Archiv für Juni 2007

Alexander von Humboldt in a nutshell

Die Vermessung der Welt war einer der erflogreicheren Romane der letzten Jahre. Einen lesenswerten Kommentar über die Wissenschaftlichkeit, für die eine der Hauptfiguren steht, hat Obioma Nnaemeka geschrieben:

Like his fellow european travelers and explorers in Africa, Humboldt traveled and wrote in the name of science and, like them, one of his principal discursive strategies was to reduce America to landscape and marginalize its inhabitants: „After walking two hours, we arrived at the floor of the high chain of the interior mountains, which stretches from the east to the west; from Brigantine to the Cerro de San Lorenzo.“ Humboldt was a mining inspector who was specifically charged to look for precious metal deposits in Latin America. He traveled with large and heavy equipments that created the need for a large number of indigenouspeople (porters) in his party.Though Humboldt includes some manners- and custom portraits,he hardly mentioned the many indigenous people that traveled with him; they did not hold his interest. At the end of his work, Humboldt does not reminisce about the many indigenous people that helped him along the way; instead he fantasizes about a future America that will be the site for European capitalist expansion: „If then some pages of my book are snatched from oblivion, the inhabitants of the banks Oroonoko will behold with ecstasy, that populous cities enriched by commerce, and fertile fields cultivated by the hands of freemen, adorn these spots“

Aus: Obioma Nnaemeka, Bodies that don‘t matter, in „Mythen, Masken und Subjekte“.

They make war, we make trouble – anno `82

Ein guter Bericht über die Demo gegen ein NATO-Treffen in Krefeld `82 steht hier. Der Bericht ist in zweierlei Hinsicht lesenswert: Einmal werden Fehler in der Vorbereitung einer militanten Demo klar benannt. An diesem Tag ging nicht alles schief, einige Passagen zeugen durchaus von praktischer Interventionsfähigkeit:

bei jedem versuch einer ansage durch die lautsprecheranlage – durch die ursprünglich die reden aus dem festsaal nach draußen übertragen werden sollten, dröhnt ein lautes pfeifkonzert über den platz und paraloen werden gerufen. Zweimal gelingen sabotage-aktionen, indem die direkte stromversorgung im festsaal gestört wird, […]. Die geladenen bonzen sitzen im dunkeln, [der Redner] versucht mit hilfe einer taschenlampe weiterzulesen, die bullen des secret-service, die ein attentat auf bush befürchten, springen nervös durch den saal.
[Es gibt organisierte] aktionen wie von waschpulver schäumende springbrunnen, transparente am seidenweberhaus, stinkende fußgängerunterführungen und -zonen (Buttersäure), aufsteigende luftballons mit “bush go home” aufschriften, leute als indiander verkleidet ( zu 300 Jahre völkermord an indianern), störsender im radio, wo sich in die direktübertragung eingeblendet wird[.]
[…]Der gewünschte charakter eines volksfestes während des besuchs von bush, jubelende zustimmung den kriegsstrategen der NATO entgegenzubringen und so der weltöffentlichkeit zu präsentieren-alles gestört. Stattdessen bestimmen zig hundert demonstranten und massive bullenpräsenz das tagesgeschehen.

Oder auch:

[Ein vorbeirasender Konvoi] besteht aus bullenwagen, motorrädern, rote-kreuz-bullis, einem irrtümlich dazwischengeratenem reisbus mit dämlichen journalisten und dem schwarzen cadillac mit bush.
Jetzt hagelt es alle möglichen gegenstände:dreckklumpen, steine, flaschen, knaller,getränkedosen und-becher, taschen, jacken usw. Sogar eine kleine weiß-rot lackierte strassenabsperrung.

Hallo Nachbarn

Das Marat ist wieder online, Münchner Termine gibts also ab jetzt hier. Den Termin-aside werde ich deshalb nur noch sporadisch beschicken, aber 1 Ankündigung kommt noch rein: Fr, 22.06 Critical Mass! Masst mit, ab 20:00 Sendlinger Tor. Hernach wird im Marat gefeiert, mit diversen guten Soundsystems – Mosthigh und so. CU @ CM!

Exklusive Kategorien

Beim anonymen Aidstest antwortete die Ärztin auf die Frage, wozu sie denn meine Staatsangehörigkeit wissen will (sinngemäß): „Statistik. Es geht nicht darum, dass mit den Infektionsraten zu korrelieren. Wir wissen sonst sehr wenig über die Leute die hier her kommen, nur Geschlecht und Alter. Wenn viele Nichtdeutsche herkommen würden, bräuchten wir zum Beispiel Dolmetscher.“ Um zu entscheiden, ob Dolmetscher gebraucht werden oder nicht wären andere Fragen naheliegender, z.B. „Verstehen Sie mich?“, warum da die Staatsangehörigkeit der Indikator sein soll weiss ich nicht. Völlig absurd fand ich aber ihre Aussage „Zum Beispiel stellen sich manche Fragen bei Migranten anders als bei schwulen Männern.“ Wahrscheinlich meinte sie „heterosexuelle Migranten“ und „deutsche schwule Männer“, also „normal“ wenn nicht anders angegeben.

