Was der Naziaufmarsch in Schwerin nicht ist.

Fast zeitgleich zur internationelen Grossdemo ist in Schwerin ein Naziaufmarsch, auch gegen den G8. In vielen Gruppen die gegen den G8 mobilisieren werden in der letzten Zeit Diskussionen gelaufen sein, ob mensch lieber nach Schwerin oder nach Rostock mobilisiert, bei anderen stehen diese Diskussionen noch an. Wer wohin mobilisiert, und wohin nicht, und die Gründe dafür sind es alle wert, diskutiert zu werden – aber darum soll es hier nicht gehen. Mir geht es in diesem posting primär darum, zwei absurde Argumente im Bezug auf den Naziaufmarsch auseinander zu nehmen, die sich das prädikat „blöd blöd blöd“ redlich verdient haben.

Der komplex schwerin rät mit folgender Begründung von den anti-g8 Protesten ab:

wenn wir dir erzählen, daß auch die nachwuchsorganisation der npd in ihrem jahresausblick zu protesten gegen den g8- gipfel aufruft und sich die npd mit einer bereits angemeldeten demonstration in schwerin am zweiten juni als „einzige authentische anti-globalisierungspartei“ zu profilieren versucht, dann solltet du stutzig werden.

Stutzig werde ich höchstens, was meine Reiseplanung – Schwerin oder Rostock? – angeht. Ansonsten sind die Aktivitäten von Nazis kein inhaltliches Argument für oder gegen irgendwas, was Nazis tun sagt in erster Linie etwas über sie selber aus. Die in dem verlinktem Artikel unterstellte Ähnlichkeit zwischen Linken und Nazis wird auf 2 Arten konstruiert. Erstens werden Münte („Heuschrecken“) und Lafontaine zu Linken erklärt. Interessant dabei ist das Lafontaines rassistische Hetze gegen migrantische Arbeiter_innen von den Autoren des besagten Artikels nicht aufgegriffen wird, der Grund liegt in der zweiten Behauptung – sog. „verkürzte Kapitalismuskritik“ wird zum wichtigsten Merkmal der rechten Ideologie, Rassismus und Antisemitismus sind wenn es nach dem Komplex Schwerin geht nur noch Beiwerk: „die verkürzte, personifizierende kapitalismuskritik hat unweigerlich zur größten barbarei der menschheit geführt – der industriellen massenvernichtung von sechs millionen juden und jüdinnen.“ (auch da)
Auch den aktuellen Nazis geht es, in dem Bild das der Komplex Schwerin konstruiert, hauptsächlich um einen Antiimperialismus und Antikapitalismus. Nicht nur dass hier die Propagande der Nazis all zu leichtfertig beim Wort genommen wird, Rassismus kommt wieder nicht vor – und die ganz konkrete Bedrohung, die Nazis für nicht-weisse darstellen, die rassistischen Angriffe und Morde ebenso wie Angriffe auf vermeintliche Linke, werden zur Nebensache. Als ob die Nazis – in Meckpomm! – nur symbolische Politik machen würden. Bei dieser all zu offensichtlichen Verharmlosung der Faschos muss die Frage, warum mensch gegen den Naziaufmarsch mobilisiert extra beantwortet werden:

auch wenn – oder gerade weil – viele antiimperialistische gruppen und bündnisse bereits gegen den naziaufmarsch in schwerin mobilisieren, jedoch die strukturelle und argumentative verwandtschaft ihrer positionen mit denen von rechts außen fortwährend leugnen, ist es wichtiger denn je, an diesem tag flagge zu zeigen.

Während die einen gegen die linken sind, und deshalb gegen die rechten mobilisieren (immerhin), sind andere noch blöder:

Am 2. Juni ist ja Anti-G8-Naziaufmarsch in Schwerin… und ich muss sagen ich bin noch unentschlossen ob ich da wirklich zur gegendemo hin will… einerseits wirds wohl n ziemlicher Grosser Naziaufmarsch und es heisst ja, dass die Linken alle auf ihre eigenen Demos fahren und deshalb bei der Antifa-Action in Schwerin eher die angenehmeren Fraktionen vertreten sein werden.
aber andereseits… Warum soll ich mich zum hampelmann für die Anti-G8-Bewegung machen und ihnen die Nazis vom Leibe halten, damit sie nachher im guten Licht stehen weil sie ihre Bewegung ja so gut Nazifrei halten konnten?!
naja…. habe ja noch ein bischen zeit zum Überlegen…

