Archiv für September 2007

Nimm die Critique!

Skurriles aus Kärnten: hier treffen sich sei `58 Veteranen aus Wehrmacht und Waffen SS beim Ulrichsbertreffen und feiern sich selbst. Dagegen gab es immer wieder Protest und Widerstand: Flugblattverteilungen durch die KPÖ, Schafe einer Longo Mai Kooperative die den Ulrichsberg zugeschissen haben, die „Heimkehrergedenkstätte“ wurde schonmal mit dem Vorschlaghammer gepflegt, und ein antifaschistischer Hubschraubereinsatz konnte durch die Bullen nur knapp vereitelt werden -schade. Seit `05 gibt es eine Kampagne gegen das Nazi-treffen und den Kärntner Konsens. Wer dieses Wochenende noch nichts vorhat, unbedingt dahin jetten und die Provinz rocken!

Nun zum skurillen: Walther Schütz, Gründungsmitglied von ATTAC Österreich und von 1980 bis 1995 Reserveoffizier beim Bundesheer – „Hauptmotiv: Die gefährliche Institution Heer darf nicht wieder wie in den 20er und 30er Jahren zur rechten Bürgerkriegsarmee werden“ – hat sich auf dem Internetportal Kärnöl der Mobilisierung angenommen:

Da lacht einem ein Comic entgegen mit einem Hasen, der eine Bombe in der Hand hält. Dazu meine Frage: Was soll diese Scheiße? Will besagte Gruppe da mit aller Wucht demonstrieren, dass sie selbst dem patriarchalen, militaristischen Weltbild angehört?
[…]
Wahrscheinlich denkt Ihr, dass Ihr Euch in Tradition des seinerzeitigen Widerstands gegen das NS-Regime bewegt. Aber da seid Ihr im Irrtum, das ist eine Verhöhnung eben dieser Opfer des Nationalsozialismus!
[…]
Militanz (auch die symbolische) ist eine gefährliche Droge, die das Ziel verunmöglicht!

Fassen wir zusammen: Häschen sind Mackerikonen, Antifaarbeit ist Verhöhnung der Opfer des NS Regimes und Militanz dröhnt voll, hat darüberhinaus aber wenig Taug – die Gründe für letzteres sind wohl eher metaphysisch. Den zweiten Vorwurf kann mensch theoretisch noch ernst nehmen, dass die opfer des NS Regimes als Legitimation für die eigenen Politik instrumentalisiert werden kommt tatsächlich mal vor – nur werden sich dafür bei speziell dieser Kampagne keine Belege finden, die Genoss_innen gehen m.E. nach recht sensibel mit ihrem Thema um. Siehe hierzu auch deren Erwiderung.

Aber zurück zu den Skurillitäten, auch in der Kommentarspalte geht die an die Antifa gerichtete Disse munter weiter. Da haben wir einmal den penetranten Militarismusvorwurf durch Walther (aka Mimenda), aber auch handfeste Faschismusvorwürfe und damit Relativierungen:

… die „antifa“ und „antimili“ sprengt und torpediert, zeigt ein „unschuldiges“ häschen (wohl einen antifa oder antimili?) mit bombe im arm. sieht so antimilitarismus aus, oder ist es nur eine bestimmte art des militarismus, welcher der „antimili“ nicht gefällt?
[…]
aber dann, ihr pharisäer, nennt euch nicht antifa und antimili, sondern akzeptiert einfach, dass ihr die „gut“faschos und „gut“militaristen seid.
[…]
warum geht ihr linksmilitaristen und -faschisten nicht mit auf den ulrichsberg und haut euch mit den rechtsmilitaristen und -faschisten solange gegenseitig aufs maul, bis ihr das maul haltet. wär doch eine schöne ENDLÖSUNG, oder etwa nicht?

Nicht zitiert habe ich die Äusserungen, die darauf hinweisen dass Walther sich einfach persönlich von der Antifa beleidigt fühlt. Andere User geben in der Kommentarspalte auch Vollgas:

Oder du hättest in deiner unendlichen, intellektuellen Überlegenheit und trotz deiner herablassenden Art vielleicht die Güte, mir den GEWALTIGEN Unterschied zu erklären, zwischen dem kahlgeschoren Nazi Buben, der halt die Ausländer platt machen will (siehe derzeit die traurige Situation in Deutschland) oder dem intelektuellen Linken, der halt die Nazis platt machen will.

Von hier aus ist für mich nicht klar, wie viele Leute aus einer breiteren Kärntner Linken diesen Unsinn nachvollziehen, oder wie sehr hier eine isolierte Einzelmeinung vorliegt.