Ruhiges Hinterland

Letzten Samstag hat die Bayerische NPD ihren Bayerntag in Schmidgaden in der Oberpfalz abgehalten. Die Mobilisierung dagegen war eher kurzfristig, und Schmidgaden ist am Arsch von irgendwo – dass mindestend 130 Antifas auftauchten ist da garnicht so schlecht. Aber wo wären wir, wenn die Bullen nicht ihr möglichstes täten, den Faschos ihr Idylle zu garantieren?
Die Rote Hilfe München beschreibt das Vorgehen der Bullen in einer PE wie folgt:

Der Beginn einer Gegenkundgebung von AntifaschistInnen verzögerte sich um eine circa Stunde, da die Polizei die eingesetzten Shuttle-Busse aufhielt und zum Teil über 45 Minuten lang durchsuchte und alle Insassen penibelst kontrollierte. Als die angekündigte und angemeldete Demonstration dann mit Verspätung losziehen wollte, „untersagte“ die anwesende Polizei diese, da der Platz für eine nachfolgende Veranstaltung gebraucht würde. Jeder Versuch, trotzdem vom Versammlungsrecht Gebrauch zu machen, wurde durch die Polizei unterbunden. Schließlich wurde eine große Gruppe an der Polizeiabsperrung zum NPD-Veranstaltungsgelände und eine weitere auf dem Rückweg zur Kundgebung von CSU und SPD von Polizeieinheiten eingekesselt und verhaftet.

Einen genaueren, und guten, Erlebnisbericht gibt es bei Strage World. Hier wird folgendes Fazit gezogen:

mind. 130 demonstranten. 120 davon in gewahrsam. aus welchem grund? weis keiner!
die demostration wurde deshalb abgesagt, weil ein großer teil verspätet kam. und warum kamen sie verspätet? auf grund von polizeilichen maßnahmen. viele gehen davon aus, das es von anfang an so geplant war und nie die absicht vorlag, und demonstrieren zu lassen

Also mal wieder echtes politisches Interesse, Antifa Präsenz zu unterbinden. Das ist alles nicht neu, aber es drängt sich die Frage nach dem Umgang damit auf – wenn wir faktisch nicht gegen Nazis demonstrieren können( geschweige denn mehr tun), weil die Bullen sie so gut beschützen, müssen wir uns überlegen wie wir dass thematisieren können, und den politischen Preis dieser Polizeieinsätze in die Höhe treiben.

Eine andere Entpolitisierung ist möglich

Eine Argumentationskette ist zur Zeit omnipräsent: In Rostock hat’s am 2.06 gekracht, deshalb waren keine Inhalte in den Medien präsent, und deshalb hat Schäuble innenpolitisch leichte Hand mit den nächsten Verschärfungen. Zuletzt habe ich mich hier darüber geärgert.
Nur kurz zum ersten Teil, „weil Gewalt keine Inhalte in den Medien“, eine kleine Widerlegung. Eine andere gibts bei juli. Aus der Berichterstattung zu den Demos gegen die Siko kann mensch eigentlich reichhaltige Erfahrungen schöpfen, wie präsent oder nicht präsent unsere Inhalte in den Medien sind, ganz ohne Krawall. War eigentlich als kurze Notiz geplant, aber dann ist mir immer mehr eingefallen.
An Ausschreitungen ist hier selten mehr passiert als Schlägerien um Seitentransparente, ein fotogenes brennendes Auto konnte der internationalistische Block nie liefern1. Trotzdem kreiiert die Presse alljährlich ein inhaltfreies Drame in 3 Akten:

