Eine andere Entpolitisierung ist möglich

Eine Argumentationskette ist zur Zeit omnipräsent: In Rostock hat’s am 2.06 gekracht, deshalb waren keine Inhalte in den Medien präsent, und deshalb hat Schäuble innenpolitisch leichte Hand mit den nächsten Verschärfungen. Zuletzt habe ich mich hier darüber geärgert.
Nur kurz zum ersten Teil, „weil Gewalt keine Inhalte in den Medien“, eine kleine Widerlegung. Eine andere gibts bei juli. Aus der Berichterstattung zu den Demos gegen die Siko kann mensch eigentlich reichhaltige Erfahrungen schöpfen, wie präsent oder nicht präsent unsere Inhalte in den Medien sind, ganz ohne Krawall. War eigentlich als kurze Notiz geplant, aber dann ist mir immer mehr eingefallen.
An Ausschreitungen ist hier selten mehr passiert als Schlägerien um Seitentransparente, ein fotogenes brennendes Auto konnte der internationalistische Block nie liefern1. Trotzdem kreiiert die Presse alljährlich ein inhaltfreies Drame in 3 Akten:

1 Akt
Mit dem Tenor „die schon wieder“ wird von der Mobilisierung gegen die Konferenz berichtet, die Formel „ritualisierte Proteste“ darf dabei nie fehlen. Von den Inhalten der Mobilisierung schaffen es immerhin 2-3 Schlagsätze in die grösseren Artikel.
Der erste Akt schliesst mit den üblichen Ankündigungen der Polizei – „hautenge Begleitung“, „Deeskalation durch Stärke“, die City mit Bullen zuscheissen. Die Verlautbarungen der Polizei werden unhinterfragt in der Presse übernommen.
2 Akt
Der 2 Akt wird mit einem repressiven Paukenschlag eingeläutet, z.B. eine Durchsuchung des Marat (2004, 2007) oder eine besonders absurde Repressionsandrohung. Je nach Laune in den Redaktionen wird kritisch darüber berichtet, oder garnicht2. Immerhin: 2006 waren es Genoss_innen, die durch die Umbenennung von Strassen mit Kolonialnamen (z.B. von Trotha Str. in Herero Str.) eine gute Presseresonanz erziehlten. Damals half auch ein pöbelnder CSU-Stadtrat mit, der Aktion die gebührende Aufmerksamkeit zu bringen.
Nach diesem Auftakt kommt dann das eigentliche Wochenende, und in den Medien präsentiert sich ein bunter Dreiklang aus Hofberichterstattung, Fasching und Polizeipresse. Der Reihe nach: Über die Kriegskonferenz wird nicht nur berichtet, was dort so besprochen wird, sondern auch was es zum Essen gab oder wo Hillary Clinton zum Einkaufen war (eine Seite lang). Von den Demos gibt es dann ein obligatorisches Foto vom bösen internationalistischem Block, und ein buntes Allerlei aus kostümierten Demonstrant_innen. Seitdem rebel clowning in ist, sind themenbezogene Kostüme, oder welche die einen Inhalt vermitteln, komplett aus den Bildberichten verschwunden. Der Textteil der Artikel wird von der Presseabteilung der Polizei bestritten, in den guten Jahren wurde erwähnt worum es in den Reden so ging. Eine weitere Konstante ist die Verniedlichung der Proteste, als von ganz jungen – also implizit naiven und ahnungslosen – Leuten getragen.
3. Akt
Im Epilog schliesslich trällern Polizeigewerkschaft und Einzelhandelsverband ihr berühmtes Duett „Wenn die Konferenz irgendwo auf dem Land stattfindet müssen die Polizisten nicht so viele Überstunden machen und der Einzelhandel erleidet weniger Umsatzeinbussen“, sofort gefolgt von der Arie des Polizeichefs (in Moll) „Aber nein, eine Verlegung der Konferenz würde bestimmte Personenkreise bestätigen“.

