Es nervt einfach.

Es wird wohl zum Frühjahrestrend, den Kapitalismus als Subjektloses, abstraktes Verhältnis anzusehen, in dem z.B. gelten soll:

Sowenig mensch dem Arbeiter den Verkauf seiner Arbeitskraft vorwirft, sowenig sollte dem Unternehmer die Ausbeutung der von ihm bezahlten Arbeitskräfte vorgeworfen werden.

oder:

…dass es im kapitalismus keine direkte personelle herrschaft gibt sondern dieses eine abstrakte darstellt.

und ähnlicher Blödsinn mehr.
Zu philosophischen Ausführungen, warum das blöd, blöd, blöd ist fehlt mir die Musse, und die humanistische Bildung.
Mir gehts darum, dass ich es politisch für vollkommen zweckfrei halte, den „Kapitalismus in seinem ideellem Durchschnitt“ (oder wie dass bei Heinrich hiess) zu kritisieren, der ist eine abstrakte Modellvorstellung und nicht die Realität. Und unter dieser Modellvorstellung wird niemand zum geknechteten Wesen, dass passiert in den mehr oder weniger kapitalistischen realen Verhältnissen.
Hier finden wir Stechuhren, Bosse und rassistische Spiesser_innen, hier herrschen Bullen das Eigentum auf und bei manchen die Residenzpflicht gleich mit, hier trainieren heteronormative Klassengemeineschaften in der Schule schon mal Mobbingstrategien fürs Büroleben. Verlässt mensch die Metropolen kommen Kriege und Kriegsökonomien dazu, um zu beobachten wie Menschen die Subsistenzgrundlagen zerstört werden braucht mensch nur auf die EU-Osterweiterung zu schauen. Und das ganze Getriebe läuft auch auf der Basis von unsichtbar gemachter Arbeit. Nichts davon ist getrennt von kapitalistischer Wirtschaftsweise zu sehen, aber es gibt „keine direkte personelle Herrschaft“ im Kapitalismus?


6 Antworten auf “Es nervt einfach.”


  1. 1 MPunkt 02. Februar 2007 um 9:05 Uhr

    Mir gehts darum, dass ich es politisch für vollkommen zweckfrei halte, den “Kapitalismus in seinem ideellem Durchschnitt” (oder wie dass bei Heinrich hiess) zu kritisieren, der ist eine abstrakte Modellvorstellung und nicht die Realität. Und unter dieser Modellvorstellung wird niemand zum geknechteten Wesen, dass passiert in den mehr oder weniger kapitalistischen realen Verhältnissen

    Das haut so nicht hin. Klar werden die Leute im realen „Kapitalismus“ geknechtet und nicht von der Theorie über ihn – ganz egal welcher. Nun bestreitet die marxsche Theorie (Heinrich referiert da zustimmend Marx) die Ausbeutung doch gar nicht, sondern weist, wenn sie sich den „ideellen Durchschnitt“ vornimmt, nur, dass diese zur Funktionsweises des Kapitalismus notwendig dazugehört und nicht etwa eine Abweichung von ihr darstellt. „Ideeller Durchschnitt“ heißt da einfach nur, dass von den ganzen Besonderheiten abstrahiert wird, um das Grundprinzip zu kritisieren. Daraus resultiert dein Kritikpunkt, dass Kapitalismus von vielen Linken nicht mehr als Klassengesellschaft verstanden wird, sondern als ein Fetischsystem, was auch die bedauernswerten Kapitalisten nur so von sich hintreibe, also gar nicht. Zur Kritik daran habe ich hier schon etwas geschrieben.

  2. 2 Administrator 02. Februar 2007 um 15:35 Uhr

    Das war von mir wohl missverständlich geschrieben. Ich versuche das mal klarer darzustellen.