Nazis sind hier nur noch ein Imageproblem, in diesem Fall eines der noglobals. Gehts noch? Wo bleibt da die konkrete realpolitische Wirkung, die ein ungestörter Naziaufmarsch hat? Die konkrete Bedrohung, die von ein paar hundert Faschos ausgeht? Der Demo in Schwerin ist Presseaufmerksamkeit sicher, auch wohlwollende. Für die Wirkung in die Gesellschaft ist es da aus antifaschistischer Sicht schon vor zu ziehen, wenn die Party der Nazis, wie es so schön heisst, „überschattet“ wird.
Auch hier wird wieder mal die Propagande der Nazis beim Wort genommen, und diese erstmal zu einem Teil der Bewegung erklärt, der erst wieder rausgehauen werden muss.

Beiden Argumentationen ist gemein, das Nazis verharmlost werden, dass sie zu einem reinem PR-problem erklärt werden. Da ist sicher viel Blödheit mit im Spiel, gleichzeitig steckt aber auch ein handfestes Interesse darin – die Abgrenzung von der Bewegungslinken: Um Nazis und Linke näher aneinander zu rücken, werden verbogene Bilder von beiden konstruiert, die zahlreichen rassistischen Morde durch Neonazis müssen beispielsweise verschwiegen werden, stattdessen wird die richtige Marx-exegese zur Scheidelinie zwischen Reaktion und Emanzipation erklärt. Der Naziaufmarsch und die G8-mobilisierung halten als Projektionsfolie für eine Auseindersetzung her, bei der er nur noch um intellektuelle Eitelkeit geht. Der Treppenwitz dabei ist, dass die Analyse über die Nazis in diesem Zusammenahng unglaublich dumm ist.
Aus meiner (bewegungslinken) Perspektive ist das einfach mal infame Disse, die mit komplett haltlosen Unterstellungen ein Nähe zwischen Nazis und mir konstruiert. Aus einer Antifa oder Antira Perspektive ist die verharmlosende Wahrnehmung der Nazis eine totale Katastrophe. Und all diejenigen, an die sich die verlinkten Texte (vor allem der Komplextext) richten – kommt ihr euch nicht verarscht vor?
Die haltlosen Behauptungen, der kumpelhafte „ich-will-dir-eine-Meinung-aufschwatzen- ohne-das-du-es-bemerkst“ Ton (fast so schlimm wie beim Linksruck), alles damit du in Schwerin Flagge zeigst? Über meine eigene Eselsgeduld gegenüber antideutscher Polemik wundere ich mich, über die derer die davon angesprochen werden sollen noch mehr.


3 Antworten auf “Was der Naziaufmarsch in Schwerin nicht ist.”


  1. 1 Administrator 12. Mai 2007 um 20:06 Uhr
  2. 2 tobi 31. Mai 2007 um 12:54 Uhr

    der intisemitismus wird hier doch nicht ausgeblendet?
    der antisemitismus ist doch das resultat der verkürzten kapitalismuskritik. und das eben nicht nur bei rechten.
    die verkürzte kapitalismuskritik währe ja nicht so schlimm, hätte sie historisch nicht nach ausschwitz geführt.

  3. 3 Administrator 10. Juni 2007 um 12:53 Uhr

    @ tobi
    Zu sagen, „der antisemitismus ist das Resultat der verküzten Kapitalismuskritik“ ist Unfug. Wenn du das behauptetst, dann akzeptierst du die Kategorisierung vom Menschen in „Minderheiten“ und „Mehrheiten“, in „Völker“ und „Rassen“. So wie du argumentierst, ist sogar die Stereotypisierung von als jüdisch identifizierten Menschen (z.B. als die, die immer was mit Geld zu tun haben) für sich harmlos – wenn da nicht die verflixte verkürzte Kapitalismuskritik wäre.
    Aber tatsächlich ist es doch die oben erwähnte Unterteilung der Menschen in „normale“ „Mehrheiten“ und „andere“ „Minderheiten“, die Konstruktion von Nationen und Ethnien, auf die der moderne Antisemitismus (der duchaus etwas mit personalisierter Kritik zu tun hat) aufsattelt.
    Wenn du etwas gegen Antisemitismus oder Rassismus tun willst, musst du diese Kategorisierung und Stereotypisierung von Menschen ansgreifen, und nicht unhinterfragt als gegeben vorraussetzen.

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