Im Ernst: Das ist kein vollständiger Abriss der Medienpräsenz der Sikomobilisierung, sondern eine total einseitige Polemik. Wers genauer haben will, dem oder der empfehle ich die Broschüre „In Bewegung bleiben“. Nur, grundsätzlich interessiert sich die Presse für Fakten und Bilder, und will dafür möglichst wenig tun. Was wir als Inhalte bezeichnen, und gerne da unterbringen würden, sind keine Fakten (aus deren Wahrnehmung) sondern Behauptungen. Die sind dann interessant, wenn sie von einem Promi kommen – enter Peter Wahl. Und weil Presseleute keine Zeit haben, irgendwas zu recherchieren müssen sie gefüttert werden – und die Bullen haben nun einmal die besseren Presseabteilungen. Ereignisse wie die Siko, wo es bislang nie ernsthaft gescheppert hat, sind in der Presse ein einziges Polizeiszenario – was willst du von einer Demo wie in Rostock, wo es einen „handlungsfähigen schwarzen Block“ gab erwarten? Last not least, da wo Presseleute etwas anderes machen als PEs zu kopieren, sind sie sehr kreativ und stricken an den altbekannten Narrativen über linke – jung, naiv, gewaltbereit…
Zu behaupten, da sei die Gewalt der Hauptgrund, dass unsere Inhalte zu kurz kommen, halte ich deshalb für falsch. Für unsere Inhalte brauchen wir unsere Medien, in den bürgerlichen kriegen wir unter dass etwas scheisse läuft3 und dass es uns gibt. Letzteres hat in Rostock geklappt.

  1. Immerhin wurden Pressefotograf_innen und Kameraleute oft von den Bullen über bevorstehende Angriffe informiert, damit sie sich schonmal in Position für gute Bilder begeben konnten.. [zurück]
  2. Die Ankündigung von Polizeichef Schmidbauer 2004 „Berufsdemonstranten“ in Gewahrsam nehmen zu wollen, war der SZ kaum eine Zeile wert. 2007 aber vielen die Durchsuchungen von 13 Objekten in München in eine Phase in der im Lokalteil der SZ eh kritisch über die Polizei berichtet wurde, entsprechend positiv (für uns) war das Medienecho. [zurück]
  3. Nach deren Kriterien scheisse: z.B. besonders krasse Abschiebungen können skandalisert werden, aber nicht der Unfug von Volk, Nation und Grenzen.[zurück]

3 Antworten auf “Eine andere Entpolitisierung ist möglich”


  1. 1 Administrator 17. Juni 2007 um 12:49 Uhr

    Der oben verlinkte Artikel aus dem Blog der Karawane München war kein geeigneter Aufhänger für dieses Posting. Dort heisst es zwar auch:

    Statt Argumenten der Globalisierungskritiker sendeten alle Nachrichtensender endlos Statements von Polizeisprechern und Sicherheitspolitikern, und Abgrenzungsversuche der Attac-Vertreter. Und prompt entschied dann auch das Bundesverfassungsgericht angesichts der manifesten Gewaltbilder gegen den Sternmarsch. Tja, voller Erfolg für die Sicherheitsfanatiker, Überwachungsfreaks und Repressionsparolenschwinger.

    Warum ich glaube, dass die Argumente der Globalisierungskritiker auch ohne riots wenig Raum gekriegt hätten habe ich oben skizziert. Aber die Karawane Aktivist_in schreibt auch:

    Hat mich aus der Ferne höllisch geärgert, dass die Steinwerfer und Autoanzünder alle Medienaufmerksamkeit bekamen und ich nirgends Bilder von der Karawane sah.[…] Statt Fotos und Fernsehbilder des Demozugs mit Karawane ganz vorne, zeigten mir die Medien wie in einem Endlos-Loop immer die gleichen Bilder von schwarz Vermummten, die den Gehweg aufhackten, um an Pflastersteine als Wurfgeschosse zu kommen, brennenden Autos und anrückenden Wasserwerfer.

    Also, die Autonomen wurden in den Medien als böse Polithooligans prominent präsentiert, die Karawane und andere selbstorganiserte Flüchtlingsinis fast garnicht.
    Wenn ich also schreibe „In den bürgerlichen Medien kriegen wir unter dass es gibt“ und dass das in Rostock „ganz gut geklappt“ hat, stimmt das für die Autonomen, aber nicht für die Füchtlingsselbstorganisierungen. Insofern ärgert sich die Schreiber_in zurecht über die riots.

  1. 1 University Update - Hillary Clinton - Eine andere Entpolitisierung ist möglich Pingback am 17. Juni 2007 um 1:27 Uhr
  2. 2 Noch eine andere Entpolitisierung | bikepunk 089 Pingback am 26. Juli 2007 um 12:22 Uhr
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