    Nun bestreitet die marxsche Theorie (Heinrich referiert da zustimmend Marx) die Ausbeutung doch gar nicht, sondern weist, wenn sie sich den “ideellen Durchschnitt” vornimmt, nur, dass diese zur Funktionsweises des Kapitalismus notwendig dazugehört und nicht etwa eine Abweichung von ihr darstellt.

    Ich unterstelle gar nicht (oder?) dass sie marxsche Theorie die Ausbeutung leugnet, noch nicht mal in der Auslegung die zur Zeit en vogue ist. Politisch finde ich es auch sehr wichtig, klarzumachen inwieweit all die krassen Widerwärtigkeiten auch Ausdruck kapitalistischer Verwertungslogik und Produktionsweise sind. Beispielhaft meine ich die linksradikale Mobilisierung gegen die Siko in München, die immer betont hat dass globaler Krieg und kapitalistische Globalisierung als 2 Seiten eienr Medaille zu sehen sind.

    “Ideeller Durchschnitt” heißt da einfach nur, dass von den ganzen Besonderheiten abstrahiert wird, um das Grundprinzip zu kritisieren.

    Zu Analyse taugt diese Vorgehensweise sehr wohl. Zum Verständnis von dem, was um uns abgeht, kann ein abstrakter Zugang ein total nützliches Werkzeug sein. Ich würde auch nicht die Wahrnehmungen des Kapitalismus als Fetischsystem und Klassengesellschaft gegeneinander ausspielen, beides sind wichtige Gesichtspunkte.

    Mein einer Punkt ist der, dass ich die Analyse für den falschen Ausgangspunkt halte, ich bin nicht von der Einsicht darin motiviert dass die Verhältnisse falsch sind sonder dass sie brutal und widerwärtig sind. Dass das ganze auch ein Fetischsystem ist, und ich da nicht aussen vor bin, muss ich reflektieren, und dafür braucht es auch die Analyse. Nur gereade weil ich in einem Fetischsystem stecke darf (dürfen schon, aber es wäre bekloppt) ich nicht total von der Situation in der ich bin abstrahieren – diese Situation prägt mit was ich so denke, wenn ich zu mehr Einsicht kommen will muss ich reell was verändern.

    Wo ich mich z.B. bgkn fast anschliessen kann, ist dieser Punkt:

    Der Kapitalismus kann nur dort effektiv bekämpft werden, wo er (re)produziert wird. Genau darum muss man sich im Alltag organisieren und in jene Kämpfe intervenieren, die sich an den Bruchstellen der Gesellschaft abspielen.

    Fast deshalb, weil das kapitalistische Getriebe auch Vermittlung, Ideologie und Diskurshoheit braucht. Und da können spektakuläre Aktionen gegen Gipfel durchaus Spielräume öffnen, die in den Alltagskämpfen dann ganz nützlich sind.

  3. 3 MPunkt 02. Februar 2007 um 19:32 Uhr

    Mein einer Punkt ist der, dass ich die Analyse für den falschen Ausgangspunkt halte, ich bin nicht von der Einsicht darin motiviert dass die Verhältnisse falsch sind sonder dass sie brutal und widerwärtig sind.

    Verhältnisse können gar nicht falsch sein, sondern lediglich schädlich. Falsch sind höchstens die Theorien über sie. Und das ist auch genau der Punkt. Dass der Kapitalismus ihnen nicht gut bekommt, kriegen die Leute doch mit. Insofern heimst man da nur billige Zustimmung ein, wenn man das betont. Nur folgt alleine daraus eben nicht die Bohne. Es kommt nämlich schon darauf an, wie man sich die Schädigung erklärt. Und da fängt die zu diskutierende Differenz zu den Leuten doch gerade an, weil die entweder den Kapitalismus rechtfertigen wollen, um ihr Mitmachen nicht schlecht dastehen zu lassen (Schädigung muss sein wegen Erbsünde, Menschennatur, whatever; uns geht es immerhin nicht so schlecht wie Sklaven, Drittwelthungerleidern, …), oder sich ihre Schädigung gerade falsch erklären, nämlich als Abweichung vom an sich bekömmlichen kapitalistischen Normalzustand (raffgieriger Heuschrecken, Nieten in Nadelstreifen, korrupte Politiker, …). Und deshalb ist der einzige Ansatzpunkt auch, denen klarzumachen, dass ihre Erklärungen verkehrt sind, weil der Kapitalismus von seiner Funktionsweise her notwendig ihre Schädigung verursacht.

