seppelhut) geleitet wurde. Als Hayo zum Bundesheer eingezogen wird, übernimmt Jessica Fasel seine Nachfolge.
Im Herbst 2002 gründete Wiese die „Schutzgruppe“ (SG) innerhalb der KS Süd. Diese sollte intern für Ordnung sorgen, Führungsaufgaben übernehmen und militant für eine nationalsozialistisches System kämpfen. Unter den 6 Gründungsmitgliedern der SG ist auch Jessica Fasel mit dabei. Die SG traf sich auch zu paramilitärischen Übungen, Sonntags wurden im Wald bei Gauting Nahkampftechniken, das Absichern von Demos oder das Schiessen mit Soft-Air Pistolen geübt – letzteres klar als Übung für den Umgang mit scharfen Waffen. Das Training wird von Martin Wiese geleitet, als Vetretung ist Jessica Fasel bestimmt – später wird sie gegenüber der BAW angeben, die SG hätte so etwas wie die Wehrsportgruppe Hoffmann werden sollen. Bis Fürhjahr 2003 fungierte Jessica Fasel in der KS Süd und der SG als Wieses Stellvertreterin.
In der KS Süd gab es auch eine „Anti-Antifa AG“, diese sollte Informationen über Wortführer und Organisatoren unter den Punks und Autonomen sammeln. Auch der Münchner Infoladen und das Kafe Marat gehörten zu den von den Nazis ausgekundschafteten Objekten.
Durch einen Zufall geriet die KS Süd 2003 in das Visier der Bullen – Alexander Maetzing („Überläufer-Alex“), auf den wir nochmal zu sprechen kommen, verprügelte im Juli 2003 einen „Aussteiger“ schwer. Er und ein weitere Nazi wurden dabei festgenommen, die folgenden Hausdurchsuchungen und Aussagen fühtren schliesslich dazu, dass der Plan der SG, einen Bombenanschlag auf die Grundsteinlegung für das jüdische Gemeindezentrum am 9.11.2003 auffliegt. Insgesamt 9 Faschos wurden wegen „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ angeklagt, Jessica Fasel wurde im April 2005 deshalb und wegen „unerlaubtem Umgang mit explosiven Stoffen“ zu 18 Monaten auf Bewährung verurteilt. Im Verfahren liess sie schriftlich im Protokoll festhalten, dass sie bei Aussage im Prozess gegen Wiese (das Verfahren gegen sie und 4 andere wurde abgetrennt, da sie z.T. noch unter Jugenstrafrecht fielen) maximal zu 2 Jahren verurteilt wird. Der Schluss liegt nahe, dass sie unter dem Druck einer relativ massiven Strafe gegen ihre Kamerad_innen ausgesagt hat. Der Prozess gegen die Wiese Gruppe hatte aber insgesamt etwas von Selbstzerfleischung, im öffentlichen Prozess sagten alle Beschuldigten aus und belasteten sich gegenseitig.
Zu Zeit ist „Giasing-Jessy“ die Sängerin der Oi!-Band „Arglistige Toischung“ (ihre Bandhomepage arglistige-toischung.de ist derzeit kaputt, da gäbe es Song Texte etc.). Das letzte Mal, das ich mir die Texte der Band angeschaut habe ist eine Weile her. Die meisten waren typischer stumpfer Oi!, eines richtete sich (glaube ich) gegen Nazis in einem kommt eine Textzeile vor die Boneheads disst, ein paar spielen ohne klare Aussage auf Jessica Fasels Vergangenheit an1. Die Band posiert bisweilen gerne mit Deutschlandfahnen, auch auf der Bühne.

