Archiv für September 2007

African Socialism & the Elimination of Fancifulness

Den Beitrag von Senfo Tonkam auf dem Panafrikanismustag in München fand ich etwas ärgerlich. In seinem Referat „Globalisierung und Afrika“ zeichnete er das Bild einer in sich harmonischen, fortschrittlichen und konfliktfreien präkolonialen Afrikanischen Gesellschaft. Ich verstehe durchaus das Bemühen, einer Geschichtsschreibung die die das präkoloniale Afrika als geschichtslos, barbarisch oder beides beschreibt etwas entgegen zu setzen. In Senfo Tonkams Beitrag geschah das aber m.E. nach so platt und idealisierend, dass es mir schwergefallen ist ihn überhaupt ernst zu nehmen – sobald der Beitrag online gestellt wird verlinke ich ihn hier, dann können die, die nicht da waren selber gucken.
Jedenfalls war unter diesem Eindruck der Text „African Socialism revisited“ von Kwame Nkrumah nachgerade erfrischend. Er beschreibt das präkoloniale Afrika als hierarchische Feudalgesellschaft, in der es aber urkommunistische und egalitäre Tendenzen gegeben hat. Um sich auf diese positiv zu beziehen, müsse mensch garnicht glauben oder behaupten dass die Gesellschaften insgesamt total egalitär gewesen seien:

Thus, what socialist thought in Africa must recapture is not the structure of the “traditional African society” but its spirit, for the spirit of communalism is crystallised in its humanism and in its reconciliation of individual advancement with group welfare.

Kein langer Text, und well worth the read – ein paar Kritikpunkte habe ich aber noch. Nkrumh schreibt viel von Objektivität und von wissenschaftlichem Marxismus, was dann faktisch auf die Partei als Trägerin des wissenschaftlichen Wissens rausläuft. Und die Subjekte sozialistischer Entwicklung sind in diesem Text nur Staaten, andere Akteure kommen nicht vor. Aber bei aller Kritik am wissenschaftlichem Marxismus, das Schlusswort ist einfach Klasse:

It is the elimination of fancifulness from socialist action that makes socialism scientific. To suppose that there are tribal, national, or racial socialisms is to abandon objectivity in favour of chauvinism.

konzert

Am Fr. den 28.09 spielen Lesca Punk (Punk, Ungarn) und Immured (Crust, Franken) im Marat.

Von wegen „Islamische Befreiungstheologie“

In dem neu erschienenem Buch „Nikolaus Brauns/Dimitri Tsalos: Naher und mittlerer Osten. Krieg, Besatzung und Widerstand.“ macht Willi Langthaler in seinem Beitrag eine „Islamische Befreiungstheologie“ aus. Die mag es irgendwo geben, bei einem verquastem, widersprüchlichem literarischem Werk wie dem Koran sind auch ein paar Lesarten1 denkbar die zu halbwegs emanzipatorischem Handeln passen. Das spricht nicht gegen eine grundsätzliche Religionskritk, aber dagegen aus einer vagen religiösen Zugehörigkeit auf ein bestimmtes soziales/politisches Handeln zu schliessen. Eh klar ist auch, das reaktionärer, religiös begründeter Mumpitz (z.B. gegen Abtreibungen sein) um keinen Deut besser wird, wenn ihn Leute vorbringen die ansonsten vielleicht auf der richtigen Seite der Barrikade stehen würden.
Die Analogie zwischen der christlichen Befreiungstheologie der 1960 und dem modernen, politischem Islam die Willi aufmacht stimmt aber trotzdem nicht. Laut Wikipedia2 entstand erstere etwa so

Etwa seit der Zeit der kubanischen Revolution 1959 bildeten sich in den armen, meist katholisch geprägten Bevölkerungsschichten ehemaliger europäischer Kolonien vermehrt sogenannte Basisgemeinden. Deren Mitglieder waren meist landlose Bauern, Slumbewohner und Analphabeten, die ihre Alltagsprobleme gemeinsam zu bewältigen versuchten. Hier entstand eine Auslegung der biblischen Botschaft, die diese eng auf die reale Situation ihrer Leser bezieht und daraus eine gesellschaftliche Hoffnungsperspektive für sie zu entwickeln versuchte.
[…]
Beginnend 1964 mit einem Militärputsch in Brasilien, installierten sich in fast allen Ländern Lateinamerikas von den USA ökonomisch und militärisch gestützte Militärdiktaturen, die eine für die Bevölkerungsmehrheit katastrophale Innenpolitik betrieben. So kam es seit 1965 dort wie in Argentinien, Chile, Peru, El Salvador, Nicaragua u.a. immer wieder zu Rebellionen, Umstürzen und Revolutionsversuchen.
In deren Kontext stellte sich ein wachsender Teil von Christengemeinden und Kirchenvertretern auf die Seite der um Befreiung kämpfenden Bevölkerung.

