„Rebellierende Zonis“: Statistischer Schindluder

In seinem Artikel „Rebellierende Zonis“ in er letzten Jungle macht Mario Möller eine Hauptverantwortliche für Vorfälle wie das Pogrom von Mügeln aus:

[Die] `ostdeutschen Identität‘ […] hat es in sich, ist sie doch Ausgangspunkt dessen, was regelmäßig in Orten wie Mügeln passiert. Für den militanten Ostpatriotismus trägt niemand mehr Verantwortung als die sich antifaschistisch verstehende PDS/Die Linke.

Dazu argumentiert er anhand des Thüringen-Monitors, einer Studie die die Thüringer_innen zu ihren politischen Einschätzungen befragt. Sein Schluss aus der Studie ist folgender:

Der Thüringer Monitor, eine Studie über die politischen Ansichten der Thüringer, zeigt, dass sich unter den Freunden der ehemaligen DDR, unter Befürwortern von Verstaatlichung und unter jenen, die den Sozialismus als Staatsidee propagieren, deutlich mehr Personen finden, denen eine rechtsextreme Überzeugung nachgewiesen werden kann, als unter jenen, deren Verhältnis zur DDR distanziert ist. Den Wissenschaftlern erschien allerdings ein Umstand rätselhaft, den man genau genommen als den eigentlichen Befund herausstellen müsste: nämlich dass sich unter den Nostalgikern mit auto­ritären und faschistischen Einstellungen viele Personen befinden, die die Linkspartei wählen.

Der Reihe nach: „Unter den `Freunden der DDR‘ finden sich mit 40% mehr als vier mal so viele Rechtsextreme, wie unter denen die in einer gewissen Distanz zum alten Regime stehen“ (S. 72), soweit beruft sich Möller ganz richtig auf die Studie. Aber:

Rechtsextreme und DDR Nostalgiker sind ideologisch deutlich voneinenander entfernt, auch wenn es deutliche Schnittmengen beider gibt. Was sie eint, sind vor allem zwei Dinge: ein ausgeprägter Autoritarismus und eine deutliche Ablehnung der bestehenden Ordnung, also des politischen und ökonomischen Systems der Bundesrepublik Deutschland.(S. 72)

Mit deutlicher Ablehnung ist aber noch nicht gesagt, was diese Leute stattdessen wollen. Damit belegt die zitierte Studie Möllers These, dass sich „unter Befürwortern von Verstaatlichung und unter jenen, die den Sozialismus als Staatsidee propagieren“ mehr Faschos finden nicht, und widerspricht ihr tendenziell. Die These dass sich unter denen mit „faschistischen Einstellungen viele Personen befinden, die die Linkspartei wählen“ ist in dieser Studie auch nicht belegt. Wir erfahren dass sich unter den PDS/Linksparteinahen viele DDR-Affine finden (56% gegenüber 30% bei „nichtParteinahen“ und 21% resp 14% bei SPD und CDU, S.59), und dass die Faschos überwiegend als „politsch passive“ „Nichtdemokraten“ klassifiziert werden (S. 73 & 74). Welche Einstellungen mit welchem Wahlverhalten zusammenhängen, wurde darüberhinaus nicht untersucht.

Zusammenfassend: Den wahren Kern von Möllers Thesen bildet die rechte Einstellung vieler Befragter mit DDR Affinität. Die Behauptung, dass diese rechte Einstellung mit einer sozialistische Ideologie und einer Nähe zur Linkspartei/PDS einhergeht, ist Dichtung. Auch wenn der Artikel den gegenteiligen Eindruck erweckt, beides ist so nicht in der Monitor – Studie zu finden (einfach gucken!). Der Zweck dabei ist klar: Die Linkspartei als Feindbild aufzubauen, und die behauptete Nähe zwischen „Sozialismus als Staatsidee“ und rechtsextremen Einstellungen zu belegen. Dabei fallen Autoritarismus, vor allem aber weit verbreiteter Rassismus unter den Tisch. Wer gegen Zustände, in denen etwas wie das Pogrom von Mügeln möglich ist, vorgehen will, tut gut daran bei der Analyse dieser nicht auf billige Feindbildpflege hereinzufallen. Auch dann nicht, wenn sich diese scheinbar auf statistische Wahrheiten beruft.

P.S. In die Studie hereingelesen habe ich nicht, um Möller was am Zeug zu flicken, sondern weil es mich tatsächlich interessiert, wie Rassismus und Faschotum mit Linksparteiwählen korreliert. Erst so bin ich auf die plumpen Lügen gekommen.
Meine Intention mit diesem Posting ist nicht nur eine Ehrenrettung der Linkspartei gegen diese Vorwürfe , ich will einfach nicht dass so eine plumpe Verarsche durchgeht.


2 Antworten auf “„Rebellierende Zonis“: Statistischer Schindluder”


  1. 1 bigmouth 10. September 2007 um 11:11 Uhr

    coole sache

  1. 1 Westdeutsche erleichert: Endlich auch Juden! at Pingback am 30. Juli 2008 um 20:28 Uhr

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