Von wegen „Islamische Befreiungstheologie“

In dem neu erschienenem Buch „Nikolaus Brauns/Dimitri Tsalos: Naher und mittlerer Osten. Krieg, Besatzung und Widerstand.“ macht Willi Langthaler in seinem Beitrag eine „Islamische Befreiungstheologie“ aus. Die mag es irgendwo geben, bei einem verquastem, widersprüchlichem literarischem Werk wie dem Koran sind auch ein paar Lesarten1 denkbar die zu halbwegs emanzipatorischem Handeln passen. Das spricht nicht gegen eine grundsätzliche Religionskritk, aber dagegen aus einer vagen religiösen Zugehörigkeit auf ein bestimmtes soziales/politisches Handeln zu schliessen. Eh klar ist auch, das reaktionärer, religiös begründeter Mumpitz (z.B. gegen Abtreibungen sein) um keinen Deut besser wird, wenn ihn Leute vorbringen die ansonsten vielleicht auf der richtigen Seite der Barrikade stehen würden.
Die Analogie zwischen der christlichen Befreiungstheologie der 1960 und dem modernen, politischem Islam die Willi aufmacht stimmt aber trotzdem nicht. Laut Wikipedia2 entstand erstere etwa so

Etwa seit der Zeit der kubanischen Revolution 1959 bildeten sich in den armen, meist katholisch geprägten Bevölkerungsschichten ehemaliger europäischer Kolonien vermehrt sogenannte Basisgemeinden. Deren Mitglieder waren meist landlose Bauern, Slumbewohner und Analphabeten, die ihre Alltagsprobleme gemeinsam zu bewältigen versuchten. Hier entstand eine Auslegung der biblischen Botschaft, die diese eng auf die reale Situation ihrer Leser bezieht und daraus eine gesellschaftliche Hoffnungsperspektive für sie zu entwickeln versuchte.
[…]
Beginnend 1964 mit einem Militärputsch in Brasilien, installierten sich in fast allen Ländern Lateinamerikas von den USA ökonomisch und militärisch gestützte Militärdiktaturen, die eine für die Bevölkerungsmehrheit katastrophale Innenpolitik betrieben. So kam es seit 1965 dort wie in Argentinien, Chile, Peru, El Salvador, Nicaragua u.a. immer wieder zu Rebellionen, Umstürzen und Revolutionsversuchen.
In deren Kontext stellte sich ein wachsender Teil von Christengemeinden und Kirchenvertretern auf die Seite der um Befreiung kämpfenden Bevölkerung.

Also eine Organisierung von unten, die sich eng an der Bibel orientiert – überzeugte Christ_innen halt. Dabei wird besagtes Buch im Vergleich zur kirchlichen Lesart ein Stück weit uminterpretiert, aber sicher auch viel Schmarrn beibehalten. Was diese Basisgemeinden tun und lassen ist aber auf alle Fälle ein Stück weit deren eigenständiger Versuch, sich mit ihrer sozialen Lage auseinderzusetzen.
Im Kontrast dazu Willis „islamische Befreiungstheologie“ – die er übrigens nicht klar umreisst, daher auch dieses etwas lange Zitat:

Mit Beispielen [dafür das der Islamismus reaktionär ist] ist man schnell bei der Hand: Mit dem Verweis auf al Qaida, die Islamische Republik Iran oder die afghanischen Taliban glaubt man, Recht behalten zu können.
Jedes der Beispiele bedürfte einer separaten Betrachtung unter Einbeziehung des lokalen und regionalen Kontextes, wofür hier kein Raum ist. Diese Untersuchungen würden ein klares antiimperialistisches Moment aufzeigen, das zwar durchaus mit reaktionären Momenten verschmolzen sein mag, das aber in letzter und globaler Konsequenz den Bewegungsspielraum linker revolutionärer Kräfte erhöht.
Es lassen sich zahlreiche Beispiele finden, wo der Islamismus nicht nur eine antiimperialistische, sondern auch sozial fortschrittliche Rolle spielt, wie bei der libanesischen Hisbollah oder beim palästinensischen Islamischen Dschihad.

Die islamische Republik hat etliche linke Revolutionäre ermordet, wie das deren Bewegungsspielraum erhöht haben soll bleibt der zynischen Fantasie Willis überlassen. Wir merken uns als das befreiende am politischen Islam das „klare antiimperialistische Moment“ gegen die USA, dieselben Bewegungen waren noch reaktionär als sie gegen die UDSSR kämpften. Vereinzelt kommt noch eine sozial fortschrittliche Rolle dazu. Welche Inhalte diese Bewegungen vertreten interessiert hier nicht. Willi erläutert uns auch noch den Zusammenahng zwischen Antiimperialismus und der sozial fortschrittlichen Rolle:

Es lässt sich eine globale, allgemeine Tendenz feststellen, die alle Bewegungen betrifft und sie in einen zunehmenden Widerspruch zum Imperialismus bringt. Dieser Konflikt drängt den politischen Islam dazu, die subalternen Klassen und ihre Interessen nach sozialer Gerechtigkeit und politisch-kultureller Selbstbestimmung im Kampf anzusprechen. Das stößt sie nicht nur auf das Feld der Linken, sondern auch zur Kooperation mit dieser.