Also eine Organisierung von unten, die sich eng an der Bibel orientiert – überzeugte Christ_innen halt. Dabei wird besagtes Buch im Vergleich zur kirchlichen Lesart ein Stück weit uminterpretiert, aber sicher auch viel Schmarrn beibehalten. Was diese Basisgemeinden tun und lassen ist aber auf alle Fälle ein Stück weit deren eigenständiger Versuch, sich mit ihrer sozialen Lage auseinderzusetzen.
Im Kontrast dazu Willis „islamische Befreiungstheologie“ – die er übrigens nicht klar umreisst, daher auch dieses etwas lange Zitat:

Mit Beispielen [dafür das der Islamismus reaktionär ist] ist man schnell bei der Hand: Mit dem Verweis auf al Qaida, die Islamische Republik Iran oder die afghanischen Taliban glaubt man, Recht behalten zu können.
Jedes der Beispiele bedürfte einer separaten Betrachtung unter Einbeziehung des lokalen und regionalen Kontextes, wofür hier kein Raum ist. Diese Untersuchungen würden ein klares antiimperialistisches Moment aufzeigen, das zwar durchaus mit reaktionären Momenten verschmolzen sein mag, das aber in letzter und globaler Konsequenz den Bewegungsspielraum linker revolutionärer Kräfte erhöht.
Es lassen sich zahlreiche Beispiele finden, wo der Islamismus nicht nur eine antiimperialistische, sondern auch sozial fortschrittliche Rolle spielt, wie bei der libanesischen Hisbollah oder beim palästinensischen Islamischen Dschihad.

Die islamische Republik hat etliche linke Revolutionäre ermordet, wie das deren Bewegungsspielraum erhöht haben soll bleibt der zynischen Fantasie Willis überlassen. Wir merken uns als das befreiende am politischen Islam das „klare antiimperialistische Moment“ gegen die USA, dieselben Bewegungen waren noch reaktionär als sie gegen die UDSSR kämpften. Vereinzelt kommt noch eine sozial fortschrittliche Rolle dazu. Welche Inhalte diese Bewegungen vertreten interessiert hier nicht. Willi erläutert uns auch noch den Zusammenahng zwischen Antiimperialismus und der sozial fortschrittlichen Rolle:

Es lässt sich eine globale, allgemeine Tendenz feststellen, die alle Bewegungen betrifft und sie in einen zunehmenden Widerspruch zum Imperialismus bringt. Dieser Konflikt drängt den politischen Islam dazu, die subalternen Klassen und ihre Interessen nach sozialer Gerechtigkeit und politisch-kultureller Selbstbestimmung im Kampf anzusprechen. Das stößt sie nicht nur auf das Feld der Linken, sondern auch zur Kooperation mit dieser.

In der Vergangenheit sahen sich Bewegungen des politischen Islam zu blutiger Konkurrenz mit der Linken gedrängt, woher Willi seinen derzeitgen Optimismus nimmt bleibt sein Geheimnis. Dass sich die Bewegungen des politischen Islam dazu gedrängt sehen, die subalternen Klassen anzusprechen, hat hier einen einfachen Grund – sie sollen sich gefälligst ersteren als (kriegerisches oder produktives) Humankapital zur Verfügung stellen. Willi plädiert faktisch dafür, den islamistischen Bewegungen dabei zu helfen, die subalternen Klassen zu bestechen und zu verarschen, anstatt letztere dabei zu unterstützen ihre Haut so teuer wie möglich zu verkaufen, wenn schon nicht mehr drin ist. Diese Parteinahme gegen die subalternen Klassen ist kein Ausrutscher oder Versehen, sondern logisch, geht es doch um den Kampf gegen den Imperialismus und nicht für die Verdammten dieser Erde:

Die islamistische Ideologie ist sicher keine noch so verbrämte des Klassenkampfes, im Gegenteil wünscht sie sich die möglichst konfliktfreie Einheit der Ummah, der globalen islamischen Gemeinschaft. […] Dennoch kennt der politische Islam seinen Hauptfeind, den Imperialismus.