1 Akt
Mit dem Tenor „die schon wieder“ wird von der Mobilisierung gegen die Konferenz berichtet, die Formel „ritualisierte Proteste“ darf dabei nie fehlen. Von den Inhalten der Mobilisierung schaffen es immerhin 2-3 Schlagsätze in die grösseren Artikel.
Der erste Akt schliesst mit den üblichen Ankündigungen der Polizei – „hautenge Begleitung“, „Deeskalation durch Stärke“, die City mit Bullen zuscheissen. Die Verlautbarungen der Polizei werden unhinterfragt in der Presse übernommen.
2 Akt
Der 2 Akt wird mit einem repressiven Paukenschlag eingeläutet, z.B. eine Durchsuchung des Marat (2004, 2007) oder eine besonders absurde Repressionsandrohung. Je nach Laune in den Redaktionen wird kritisch darüber berichtet, oder garnicht2. Immerhin: 2006 waren es Genoss_innen, die durch die Umbenennung von Strassen mit Kolonialnamen (z.B. von Trotha Str. in Herero Str.) eine gute Presseresonanz erziehlten. Damals half auch ein pöbelnder CSU-Stadtrat mit, der Aktion die gebührende Aufmerksamkeit zu bringen.
Nach diesem Auftakt kommt dann das eigentliche Wochenende, und in den Medien präsentiert sich ein bunter Dreiklang aus Hofberichterstattung, Fasching und Polizeipresse. Der Reihe nach: Über die Kriegskonferenz wird nicht nur berichtet, was dort so besprochen wird, sondern auch was es zum Essen gab oder wo Hillary Clinton zum Einkaufen war (eine Seite lang). Von den Demos gibt es dann ein obligatorisches Foto vom bösen internationalistischem Block, und ein buntes Allerlei aus kostümierten Demonstrant_innen. Seitdem rebel clowning in ist, sind themenbezogene Kostüme, oder welche die einen Inhalt vermitteln, komplett aus den Bildberichten verschwunden. Der Textteil der Artikel wird von der Presseabteilung der Polizei bestritten, in den guten Jahren wurde erwähnt worum es in den Reden so ging. Eine weitere Konstante ist die Verniedlichung der Proteste, als von ganz jungen – also implizit naiven und ahnungslosen – Leuten getragen.
3. Akt
Im Epilog schliesslich trällern Polizeigewerkschaft und Einzelhandelsverband ihr berühmtes Duett „Wenn die Konferenz irgendwo auf dem Land stattfindet müssen die Polizisten nicht so viele Überstunden machen und der Einzelhandel erleidet weniger Umsatzeinbussen“, sofort gefolgt von der Arie des Polizeichefs (in Moll) „Aber nein, eine Verlegung der Konferenz würde bestimmte Personenkreise bestätigen“.

Im Ernst: Das ist kein vollständiger Abriss der Medienpräsenz der Sikomobilisierung, sondern eine total einseitige Polemik. Wers genauer haben will, dem oder der empfehle ich die Broschüre „In Bewegung bleiben“. Nur, grundsätzlich interessiert sich die Presse für Fakten und Bilder, und will dafür möglichst wenig tun. Was wir als Inhalte bezeichnen, und gerne da unterbringen würden, sind keine Fakten (aus deren Wahrnehmung) sondern Behauptungen. Die sind dann interessant, wenn sie von einem Promi kommen – enter Peter Wahl. Und weil Presseleute keine Zeit haben, irgendwas zu recherchieren müssen sie gefüttert werden – und die Bullen haben nun einmal die besseren Presseabteilungen. Ereignisse wie die Siko, wo es bislang nie ernsthaft gescheppert hat, sind in der Presse ein einziges Polizeiszenario – was willst du von einer Demo wie in Rostock, wo es einen „handlungsfähigen schwarzen Block“ gab erwarten? Last not least, da wo Presseleute etwas anderes machen als PEs zu kopieren, sind sie sehr kreativ und stricken an den altbekannten Narrativen über linke – jung, naiv, gewaltbereit…
Zu behaupten, da sei die Gewalt der Hauptgrund, dass unsere Inhalte zu kurz kommen, halte ich deshalb für falsch. Für unsere Inhalte brauchen wir unsere Medien, in den bürgerlichen kriegen wir unter dass etwas scheisse läuft3 und dass es uns gibt. Letzteres hat in Rostock geklappt.

  1. Immerhin wurden Pressefotograf_innen und Kameraleute oft von den Bullen über bevorstehende Angriffe informiert, damit sie sich schonmal in Position für gute Bilder begeben konnten.. [zurück]
  2. Die Ankündigung von Polizeichef Schmidbauer 2004 „Berufsdemonstranten“ in Gewahrsam nehmen zu wollen, war der SZ kaum eine Zeile wert. 2007 aber vielen die Durchsuchungen von 13 Objekten in München in eine Phase in der im Lokalteil der SZ eh kritisch über die Polizei berichtet wurde, entsprechend positiv (für uns) war das Medienecho. [zurück]
  3. Nach deren Kriterien scheisse: z.B. besonders krasse Abschiebungen können skandalisert werden, aber nicht der Unfug von Volk, Nation und Grenzen.[zurück]

13. – 20.05

14.05 WORLD/INFERNO Friendship Society in der Kult
15.05 von Ladies für alle: finanzstößchenfete fürs ladyfest münchen, mit l. …laura und dem
ladyfestdjaneset im Freitagskafe
16.05 Verhindern wir den NPD- Bayerntag!
20.05 Offenes G8 – Nachpalaver im Mittwochskafe.