In der Vergangenheit sahen sich Bewegungen des politischen Islam zu blutiger Konkurrenz mit der Linken gedrängt, woher Willi seinen derzeitgen Optimismus nimmt bleibt sein Geheimnis. Dass sich die Bewegungen des politischen Islam dazu gedrängt sehen, die subalternen Klassen anzusprechen, hat hier einen einfachen Grund – sie sollen sich gefälligst ersteren als (kriegerisches oder produktives) Humankapital zur Verfügung stellen. Willi plädiert faktisch dafür, den islamistischen Bewegungen dabei zu helfen, die subalternen Klassen zu bestechen und zu verarschen, anstatt letztere dabei zu unterstützen ihre Haut so teuer wie möglich zu verkaufen, wenn schon nicht mehr drin ist. Diese Parteinahme gegen die subalternen Klassen ist kein Ausrutscher oder Versehen, sondern logisch, geht es doch um den Kampf gegen den Imperialismus und nicht für die Verdammten dieser Erde:

Die islamistische Ideologie ist sicher keine noch so verbrämte des Klassenkampfes, im Gegenteil wünscht sie sich die möglichst konfliktfreie Einheit der Ummah, der globalen islamischen Gemeinschaft. […] Dennoch kennt der politische Islam seinen Hauptfeind, den Imperialismus.

Soziale Auseinandersetzungen sind in dieser Analyse dem Antiimperialismus klar nachgeordnet. Bezugspunkte sind demzufolge nur die Parteien, Gruppen, Staaten die diese Prioritätensetzung teilen, und ein entsprechend instrumentelles Verhältnis zu den subalternen Klassen und deren Nöten haben. Seitdem die islamistischen Bewegungen nicht mehr gegen die UDSSR, sondern die USA kämpfen, werden sie als Befreinugsbewegungen gesehen.
Die klassische Befreiungstheologie ist dagegen im Kontext sozialer Kämpfe von unten entstanden, und damit z.T. der Ausdruck von dem was Leute in einer bestimmten sozialen Lage wollen, z.T. religiöses Geschwurbel. Und unter USA-gestützten Diktaturen war eine antiimperialistische3 Positionierung naheliegend und richtig. Politischer Islam, wie in Willi beschreibt, hat das Prädikat „befreiend“ nur deshalb, weil er von Gruppen vertreten wird die gegen die USA kämpfen – nicht etwa weil die religiöse Praxis oder Lehre so ein Moment hat, mit einer Ausnahme: Anhänger_innen gewinnen islamistische Bewegungen mit den Mitteln des „aktivierenden Sozialstaats“, das soll die soziale Perspektive sein. Wenn es eine islamische Befreiungstheologie gibt – was Willi in seinem Text präsentiert ist weit davon entfernt.

P.S.
Dummes und Reaktionäres bietet uns Willi auch in seiner Rezeption von Samuel „Kampf der Kulturen“ Hungtington im gleichen Text, dazu vielleicht später mehr.

  1. guckst du hier [zurück]
  2. Weiss wer einen Text über die Befreiungstheologie aus einer linken/sozialrevolutionären Perspektive? [zurück]
  3. offensichtlich gibt es verschiedenen Auffasungen von Antiimperialismus, es ist daher ungenau den Begriff gleichermassen für Willi Langthalers Stulli-Variante wie für andere Versionen mit anderer Entstehungsgeschichte zu verwenden. Aber was besseres fällt mir gerade nicht ein.[zurück]

6 Antworten auf “Von wegen „Islamische Befreiungstheologie“”


  1. 1 abdel kader 22. September 2007 um 18:39 Uhr

    Mit Beispielen [dafür das der Islamismus reaktionär ist] ist man schnell bei der Hand: Mit dem Verweis auf al Qaida, die Islamische Republik Iran oder die afghanischen Taliban glaubt man, Recht behalten zu können.
    Jedes der Beispiele bedürfte einer separaten Betrachtung unter Einbeziehung des lokalen und regionalen Kontextes, wofür hier kein Raum ist. Diese Untersuchungen würden ein klares antiimperialistisches Moment aufzeigen, das zwar durchaus mit reaktionären Momenten verschmolzen sein mag, das aber in letzter und globaler Konsequenz den Bewegungsspielraum linker revolutionärer Kräfte erhöht.

    Die Taliban erhöhen den Bewegungsspielraum linker Kräfte?
    Interessante These.
    Etwa durch die Ermordung Najibullahs?

  2. 2 Administrator 23. September 2007 um 15:13 Uhr

    Langthaler denkt in gutbürgerlichen Kategorien von sich konfrontierenden Machtblöcken, daher kann er auch Samuel Huntington etwas abgewinnen. In der Logik ist halt alles gut, was den USA nebst Verbündeten schadet.
    Unterm Strich argumentier er kaum, sondern präsentiert lauter Glaubenssätze wie den von dir zitierten. Elsässer schreibt dann über das Buch, in dem der Aufsatz erschienen ist, „Im Klartext: Wer dieses Buch nicht gelesen hat, soll künftig die Klappe halten, wenn über den Nahen Osten, nein: über Imperialismus generell diskutiert wird.“

  3. 3 Bikepunk 089 22. April 2008 um 14:56 Uhr

    Ein ausführlicher Artikel über linke Befreiungstheologie findet sich in der Arranca! – Gefährliche Erinnerung an ein parteiliches Christentum.

  4. 4 Entdinglichung 10. Februar 2010 um 17:31 Uhr

    zur Auseinandersetzung mit der Theologie der Befreiung aus „undogmatisch-trotzkistischer“ Sicht sind zwei Bücher von Michael Löwy zu empfehlen: „Theologie der Befreiung und Sozialismus“ (1987) und „Marxismus und Religion. Die Herausforderung der Theologie der Befreiung“ (1990) … einen islamisch-befreiungstheologischen Ansatz gibt es vielleicht bei Mahmud Muhammad Taha, manche meinen auch, dass einige iranische Theologen wie Mahmoud Taleghani oder Ali Schariati in einem vergleichbaren Kontext zu sehen sind

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