  4. 4 Administrator 03. Februar 2007 um 18:09 Uhr

    „Verhältnisse können gar nicht falsch sein, sondern lediglich schädlich.“
    Seh ich eigentlich auch so, nur ist halt immer viel von den „falschen Verhältnissen“ o.ä. die Rede.

    „… sich ihre Schädigung gerade falsch erklären, nämlich als Abweichung vom an sich bekömmlichen kapitalistischen Normalzustand“
    Wer hält denn den kapitalistischen Normalzustand für an sich bekömmlich? Dass sich Leute auf Skandale einschiessen kann mensch kritisieren, mein Stil ist es definitiv nicht. Nur sehe ich darin noch keine Bejahung des normalzustandes, zumindest nicht zwingend.
    Korruption oder moralisch besonders verwerfliche Sachen anprangern – wenn sie als Ausdruck und nicht als Ausrutscher kapitalistischer Normalität begriffen werden – kann durchaus Sinn machen. Oder ist Ausbeutung nur ein Problem wenn sie sich im Rahmen bürgerlicher Normalität abspielt? Ein gutes Beispiel, wie von linker Seite mit so was umgegangen werden kann ist die Kampagne von ElixirA gegen Bauunternehmen in Berlin, die illegalisierte ausgebeutet hatten.

    Was Korruption angeht – nun, in Ländern wie Nigeria z.B. ist Korruption ein Mittel, wie mit Hilfe lokaler Eliten eigentlich vorhandener Reichtum ausser Landes geschafft wird, ohne dass die lokale Bevölkerung in irgendeinderweise davon profitiert. Sollen die das gut oder nur akzeptabel finden? Klar ist, dass auch hier genau geschaut werden muss, den Kontext – globaler Kapitalismus – nicht aus den Augen zu verlieren, in dem dass passiert.

    Blöd und problematisch wird es, wenn die Unfähigkeit von Unternehmern zumn Thema wird – wie häugig in Gewerkschaftspublikationen der Fall.
    wer sich über unfähige Bosse beklagt, bei dem/der ist erstmal Hopfen und Malz verloren.

    Die Frage ist immer auch, wer wie argumentiert. Hier wird oft viel durcheinander gemischt. Ich halte den z.B Vorwurf, dass die komplette globalisierungskritische Bewegung eigentlich total affirmativ und latent antisemitisch ist, und eigentlich nur den Kapitalismus modernisieren will für kompletten Blödsinn. Genau dass wird aber suggeriert, wenn z.B. das bgkn schreibt dass dieses oder jenes „allenthalben“ gefordert wird. Polemisieren tu ich ja auch gern, aber ein so schiefes Bild der Bewegung zu erzeugen ist mir dann aber zu krass.

    Wo ich dir überhaupt nicht zustimme ist dieser Punkt:

    Und deshalb ist der einzige Ansatzpunkt auch, denen klarzumachen, dass ihre Erklärungen verkehrt sind, weil der Kapitalismus von seiner Funktionsweise her notwendig ihre Schädigung verursacht.

    Ich hab keinen Erziehungsauftrag, und mein grösstes Problem ist nicht dass „die“, womit du vermutlich die AktivistInnen der diversen sotialen Bewegungen meinst, Marx nicht richtig verstanden haben. Wer als erstes Ziel einer Intervention in die Verhältnisse die sozialen Bewegungen und ihre mehr oder weniger genaue Wahrnehmung der Welt ausmacht, hat schon sehr verschobene Prioritäten. Einerseits einen emanzipatorischen Anspruch oder vor sich her tragen, andereseits auf praktische Interventionen verzichten (oder sie stark zurückzuschrauben) geht in meinem Kopf nicht zusammen.

