Archiv für Juli 2007

venus boys

Die Ladyfestcrew München zeigt heute um 20:00 im BFR, Augsburgerstr. 13, den Film Venus Boys.

Noch eine andere Entpolitisierung

Darüber, dass auch Clowns nicht der Weisheit letzter Schluss sind, wenn es um die Vermittlung von Inhalten geht, habe ich ja schonmal was geschrieben. Wie schauts mit friedlichen Massenblockaden aus? Während Blockaden ein Stück weit eine sich selbst vermittelnde direkte Aktion sind

so kann dennoch auch der Einwand Tazio Mueller & Kriss Sol (A tale of two victories?(5)) nicht gänzlich von der Hand gewiesen werden, dass die BlockG8-Blockaden medial weniger als „material disruption“ denn als „cheerful theatre for the articulation of tamed dissent“ (6) dargestellt wurden. Der medialen Entstellung im Sinne der herrschenden Zustände entgehen also weder die militanten Aktionsformen noch der zivile Ungehorsam – nur jeweils unter umgekehrtem Vorzeichen.

(Reflexions on Rostock – eine überaus lesenswerte Nachbereitung von Heiligendamm.)

Menschenrechtskrieg nach innen, so wird’s gemacht

Anders deutsch berichtete vor einem Monat, wie in Australien mit dem Totschlagargument „Kindesmissbrauch“ Stimmung gegen Aboriginy-Communities gemacht wird. Anlass ist eine Untersuchung, nach der sexuelle Gewalt gegen Kinder in diesen Communities besonders verbreitet ist. Als eine Ursache wird in der Studie der verbreitete Alkoholismus angegeben. Im öffentlichen Diskurs wird diese Gewalt als rein kulturelles Problem verhandelt. Weisse Communities wurden nicht untersucht. Auf diese Hetze folgen nun Taten – Präsident Howard rief den Notstand (via)(längerer jW Artikel) aus, zu den Massnahmen „gegen Kindesmissbrauch“ gehört die Präsenz von Militär und Bundespolizei (darunter auch welche mit Erfahrungen in internationalen Militäreinsätzen, z.B. Osttimor) in etlichen Communities, die die „Manager“ die die Bundesregierung einsetzt unterstützen sollen. Vorgeschlagen wurde auch eine zwangsweise Untersuchung von minderjährigen auf Spuren von sexualisierter Gewalt, was stark an die gestohlenen Generationen erinnert. Krass ist auch dieser Punkt:

aufgrund des ausgerufenen nationalen Notstands konnten die Landrechte und das Permit-System [mit dem Land, das zu Aboriginy-Communities gehört, nur mit deren Erlaubnis genutzt werden kann (bikepunk),] ausgehebelt werden (das ist vor allem unter dem Gesichtspunkt interessant, dass in den Gebieten riesige Uranvorkommen sind und man in Australien gerade im grossen Stil von Kohle- auf Atomkraftwerke umsteigen will)

Ein soziales Problem mit einer de-fakto Besetzung1 lösen zu wollen, ist vollkommen absurd. Das es politisch durchsetzbar ist, hat wohl zwei Gründe: Zum einem geht es um sexualisierte Gewalt gegen Kinder, da erscheint jede Massnahme angemessen. Zum anderen haben in der kulturalistischen Logik die krassen Zustände in vielen Aboriginy-Familien keine sozialen Ursachen – „Ist halt deren Kultur“. Da ist eine Entmündigung und General-Repression nur folgerichtig.

  1. Ich will hier nicht behaupten, dass soziale oder sozialstaatliche Massnahmen ohne Militär und Bullen per se „unschuldig“ sind. Im konkreten Fall ist das auseinanderklaffen von Problem und „Lösung“ aber besonders krass. [zurück]

Veranstaltungshinweis

Am 18.07 ist im Marat eine Veranstaltung zu „Verfolgung und Inhaftierung in Mexiko“, vom Ök-Büro. Der Referent und die Referentin sind bei CODEP, einer Organisation die u.a. auch an der APPO beteiligt ist, aktiv und verbrachten deshalb einige Zeit in Knästen. Und einen aktuellen Bericht zur Situation um Oaxaca findet ihr auf indymedia.