„Seitdem ich Landeshauptmann bin, traut sich kein Linker mehr richtig zu demonstrieren“ (Jörg Haider, in den 90′ern). Kein Wunder, stehen die gemässigten Linken doch Gewehr bei Fuss: Wo auch nur angedeutet wird, dass es um mehr geht als Protest, dass vielleicht auch praktische Interventionen geplant sind, geht die Hetze los. Nicht nur FPÖ und BZÖ sind dabei, auch gestandene Sozialdemokraten verbreiten dann gutbürgerliche Totalitarismusscheisse: Gewalt ausserhalb der Staatsgewalt ist immer böse und faschistisch, es ist unmöglich einfach mal die Kirche im Dorf zu lassen und zu sehen, das antifaschistische Praxis in Kärnten eher wenig militant agiert. Überhaupt die Frage nach dem Zweck oder der Motivation zu stellen wird ausgeschlossen. Wenn Gewalt gleich Gewalt ist, dann sind auch deren Opfer gleich – einen zentralen Mythos der Ulrichsberggemeinschaft verbreitet Walther implizit mit: nämlich dass die Nazis von einst unter Bomben, unter Partisanenangriffen1 und in den Schützengräben genauso wie die vom NS Verfolgten gelitten haben. Dieser Mumpitz kommt zwar wortgewaltig daher – inklusive Marx Zitat! – bleibt dabei aber oberflächliche Feindbildpflege, hier wird keine Auseinandersetzung gesucht sondern einer Distanzierung das Wort geredet.
Daran zeigt sich, wie sehr die Kärntner „LIBERALEN“ (Walther Schütz) Linken den Kärntner Konsens verinnerlicht haben: distanziert wird sich von den linksradikalen troublemakers bevor das erste bisschen passiert ist, will mensch doch nicht zu den „Bösen“ gehören. Kärnten halts Maul, da dürfen sich auch diejenigen angesprochen fühlen die den oben zitierten Bockmist verzapfen oder glauben.

  1. Kärntnen war das einzige „reichsdeutsche“ Gebit, in dem es einen grossangelegten Partisann_innenwiderstand gab: ca. 800-1000 Widerstandskämpfer_innen, hauptsächlich aus der slowenischsprachigen Minderheit, banden über mehrere Jahre bis zu 20.000 Wehrmachtssoldaten. [zurück]

Fitte G8 Nachbereitung

Gregor Samsa hat mit Mythos Heiligendamm ein sehr lesenswerte Nachbereitung zum G8 und den Diskussionen danach geschrieben. Er geht dabei ein paar relevanten Fragen nach: Was heisst die immer wieder behauptete „Verschiebung des politischen Feldes nach links“ (Thommy Seibert) realpolitisch? Welche Globalisierungskritik ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wie wurde der Widerstand medial repräsentiert? Was ist die soziale Basis dieses Widerstandes: Wer hat ihn vorbereitet, wer stand auf der Strasse und wer nicht? Was hat die Bündnisarbeit geleistet, was nicht, was kann dieses Bündnis nicht mehr leisten?
Erfrischend an dem Text ist auch, dass der wortgewaltige Triumphalismus, den z.T. IL Kreise verbreiteten, etwas gebasht und relativiert wird.

„Rebellierende Zonis“: Statistischer Schindluder

In seinem Artikel „Rebellierende Zonis“ in er letzten Jungle macht Mario Möller eine Hauptverantwortliche für Vorfälle wie das Pogrom von Mügeln aus:

[Die] `ostdeutschen Identität‘ […] hat es in sich, ist sie doch Ausgangspunkt dessen, was regelmäßig in Orten wie Mügeln passiert. Für den militanten Ostpatriotismus trägt niemand mehr Verantwortung als die sich antifaschistisch verstehende PDS/Die Linke.

Dazu argumentiert er anhand des Thüringen-Monitors, einer Studie die die Thüringer_innen zu ihren politischen Einschätzungen befragt. Sein Schluss aus der Studie ist folgender:

Der Thüringer Monitor, eine Studie über die politischen Ansichten der Thüringer, zeigt, dass sich unter den Freunden der ehemaligen DDR, unter Befürwortern von Verstaatlichung und unter jenen, die den Sozialismus als Staatsidee propagieren, deutlich mehr Personen finden, denen eine rechtsextreme Überzeugung nachgewiesen werden kann, als unter jenen, deren Verhältnis zur DDR distanziert ist. Den Wissenschaftlern erschien allerdings ein Umstand rätselhaft, den man genau genommen als den eigentlichen Befund herausstellen müsste: nämlich dass sich unter den Nostalgikern mit auto­ritären und faschistischen Einstellungen viele Personen befinden, die die Linkspartei wählen.