  5. 5 MPunkt 04. Februar 2007 um 11:25 Uhr

    (Sorry, wenig Zeit)

    zu Afrika/ Korruption: die Leute, die dort lediglich zu kritisieren haben, dass die Herrscher das Geld für sich persönlich verprassen, sind doch als enttäuschte Nationalisten unterwegs. Das Ideal, an dem sie ihre Herrscher blamieren, ist dann nämlich das, dass die Staatseinnahmen doch – wie für einen bürgerlichen Staat üblich – in das Vorankommen des Staates stecken sollen. Diesen Kritikern geht es folglich auch nicht um ein besseres Leben für sich, sondern um mehr Erfolg für ihren Staat, denn das Geld, das „außer Landes geschafft wird“, hätten sie dann nach wie vor nicht. (Gleiches gilt auch für die Korruptionskritiker hierzulande.)

    zur Zielgruppe meiner Kritik: damit meine ich nicht nur, aber auch die Antiglobs. Wie gesagt ist doch fast jeder irgendwie unzufrieden mit seinen Arbeitsbedingungen, dem, was er sich (nicht) leisten kann etc. pp. Wenn Du das in Deiner Agitation betonst, ziehst Du wie gesagt billige Zustimmung, die aber völlig nutzlos ist. Die falschen Reflektionen der Leute darauf, also entweder sich Abfinden (geht halt nicht anders, anderen geht es noch schlechter, …) oder Staats- und Kapitalismusidealismus (das müsste doch eigentlich gar nicht sein, wenn es keine Abweichungen in Form von Korruption, Unfähigkeit, Raffgier, …) gäbe, bestehen dann nämlich einfach weiter. Und genau wegen dieser verkehrten Reflektionen sind sie ja nicht revolutionär. Deshalb muss man sich mit ihnen darüber streiten, statt ihre billige Zustimmung zu suchen, indem man ihre Schädigung betont, die ihnen ohnehin klar ist. Vielmehr muss man ihnen die Notwendigkeit ihrer Schädigung im Kapitalismus nachweisen. Das darüber, indem man zeigt, dass Kapitalismus und Staat auch ohne Abweichungen wie Korruption und Unfähigkeit Ausbeutung und Vernutzung bedeuten. Und genau das macht übrigens die Erklärung mit dem „idealen Durchschnitt“.

  6. 6 Administrator 04. Februar 2007 um 14:13 Uhr

    Wir drehen uns ein bisschen im Kreis.
    Wenn du sagst:“Vielmehr muss man ihnen die Notwendigkeit ihrer Schädigung im Kapitalismus nachweisen.“ stimme ich dir zu.
    Aber wie weist du wem die Notwendigkeit der Schädigung nach? Ich plädiere dafür, sich mit eigenen Inhalten an den entsprechenden Kampagnen zu beteiligen. Wenn du, bildlich gesprochen, nur am Rande stehst und „Lest mehr Marx“ schreist erreichst du niemanden.

    Wo wir wahrscheinlich nicht zusammenkommen, ist wie wir Kriege, Korruption und ähnliche Skandale innerhalb diesr Ordnung einschätzen, unsere Haltung zu Reformen und wie wir die „falschen Reflektionen der Leute“ bewerten.
    Um mal nur auf den letzten Punkt einzugehen: Für mich sind Empörung oder Unzufriedenheit nicht per se revolutionär, aber ohne geht’s nicht.
    Die Einsicht, oder Reflektion oder wie du’s nennen willst die dann schon revolutionär ist, die muss erst noch zustande kommen – und dafür braucht es Bewegung und kollektive Praxis genauso wie Studierzirkel.

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