Clowns schlimmer als black bloc?

Wenn es nach Münchens Polizeivize geht, vielleicht schon:

Die Clowns rückten unseren Beamten mit Trillerpfeifen und Schirmchen immer enger auf den Leib. Sie imitierten ihre Mimik, ihre Schritte, ihre Körperhaltung und tanzten Ringelreihen mitten durch die Einheiten. Sie störten und fassten die Beamten ständig an. So etwas ist schwer zu ertragen. Lächerlich gemacht zu werden, ist auch eine Form von Gewalt.

So Jens Viering über die Clowns bei der Demo gegen die Siko dieses Jahr, einige wenige (und nach eigenen Angaben eher desorganisierte) Clowns waren auf den Demos unterwegs gewesen. Jemanden stören, anfassen, schlagen und treten ohne die person dabei lächerlich zu machen ist scheinbar völlig ok, guckt sich mensch an wie Vierings Kohorten bei der gleichen Gelegenheit agiert haben.

Wie war das in Rostock?

Wer hat angefangen, mit „der Gewalt“ am 2.06 in Rostock? Der black block? die Bullen? Bullenspitzel? Julimond? Mit welcher Motivation? Einen wirklichen Überblick hat wohl niemand, was jeweils behauptet wird hat auch viel damit zu tun, die eigene Postion, Aktion, Distanzierung oder Aufregung zu legitimieren.
Um nicht in allen Diskussionen einzeln meine Version über die Geschichte verbreiten zu müssen, hier eine Skizze des Ablaufs und ein Versuch sich der Frage zu nähern, was zu was führt. All das ist aus Berichten und Erzählungen zusammengeklaubt, die alle miteinander weder repräsentativ noch objektiv sind.

* Deeskalation? Es gab keine oder kaum Vorkontrollen, und im Vorfeld die Ankündigung dass bei Vermummung und angeblich auch bei Leuchtis nicht eingeschritten wird. Während der Demo gab es kein Spalier, und wenig sichtbare Bullenpraäsenz.
Zumindest der Block und der nachfolgende Bereich auf der Demo wurden aber immer wieder massiv angegriffen, scheinbar schon relativ früh, ein Genosse beschrieb das so: „Die sind angestürmt, haben auf alles eingeschlagen und sind wieder weggerannt, die waren nicht auf Festnahmen aus sondern nur auf prügeln. Das ging schon ziemlich früh los.“

* Friedlich demonstrieren? Der Block war sehr gross, es kursieren Zahlen von 5000 – 7000 Personen. Damit war der Block sehr unübersichtlich, was an einem Ende passierte war schon in der Mitte nicht mehr mit zu kriegen. Viele Indymediaberichte beschreiben den „Make Capitalism History“-Block als friedlich. Tatsächlich wurden, aus dem Block heraus, verschiedene tendenziell unfriedliche Aktionen durchgeführt: Es gab einzelne Angriffe auf Presseteams, denen Kameras abgenommen wurden. Die Scheiben von Banken und Geschäften wurden beschädigt. Bullen am Wegesrand (wenn mal welche da waren) wurden attackiert. Vor dem Hotel, das die amerikanische Delegation beherbergt, wurde mit Leuchtis geschossen und Knallkörper geworfen. Das der Block als friedlich bezeichnet wurde, ist m.E. nach nicht verlogen, sonder einfach der Taasche geschuldet dass er so gross und unübersichtlich war. Niemand hat alles mitgekriegt, und in einigen Bereichen waren vielleicht tatsächlich keine Aktionen zu sehen.
Und weil immer wieder von Hooligans die Rede ist: Autonome begründen Angriffe auf Polizei, Geschäfte, Banken etc. politisch. Diese Begründungen kann mensch mehr oder weniger nachvollziehen, aber so tun als würden sich die aktiven bei solchen Aktionen keine Gedanken machen und nur einen Kick suchen ist Blödsinn.

* Am Hafen dann … griffen die Bullen massiv die Demo an, „entsprechende Reaktionen in Form von Wurfgeschossen blieben nicht aus.“ (indymedia) Daraus entwickelte sich dann wohl die Auseinandersetzung. Es gibt auch Berichte über die fingierte Verhaftung eines Zivis, die den riot ausgelöst haben soll.

Meine Einschätzung ist die: Es sind durchaus Aktionen aus der Demo heraus gelaufen (über die sich mensch auch streiten kann). Die Bullenaktionen erfolgten aber unabhängig davon, dafür spricht dass sie einmal relativ früh losgingen, zu einem Zeitpunkt wo noch wenig passiert war, und weil sie ziemlich wahllos waren. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Emazipation oder Barbarei.