Schlüsselgewalt

Ein Bekannter von mir war vor einiger Zeit in einem Münchner Flüchtlingslager, um dort einen Flüchtling zu interviewen. Der Interviewpartner hat meinen Kumpan versetzt, der suchte das Lager von oben bis unten ab. Als er mal wieder klopfend vor der Zimmertür seines Interviewpartners stand, wurde er von einer Fotografiestudentin angesprochen. Sie bot ihm an, das Zimmer aufzusperren, damit er gucken kann ob sein Interviewpartner da ist – sie machte zu diesem Zeitpunkt gerade irgendein Praktikum oder so in dem Lager, und hatte u.a. einen Generalschlüssel zu den meisten Zimmern. Auf die Idee, dass es ungefähr gegen alle Grundregeln des Anstands, und jeden Respekt vor jemandes Privatsphäre verstösst mal eben so sein Zimmer aufzusperren kam die Nuss nicht. Das ist ein extremeres Beispiel, von Medienschaffenden mit ähnlichen Einstellungen höre ich aber öfter.
Meine These, wie so eine spezifische Rücksichtslosigkeit und Verblödung zustande kommt – in deutschen Flüchtlingslagern sollen Flüchtlinge den Behörden weitgehend ausgeliefert sein. Wer da von aussen rein kommt und die Funktion des Lagersystems, und die eigene Rolle darin, nicht reflektiert, hält dieses ausgeliefert sein dann für ok oder wenigstens normal. Wenn die meiste Kommunikation mit dem Lagerpersonal stattfindet, wird vielleicht auch deren Perspektive übernommen. Und wer rassistisch ist, und sich sonst zurückhält verliert in der Situation in einem Flüchtlingslager vielleicht ein paar Hemmungen.
Schlimmer als marodierende Fotograf_innen sind aber wahrscheinlich die Hausmeister.


2 Antworten auf “Schlüsselgewalt”


  1. 1 unkultur 25. Oktober 2007 um 12:45 Uhr

    In dem Fall ist das natürlich extrem mies, aber arbeitet Journalismus nicht zumeist damit, dass Grenzen der Privatssphäre überschritten werden? Paparazzis, die Fotos von Menschen machen, die das gar nicht wollen; Reportagen mit Behördeninformationen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren etc. Da gehört in Teilen das Sichtbarmachen, die Penetranz, das Zerren an die Öffentlichkeit zum Beruf.
    Prominente können sich dagegen zumindest noch zur Wehr setzen (Prügelprinz und/oder guter Abmahnanwalt), während bei manchen Menschen – der beschriebene Fall – der betreffenden Journaille noch nicht mal der Gedanke kommt, dass dort Grenzen überschritten werden. Die Betroffenen können sich auch kaum wehren.

  2. 2 Administrator 25. Oktober 2007 um 14:19 Uhr

    Stimmt schon – ich würde aber schon behaupten dass in dem Fall diese journalistische Rücksichtslosigkeit mit Rassismus zusammenkommt, wie oben beschrieben.
    In dem Fall ist es weniger der Paparazzi, der promis behelligt, sondern (wahrscheinlihc) eher die Betroffenheitsreportage, die mit krassen Bildern arbeitet – betroffene Menschen als „Anschaungsmaterial“ für den Grusel über die schlimme Welt im Wohnzimmer.
    Der Journalist ist erstmal nicht besser als die, die sich Gruseln wollen, und selbst wenn hat er ein Zielpublikum dass nicht mit aktiven, widersprüchlichen Subjekten konfrontiert werden will, sondern passive Objekte der schlimmen Welt sehen will.

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