Ausstellung über Auschwitz Prozess in München

Zu Zeit ist im Münchner Justizpalast eine Ausstellung über den Ausschwitz-Prozess in Frankfurt, der im Zeitraum 1963 – 1965 geführt wurde. Der Prozess wurde gegen 20 SS-Angehörige geführt, die im Vernichtungslager Ausschwitz gemordet haben. Einige der Täter wurden freigesprochen, fast alle (oder alle) die verurteilt wurden (zum grössten Teil lebenslänglich) wurden vorzeitig aus der Haft entlassen. Die Austellung ist noch bis zum 27.07, und ich empfehle allen hinzugehen.
Den inhaltlichen Kern der Ausstellung bilden Portaits von 6 Tätern, dazu unten mehr. Zusätzlich gibt es einen Geschichtlichen Überblick über die Zeit des NS. Ein Teil der Ausstellung beschreibt das Zustandekommen des Prozesses, hier wird deutlich dass die Bundesdeutsche Justiz nur sehr träge die Verfolgung der NS Täter aufnahm. Ein weiterer Teil der Ausstellung befasst sich mit der Darstellung des Prozesses in der Literatur, den meisten Raum nimmt hier „Die Ermittlung“ von Peter Weiss ein. Aber auch andere Schriftsteller und ihre Auseinandersetzung mit dem Thema werden vorgestellt, darunter Paul Celan, Hannah Arendt, Theodor Adorno, Günther Grass und Martin Walser.
Die Austellung ist umfangreich, 3-4 Stunden kann mensch damit verbringen und das lohnt sich auch. Zumindest mir war es irgendwann zu viel und zu heavy, zur kompletten Austellung kann ich deshalb noch nichts schreiben. Ich möchte aber an dieser Stelle die Darstellung der Auschwitz Überlebenden, die als Zeugen aussagten, kritisieren. Die Portraitierung der 6 dargestellten Täter folgt etwa der Chronologir der Ereignisse, bzw. dem Ablauf des Gerichtsverfahrens. Eingeleitet wird sie jeweils von einem Lebenslauf, in dem besonders die politische und militärische Karriere beschrieben wird, die Zeit in Auschwitz dabei in besonderem Detail, sowie die Zeit zwischen Kriegsende und Prozessbeginn. Ab da folgt die Darstellung in der Regel dem Protokoll des Strafprozesses: Auszüge aus der Anklageschrift, bzw. dem Antrag auf U-Haft, z.T. aus Briefen des jeweiligen Täters aus dieser U-Haft, Auszüge aus den Einlassungen und Vernehmungen des Täters. Das nächste Drittel der Darstellung greift die Beweisaufnahme auf, hier sind Auszüge aus Zeugenaussagen abgedruckt, die meisten von Überlebenden Häftlingen. Im letzten Drittel eines jeden Portraits sind Auszüge aus den Plädoyers von Verteidigung, Staatsanwalt, ggf. Vertretung der Nebenkläger_innen, sowie aus dem letzten Wort des Täters und der Urteilsbegründung nachzulesen.
Dazu laufen in Endlosschleife Tonbandaufnahmen aus dem Prozess, etwa von Aussagen des jeweiligen Täters oder von Zeug_innen. Durch die Aussagen der Täter zieht sich eine Selbstdarstellung als Opfer wie ein roter Faden. Mir ist es am stärksten nahe gegangen, zu hören wie Überlebende über die Lager und über ihre Peiniger berichten.
Dadurch, dass sich die Darstellung so eng am Protokoll des Strafprozesses orientiert werden diese Zeug_innen zu Statist_innen degradiert. Mensch kann sich von einigen der Tätern, der beteiligten Juristen oder der Dolmetscherin ein Bild machen. Die persönlichen Geschichten derer, die in Auschwitz gelitten haben kommen nur so weit vor, wie sie Gegenstand des Verfahrens waren. Die Belastung, unter den Augen der Täter von einst aussagen zu müssen, zum Teil von diesen ausgelacht oder verspottet zu werden, wird nur angedeutet. Damit ist die Ausstellung eine Selbstdarstellung bundesdeutscher Justiz, die Perspektiven Verfolgter werden ausgeblendet.

Konstruktive Mitarbeit

Eigentlich halte ich Amnesty International nicht für die allerschlimmsten. Dass sie, wie andere Menschenrechts NGO, z.B. Kriege legitimiert hätten ist mir bislang nicht untergekommen, und oft benennen sie durchaus wichtige Punkte. Aber manchmal …

So schlägt Heinz Patzelt, Generalsekretär von amnesty international in Österreich vor Abschiebungen per Flugzeug in Zukunft nur mehr mit gecharterten Maschinen durchzuführen. Grund dafür dürfte das Vertrauen in eine humanere Durchführung von Charterdeportationen und die Beobachtung durch begleitende MenschenrechtsbeobachterInnen sein.

(Hier) Der Mann hat keine Ahnung von Charter-Abschiebungen, viel schlimmer ist aber die grundsätzliche Akzeptanz von Abschiebungen. Und diese Mischung aus karitativer Arbeit und Mittragen des staatlichen Rassismus ist so selten nicht.

Heute Abend

Um 20:00, im Antifa Cafe im Marat – Vortrag über Antiziganismus, gehalten von Änneke Winkel. Und in der Kücher zaubert das Kulinariat ein 3-Gänge Menü herbei. Thalkirchnerstr. 104. Der Tag ist der 05.07.

