Das mit der Distanzierung …

… bleibt ein Dauerbrenner, so ein Attac-muenchen Pressesprecher im SZ Interview (online nicht zugänglich) über die Demo am Mittwoch:

Die friedliche Aktion in München war ein Beweis dafür, dass der G8-Protest nicht von linksextremen Autonomen getragen wird. So wollen wir das auch für Heiligendamm.

Macht das so Sinn? Beweist das irgendwas, dass es letzten Mittwoch in Münchens Innenstadt (ausnahmsweise?) nicht gescheppert hat? Problematischer als der logische Fehler ist aber die politische Aussage: Der Protest wird sehr wohl von linksextremen Autonomen getragen, aber halt nicht nur. Polemisch überspitzt: Hier wird so getan, als ob die fleissigen Attacies den Protest „tragen“ und sich die linksextremen Autonomen dann einzecken und alles kaputtmachen. Die Realität sieht anders aus, auch in autonomen Kreisen wird sich seit anderthalb Jahren auf den Gipfel vorbereitet. Es wäre mindestens eine Frage der politschen Ehrlichkeit, die Bündnispartner_innen auch zu benennen, die mitmobilisieren.
Klar: das steht so in der Zeitung, was der Pressesprecher tatsächlich gesagt hat ist vielleicht eine andere Kiste. Und so wie die Diskussionen zur Zeit laufen, fragen Journalist_innen immer nach Gewalt – irgendein Kommentar dazu muss also kommen. Gerade in München gibt es aber, als Ergebnis der langjährigen spekrenübergreifenden Zusammenarbeit gegen die Siko, eine erprobte Formel gegenüber der Presse:“Gewalttäter sind die, die sich da treffen. Die Gewalt geht von der Polizei aus.“ In den Siko-mobilisierungen wurde auch immer herausgestrichen, dass es sich um ein breites Bündnis handelt, die Äusserung im Interview fällt dahinter zurück.
Um jetzt nicht nur zu schimpfen – es ist super, dass Attac München nach Heiligendamm mobilisiert, und es ist super, dass sie dazu Pressearbeit machen, an G8 bezogener Pressearbeit besteht in München m.W. nach noch Nachholbedarf. Aber ich glaube schon, dass eine andere Pressearbeit möglich ist – anstatt „der Protest wird nicht von autonomen getragen“ z.B. „wir mobilisieren als breites Bündnis, und bauen auf Erfahrenung aus der Arbeit gegen die Siko auf“, oder statt „das es friedlich war beweist dass …“ zu sagen, mal offensiv die Frage zu stellen „Haben sie etwa Ausschreitungen erwartet?“
Es gäbe interessanteres zu diskutieren, als die sog. Gewaltfrage – weil uns letztere aber eine Weile nicht loslassen wird, weise ich nochmal auf eine Textsammlung von mir zum Thema hin.


5 Antworten auf “Das mit der Distanzierung …”


  1. 1 Arakonda 27. Mai 2007 um 15:33 Uhr

    Bevor du in zehn Jahren irgendwann die Erkenntnis hast, dass sich „Bündnispartner“ eigentlich irgendwann immer so verhalten sei es dir lieber gleich gesagt.
    Bündnispartner, die andere Ziele verfolgen werden sich immer von den „extremistischen Autonomen“ distanzieren, wenn es ihnen nutzt, das war so, das ist so und das wird immer so sein.
    Stellt sich nur die Frage, inwiefern man Bündnispartner, wie Attac&co benötigt?!

  2. 2 Administrator 29. Mai 2007 um 12:20 Uhr

    Wenn du mit distanzieren meinst, dass die sich für sich zu anderen Zielen und Methoden bekennen hast du sicher recht. Das ist aber auch ok, problematsich wird es wenn z.B. Attacies verkünden dass nur „irrationale“ Farbbeutel werfen oder die Autonomen den Protest nicht tragen – also für sich in Anspruch nehmen, für oder über die ganze Bewegung zu sprechen und dabei die Teile die ihnen nicht passen auschliessen.

    Wie ich in meinem posting erwähnt habe, gibt es hier in München durchaus okaye Erfahrungem mit Bündnisarbeit, und damit dass sich eben nicht unbedingt von den linksradikalen Kräften distaniert wurde. Hättest du mein Posting mal aufmerksamer gelesen, da steht das nämlich drin …

  3. 3 Hagen 30. Mai 2007 um 1:56 Uhr

    Hallo zusammen,

    ich gebe dem/der VerfasserIn des Eingangspostings völlig recht: der Satz „Die friedliche Aktion in München war ein Beweis dafür, dass der G8-Protest nicht von linksextremen Autonomen getragen wird. So wollen wir das auch für Heiligendamm.“ ist nicht nur sachlich Unsinn, sondern vor allem enorm unfair gegenüber den Münchner Autonomen, AntiFas etc., die seit Jahren unverzichtbare Mobilisierungs- und Bündnisarbeit gegen SiKo, Nazi-Aufmärsche etc. leisten und dies ebenso gegen den G8-Gipfel tun. So und nicht anders wird das bei Attac München gesehen, schließlich arbeiten wir seit Jahren im SiKo-Bündnis zusammen. Ich habe mich weiß Gott nicht gefreut, diesen Satz mit meinem Bild drüber in der SZ zu lesen.