Soziale Auseinandersetzungen sind in dieser Analyse dem Antiimperialismus klar nachgeordnet. Bezugspunkte sind demzufolge nur die Parteien, Gruppen, Staaten die diese Prioritätensetzung teilen, und ein entsprechend instrumentelles Verhältnis zu den subalternen Klassen und deren Nöten haben. Seitdem die islamistischen Bewegungen nicht mehr gegen die UDSSR, sondern die USA kämpfen, werden sie als Befreinugsbewegungen gesehen.
Die klassische Befreiungstheologie ist dagegen im Kontext sozialer Kämpfe von unten entstanden, und damit z.T. der Ausdruck von dem was Leute in einer bestimmten sozialen Lage wollen, z.T. religiöses Geschwurbel. Und unter USA-gestützten Diktaturen war eine antiimperialistische3 Positionierung naheliegend und richtig. Politischer Islam, wie in Willi beschreibt, hat das Prädikat „befreiend“ nur deshalb, weil er von Gruppen vertreten wird die gegen die USA kämpfen – nicht etwa weil die religiöse Praxis oder Lehre so ein Moment hat, mit einer Ausnahme: Anhänger_innen gewinnen islamistische Bewegungen mit den Mitteln des „aktivierenden Sozialstaats“, das soll die soziale Perspektive sein. Wenn es eine islamische Befreiungstheologie gibt – was Willi in seinem Text präsentiert ist weit davon entfernt.

P.S.
Dummes und Reaktionäres bietet uns Willi auch in seiner Rezeption von Samuel „Kampf der Kulturen“ Hungtington im gleichen Text, dazu vielleicht später mehr.

  1. guckst du hier [zurück]
  2. Weiss wer einen Text über die Befreiungstheologie aus einer linken/sozialrevolutionären Perspektive? [zurück]
  3. offensichtlich gibt es verschiedenen Auffasungen von Antiimperialismus, es ist daher ungenau den Begriff gleichermassen für Willi Langthalers Stulli-Variante wie für andere Versionen mit anderer Entstehungsgeschichte zu verwenden. Aber was besseres fällt mir gerade nicht ein.[zurück]

Neue blogging community: jogspace.net

Pirx hatte mir vor längerem erzählt, dass er eine blogging Plattform für Leute aus dem Umfeld von Jugendliche ohne Grenzen gut fände – die gibts jetzt, komplett mit eigenem planet und so. Bislang steht da noch nicht viel, aber nach grade mal 2 Tagen ist das nicht verwunderlich. Bookmark it, und bisweilen vorbeischauen!
Jugendliche ohne Grenzen, kurz jog, ist eine Initiative von jugendlichen Flüchtlingen in der BRD, die haben sich in den letzten anderthalb bis zwei Jahren ziemlich in die Bleiberechtskampagne reingehängt.

panafrikanismuskonferenz

Am Sa., den 22.09.07 ist eine Panafrikanismuskonferenz in München, ab 10:30 im Goetheforum (Dachauerstr. 122), der Eintritt ist frei. Ein Interview mit einem Organisator ist in der Hinterland erschienen.

Fragmentarisches zu Faschos und Moschee-Hickhack

Am 133.09.07 war in Wien ein Aufmarsch von ca. 700 Bürger_innen und Faschos aus dem Spektrum von ÖVP (konservative Volkspartei), FPÖ (rechte Partei, politische Heimat von Jörg Haider), BZÖ (Haiders Abspaltung von der FPÖ) und Kameradschaften, dieser richtete sich gegen den geplanten Bau einer Moschee. Einen guten Hintergrundartikel dazu gibts auf no-racism.net.
Interessant ist die Feststellung, dass in Österreich die aktuell, von Politiker_innen aus ÖVP bis FPÖ und BZÖ, erhobene Forderung nach einem „Minarett Verbot“ ein Import aus der Schweiz ist – das ist wichtig zu verfolgen, weil prinziepiell nichts dagegen spricht dass sich auch Rechte in anderen Europäischen Ländern davon inspirieren lassen.
An dieser Stelle noch neues aus Münchens Lokalpolitik – die Fascho Tarnliste „Pro München“ hat sich gespalten, es gibt jetzt auch eine „Bürgerinitiative Ausländerstopp München“, unter der Führung Norman Bordins. Was das mit dem Thema zu tun hat?