Solidarisches Desinteresse

Die Associazione Delle Talpe will mit ihrem Artikel „Falsche Freund_innen“ (im Bremer Extrablatt) eine solidarische Kritik an der Antira Bewegung üben. Tatsächlich belegen sie nur ihr Desinteresse an dieser. Weil das typisch für eine bestimmte Tendenz ist, die kritische Distanz zur Bewegungslinken über alles zu stellen, hier ein kurzer Verriss des Textes. Ich konzentriere mich dabei auf den Aspekt, dass die Autor_innen offenbar wenig Ahnung vom Objekt ihrer Kritik haben, andere Aspekte die ich auch bekloppt finde lasse ich aussen vor.
Neben viel Theorie über Staat und Bürgerliche Subjektbildung (die ich für antideutschen Standard halten würde, etwas viel Freud vielleicht) ist die Kernthese m.E. nach folgende:

Notwendige Kritk an regressiven Ideologiern und Praktiken der subalternen „Anderen“ wird so bagatellisiert bzw. diskreditiert, da der Fokus mancher Bewegungslinken auf dem strukturellem Ausschluss der „Anderen“ diese mit einem emphatischem Subjektbegriff als emanzipatorisch und unschuldig idealisiert.

Als Beispiele werden die „Debatte um die Integration von Migrant_innen, die von kulturalistischer Argumentaiotn […] geprägt ist“ und eine „gewisse Verklärung deklassierter und diskriminierter Subjekte und Bewegungen“ genannt.
Die Intention des Textes, „die Kritik spezieller problematischer Tendenzen in antirassistischen und bewegungslinken Zusammenhängen, keinesfalls aber deren pauschale Diffamierung“, wird damit nicht eingelöst – in keiner Zeile belegen die Autor_innen, wo antirassistische, bewegungslinke Zusammenhänge oder deren Aktivist_innen sich so kulturalistisch oder verklärend geäussert haben, die Kritik geht an der Addressatin vorbei. Damit will ich nicht behaupten, dass das nirgends vorkäme, nur dass die Autor_innen den Beleg für ihre These schuldig bleiben.
Tatsächlich fehlt in diesem Artikel jeder Bezug auf aktuelle und vergangene Themen, Debatten und Auseinandersetzungen der linksradikalen Antira-Bewegung1: Die Karawanetour `07, die Kampagne für ein Bleiberecht, die vielen Debatten im Kontext etwa der Grenzcamps oder Extra meetings. Die Autor_innen haben sich anscheinend nicht nur an keiner der genannten Auseinandersetzung beteiligt, sie haben nicht mal nachgelesen was darüber so geschrieben wurde. Aufrufe, Texte, Artikel oder ähnliches werden in den „Falsche[n] Freund_innnen“ nicht zitiert, dafür die antideutschen Standards (Adorno, Heinrich) und viel Udo Wolter.
Andere Praxen scheinen den Autor_innen interessanter: „Die im […] Sommer 2006 stattgefundenen Demonstrationen gegen den Krieg zwischen Israel und der Hizbullah […] gaben […] genügend Anlass, als progressive Antirassist_innen dagegen aufzubegehren“. Die Autor_innen interessieren sich also am stärksten für die Situationen, in denen Migrant_innen aus ihrer Sicht nicht scharf genug angegangen wurden.
Das ganze hat eine absurde Komik – die Associazione Delle Talpe will aus der Distanz solidarische Kritik an der Antira-Bewegung üben, sind aber so was von distanziert dass sie (scheinbar) nicht wissen was diese eigentlich so macht. Die Autor_innen schreiben auch wieder und wieder, dass sie eine antirassistische Praxis wichtig finden, aber offensichtlich nicht so wichtig dass sie mal zu einem Treffen oder einer Aktion gehen oder auch nur ein paar Texte aus der Bewegung lesen würden. Darüber hinaus dethematisieren sie die eigene Machtposition in rassistischen Hierarchien: Wer fordert, „gleiche Standards der Kritik antiemanzipatorischen Handelns für alles Subjekte“ anzulegen, ohne eine Silbe dazu zu verlieren wer und wie diese Standards aushandelt, meint wohl die eigenen. Die haben dann als „normal“ zu gelten.
Ich sehe dass als symptomatisch für zweierlei – Die Autor_innen legen wert auf ihre Abgrenzung zur Bewegungslinken, deshalb sind Texte über die Antira-Bewegung interessanter als Texte aus derselben2 (oder gar eine Praxis). Das so gezeichnete schiefe Bild der Bewegung, dass die Associazione weiterverbreitet, hat zwar wenig mit der Realität zu tun, legitimiert aber die Abgrenzung. Und zweitens, der Zugang zu politischen Fragen ist ein primär theoretischer.
Antirassismus ist hier eine Ideologie, die dem von den Autor_innen in Anspruch genommenen Universalismus im Wege steht, und keine Praxis mit all ihren komplizierten Widersprüchen. Ideologiekritisch geführte Auseinandersetzungen sind eben einfacher als politisch-praktische Fragen. Aber wenn der Anspruch der ist, eine antirassistische Praxis zu unterstützen, ist die neugierige Frage „Was macht ihr eigentlich so?“ der erste Schritt, und Ärmel hochkrempeln der zweite.

  1. Die Autor_innen stellen Antirassismus in einen antkapitalistischen Kontext, von daher gehe ich davon aus dass tatsächlich die linksradikale Antirabewegung die Hauptaddressatin ist. [zurück]
  2. Nicht, dass eine entsprechend interessierte Lesart nicht auch anhand von Texten aus der Bewegung eine Abgrenzung legitimieren könnte. [zurück]