Von Aussteigern und Überläufern – steile Karrieren
Ihre Unterstützer_innen werfen anderen vor, ihr keine zweite Chance zu geben. Tatsächlich ist das mit den „Aussteiger_innen“ aber etwas komplizierter, als nur fest zu stellen, ob jemand Kontakt zu einer Szene hat oder nicht. Dafür dass jemand nicht mehr in Nazi-Kreisen aktiv ist, kann es viele Gründe geben – persönlichen Streit, eine Beziehung ausserhalb der Szene, keine Zeit oder Lust mehr für politische Betätigung, Angst vor Repression … all das setzt keinen Bruch mit der Ideologie voraus. Wenn sich die äusseren Umstände ändern kann die Mitarbeit in Nazi-Strukturen wieder attraktiv erscheinen. Ein wirklicher Bruch wäre eine Auseinandersetzung mit der Ideologie, damit was am Faschismus alles falsch und Scheisse läuft. Diese Auseinandersetzung muss der oder die Nazi selber führen, jemandem ein paar Worthülsen vorkauen die er dann nachplappern kann um als „geläutert“ zu gelten ist nicht zielführend. Die Behauptung „früher war ich so, und jetzt bin ich anders“ ohne dass der Prozess dazwischen klar ist, sagt nicht aus warum die Person nicht morgen wieder „so“ sein sollte.
Wenn wer als Aussteiger_in akzeptiert werden will, muss er oder sie auch alle Brücken hinter sich einreissen. Das schliesst ein, den Faschos aktiv zu schaden, etwa dadurch Antifastrukturen oder den Bullen Informationen zukommen zu lassen.
Um auf Jessica Fasel zurückzukommmen – sie hat möglicherweise unter dem Druck einer massiveren Strafe Aussagen gemacht und ist deshalb bei den politisch aktiven Nazis Münchens derzeit unbeliebt. Das wird jedoch dadurch – auch in den Augen anderer Nazis! – relativiert, dass viele Beschuldigte in diesem Prozess sich gegenseitig belastet haben. Da die Aussagen unter Druck zustande gekommen sind, sind sie kein Indiz für einen Gesinnungswechsel oder ähnliches. Mir ist nichts bekannt, wo Jessica Fasel erklärt hätte wie sie sich denn von einer Nazi zu jemand halbwegs okayen entwickelt haben soll.
Das Misstrauen gegenüber Ex-Nazis wird nachvollziehbarer, wenn wir uns die Geschichte von Alexander Maetzing anschauen. Er galt lange Zeit als unpolitischer Skinhead, mit einer „bewegten Vergangenheit“ – dass er eine Zeitlang Nazi gewesen war, war in Münchens Punk- und Skinszene relativ bekannt. Er war zusammen mit seiner Freundin Kathrin Q. oft bei Punk- Hardcore- Ska- und Oi!-Konzerten im damals nach als alternativ geltenden Backstage-Club, beide besuchten aber auch bisweilen die Vokü im Infoladen oder das linke Zentrum Marat. Ende 2002 war er Ordner bei einer Faschokundgebung gegen die „Wehrmachtsausstellung“, Kathrin Q. besorgte am Abend nach der Kundgebung den Ausschank bei einer internen Feier der Nazis. Beide hatten in der Woche davor noch den Infoladen besucht. Die kurze Zeit legt nahe, dass beide Kontakt zu Faschostrukturen hatten, als sie sich noch bisweilen in linken Räumen aufhielten und dort Informationen sammelten. Alexander Maetzing wurde im Februar 2003 von Jessica Fasel in die SG rekrutiert, er löste sie im Frühjahr 2003 als Stellvertreter_in Wieses ab. Kathrin Q. leitete eine Zeitlang die erwähnte Anti-Antifa-AG.

Mitte 2002 das erste Mal beim KS Süd Stammtisch, im Herbst 2002 im Führungszirkel, bis Frühjahr 2003 Stellvertrerin Wieses, 2004 möglicherweise Kronzeugin, seit 2006 Sängerin einer Oi! Band und wohl z.T. Szene-Darling – steile Karriere. Ich habe keinen Bock drauf, Konzerte oder Parties zu besuchen wo Leute mit so einer Geschichte rumlaufen, wer schonmal in kurzer Zeit zur Nazi-Kaderin aufgestiegen ist versucht es vielleicht nochmal.

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16 Antworten auf “Jessica Fasel – eine Münchner Oi!-Kariere”


  1. 1 besserscheitern 19. November 2007 um 15:10 Uhr

    Ich habe keinen Bock drauf, Konzerte oder Parties zu besuchen wo Leute rumlaufen, die so schlechte Musik machen.

  2. 2 Löbau 20. November 2007 um 16:37 Uhr

    der autor dieses tollen artikels hat sich ja extrem informiert^^ die homepage von AT hat er sich anscheinend aber nicht gut angeschaut (jaja sie geht z.zt nicht ich weiß). die musik is jedenfalls nichtmal oi, anscheinend hat er sich die aber auch nicht angehört. seit wan AT mit deutschlandfahne posieren würden wüsste ich auch mal gerne. leute die so ne annonyme hetze veranstalten sollten mal die eier haben und sagen wer sie sind. der ganze zeigefinger schwachsinn geht nämlich extrem aufn sack und von ner zweiten chance hat der gute verfasser von dem scheiß da oben anscheinend auch noch nie was gehört.
    fuck off!

  3. 3 *gähn* 21. November 2007 um 8:03 Uhr

    Ich muss sagen, dass ich es wirklich bewundernswert finde, dass sich junge Menschen so viel Zeit nehmen und über ein angeblich soooo böses Mädchen zu schreiben.
    Selbstredend, der Inhalt ist mal wieder allerfeinste Recherchearbeit, aber das sind wir von Euch ja gewohnt;)
    Es wundert mich nur, dass vorher nicht im Kollektiv darüber entschieden werden musste ob man diesen Artikel veröffentlichen soll oder nicht.
    Jetzt frage ich mich nur wie es der Verfasser fände wenn Menschen mal auf die unglaublich tolle Idee kämen seinen kompletten Namen in Kontext mit diskreditierenden Äußerungen im www zu veröffentlichen…!