Inhaltlich unterscheiden sich die beiden neonazistischen Münchner Wahlprojekte bislang kaum. Beide haben als programmatischen Schwerpunkt die Hetze gegen MigrantInnen und Muslime, beide versuchen, Einfluss auf die Bürgerinitiativen gegen den Moscheebau in Sendling zu gewinnen.(AIDA)

Last not least – Wenn über Faschos berichtet wird, die sich islamophb betätigen, kommt Gebetsmühlenartig die Frage „warum denn ausgerechnet Nazis gegen Muslime seihen sollten, die hätten sich doch immer gut verstanden“ und jede Menge historsiche Fakten die das belegen sollen. Davon abgesehen dass schon rein empirisch viele Nazis in entsprechenden Bürgerbewegungen mitmischen, etwa in Heinersdorf, und die Frage damit doof ist – In Wien hat das wer einen Fascho gefragt:

„Österreich gehört befreit vom System, vom internationalen System. … Die Politiker sind ja alle abhängig vom Kapital, vom internationalen Kapital. Und de Politiker g‘hören umdraht oder entmachtet, und wir kämpfen dafür. Es gehört eine Partei geschaffen, die außerhalb des Systems steht, eine nationale Partei, die was sich nicht beeinflussen lasst.“ Die Antwort auf Frage, was dies mit der Moschee zu tun habe: „Da fangt’s einmal an. Das System will uns ja schwächen, indem sie uns unterwandern.“ offenbart das verschwörungstheoretische Weltbild des nazionalen Kämpfers.

Krachkonzert!

Am Mittwoch, 19.09 spielen Campus stermini (Lärm aus Italien) und Gurkha (Krach aus UK) im Marat, Thalkirchenerstr. 104.

„…unsere sind länger“

Ein Rudel Antifas aus verschiedenen Städten hängt auf der Strasse rum. Verstreut zwischen ihnen sind Taschen mit den üblichen Demo-Accessoirs, darunter auch Winkelemente – etwa unterarmlange Fahnen, mit vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten. Ein Antifa, zu einem aus einer anderen Stadt:

Das sind eure Winkelemente? Unsere sind doppelt so dick! Und länger!

Der angesprochene sagte sinngemäss „Ok, ok, der Schulhof gehört dir. Aber lass mir nen Teil von meinem Taschengeld.“

antirep

Am Montag, den 17.09 ist in der früh ein Prozess gegen NazigegnerInnen, Am Abend ein Solikonzert für Prozesskosten – Siko-Prozess wegen „Verunglimpfung des Staates“ – mit JANE WAYNE AND THE PINK POPES [Popepop, München] + NOUS [Grunge, Madrid] + CANDELILLA [RiotGRRRL | München] ab 20:00 im sunny red, Hansa 41. Am Freitag, den 21.09 ist noch ein Prozess gegen NazigegnerInnen – wie der erste im Landgericht, Nymphenburgerstr. 16, Saal B279 / II. um 9:00 – Näheres über die Prozesse erfahrt ihr (und ich), sobald Rote-Hilfe.de wieder online ist.

Micky Maus konstruktivistisch

Ob das Fremdwort im Titel passt interessiert mich nicht, aber ich war auf alle Fälle erstaunt diesen Witz in einem micky Mouse Heft zu finden (von letzter Woche oder so) – trau ich denen gar nicht zu, sowas:

Zwei Kinderwägen mit kleinen Kindern drin stehen nebeneinander. Fragt ein Baby das andere: „Bist eigentlich Junge oder Mächen?“ Das andere antwortet „Weiss ich nicht, wie findet man das raus?“ „Heb mal deine Decke, ich schau nach – noch weiter – Aha, du bist ein Junge.“ Der Junge hakt nach: „Echt? woran siehst du das?“ „Dein Strampelanzug ist blau.“

Kein Witz, aber auch cool ist yeahpope.