Der Reihe nach: „Unter den `Freunden der DDR‘ finden sich mit 40% mehr als vier mal so viele Rechtsextreme, wie unter denen die in einer gewissen Distanz zum alten Regime stehen“ (S. 72), soweit beruft sich Möller ganz richtig auf die Studie. Aber:

Rechtsextreme und DDR Nostalgiker sind ideologisch deutlich voneinenander entfernt, auch wenn es deutliche Schnittmengen beider gibt. Was sie eint, sind vor allem zwei Dinge: ein ausgeprägter Autoritarismus und eine deutliche Ablehnung der bestehenden Ordnung, also des politischen und ökonomischen Systems der Bundesrepublik Deutschland.(S. 72)

Mit deutlicher Ablehnung ist aber noch nicht gesagt, was diese Leute stattdessen wollen. Damit belegt die zitierte Studie Möllers These, dass sich „unter Befürwortern von Verstaatlichung und unter jenen, die den Sozialismus als Staatsidee propagieren“ mehr Faschos finden nicht, und widerspricht ihr tendenziell. Die These dass sich unter denen mit „faschistischen Einstellungen viele Personen befinden, die die Linkspartei wählen“ ist in dieser Studie auch nicht belegt. Wir erfahren dass sich unter den PDS/Linksparteinahen viele DDR-Affine finden (56% gegenüber 30% bei „nichtParteinahen“ und 21% resp 14% bei SPD und CDU, S.59), und dass die Faschos überwiegend als „politsch passive“ „Nichtdemokraten“ klassifiziert werden (S. 73 & 74). Welche Einstellungen mit welchem Wahlverhalten zusammenhängen, wurde darüberhinaus nicht untersucht.

Zusammenfassend: Den wahren Kern von Möllers Thesen bildet die rechte Einstellung vieler Befragter mit DDR Affinität. Die Behauptung, dass diese rechte Einstellung mit einer sozialistische Ideologie und einer Nähe zur Linkspartei/PDS einhergeht, ist Dichtung. Auch wenn der Artikel den gegenteiligen Eindruck erweckt, beides ist so nicht in der Monitor – Studie zu finden (einfach gucken!). Der Zweck dabei ist klar: Die Linkspartei als Feindbild aufzubauen, und die behauptete Nähe zwischen „Sozialismus als Staatsidee“ und rechtsextremen Einstellungen zu belegen. Dabei fallen Autoritarismus, vor allem aber weit verbreiteter Rassismus unter den Tisch. Wer gegen Zustände, in denen etwas wie das Pogrom von Mügeln möglich ist, vorgehen will, tut gut daran bei der Analyse dieser nicht auf billige Feindbildpflege hereinzufallen. Auch dann nicht, wenn sich diese scheinbar auf statistische Wahrheiten beruft.

P.S. In die Studie hereingelesen habe ich nicht, um Möller was am Zeug zu flicken, sondern weil es mich tatsächlich interessiert, wie Rassismus und Faschotum mit Linksparteiwählen korreliert. Erst so bin ich auf die plumpen Lügen gekommen.
Meine Intention mit diesem Posting ist nicht nur eine Ehrenrettung der Linkspartei gegen diese Vorwürfe , ich will einfach nicht dass so eine plumpe Verarsche durchgeht.

folk punk, candy, saisonstart

Sa., 08.09: Akkustischer folk-punk (band name mir nicht bekannt) im Kafe Kopfeck, alte Hauptfeuerwehrwache, ab 21:00. Im Marat ist Candy Club, Münchens einzige schwullesbische Indypopparty.
So.; 009.09 Die Sommerpause ist vorbei, das Freitagskafe eröffnet seine Pforten – wie stets werden wichtige Termine dahingelegt, wo grade gute Bands auf Tour sind: Die Argies aus Argentinien und die Eccos aus Wien spielen auf. Natürlich im Marat, Thalkirchnerstr. 104.

„Ihr sads a gscheit..“

Ein eher untypischer Bürger aus Klagenfurt/Celovec, bei einem Infostand gegen das Ulrichsbergtreffen von u.a. SS-Veteranen, dass alljährlich in Kärnten/Koroska stattfindet:

Ich war immer auf eurer Seite, der Seite der Jugend, aber wieso müsst ihr immer diese Vergangenheit hochkochen? Das tut den Leuten, die das noch miterlebt haben doch weh! Bei jedem Anliegen bin ich auf eurer Seite, der Seite der Jugend, aber das …? Ihr sads doch a gscheit, erfindets doch was … zum Beispiel Tierschutz! Da wärn die Leute auf eure Seite!

Diese Leier wiederholte er ziemlich oft, in durchaus freundlichem Ton und immun gegen inhaltliche Einwände.

U-berg Veranstaltung

Heute, Do. 06.09.07 so ab 20:00: Veranstaltung über die Aktionen gegen das Ulrichsbergtreffen in Kärnten/Koroska. Im Antifa Kafe im Marat, Thalkirchenerstr. 104, und wie stets zu solchen Anlässen zaubert das Kulinariat in der Küche.