    Allerdings will ich auch nicht behaupten, meine Interviewpartnerin hätte das komplett erfunden. In diesem – ziemlich umfangreichen – Telefoninterview bin ich auch auf den Punkt „Vielfalt des Protests und der beteiligten Gruppen“ eingegangen und habe gesagt, was ich dazu immer sage, und zwar (dem Sinn nach, ich habe nicht mitgeschnitten): die Solidarität innerhalb dieses höchst heterogenen Spektrums der Gipfelgegner übertrifft alle meine Erwartungen und ist für mich der erste große Erfolg der Heiligendamm-Kampagne. Auch wenn die einzelnen Beteiligten natürlich unterschiedliche Aktionsformen vom Alternativgipfel bis zu Blockadeaktionen propagieren, gibt es keinerlei Distanzierung zwischen den Gruppen. Ebenso unerwartet hoch ist die breite Solidarisierung der Bevölkerung mit dem Protest und das beweist für mich, daß die Taktik des Innenministeriums, den Widerstand in „brave Demonstranten“ und „böse Autonomen“ zu spalten, auch in der Öffentlichkeit nicht ankommt. Die friedliche Aktion in München beweist, daß der Protest nicht, wie von der Polizei behauptet, „von linksradikalen Autonomen“ getragen wird und in Heiligendamm wollen wir das genauso: einen bunten und vielfältigen Protest.

    Ich habe diesen Satz also tatsächlich sinngemäß so von mir gegeben, aber nicht als Attac-Position, sondern als Wiedergabe einer amtlichen Stimmungsmache, die ich in keiner Weise teile. Daß es unklug ist, in Interviews bei kitzligen Themen mit Ironie zu arbeiten, habe ich freilich auch mal gelernt und bei einer Autorisierung hätte ich das sicher nicht so stehen lassen.

    Ich möchte hier also unzweideutig klar stellen, daß der Widerstand gegen den G8-Gipfel, gegen die SiKo usw. ganz wesentlich von internationalistischen, antikapitalistischen etc. Organisationen mitgetragen wird, ebenso wie von Attac, der Friedensbewegung und Teilen der Gewerkschaften und daß diese Vielfalt eine wesentliche Stärke des Protests ist. Genau in diesem Sinne äußere ich mich auch in jedem Interview, das solche Fragen thematisiert. Wenn aus diesem einen Satz in der SZ etwas anderes herauszulesen ist, bedaure ich das ausdrücklich.

    Weil es oben ebenfalls erwähnt wurde: natürlich fragen Journalisten gerne auch das Thema „Gewalttäter“ ab (erfreulicherweise aber längst nicht alle). Ich persönlich gehe darauf möglichst gar nicht ein, weil mich die Fetischisierung dieses Themas nervt; es gibt weitaus Wichtigeres mitzuteilen. Wenn es sich gar nicht vermeiden läßt, belasse ich es bei der Aussage, daß ich mit erheblichen Übergriffen durch die Sicherheitskräfte rechne – und zwar nicht nur, weil das im SiKo-Bündnis so abgesprochen ist. Wie eine Gewahrsamszelle von innen aussieht, weiß ich durchaus.

    In diesem Sinne (natürlich nicht auf die Gewahrsamszelle bezogen):
    wir sehen uns in Heiligendamm!

    Grüße,
    Hagen
    Attac München

  4. 4 Administrator 30. Mai 2007 um 8:57 Uhr

    Hagen, danke für die klarstellung.

  5. 5 Arakonda 30. Mai 2007 um 22:38 Uhr

    „also für sich in Anspruch nehmen, für oder über die ganze Bewegung zu sprechen und dabei die Teile die ihnen nicht passen auschliessen.“

    Ich weiß nicht, wie lange du so dabei bist, aber aus deinen Postings lese ich heraus, dass es noch nicht Jahrzehnte sind, deshalb weiß ich nicht, ob es was bringt dich an Genua und die freche Vereinnahmung durch Attac, die große Distanzierung vom „schwarzen Block“ usw. erinnere, wenn dir das nichts sagt, dann mach halt die Fehler der letzten Generationen noch mal, das ist relativ üblich in der linxradikalen Szene.

    Und dass es in München gute Erfahrungen mit Bündnissen gibt, sagt mehr über München aus als über den Sinn von Bündnissen.

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