    Hat einer von Euch schon mal nachgerechnet wie lange das her ist? (Tatzeitpunkt 6 Jahre)
    Ist einem von Euch schon einmal aufgefallen, dass bei einem Großteil aller Fußballschals ein schwarz-rot-goldener Streifen an beiden Enden verewigt ist?
    Das hört sich ja fast an als hättet ihr etwas gegen solide Demokratie einzuwenden?! Tststs…. wenn das mal keine verfassungsfeindliche Haltung ist *lach*

    Na dann möchte ich Euch wieder verlassen und ihr könnt Euch in Ruhe im Plenum über Euer erstes Sackhaar freuen!

  4. 4 Administrator 21. November 2007 um 14:06 Uhr

    Zum Thema anonyme Hetze und diskreditierendes im Internet – bevor ich das geschrieben habe, waren die ersten 3 google hits für die Suche nach „Jessica Fasel“ ein taz Artikel, und 2 Artikel auf Aida – alles was hier steht, stand vorher auch schon in dem aida-text. Kein bisschen diskreditierende Information auf dieser Seite stand nicht auch schon vorher leicht zu finden im Netz.

    Zum Thema Tatzeitpunkt 6 Jahre her – das meinte ich mit dummen Gerüchten, von Leuten die nicht rechnen können oder wollen.

    Zum Thema zweite Chance – lies nochmal ab „von Aussteigern und Überläufern“, da steht was für einen Umgang ich da für sinnvoll halte.

    Aber immerhin hat *gähn* verstanden dass ich kein Verfassungsfan bin.

  5. 5 zefix 21. November 2007 um 17:22 Uhr

    ich würde gerne mal wissen wo der autor dieses artikels das mit der deutschlandfahne her hat, da er ja wie er behauptet „keinen Bock drauf hat, Konzerte oder Parties zu besuchen wo Leute mit so einer Geschichte rumlaufen“,ergo noch nie einem dieser konzerte beigewohnt hat…
    bitte eröffne uns doch ausserdem mal die entsprechenden bildquellen auf denen du das entdeckt hast, denn auch ich durfte auf zahlreichen besuchten konzerten der band dergleichen nie feststellen.
    zumal es doch fernläge sich zb als italiener,grieche oder philipino mit deutscher herkunft zu brüsten oder?
    (bei „guter recherche“ dürfte einem die multikulturelle herkunft der band nicht entgangen sein, lieber autor)

  6. 6 Administrator 21. November 2007 um 17:45 Uhr

    Das mit den Fahnen hab ich vom Hörensagen, erstmal vertraue ich da meinen Quellen. Schön dass du Deutschlandfahnen auch so scheisse findest, nur *gähn* scheint das etwas anders zu sehen.

  7. 7 Käios ALta! 22. November 2007 um 13:03 Uhr

    ja man alles nazis man. was n scheiss…

  8. 8 zefix 22. November 2007 um 17:44 Uhr

    also wenn die ersten drei google hits zu diesem thema schon aus informationsseiten über die vergangenheit der besagten person bestehen, wieso schriebst du denn dann hier einen neuen artikel, der aber (im gegensatz zu indymedia und aida) noch mit unsachlichen aussagen und fadenscheinigen infos bestückt ist?
    du gibst ja selber zu,dass du „das mit den Fahnen vom Hörensagen“ erfahren hast.sorry aber das IST unsachlich!
    ausserdem betont *gähn* nur dass fußballschal nicht gleich deutschlandfahne ist.
    guten tag

  9. 9 Administrator 22. November 2007 um 18:51 Uhr

    Jetzt reitest du ewig auf dem Fahnenpunkt rum, um davon abzulenken dass du zum eigentlichem Thema nix zu sagen hast.

  10. 10 fuckup 22. November 2007 um 20:08 Uhr

    also ich weiß ja nicht!
    bei den bekennenden linken in münchen sind viele leute, die einen viel schlimmeren Lebenslauf vorweisen können! Darüber sollte vielleicht mal nachgedacht werden! und ich weiß nicht ob man Menschen, ohne dass man vorher ein Gespräch (persönlich) geführt hat, verurteilen soll! (das ist in meinen augen nämlich dann ein krasses Vorurteil

  11. 11 gaudi 23. November 2007 um 15:37 Uhr

    wie bescheuert ist die „diskussion“ überhaupt? solange „aussteigerInnen“ nicht ihr komplettes wissen über personen, zusammenhänge und szene bei dafür geeigneten „antifaschisischen stellen“ abgeliefert haben gehören sie nicht in punkerläden und linke clubs.

    stay punk.

  12. 12 Administrator 25. November 2007 um 17:35 Uhr

    Ich stimme gaudi zu, und schliesse diese Diskussion. kommt eh nur noch Scheiss.

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